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Frankreich, Deutschland und Vietnam
Drei Sprachregelungen
1
Französische Nationalversammlung, 1. Oktober 2003:
Präsident: Das Wort hat der Sozialist René Dosière.
Henri Emmanuelli: Herr Präsident, auf diese Weise kündigt
man die Debattenredner nicht an.
Präsident: Was ist denn mit Ihnen los, Monsieur Emmanuelli?
Henri Emmanuelli: Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich,
als ich noch Präsident war, die Redner nicht so angekündigt
habe.
Präsident: Monsieur Emmanuelli, bei Ihrer ersten Wortmeldung
habe ich Sie noch geschont angesichts Ihrer früheren Funktion als
Präsident der Nationalversammlung. Zwingen Sie mich nicht, einen
Ordnungsruf auszusprechen! Ich danke Ihnen.
Henri Emmanuelli: Aus welchem Anlass?
François Goulard: Sie haben das Amt des Präsidenten
beschuldigt.
Präsident: Wegen Beschuldigung und Provokation des Präsidentenamtes.
Henri Emmanuelli: Man sagt nicht "der Sozialist Dosière".
Präsident: Ich habe Sie bisher noch geschont.
Henri Emmanuelli: Sie haben mich nicht zu schonen!
Präsident: Die Angelegenheit ist erledigt. Aber wenn Sie
so weitermachen, Monsieur Emmanuelli, erhalten Sie im Protokoll einen
Ordnungsruf.
Henri Emmanuelli: Ich werde mich an das Büro des Präsidenten
wenden.
Präsident: In diesem Fall wende ich mich an die Konferenz
der Parlamentspräsidenten.
Henri Emmanuelli: Als ich noch Präsident war, habe ich Ihnen
niemals das Wort erteilt, indem ich sagte "Monsieur Baroin, RPR".
Charles de Courson: Als ob das eine Schande wäre!
Präsident: Monsieur Dosière, Sozialist - das ist
weder eine üble Art und Weise, ihn anzukündigen, noch eine
üble Bezeichnung -, hat das Wort.
2
Muslim-Markt nennt sich "Der Startpunkt ins Internet
von und für deutschsprachige Muslime" (http://www.muslim-markt.de).
Neben allerlei Kontaktadressen erfährt man hier auch, dass der
Muslim-Markt-Gründer ein Buch geschrieben hat mit dem Titel "Wir
sind 'fundamentalistische Islamisten' in Deutschland", erschienen
2003 im Betzel Verlag, Nienburg.
Auf der Website wird außerdem eine Reinigung der deutschen Sprache
vorgenommen:
"Sprache ist immer eine zusätzliche Waffe von Unterdrückern
gewesen, ihre Unterdrückung zu vertuschen.
Im Sprachgebrauch der Nachrichten wird in Bezug auf das Besatzungsregime
in Palästina und damit zusammenhängenden Themen immerzu die
von Zionisten vorgegebene Begrifflichkeit übernommen, bei dem [sic]
der Eindruck erweckt wird, dass eine ganz bewusste Verfälschung
der Sinngehalte und ihr missbräuchlicher Einsatz erfolgt. Dieses
soll an einer Reihe von Beispielen erläutert werden, wobei jeweils
ein alternativer, der Wahrheit weit mehr entsprechender Begriff vorgeschlagen
wird.
Als Muslime bevorzugen wir nicht die Sprache der Mehrheit, sondern die
Sprache der Wahrheit."
Nun gut, die so genannte "Sprache der Wahrheit"
ist zwar ein bisschen komplizierter und hörbar ideologischer als
die bisher verwendete, aber hier soll sie trotzdem vorgestellt werden
(links die "missbräuchlichen", rechts die "der Wahrheit
entsprechenden" Bezeichnungen):
Antisemitismus: Antizionismus [mit Hinweis übrigens auf Möllemann]
Autonome Gebiete: Palästinenserreservate
Camp David: Camp Goliath
Demokratie in Israel: rassistische Diktatur
Entschädigungszahlung: Erpressungsgeld
Existenzrecht: Existenzkrampf [sic]
Flüchtlinge: Vertriebene
Friedensprozess: Unterdrückungsprozess
Gottesstaat: gottesfeindliches System
Gummigeschosse: Verstümmelungsgeschosse
IDF, Israel Defense Forces: Besatzungsarmee
Jüdischer Staat: Apartheidstaat
"Land für Frieden": "Raubgut für Raubgutlegitimation"
Ministerpräsident "Israels": Oberbefehlshaber der Besatzungsarmee
Palästinenserstaat: Palästina
Road map: destroying map
Selbstmordattentäter: opferbereite Widerstandskämpfer
Sicherheits-, Grenzzaun: Gefängniszaun
Sicherheitszone: Besatzungszone
Siedlungen: Militärvorposten
Tempelberg: Berg der Himmelfahrt
Terrorist: Widerstandskämpfer
Transfer: Vertreibung und Verschleppung
Vergeltung: brutale Verbrechen
(http://www.muslim_markt.de/Palaestina_Spezial/diverse/verfaelschung.htm)
3
"An American military spokesman in Saigon has admitted that US
planes have accidentally bombed the village of Phuoc Me, close to the
North Vietnamese border."
"No, no, no", said the chief sub, circling the name with his
6B pencil and putting a large question-mark beside it. "Look here,
you can't expect a news reader to say something disgusting like that
on the air."
We had a conference about it. The news reader agreed with the chief
sub: it was filthy, and he had never before been asked to say such a
thing. It would make him a laughing-stock. The news editor, a small
bald man called Donald who looked like the Mekon, the extraterrestrial
mastermind in my boyhood comics, heard us out.
As the youngest person there by about a century, I kept quiet. In the
end, though, I felt I had to say something.
"But it really is the name of the village. Shouldn't that be what
we call it?"
"Maybe", said someone else slowly, "you could try pronouncing
it differently?"
"And how, may I ask, might one do something like that", asked
the news reader.
"Fwoc My?" suggested Donald. "Fwec May? Fooc Moy?"
The news reader looked up at the ceiling in a marked sort of way. No
one else said anything.
"All right, sonny, bring me the atlas."
He located Phuoc Me and pointed his finger at the next village.
"Call it that."
I peered at it.
"It's called Ban Me Tuat."
"Well, all right, not that one. The next place."
I found the next place, and we called it that instead. Decency and plausibility
were what counted. The people of Phuoc Me probably didn't care much;
they had other things to worry about.
(John Simpson: Strange Places, Questionable People,
London 1998)
16. Dezember 2003
Leserbrief
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