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Der Mord an der indischen Abgeordneten Phoolan Devi

Abschied einer Piratin

1996, nachdem kein Preis mehr auf ihren Kopf stand (zu ihren Untergrundzeiten waren es 10.400 US-Dollar), als Ex-Häftling und nunmehr Parlamentarierin, gab Phoolan Devi einer Atlantic-Monthly-Reporterin Einblick in den Alltag ihrer Jugend. Sie protestierte gegen die angeblich wahre Verfilmung ("Bandit Queen") ihres Lebens und die betonten sexuellen Übergriffe gegen sie: "Sie können das natürlich 'Vergewaltigung' nennen in Ihrer aufgeputzten Sprache. Aber solche Sachen passieren den Frauen der Armen in den Dörfern jeden Tag. Man denkt einfach, die Töchter der Armen sind zum Gebrauch der Reichen da. Sie denken, wir sind ihr Eigentum. Die Armen in den Dörfern haben keine Toiletten, also müssen wir auf die Felder, und kaum sind wir da, legen uns die Reichen flach."

Von Anant Kumar

Am Mittwoch, dem 25. Juli, wurde die junge hübsche Politikerin kurz vor ihrem Haus in Neu-Delhi im Tageslicht von Gangstern erschossen. Damit wurde nach der hinduistischen Karma-Lehre ein Mörder ermordet. Und ich bin sicher, dass nicht wenige Hindus, unter anderem auch die Verwandten Phoolans, danach gesagt haben werden: „Ach, die Mörderin wurde letztendlich selbst ermordet."

Die Frankfurter Rundschau ehrte in ihrer Donnerstagsausgabe vom 26. Juli (ich las es erst am Wochenende aufgrund meiner verplanten Woche) diese Politikerin mit der Bezeichnung „Märtyrerin" und mit einem wunderschönen freundlichen Bild. Ich, ein Auslandsinder, war jedoch vor allem von dem Foto beeindruckt, weil ich so ein nettes hübsches Foto von Phoolan Devi nicht kannte. Es liegt daran, dass die Umstände mich in den letzten Jahren von Indien und von allem Indischem sehr weit entfernt haben. Und gerade das waren die Jahre, in denen sich die Banditenkönigin als Befreierin und Repräsentantin der besitzlosen niedrigsten Kasten entwickelt hat. Als Schüler in Indien in den achtziger Jahren sah ich stets nur ein hartes Gesicht von der uniformierten Phoolan in der indischen Tagespresse.

Mit der Bezeichnung „Märtyrerin" wäre ich sehr vorsichtig. Um das den Lesern einer funktionierenden, progressiven und reichen Demokratie verständlich zu machen, finde ich es notwendig, Einblendungen aus einer weniger funktionierenden und weniger progressiven armen Demokratie zu geben.

Der Bundesstaat Uttar Pradesh, die Heimat Phoolan Devis, und der Nachbarbundesstaat Bihar, mein Herkunftsort, sind Brüder, was Korruption, Kriminalität, Kastenkriege oder Armut anbelangt. Also, im Klartext sind wir, Phoolan und ich, Geschwister der Dritten Welt Indiens.

Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, fallen mir vor allem zwei Dacoit-Namen auf, die in jenen Jahren konstant blieben. Nämlich: Gabbar Singh und Phoolan Devi. Die vielen anderen wurden geboren und dann nach einer Weile erschossen wie temporäre Mafiabosse der Unterwelt. Weniger von der Polizei, viel mehr von den verfeindeten kriminellen Lagern. Gabbar Singh, der Antagonist des bisher erfolgreichsten Banditenfilms „Sholey" war in die Psyche jedes Inders eingedrungen. Inszenierung, Kamera und Schnitt zogen Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Reiche und Arme, Rikschafahrer und Lehrer gleichermaßen in ihren Bann. Die Dialoge dieses Filmes wurden zu Sprüchen der indischen Kultur, und sie wurden von Schülern, Kleinbanditen, Möchtegerngangstern tagtäglich wiederholt. Sogar Mütter sollen ihren nörgelnden Sprößlingen heute noch sagen: „Mein kleines Kind, schlaf ein, sonst kommt der Gabbar Singh." Der andere Name war Phoolan Devi. Gabbar, der fiktionale Antagonist des indischen Bollywood, und Phoolan, die reale Protagonistin der untersten Kasten, operierten im Chambalghati, im Tal des Flusses Chambel. Die zahlreichen Schluchten, Hügel und immer wieder dichte Dschungel machen diese Landschaft - laut meinem Geographieunterricht - zu einem der unzugänglichsten Gebieten Nordindiens.

Das heißt nicht, dass andere Banditen, Gundas (so etwas wie Stadtganoven) und Dadas (Herrscher eines Stadtviertels) weniger beängstigend gewesen wären. Der Tagesablauf kannte die Messerstechereien, wöchentlichen Morde, regelmäßigen Raubüberfälle und nicht selten eine Vergewaltigung oder eine Entführung. Wie auch die westliche Presse weiß, wurde all dieses mehr oder weniger von den höheren Kasten dominiert, dirigiert und inszeniert. In meiner Stadt hatten Rajputs (Kriegerkaste), Brahmanen (Priesterkaste) und Bhumihar (Subkaste der Priesterkaste) das Sagen. Die Gangs waren oft untereinander verfeindet, und die Machtverlagerung geschah durch Morde eines Dadas oder eines Gundas. Die Abläufe und Machrituale ähnelten denen in anderen Städten Nord- und Nordostindiens.

Was machte die indische Intelligentsia? Die breite Mittelschicht aus Bildungsbürgern – Lehrern, Professoren, Rechtsanwälten, Beamten, Angestellten, Ärzten, Ingenieuren – konzentrierte sich auf sich selbst und auf ihre Kinder. Sie wollte sich brav gegen diese „anti-social elements" schützen: Kinder gingen in die Schule und lernten emsig, Frauen gingen abends nicht alleine und ungern in die Stadt, die Nächte galten als gefährlich, allein schon wegen der zahllosen Straßenüberfälle. Aber das ließ sich schlecht trennen, und es mag hier grotesk klingen, wenn ich sage, dass die Hochschullehrer der oberen Kasten gewisse Dadas und Gundas hinter sich hatten, um ihre Macht zu demonstrieren und sie zu missbrauchen. So wurden die Zulassungsunterlagen für Universitäten immer wieder verfälscht oder die Klausurnoten tagtäglich gegen Geld und Macht verbessert. Ein Politiker konnte ohne Besonderheit selber ein Mörder oder ein Dacoit oder einer ihrer Vertreter sein.

Der Aufstieg Phoolans und ihrer Gleichgesinnten brachte zwei neue Aspekte in dieses Szenario. Die unteren Kasten organisierten sich, schufen sich ein immenses Waffenarsenal und richteten ihre Raub- und Mordattacken gegen die Angehörigen der höheren Kasten. Sie waren noch gezielter, ehrgeiziger und blutiger, zumal eine Minderheit der höheren Kasten jahrhundertelang die Mehrheit der unteren Kasten brutal unterdrückt und unersättlich ausgebeutet hat. Dabei kam ihnen entgegen, dass jetzt auch jede Menge Abgeordnete aus den unteren Schichten in die Landes- und Zentralregierungen eintraten. Damit war die Bühne der Gewalt und Korruption unangreifbar ausgestattet. Die Nachrichten der Tagespresse berichteten in Hülle und Fülle von Vergewaltigungen, Morden und Raubaktionen seitens der unteren an den höheren Kasten. Und natürlich auch umgekehrt.

Als Hauptschüler hatte ich zumindest eine Weisheit erkannt, die ich stets wiederholte, als die Mitglieder der mittleren Kasten z. B. Bania (die kaufmännische Kaste), oder auch die Angehörigen der indischen Intelligentsia (aller Kasten) die brutalen Morde und Raubrazzien der Unberührbaren oder Ähnlicheren moralisch verurteilte. Ich als energiegeladener Junge sagte: „Die Morde geschahen doch immer. Die Vergewaltigungen waren auch da. Wir hatten doch nachts immer Ängste vor den Straßenüberfällen! Geändert hat sich nur, dass es jetzt auch die Dalits und Harijans zur Waffe gegriffen haben."

In den neunziger Jahren wurde der Laloo Prasad Yadav Ministerpräsident des Bundeslandes Bihar. Der Abgeordnete ohne Hauptschulabschluss, der Dutzende Kinder und noch mehr Strafverfahren am Hals hatte, wurde von den Yadavs und anderen unteren Kasten gewählt. In einem beispiellos rasanten Tempo hat dieser Mann das Land ausgebeutet: Es erhöhten sich Bestechungen und Korruptionen in jedem Organ der Landesregierung Bihar amöbenartig. Wegen des Drucks der Zentralregierung und der Aufsichtsbehörden wurden etliche Kommissionen gegen seine unzähligen Korruptionsskandale eingerichtet, und der Ministerpräsident landete hinter Gittern in der Untersuchungshaft. Meinen Sie, dass danach ein Ende kam? Von wegen! Weiß Gott wie, die Ehefrau des Gefangenen wurde als Interims-Ministerpräsidentin gewählt, und der Dacoit operierte aus dem Gefängnis heraus ungestört weiter.

Schluss:

Auf einer nordamerikanischen Lesereise traf ich an jeder amerikanischen Universität einige indische Studenten. Eines Abends saß ich als Gast unter den vielbegehrten Ingenieuren der Arizona State University. Einige, die Patrioten, waren irritiert, und einige, die weniger patriotischen, waren erstaunt begeistert, als sie erfuhren, dass ich in Deutsch, also in einer Fremdsprache, denke und Gedichte verfasse. Noch entzückter waren sie jedoch nach meiner Mitteilung, dass ich aus dem Bundesstaat Bihar komme. Jeder brach in Gelächter aus, und sie erzählten mir die neueste Anekdote über den Ministerpräsidenten Laloo Prasad Yadav:

Die indische Delegation, Abgeordnete, große Unternehmer, Staatssekretäre, befinden sich in Japan auf einem indisch-japanischen Wirtschaftsgipfel.
Bei einem Dialog kommt das Thema Bihar auf den Tisch, und dazu äußert ein japanischer Unternehmer: „Ich kann nicht verstehen, warum eine so reiche Ecke Indiens weiter bettelarm bleibt. Es gibt da alles: einen sehr fruchtbaren Boden, so viele Flüsse, die wichtigsten Rohstoffe und Mineralien, reichlich Arbeitskräfte ... Wir, die Japaner, sollten da investieren, und mit der japanischen Disziplin bringen wir dem Bundesland Bihar innerhalb zwanzig-dreißig Jahren den japanischen Wohlstand!"
Laloo versteht nur das wiederholende Wort „Bihar" aus dem japanischen Munde, und er fragt seinen Dolmetscher, was der Depp da eigentlich redet.
Der Übersetzer erklärt ihm das wohlgemeinte Vorhaben der Japaner in seiner Sprache.
Laloo hört es sich an und beginnt zu schmunzeln. Er sagt: „Sag dem Depp: Die Japaner sollen mir bloß zwanzig Tage geben, und Japan wird wie Bihar aussehen."

Na, dann!

Anant Kumar (Kassel – Motihari/ Indien)

8. August 2001

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