|
|
Interview
Die jüdische Aufklärung
Theaterstücke
wie "Die Juden" und "Nathan der Weise" erfahren
seit dem 11. September 2001 auf den Berliner Bühnen eine gewisse
Renaissance, denn es geht in ihnen um religiöse Toleranz und den
Umgang mit Vorurteilen. Dass ihr Autor Gotthold Ephraim Lessing zu den
wichtigsten deutschen Aufklärern gehörte und für Toleranz
besonders gegenüber den Ende des 18. Jahrhunderts noch weitgehend
rechtlosen Juden eintrat, weiß in Deutschland fast jedes Schulkind:
Die produktive Freundschaft zwischen dem Protestanten Lessing und dem
Juden Moses Mendelssohn (Büste li.) ist als Beispiel für "gelebte
Aufklärung" ebenso berühmt. So gut wie unbekannt aber
ist die Tatsache, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
in Berlin unter dem Eindruck der preußischen Aufklärung
eine jüdische Aufklärungsbewegung entstand. Christoph
Schulte hat die sogenannte "Haskala" und ihre Protagonisten,
die "Maskilim" erforscht. Für seine von den Feuilletons
hoch gelobte Darstellung "Die jüdische Aufklärung"
hat er vor kurzem in Halberstadt den "Gleim-Literaturpreis 2003"
erhalten. Der Namensgeber der Auszeichnung, der Dichter Johann Wilhelm
Ludwig Gleim (1719-1802), diente seit 1747 als Domsekretär und
Kanonikus in Halberstadt; sein Haus wurde zum geistigen Mittelpunkt
der Stadt, von wo aus er auch mit namhaften Aufklärern u.a.
Moses Mendelssohn korrespondierte.
Im Gespräch mit Stefanie Brauer erläutert Christoph Schulte
einige seiner Forschungsergebnisse.
Was ist der Unterschied zwischen der deutschen und der jüdischen
Aufklärung?
Die jüdische Aufklärung, die Haskala, verfolgt viel weiterreichende,
radikalere Ziele, die mit der Situation der Juden im damaligen Preußen
zu tun haben. Anders als bei der deutschen Aufklärung geht es hier
nicht in erster Linie um Bildungsziele, sondern auch um Politik: Die
Haskala forderte die bürgerliche und juristische Gleichstellung
der Juden, das heißt: alle Bürgerrechte, die auch für
Nicht-Juden galten: freie Berufswahl, freien Zugang zu allen Bildungseinrichtungen
inklusive der Universitäten, freie Wahl des Wohnortes, das Recht,
sich zu verheiraten wo und wann man will, gesellige Kontakte mit Nicht-Juden.
Die Salons sind ein Beispiel dieses Anliegens: Denn wenn ein jüdisches
Haus von Nicht-Juden besucht wurde, war das ein Beispiel für gesellschaftliche
und intellektuelle Anerkennung.
Gab es aber nicht gerade zur preußischen Aufklärung,
die eine protestantische war, im Hinblick auf Religiosität auch
Gemeinsamkeiten?
Absolut! Die deutsche Aufklärung hat nämlich im Gegensatz
etwa zu der viel radikaleren französischen Aufklärung niemals
die Befreiung von der Religion zum Ziel, sondern die Befreiung und Modernisierung
der Religion. Das war für die jüdische Aufklärung ein
zentraler Punkt, denn hätte sie die Religion abgeschafft, hätte
sie sich als jüdische Aufklärung selbst erledigt, weil ihre
Vertreter keine Juden geblieben wären. Es ging aber darum, die
eigene Identität zu behalten: aufgeklärt zu sein und Jude
zu bleiben.
Was heißt das konkret?
In der frühen jüdischen Aufklärung hat man Speisegesetze
eingehalten und beging den Sabbat. In der Generation der Söhne
der Maskilim begann aber auch eine Kritik der Halacha, der religiösen
Gebote. Da gibt es dann auch die Forderung einer Reform des rabbinischen
Judentums; der einzelne soll mehr moralische Autonomie erhalten. Übrigens
gibt es keinerlei Polemik gegen das Christentum, wohl aber gegen den
damals weit verbreiteten christlichen Antijudaismus und Antisemitismus.
Warum ist in anderen Ländern, etwa Frankreich oder England,
in denen es wichtige Aufklärungsbewegungen gab, keine spezifisch
jüdische Aufklärungsbewegung entstanden?
Lapidar gesagt: Die Juden hatten Aufklärung dort nicht so nötig.
Es gibt in den sephardisch geprägten Hafenstädten Westeuropas
ein viel lockereres Verhältnis der Juden zu den Wissenschaften
und den Künsten. Beispiel Amsterdam: Da hatten die Juden eine ganz
andere soziale Stellung, sie lebten nicht im Ghetto und hatten auch
ganz selbstverständlich Zugang zu Wissenschaft und Künsten,
sie genossen Religionsfreiheit. Ähnliches gilt auch für London.
Nur im ashkenasischem Raum, also in Mittel- und Osteuropa, gab es diese
starke Unterdrückung und Rechtlosigkeit und nur hier gab es auch
die strikte Ablehnung seitens der Rabbinen, sich mit nicht-jüdischen
Wissenschaften auseinanderzusetzen. Also gab es gewissermaßen
auch nur hier die Notwendigkeit für Haskala. Im 19. Jahrhundert
ist die jüdische Aufklärung nach Osten getragen worden, aber
sie konnte im Zarenreich nie die gleichen Ziele wie in Preußen
oder der Donaumonarchie erreichen. Das lag daran, dass sich dort bis
ins 19. Jahrhundert hinein eigentlich kein Bürgertum gebildet hat.
Das Vorbild für die russische Haskala war immer Berlin. Und das
Besondere war hier, dass es einen ganzen Kreis von Aufklärern gab
und dass man erstmalig alle Juden aufklären wollte einschließlich
der Frauen.
Welche Rolle spielt dabei die Sprache?
Die Muttersprache der Maskilim war meistens jiddisch. Publiziert wurde
auf deutsch und hebräisch. Natürlich konnten sie Auch hebräisch
- und Leute wie Isaac Euchel oder Naftali Hartwig Wessely haben auch
versucht, das Hebräische zu reformieren und es zu einer modernen,
nicht nur religiösen, sondern auch Kultur- und Wissenschaftssprache
zu machen. Die ersten Werke einer profanen modernen hebräischen
Literatur entsteht Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin. Die philosophischen
Schriften wurden allerdings hauptsächlich auf deutsch geschrieben.
Wie kommt es, dass von den ganzen jüdischen Aufklärern
Moses-Mendelssohn quasi zum Protagonisten man kann fast sagen
zum Superstar wurde?
Mendelssohn war im 18. Jahrhundert mit Sicherheit der bekannteste Philosoph
der Haskala. Seine Werke hatten die größte Verbreitung und
wurden in viele Sprachen übersetzt. Von allen deutschsprachigen
Philosophen, egal ob jüdisch oder nicht, war er seinerzeit der
meistgelesene. Mendelssohns "Phaedon", ein Buch über
die Unsterblichkeit der Seele, war nach 1750 und vor Kants "Kritik
der reinen Vernunft" das erfolgreichste Buch der deutschen Aufklärung
und hatte die meisten Auflagen. Auf der anderen Seite hat die Forschung
in den letzten Jahren aber auch die hebräischsprachige Aufklärung
entdeckt und mit ihr bislang weniger bekannte Persönlichkeiten:
Da ist z.B. Naftali Hartwig Wessely der bedeutendste hebräische
Dichter in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der wichtige
Erziehungsschriften verfasst hat.
Sie erwähnen aber noch viele andere Maskilim: Markus Eliezer
Bloch, Markus Herz, Lazarus Bendavid, Aron Gumpertz, Isaak Sanatow,
Salomon Maimon ...
Das Bild heute ist das einer vielstimmigen Haskala, die in Einzelfragen
unterschiedliche Auffassungen vertraten: Salomon Maimon und Moses Mendelssohn
habe ich im Buch daher auch als Gegenspieler dargestellt. Besonders
wichtig war es mir aber, das Gemeinsame in einer Vielfalt von Stimmen
zu hören. Gemeinsam sind die eingangs bereits zitierten Ziele:
die Aufklärung aller Juden, also auch der Frauen und deren bürgerliche
Verbesserung.
Ist die jüdische Aufklärung eine reine Männerdomaine?
Welche Rolle spielten die berühmten Berliner Salons etwa einer
Henriette Herz (1764-1847) oder Rachel Varnhagen (1771-1833)?
Was das Verfassen von Schriften grade der hebräischen
angeht, so war das eine Männerdomäne. Aber die Frauen haben
bei der Modernisierung der Haushalte und der Erneuerung der jüdischen
Rituale eine unglaublich wichtige Rolle gespielt. Die aufgeklärten
Ehemänner und Väter haben ihren Frauen und Töchtern ja
die Salons finanziert. Sie haben sie angehalten, Fremdsprachen zu lernen
und haben ihnen so erstmals Zugang zur europäischen Literatur verschafft.
So haben die Frauen in der jüdischen Gesellschaft eine ganz neue
Rolle erhalten. Die Domäne der Frau wurden dann die Künste,
vor allem die Literatur. Erstmalig gibt es eine ganze Gruppe jüdischer
Frauen, die Zugang zur nicht-jüdischen Kunst und Literatur hatten.
Aus feministischer Sicht ist das aber durchaus ambivalent: Was hier
stattfindet ist ja die Verbürgerlichung der jüdischen Frau,
die nicht mehr erwerbstätig ist, sondern Hausfrau und Mutter wird.
Vorher waren manche Frauen das berühmteste Beispiel ist
Glückl von Hameln erwerbstätig und selbstständig,
etwa als Kauffrauen.
Sie betonen im Vorwort zu ihrem Buch, dass es in Berlin-Kreuzberg
geschrieben wurde, einem Stadtteil, der für seinen hohen Anteil
an ausländischer Bevölkerung und seine sozialen Brennpunkte
bekannt ist wie steht das in Beziehung zur Haskala?
Die meisten der Maskilim waren Emigranten und hatten eine andere Kultur
als ihr Umfeld. Modern ausgedrückt würde man sagen: Sie hatten
eine andere Religion und Leitkultur als ihr christliches Umfeld. Und
die wollten sie eben nicht aufgeben - Haskala war keine Assimilationsbewegung.
Da sehe ich eine Parallele zu den heute in Berlin lebenden Muslimen:
Viele haben ähnliche Probleme mit der Integration in die deutsche
Kultur. Wer hier studiert und eine Integration versucht, macht sich
dann auch im eigenen kulturellen Kontext zum Außenseiter. Die
intellektuelle Avantgarde der heutigen Immigranten haben hier ähnliche
Probleme. Sie müssen sich gegen den Rassismus der Mehrheitskultur
durchsetzen; zum anderen aber werden sie in ihrer eigenen Minderheit
als Verräter und Assimilanten bekämpft. Erstaunt war ich aber
auch, dass sich auch 200 Jahre später immer noch die gleichen Argumente
gegen Immigranten vorgebracht werden: dass etwa die Kultur nicht zu
den Deutschen passe, dass die Kriminalität viel höher liege
- die ganze Palette der Diskriminierung klingt damals wie heute erschreckend
ähnlich.
Spielt Haskala in Israel eine Rolle? Die Gesellschaft wird dort
zumindest in Teilen - immer fundamentalistischer religiös;
Orthodoxe und Ultraorthodxe stellen bestimmte Errungenschaften des Rechtsstaats
in Frage; es gibt Streit über die Frage, ob nicht religiöse
Menschen überhaupt Juden sein können.
In der Tat werden die Anliegen der Haskala immer wichtiger. Während
die Zionisten noch gar nichts davon wissen wollten, weil sie in der
Haskala eine Assimilationsbewegung sahen, wächst das Interesse
heute: Die meisten Haskala-Forscher kommen heute aus Israel. Das liegt
meines Erachtens eben daran, dass die Gedanken der Aufklärer relevant
für die heutige politische Situation in Israel sind. So forderten
die Maskilim Mendelssohns Schrift "Jerusalem" ist hier
paradigmatisch - eine absolute Trennung von Religion und Staat. Diese
Forderung wird auch heute vielfach in Israel vorgebracht sie
ist aber keineswegs realisiert. In den ganzen Auseinandersetzungen über
die Frage, ob auch säkulare Juden Juden sein können, ob Schulen
säkular oder religiös sein sollen, in Fragen der Eheschließung
und Scheidung tauchen viele Probleme der Haskala in verwandelter Form
in den Diskussionen um die rabbinische Orthodoxie und ihre Ansprüche
in Israel wieder auf. So gesehen muss man leider konzedieren, dass der
Rechtsstaat in Israel in manchen Punkten mehr als zwei Jahrhunderte
hinter Mendelssohns "Jerusalem" zurück liegt.
Christoph Schulte ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
des Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam sowie Professor für Philosophie
und Jüdische Studien an der Universität Potsdam. "Die
Jüdische Aufklärung" erschien 2002 im C.H. Beck-Verlag,
München; sie kostet 24,90 Euro (ISBN 3-406-48880-3).
18. November 2003
Leserbrief
|
|
|