Mitgehört:

Hier Augusto Pinochet

Von Manfred Steinhuber

Es kommt nicht oft vor, dass man, wenn auch einer gewissen Verzögerung, einem Putschgeneral beim Putschen zuhören kann. Pinochet - und seine enthüllend offenherzige Brutalität - kann man jetzt im Detail nachlesen.

11. September 1973. Der Winter geht langsam zu Ende. Aber die Nächte sind noch kalt und lang in Santiago. Es ist 4 Uhr früh: Oberst Julio Polloni sammelt mit einem Auto seine Mannschaft ein. Es sind ausgewählte Ingenieure und Radiotechniker. Ihr Auftrag lautet, linke Radiosender abzudrehen und in Wahlämtern strategisch wichtige Telefonverbindungen zu unterbrechen. Trotzdem läutet eine Stunde später das Telefon im Haus des Präsidenten. Jorge Urrutioa, General der Carabineros, meldet, dass das Regiment Maipo in Valparaiso die Kaserne verlässt. Salvador Allende ordnet an, dass die Straße nach Santiago gesperrt wird. Dann lässt er die Wache des Präsidentenpalastes verstärken und ruft die Militärkommandanten an. General Augusto Pinochet sei gerade unter der Dusche, heißt es, und daher nicht zu sprechen. Die gleiche Auskunft gibt es beim Vizeadmiral Patricio Carvajal. Doch in Wahrheit sind beide schon unterwegs in ihre Kommandozentralen.
Auch Präsident Salvador Allende fährt nun in den Regierungspalast, die Moneda, und um 7.55 Uhr ist er zum ersten Mal auf Sendung. Bei Radio Corporación:

Es spricht der Präsident der Republik aus dem Regierungspalast. Aus sicherer Quelle erfahre ich gerade, dass Teile der Marine den Hafen Valparaíso eingenommen und sich gegen die gewählte Regierung erhoben haben.

Minuten später beschießt ein Flugzeug der Luftwaffe die Sendeanlagen von Radio Corporación mit Raketen. Die nächste Rede des Präsidenten wird bereits von Radio Magellanes ausgestrahlt.
Die Kommunikation der Putschgeneräle läuft über eine in der Militärschule eingerichtete Sprechfunkzentrale. Augusto Pinochet von der Armee, Gustavo Leigh von der Luftwaffe und Vizeadmiral Patricio Carvajal von der Marine sind so zum Teil direkt, zum Teil über Soldaten, die Meldungen weitergeben, in ständigem Funkkontakt.
Ein Amateurfunker hat ihre Gespräche abgehört und mitgeschnitten. Er erlebte so die Spiegelung der Ereignisse in den primitiven Kommunikationsstrukturen des Militärs mit. Er hörte die Stimme eines Soldaten, der von Störgeräuschen unbeeindruckt meldete, General Leigh lasse General Pinochet mitteilen, dass Radio Magallanes noch immer sende und dass nach einer Lösung des Problems gesucht werde. Und er hört die Antwort, Pinochet werde geeignete Maßnahmen anordnen.
Dann die nächste Botschaft von General Leigh: Es soll im Radio eine Proklamation der Militärjunta verlesen werden. In einer langwierigen Prozedur wird Satz für Satz des Textes den General Leigh vorschlägt, durchgegeben:

Die absolute Einheit von Militär und Polizei wird wiederhergestellt mit dem Ziel, die marxistische Regierung zu vernichten. Das ist nicht gegen das Volk, sondern zur Verteidigung des demokratischen Volkes Chiles. Die Mehrheit der Arbeiter und der Zivilbevölkerung geben dieser Bewegung der Streitkräfte ihre volle Unterstützung. Die Zivilbevölkerung wird ermahnt, zu Hause oder an den Arbeitsplätzen zu bleiben und die Straßen nicht zu betreten.

Satz für Satz wird die Bestätigung durch die anderen Generäle eingeholt. Bis Augusto Pinochet sich persönlich meldet. Offenbar ist ihm der Text noch zu zahm. Seine Stimme klingt jedenfalls aufgeregt, schrill und kreischend:

Folgendes muss in die Bekanntmachung hinein: dass die Streitkräfte nicht gegen das Volk sind, sondern dass sie gegen den Hunger sind, den die marxistische Regierung des Herrn Allende gesät hat, gegen die Schlangen, die sich in allen Gassen von Santiago bilden ... gegen den Hunger, gegen die Armut, gegen das Elend, gegen das Sektierertum, das uns der Herr Allende gebracht hat, während er sich mit Festen und Sauftouren befriedigte ...

Und noch ein paar mal geht der Funkverkehr hin und her. Leigh will wissen, ob Pinochets Ergänzungen nun Vorschläge seien, oder bereits Befehle.
Schließlich akzeptieren alle Generäle den Text, und um 8.30 Uhr wird die Proklamation der Junta von der Senderkette der rechtsgerichteten Radios ausgestrahlt:

Die Streitkräfte und die Polizei sind in der historischen Aufgabe vereint, das Vaterland vom marxistischen Joch zu befreien. Wir stellen die Ordnung wieder her und garantieren das Funktionieren der Institutionen.

Salvador Allende hört das im Regierungspalast Moneda und greift sofort zum Telefon, das ihn mit Radio Magellanes verbindet. Er hält seine letzte Rede:

Ich zahle mit meinem Leben. Ich bin sicher, dass das Samenkorn, das wir gesät haben, im Bewusstsein des Volkes weiter leben wird. Die andere Seite verfügt über die Waffen, sie können uns überwältigen. Aber soziale Prozesse lassen sich nicht durch Gewalt und nicht mit dem Verbrechen aufhalten. Die Geschichte gehört uns, und sie wird von den Völkern geschrieben.

Geschützfeuer beendet diese letzte Rede des Präsidenten. Vielen Menschen ist sie bis heute in Erinnerung geblieben. Viele glaubten damals, sie hätten die Schüsse gehört, die Allende töteten.
Die Brutalität, die sich in den folgenden Wochen, Monaten, ja Jahren in Gefängnissen, Lagern und Folterkellern austoben sollte, war auch am Tag des Putschs schon erkennbar. Die Generäle der Kommandoebene nahmen sich bei ihren Erörterungen via Sprechfunk kein Blatt vor den Mund.
General Pinochet ruft Vizeadmiral Carvajal. Er will wissen, ob dieser Herr noch immer nicht auf die Aufforderung sich zu ergeben, reagiert hat. Carvajal antwortet:

Nein, bis jetzt hat er nicht reagiert. Ich habe soeben mit dem Adjutanten der Marine gesprochen, der von dort drüben zurück gekommen ist. Er sagt, die Moneda werde von 50 Mann der Leibwache verteidigt. Die ungefähr 40 oder 50 Polizisten ziehen sich gerade zurück. General Mendoza versichert mir, dass er dafür sorgt, dass sie sich zurückziehen, bevor bombardiert wird.- Der Marineadjutant hat gesagt, der Präsident habe eine Maschinenpistole bei sich, mit 30 Patronen und die letzte Kugel wolle er sich selbst in den Kopf jagen. Das war jedenfalls vor ein paar Minuten seine Absicht.

Pinochet weiß es besser:

Das sind keine Patronen. Dieser Arsch wird nicht einmal eine Kaugummikugel verschießen.

Carvajal lacht beflissen und nimmt Pinochets weitere Anweisungen entgegen:

Um 10 vor 11 werde ich den Befehl zur Bombardierung geben. Deshalb müssen sich gleichzeitig die Einheiten ungefähr zwei Blocks von der Moneda zurückziehen. Um Punkt 11 beginnt das Bombardement. Das heißt, sie müssen in die Gräben, wo auch immer, denn die Luftwaffe kann im Vorbeifliegen unsere Truppen erwischen.

Carvajal beeilt sich beizupflichten:

Genau. Ich würde es für gut halten, General Leigh zu sagen, dass er unter keinen Umständen zu bombardieren beginnt, bevor er weiß, wie die Lage hier ist.

Und Pinochet erfindet spontan eine List:

Unsere Truppe muss mit weißen Taschentüchern die vorderste Linie anzeigen.- Ich wiederhole: Die Truppe muss erinnert werden, dass sie die vorderste Linie markieren soll, mit einem weißen Taschentuch auf dem Rücken, damit es die Piloten sehen. Das ist ein Detail, das man nicht vergessen darf.

Doch so weit ist es noch nicht.
Bei den Generälen macht sich mittlerweile Nervosität bemerkbar. Sie können nicht glauben, dass Präsident Allende sich nicht ergeben will.

Also Kommandant Badióla ist in Kontakt mit der Moneda, er wird ihm dieses letzte Angebot der Kapitulation überbringen. Ich höre, dass Allende verhandeln will.

Pinochet unterbricht ganz aufgeregt, seine Stimme überschlägt sich:

Bedingungslose Kapitulation, keine Verhandlungen. Bedingungslose Kapitulation!

Pinochets Gegenüber hat keine Chance mehr zu sagen, als:

Jawohl, Jawohl.

Doch mehr als das und ein dreckiges Lachen über den nächsten Scherz erwartet Pinochet auch nicht:

Das Angebot, das Land zu verlassen, bleibt aufrecht. - Aber das Flugzeug wird abstürzen, Alter, wenn es erst weg ist.

Etwas später schlägt General Leigh von der Luftwaffe vor, den Ausnahmezustand auszurufen und eine Ausgangssperre ab 18 Uhr zu verhängen. Das ist Pinochet nicht genug:

Ausnahmezustand und Ausgangssperre gehen in Ordnung, aber da gehört noch was dazu: Kriegsrecht. Wer mit Waffen oder Sprengstoff überrascht wird, wird sofort erschossen. Ohne Prozess oder Untersuchung.

Im Moneda-Palast versucht Präsident Allende mittlerweile seine Mitarbeiter und persönlichen Vertrauten zur Kapitulation zu überreden. Allendes Töchter Beatriz und Isabel verlassen mit vier weiteren Frauen den Palast durch einen Hinterausgang. Die Straße ist menschenleer. Die Soldaten sind bereits in Deckung gegangen. Sie warten auf den Beginn des Bombardements, das auch via Radio für Punkt 11 angekündigt worden war. Aber, welch eine Blamage für die Generäle, der Anflug der Bomber aus Concepción verzögert sich. Zuerst um 10 Minuten, dann wieder und noch einmal. Pinochets chronisches Misstrauen erwacht. Er zweifelt, ob die Luftwaffe noch mit dabei ist, und überlegt nun, die Moneda mit Artillerie zu beschießen. Doch um 11 Uhr 45 istes soweit. 18 Raketen treffen den Regierungspalast. Allende und seine verbliebenen Mitarbeiterberaten im zweiten Stock unter einem massiven runden Konferenztisch, und wieder überredet er dreiMitarbeiter aufzugeben.
Pinochet ist jetzt schon ziemlich aufgeregt. Er erkundigt sich, wie der Angriff verläuft.

Vizeadmiral Patricio Carvajal berichtet:

Sie haben aus der Moneda angerufen. Der ehemalige Minister Flores und Puccio, der Sekretär des Präsidenten, haben angekündigt, durch die Tür in der Morandé-Straße Nr. 80 herauszukommen, um sich zu ergeben. Es wurde ihnen bedeutet, mit einem weißen Tuch heraus zu kommen, dann wird das Feuer eingestellt. Unsere Absicht ist: nicht verhandeln, sondern sofort festnehmen.

Pinochet ist zufrieden:

Genehmigt! Und noch was: Leigh sagt, man sollte das Flugzeug bereithalten. Sie werden geschnappt und hinaufgeschickt, Alter - gut bewacht.

Carvajal hat noch nicht so weit gedacht:

Wir wollen sie nur festnehmen vorerst, später werden wir sehen, was mit dem Flugzeug ist ...

Doch damit startet er Pinochets nächsten cholerischen Ausbruch:

Aber wenn wir sie aburteilen, gewinnen sie Zeit ... dann können sie sich verteidigen ... womöglich gibt es einen Aufstand in den Arbeiterbezirken, um sie zu retten ... Meine Meinung ist, dass diese Herrschaften geschnappt und irgendwo hin geschickt werden. Am Ende werden sie - einmal unterwegs - sowieso hinuntergeschmissen.

Doch diesmal nimmt Carvajal Pinochets Meinung nicht einfach als Befehl entgegen:

Gut, ich werde das mit Leigh besprechen.

Pinochet legt noch ein Argument nach:

Mach das. Meine Meinung ist, sie müssen weg, sonst gibt es hinterher Probleme. Und so kontrollieren wir ihre Einreise, das ist einfacher.

Vier Mitarbeiter des Präsidenten verlassen schließlich im Glauben, Parlamentäre zu sein, die Moneda. Wenige Augenblicke später sind sie politische Gefangene. Die Generäle streiten über Funk noch intensiv, wer nun per Flugzeug irgendwohin geschickt werden soll und wer keine Gefahr darstellt, wenn er im Land eingesperrt wird. Doch ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem dem Präsidenten, der sich nicht ergibt. In der Moneda kämpfen die Eingekesselten inzwischen mit Rauch und Tränengas. Der erste Selbstmord wird entdeckt. Augusto Olivares Becerra, Freund Allendes und Chefredakteur des Nationalen Fernsehens, hat sich erschossen. Der Präsident versammelt alle zu einer Trauerminute und verkündet: Wir ergeben uns. Wir gehen hinaus. Lasst alle Waffen hier. Ich gehe als letzter. Und so geschieht es. Salvador Allende bleibt zurück, setzt sich in das rote Samtfauteil im Saal der Unabhängigkeit und erschießt sich mit seiner Maschinenpistole. Es dauert noch einige Zeit, bis Vizeadmiral Patricio Carvajal seine Kollegen, die Generäle Augusto Pinochet und Gustavo Leigh über Funk informieren kann:

Gustavo und Augusto von Patricio. Ich habe eine persönliche Information von der Truppe der Infanterieschule, die schon in der Moneda ist. Ich sage es auf englisch, weil es Störungen geben könnte. - Sie sagen, dass Allende sich umgebracht habe und tot sei. - Sagt mir, ob ihr mich verstanden habt.

Carvajal wartet die Bestätigungen ab und fügt hinzu:

Das mit dem Flugzeug für die Familie ist jetzt nicht mehr so dringend. Ich glaube die Familie muss jetzt nicht sofort weg.

Doch Pinochet brüllt schon wieder los:

Schmeißt ihn in eine Kiste und ins Flugzeug damit, Alter, zusammen mit der Familie. Das Begräbnis sollen sie irgendwo anders machen. In Kuba. - ... sonst haben wir beim Begräbnis nur Schwierigkeiten. Der Kerl macht sogar mit seinem Tod noch Probleme.

Carvajal will das schon wieder nicht aufs erste Mal verstehen. Pinochet lässt nicht locker:

Ich wiederhole, Patricio. Das Flugzeug, in die Kiste mit ihm, schick ihn nach Kuba zum Eingraben. Dort werden sie ihn beerdigen.

Doch dazu kommt es nicht. Am nächsten Tag landet das Flugzeug in Viña del Mar. Zu Problemen kann es beim Begräbnis nicht kommen, denn es herrscht Ausgangssperre. Fast 20 Jahre lang wird die Grabstätte praktisch geheim bleiben.
Heute, nahezu 30 Jahre später ist die Opferbilanz der folgenden 17 Jahre Diktatur noch immer lückenhaft. 1991 legte die Kommission für Wahrheitsfindung und Versöhnung einen Bericht mit folgenden Zahlen vor: 1068 Menschen wurden ermordet, 957 Verhaftete sind verschwunden und 164 Menschen wurden bei Zusammenstössen mit der Polizei getötet. Die Opfer des Putschs selbst sind dabei nicht mitgezählt. Mehrere hunderttausend Chilenen suchten ihre Rettung im Exil. Darunter auch der Funkamateur, der am Putschtag sein Tonbandgerät mitlaufen ließ, so lange er noch Bänder hatte. 25 Jahre später hat die chilenische Journalistin Patricia Verdugo seine Aufnahmen veröffentlicht.
Über Augusto Pinochet konnte bisher kein Gericht ein Urteil sprechen, weil er wegen Demenz verhandlungsunfähig ist.

20. Oktober 2003

Leserbrief

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