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François Bizot
Le Portail
Was geht vor in einem Mann, der Menschen geschlagen
und gefoltert hat? Wie lebt ein Mann, der den Tod tausender Menschen
zu verantworten hat, heute mit seiner Vergangenheit?
Von Brigitte Voykowitsch
Für François Bizot sind dies keine abstrakten, theoretischen
Überlegungen. Der französische Buddhismus-Experte hat einen
sehr persönlichen Grund, sich derartige Fragen zu stellen, und
eine ganz bestimmte Person, an die er sie richten möchte: an Duch
(Foto u.), einen der ehemaligen Henker des Terrorregimes der Roten Khmers
in Kambodscha, denselben Duch, dem er sein Leben verdankt.
Bizot ist
der - so weit heute bekannt ist - einzige Angehörige eines westlichen
Staates, der je aus der Gefangenschaft bei den Khmers Rouges wieder
freikam. Er wurde freigelassen, weil sich Duch, der Kommandant seines
Lagers, der später Tuol Sleng, das Folter- und Vernichtungszentrum
in der Hauptstadt Phnom Penh leiten würde, dafür stark gemacht
hatte. Die Erinnerung an diese Zeit hätte Bizot wohl auf Dauer
für sich behalten, wäre Duch nicht im April 1999, zwei Jahrzehnte
nach dem Sturz der Khmers Rouges, im Westen von Kambodscha identifiziert
und festgenommen worden."Die Tatsache, dass er noch am Leben war,
hat in mir dieses Bedürfnis
geweckt, etwas zu schreiben, das den großen Kontrast aufzeigt
zwischen dem schlimmsten Henker eines kollektiven Verbrechens und jenem
Menschen, der am Anfang seiner revolutionären Laufbahn eine äußerst
große Sensibilität und den Wunsch an den Tag legte, die Welt,
in der er lebte, zu verbessern", sagt der Forscher im Interview
in Paris. Sein Buch "Le Portail", das 2000 in Frankreich erschienen
ist, liegt seit kurzem auch auf Englisch ("The Gate") vor;
im Piper-Verlag wird vermutlich im kommenden Jahr die deutsche Version,
deren vorläufiger Arbeitstitel "Die Pforte" lautet, herauskommen.
In dem Werk berichtet Bizot ausschließlich über seine eigenen
Erfahrungen. Zwar stellt er seinen Schilderungen eine knappe Chronologie
voran und skizziert die Ereignisse von der Unabhängigkeit Kambodschas
von den französischen Kolonialherren im Jahr 1953, dem Übergreifen
des Vietnamkriegs auf Kambodscha, der Machtergreifung der kommunistischen
Roten Khmers 1975, deren Sturz durch vietnamesische Truppen zur Jahreswende
1978/79, den von der UNO geleiteten Friedensprozess und der Abhaltung
formal demokratischer Wahlen 1993 bis hin zum Tod von Khmers-Rouges-Führer
Pol Pot 1998. Im Text geht er auf konkrete Ereignisse aber nur dort
ein, wo sie für seine persönlichen Erfahrungen mit den Khmers
Rouges von unmittelbarer Relevanz sind. Die Jahre 1971 bis 1975 bleiben
ausgeklammert, so wie er auch nur nebenbei seine kambodschanische Frau
und die gemeinsame Tochter erwähnt.
Der Politik galt nicht das Interesse des jungen Franzosen, der 1965
in einem, wie er betont, noch ziemlich friedlichen Kambodscha eintraf,
"dessen Dorfbewohner wie außerhalb der Zeit lebten".
Seine Aufmerksamkeit ware weder auf die Kulturrevolution in China gerichtet
noch auf das "Europa, das allenthalben jene ermutigte, die auf
den Umsturz der feudalen Gesellschaften und für die Schaffung einer
besseren Welt hinarbeiteten"; noch auf die Intellektuellen aller
Länder, die "das amerikanische Engagement in Vietnam ausbuhten."
Seine "Gedanken waren anderswo". Er kam, "angezogen von
den Mysterien des Fernen Ostens", mit einem Vertrag der École
Française de l'Extrême Orient, eines elitären staatlichen
Instituts für Fernostkunde, nach Kambodscha und wurde zunächst
in den Westen des Landes geschickt, um dort an der Restaurierung der
Tempelanlage von Angkor mitzuarbeiten. Zugleich trug er sich mit der
Absicht, eine Dissertation über den kambodschanischen Buddhismus
zu schreiben.
Mehrere Jahre lang lebte Bizot in einem kleinen Dorf in der Nähe
von Angkor. Als auch Kambodscha in den Vietnamkrieg hineingezogen wurde
und die Arbeiten in Angkor schließlich eingestellt werden mussten,
zog er nach Phnom Penh, arbeitete dort weiter für die École
und unternahm auf der Suche nach alten buddhistischen Texten Exkursionen
zu diversen Klöstern im Umkreis der Hauptstadt. Im Zuge einer dieser
Recherchereisen wurden er und seine zwei kambodschanischen Mitarbeiter,
Son und Lay, im Oktober 1971 von einem Kommando der Khmers Rouges, die
bereits Teile des Landes kontrollierten oder, wie sie es bezeichneten,
"befreit hatten", verhaftet und in ein Lager im Dschungel
gebracht. Bizot wurde beschuldigt, CIA-Agent zu sein. Für ihn war
es eine Überlebensfrage, seinem Lagerleiter Duch glaubhaft zu machen,
dass er, ein damals 31-jähriger Franzose, sich ausschließlich
seiner Studien wegen im Land aufhielt.
Heute, erklärt Bizot lachend, könnte er stundenlang analysieren,
was ihn am Buddhismus in Südostasien so fasziniert. Damals stand
er erst am Anfang dessen, was für ihn zur Lebensaufgabe werden
sollte. Die langen Verhöre durch Duch aber zwangen ihn, seine "Gedanken
zu klären. ... Diese Klarstellung war eine Frage von Leben und
Tod für mich, man könnte sagen, eine schreckliche Notwendigkeit:
Sie führte dazu, dass ich mir zum ersten Mal für mich selbst
die Ziele und Elemente einer kohärenten Forschung definierte, was
ich ja noch nicht getan hatte, bevor man mich gefangen nahm."
Die Auseinandersetzungen mit Duch gingen bald über Verhöre
im strengen Sinn hinaus. Bizot beließ es nicht bei Erläuterungen
zu seinem Forschungsthema. Er bezog Stellung zur Ideologie der Khmers
Rouges und forderte Duch mit der Frage heraus, in wessen Interesse seine
Leute da wessen Revolution vorantrieben. ("Ihr werdet von den Sowjets
bewaffnet, eure Reden werden in Peking fabriziert, eure Gesänge
und Musik ... sind nicht mehr Khmer! Und da sprichst du von 'nationaler
Integration' und 'Souveränität' des Volkes?") Unablässig
hielt Bizot Duch entgegen, dass es eine andere Sicht der Dinge gebe,
zum Beispiel zur Frage, ob der Zweck die Mittel heilige. (Was für
ein Irrweg, Menschen zur Schaffung eines besseren Menschen zu töten,
"das vergossene Blut als einen für die Gesundung des Patienten
erforderlichen Aderlass zu verstehen.") Duch empörte sich,
ereiferte sich, schrie, aber er fühlte sich veranlasst, lange und
ausführlich zu antworten, zu argumentieren und sich zu rechtfertigen.
Der Mann, den Bizot zunächst kennen lernte, war, wie er betont,
ein junger, noch keine 30 Jahre alter, glühender Idealist, ein
Mensch, der an Prinzipien hing und nach der Wahrheit suchte.
Doch sehr bald sollte der Forscher die andere Seite seines Lagerleiters
kennen lernen, die er nie erwartet hätte. Bizot wurde besser behandelt
als die kambodschanischen Gefangenen. Er handelte sich das Recht aus,
täglich im nahegelegenen Fluss baden zu dürfen. Von da erkundete
er, wenn es die mangelnde Aufmerksamkeit seiner Bewacher zuließ,
bisweilen die Umgebung auf der Suche nach etwaigen Fluchtwegen. Dabei
entdeckte er auf der anderen Seite des Flusses eines Tages eine Hütte.
Die Frage nach deren Funktion ließ ihn nicht mehr los. Wurden
da Häftlinge gefoltert, gar getötet? Und wer war es, der zuschlug?
Diese Frage richtete er schließlich auch an Duch. Und der gab
unumwunden zu: Die einzige Methode, aus diesen "Verrätern",
diesen "in flagranti beim Spionieren ertappten" Menschen die
Wahrheit herauszubekommen, bestehe darin, sie "zu terrorisieren
... Es ist sehr hart. Ich muss mir Gewalt antun. Du kannst dir nicht
vorstellen, wie ich angesichts ihrer Lügen außer mir gerate.
... also schlage ich zu! Ich schlage zu, bis ich selbst den Atem verliere."
Bizot hatte angenommen, dass die Gefangenen von einem von Duchs Handlanger
geschlagen würden, die, wie er im Interview erklärt, "für
mich ganz danach aussahen, die mir als brutale Menschen erschienen.
So sah ich sie durch meine Klischees, meine Unschuld, ich empfand sie
als widerliche Menschen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass
er, der zuvor Mathematikprofessor gewesen war, er, der Revolutionär,
der von einem starken Gerechtigkeitssinn durchdrungene Ideologe, der
das Elend hasste, das ihn seit seiner Kindheit umgab, zugleich derjenige
war, der auf die Gefangenen einschlug. Wie konnte er dazu fähig
sein, wo ich mich selbst solcher Dinge für unfähig hielt.
Als er mir das gestand, wurde mir bewusst, dass ich mich einem Monster
gegenüber befand, das tötete. Aber als Duch hinter seiner
Maske das Monster offenbarte, erkannte ich etwas noch viel Schrecklicheres,
als ich es mir je vorgestellt hätte: Ich sah einen Menschen, einen,
der mir ähnlich ist, der uns allen ähnlich ist, einen Menschen,
der mich an die Freunde erinnerte, die ich damals in Frankreich hatte
und die alle einer kommunistisch-marxistischen Ideologie anhingen, die
die Gesellschaft und die Welt von Grund auf reformieren wollten. Den
revolutionären Enthusiasmus habe ich nie geteilt. Aber ich empfand
eine gewisse Bewunderung für Menschen, die sich für das Los
der anderen interessierten, die nicht nur in ihrem Egoismus gefangen
waren, und ich fand die gleiche Sensibilität hinter der Maske des
Henkers."
Wenn etwas an seiner Gefangenschaft ihn für immer verändert
hat, sagt Bizot, dann war es genau diese Erkenntnis, "dass der
Henker nicht einfach das Monster ist, als das ich ihn mir immer vorgestellt
hatte, sondern dass er zugleich ein Mensch ist, der uns allen ähnlich
ist." Die Begegnung mit Duch hat Bizots Vorstellung von Gut und
Böse von Grund auf verändert. Ist die aufgeklärteste
Philosophie nicht diejenige, die uns lehrt, dem Menschen zu misstrauen,
fragt er im Vorwort zu seinen Erinnerungen, diesem "Bezwinger von
Monstren und zugleich auf ewig selbst ein Monster." Im Interview
kommt er beim Thema Gut und Böse fast zwingend auch auf George
Bush zu sprechen: "Ich glaube,wir müssen einen Ausweg finden
aus diesem großen Drama, dem wir uns immer wieder gegenüber
sehen. Es ist das der Khmers Rouges und, wenn wir einen Sprung in die
Gegenwart machen wollen, das der Regierung Bush, das Drama, das unsere
gesamte Geschichte prägt. ... Es ist, wie ich glaube, das Drama,
dass wir noch immer der Logik anhängen, derzufolge es die Guten
und die Bösen gibt und nach Bekämpfung der Bösen nur
die Guten übrig bleiben werden. Diese Logik stützt sich auf
eine unzureichende, eine falsche Beobachtung. Es gibt nicht die Guten
und die Bösen, es gibt das Gute und das Böse in jedem von
uns. Diese Trennlinie, die Achse des Bösen, von der der US-Präsident
spricht, existiert, aber sie verläuft durch jeden von uns."
Wie bequem sei es doch, den anderen zu vernichten, und erst recht, wenn
man selbst über die Waffen und die Mittel zum Töten verfüge.
"Die Erkenntnis aber, dass die Achse des Bösen in jedem von
uns verläuft, muss uns dazu führen, den Feind nicht vor uns
zu sehen, sondern in uns. Wenn man daraus eine Lehre ziehen kann, vielleicht
eine völlig unnütze Lehre, aber doch eine Lehre oder jedenfalls
eine Hoffnung, so besteht sie in der Bewusstwerdung unserer selbst.
Wir Menschen haben allen Grund, Angst zu haben, aber nicht nur vor den
anderen, sondern vor allem auch vor uns selbst."
Die Tage im Lager wurden zu Wochen. Genau beobachtete Bizot Duch an
jenen Abenden, an denen er von einer seiner regelmäßigen
Abwesenheiten ins Lager zurückkehrte, von, wie Bizot vermutete,
Treffen mit seinen Vorgesetzten, bei denen es wohl auch um Bizots eigenes
Schicksal ging. Ab einem gewissen Zeitpunkt war er sich sicher, dass
Duch an seine Unschuld glaubte, aber würde er gegen seine Vorgesetzten
handeln? Wie er erst Jahre später, nach Duch's Festnahme 1999 erfahren
sollte, hatte Duch Widersacher, die auf der Tötung des Franzosen
bestanden. Die Führung aber, Pol Pot selbst, stellte sich der Freilassung
nicht in den Weg.
"Die Vorgesetzten von Duch haben wohl verstanden, dass er ein
guter Lagerleiter war, ein guter Revolutionär. Der hat ihnen nun
plötzlich erklärt, der Franzose ist kein CIA-Agent, warum
sollte ihn die Revolution also ausschalten", erklärt Bizot
heute. "Vielleicht haben sie sich da gedacht, gut, lassen wir den
Franzosen gehen, das war ja nun wirklich nur ein Detail, obwohl Duch
sehr daran gelegen war, dass ich nicht hingerichtet wurde. Aber er hätte
mich, ohne im geringsten zu zögern, getötet, wenn von oben
der Befehl dazu gekommen wäre."
Bizot forderte Duch auf, auch seine beiden Mitarbeiter, Son und Lay,
freizulassen. Sie würden freigehen, sagte Duch zu, doch sie müssten
fortan im Dienste der Revolution kämpfen. Tatsächlich, aber
das würde Bizot erst 1999 auf eine entsprechende, über Vermittler
an Duch gerichtete Frage erfahren, erhielt der Lagerleiter nach Bizots
Freilassung den Befehl, Son und Lay hinzurichten. Der Befehl kam von
jenem Ta Mok, einem der später führenden Handlanger Pol Pots,
der unbedingt den Tod Bizots gewollt hatte.
"Zu diesem Verbrechen von Duch gibt es nicht viel zu sagen",
erklärt Bizot. "Es waren Befehle, die er erhielt. Und ich
glaube, man darf die Antworten, die die größten Schlächter
nach Genoziden gegeben haben, nicht unterschätzen. Ich kenne die
Worte Eichmanns und die ganze Debatte darüber, ob es nun leicht
ist, einfach zu gehorchen. Gehorchen kann nie eine Rechtfertigung sein,
niemals, aber es ist eine Erklärung für den Moment, in dem
man bei Befehlsverweigerung selbst ausgeschaltet würde. Ganz gleich,
was Menschen behaupten, die allerwenigsten sind wohl bereit, sich einem
Befehl zu widersetzen, wenn das ihren sicheren Tod bedeutet. Wenn man
sich in diesem System des kollektiven Verbrechens befindet, nur von
Menschen umgeben ist, die diese Logik teilen, dann ist das Verbrechen
nicht nur erlaubt, es ist sogar verdienstvoll."
Wieder kommt Bizot auf die Gegenwart zu sprechen, auf die Ausbildung
westlicher Soldaten, darauf, was es bedeutet, Siege zu feiern. Bei einem
Aufenthalt in den USA habe er sich kürzlich erlaubt, die Bilder
zu kommentieren, die er von der Ausbildung britischer und amerikanischer
Soldaten gesehen hatte. Da habe ein Vorgesetzter einem Fallschirmspringer,
der direkt neben ihm gestanden habe, die schrecklichsten Befehle zugebrüllt,
und der Fallschirmspringer habe schließlich immer "Yes, sir"
antworten müssen. Worauf laufe denn das hinaus? "In dem Augenblick,
in dem man sich in einen Mechanismus von Autorität, von Brutalität,
von Gewalt, Macht, Krieg, Revolution begibt, ist es erforderlich, dass
die Menschen, auf die sich diese Gewalt stützen soll, nichts mehr
empfinden. ... Man muss ihnen die Kraft geben zu sagen, dass der Zweck
die Mittel heiligt. Vergessen wir doch nicht, dass wir jedes Jahr in
jedem Land irgendwelche Siege feiern, die eine territoriale Expansion
ermöglichten, oder sonstige Siege, und diese Verherrlichung beinhaltet
stets die Verherrlichung der Gewalt und des Todes der Anderen."
Nach drei Monaten Haft wurde Bizot Ende Dezember 1971 freigelassen.
Er blieb in Kambodscha und arbeitete weiter für die École
Française de l'Extrême Orient. Aufgrund seiner Kenntnisse
der Khmer-Sprache wurde er nach dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom
Penh am 17. April 1975 zum Verbindungsmann zwischen der französischen
Botschaft, in der mehrere tausend Menschen Zuflucht gesucht hatten,
und dem zuständigen Kommando der Khmers Rouges ernannt. Anfang
Mai 1975 musste er, gemeinsam mit den anderen noch in der Botschaft
verbliebenen Ausländern, in einem Lastwagenkonvoi Richtung Thailand
ausreisen.
Der südostasiatische Buddhismus ist Bizots Forschungsgebiet geblieben,
zu dem er heute auch an der Pariser Sorbonne-Universität lehrt.
Schon während seiner Gefangenschaft erläuterte er Duch die
seiner Ansicht nach starken Parallelen zwischen Dhamma, der religiösen
Lehre, und Angkar, der Organisation der Khmers Rouges. Von der Organisation
- Dhamma oder Angkar - als Familie, den Geboten, der Disziplin, den
auferlegten Prüfungen, den Schuldbekenntnissen bis hin zur Beschränkung
des eigenen Besitzes auf wenige erlaubte Dinge, sah Bizot die Parallelen,
die sich selbst im Vokabular widerspiegelten. Duch tat das als, wie
er es nannte, intellektuelle Verirrung ab. Der Buddhismus verrohte seiner
Ansicht nach die Menschen, die Revolution würde sie erneuern. Aber
auch heute würde Bizot gerne mit Duch über dieses Thema reden.
"Was ich gerne möchte, ist nicht bloß, Duch treffen,
das wäre ja kein Problem. Ich möchte an einem Ort mit ihm
sein, in seiner Zelle, irgendwo, und zunächst einmal eine ganze
Zeitlang nichts reden. Denn zwischenmenschliche Beziehungen entstehen
nicht über die Worte, sondern über den Körper, über
die Präsenz. Dann erst möchte ich mit ihm reden und ihn fragen,
ob diejenigen, die die Struktur von Angkar entwarfen, die Politik der
Khmers Rouges konzipierten, die revolutionären Programme verfassten,
nicht doch Menschen mit einer starken religiösen Bildung waren
und diese religiöse Bildung ihr Denken geprägt hatte. Dhamma,
das ist die Lehre, das ist die Mutter. Was den jungen Kommunisten gesagt
wurde, lief doch darauf hinaus, in eine Familie einzutreten, sich selbst
für das ideale Ziel herzugeben, das bei denen einen das Nirvana
ist und bei den Khmers Rouges die ideale postrevolutionäre Gesellschaft
war. Ich halte das keineswegs für ausgeschlossen. Aber ob es das
ist oder etwas anderes, den Menschen hat es noch nie an Phantasie ermangelt,
wenn es darum ging, ihre infernalischen Mechanismen theoretisch und
ideologisch zu untermauern.".
Duch gab 1999 zwei Journalisten ein in Etappen über mehr als eine
Woche geführtes Interview von insgesamt rund 40 Stunden. Darin
nahm er nicht nur Stellung zur Befehlshierarchie und zur Tötungsmaschinerie
der Roten Khmer. Er bekannte sich zu den unzähligen, von ihm selbst
verübten Morden und erklärte sich bereit, vor einem Tribunal
auszusagen. Trotz jahrelanger Verhandlungen zwischen der UNO und der
heute formal demokratisch gewählten Regierung in Phnom Penh ist
es aber bis heute noch zu keiner Einigung über die Errichtung eines
solchen Tribunals gekommen.
Bis
zu zwei Millionen Kambodschaner kamen während der knapp vierjährigen
Terrorherrschaft der Roten Khmers an den Folgen von Gewalt, Hunger und
Krankheit ums Leben. An die 17.000 Menschen wurden in Tuol Sleng (Foto)
gefoltert und hingerichtet. Tuol Sleng ist inzwischen in ein Genozidmuseum
umgewandelt worden. Doch die Vergangenheit ist offiziell bis heute nicht
aufgearbeitet. Pol Pot starb 1998 im Dschungel im Westen von Kambodscha.
Andere ehemalige Khmers Rouges-Führer hatten sich schon Anfang
der 90er Jahre mit der damaligen Regierung eine Amnestie ausgehandelt.
Nur wenige, sitzen heute in Haft.
Sollte doch noch ein Tribunal errichtet werden, wäre Bizot bereit,
sowohl für die Anklage wie für die Verteidigung auszusagen.
"Was ich zu sagen hätte, würde sich nicht ändern.
Man kann unter keinen Umständen jemanden verteidigen, der sich
zu tausenden Hinrichtungen bekennt. Es ist unmöglich. In dem, was
ich zu sagen hätte, würde ich auf die Mechanismen einzugehen
versuchen, die jemanden dazu bringen zu tun, was er getan hat."
Was Bizot aber wirklich möchte - auch wenn er es kaum für
möglich hält -, ist, mit Duch persönlich zusammenzukommen,
von ihm persönlich zu hören, wie er mit seiner Vergangenheit
leben kann. "Was ich möchte: ihn treffen, um in ihn hineinzusehen,
ihn zu öffnen. Wie geht er mit seiner Vergangenheit um? Der Mensch
definiert sich doch ab einem gewissen Alter durch das, was er getan
hat, und die,se Definition seiner selbst ist entsetzlich. Wie geht er
damit um, dass das Geschehene nicht mehr rückgängig zu machen
ist? Was geht vor im Inneren dieses Menschen, der selbst direkt an monströsen
Taten beteiligt war?"
François Bizot, Le Portail, Collection Folio,
Éditions La Table Ronde, Paris 2000,
440 Seiten / 5,90 Euro (Preis in Frankreich)
François Bizot, The Gate, Alfred A. Knopf, New
York 2003, 276 Seiten/ 24 US Dollar
18. November 2003
Leserbrief
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