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Ein Land im Dunkeln
Unser Blackout
Was alles geschieht - im Großen und im Kleinen,
wenn landesweit der Strom ausfällt. Zum Beispiel in Italien.
Von Cecilia Saltini
Als ganz New York im Dunkeln lag, sagte Andrea Bollino, der Vorsitzende
der italienischen Elektrizitätsgesellschaft: "Bei uns wird
das nie passieren, denn hier kann ein unbedeutender Defekt nicht gleich
ein ganzes Land ohne Licht lassen, wie in den USA und in Kanada passiert
ist. Da bin ich mir ganz sicher, denn in Italien erfolgt die Überwachung
des Netzes zentralisiert, und die Qualität der Anlagen ist höher
als die Qualität der amerikanischen Anlagen ".
Leider kam nun aber am 27. September um 3 Uhr 25 morgens auch in Italien
ein Blackout über uns, und eine ganze Nacht lang, von Bozen bis
Palermo, ging nichts mehr (nur in Sardinien nicht): Straßenlampen,
U-Bahnen, Bahnhöfe, Flughäfen, Aufzüge, Verkehrsampeln,
Züge und, zum Glück nur kurze Zeit dank der Notstromaggregate,
auch alle Krankenhauser.
Der Blackout spielte der Stadt Rom einen hübschen Streich gespielt:
Für den 27. September von 21 Uhr abends bis 5 Uhr morgens hatte
die Gemeindeverwaltung "La notte bianca " (die weiße
Nacht) geplant, mit Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen,
offenen Museen und einer überall beleuchteten Altstadt. Jetzt aber
war das Stadtzentrum voll von Leuten, die nicht mehr nach Haus konnten.
Alle reagierten jedoch ohne Panik auf die unerwartete Lage, und nur
wenige Italienern befürchteten, dass der Blackout etwas mit Terrorismus
zu tun hätte.
In vielen Fällen regte der Blackout die schöpferische Begabung
an, für die wir Italiener in der ganzen Welt bekannt sind. Ein
Barmann in Catania zum Beispiel benützte, um Kaffee zu kochen,
einfach eine Wasserpumpe, die er durch ein Pedal in Betrieb setzte.
Er sagte zwar, daß ihm das Bein allmählich wehtäte,
aber auch, dass er sehr stolz auf seine Erfindung sei. Ein Kind, das
zuhause an ein Atemgerät angeschlossen war, wurde von der Polizei
gerettet, die ihm Dieselsöl herbeischaffte, mit dem ein Ersatzgenerator
in Bewegung gesetzt wurde.
Sehr schnell wurden die Untersuchungen mit dem Ziel, die ganze Wahrheit
herauszubekommen, begonnen, auch wenn die Chefs der schweizerischen
und französischen Elektrizitätsgesellschaften sofort verlautbarten,
dass sie keine Verantwortung träfe. Trotz der Selbstsicherheit
der zwei Vorsitzenden lag nach den Untersuchungen die Schuld auch nicht
auf Italien. Tatsächlich war es so, dass ein Baum auf eine Überlandleitung
in der Schweiz gefallen war und die Leitungsdrähte zerstört
hatte, nur hatte die schweizerische Elektrizitätsgesellschaft die
italienische Elektrizitätsgesellschaft zu spät davon in Kenntnis
gesetzt. Der Blackout, der so viele kleine, praktische Probleme verursachte,
war aber in noch in anderer Hinsicht bedeutsam: Er warf in der Regierung
und unter den Italienern selbst die Energie-Frage auf.
Das italienische Volk hatte im 1987 durch eine Volksabstimmung die Kernenergie
abgelehnt (allerdings kann die Volksabstimmung den Bau neuer Atomkraftwerke
nicht verhindern). Die Anlagen der Kraftwerke sind alt, Alternativen
wie Wind- und Sonnenenergie werden noch viel zu wenig genutzt, und die
Italiener selbst verschwenden viel zu viel Energie und wissen von Windenergie
und Sonnenenergie so gut wie nichts.
Ein weiteres Probleme besteht darin, dass Italien zwölf Prozent
seines elektrischen Energiebedarfs importiert, und diese Energie kommt
durch wenige Leitungen ins Land. Außerdem wurde der Bau neuer
Kraftwerke von den Lokalverwaltungen, die in ihren Gemeindebezirken
keine Kraftwerke haben wollen, abgelehnt, ebenso von Enel (der italienischen
Elektrizitätsgesellschaft), die bis vor einigen Jahren den gesamten
Energiesektor kontrollierte. Die Enel hatte immer behauptet, dass es
in Italien mehr Energie als nötig gab.
Nach einem neuen Gesetz können jetzt wieder Kraftwerke gebaut werden,
aber sie werden erst nach 2008 Energie produzieren. In der Zwischenzeit
importiert Italien Atomstrom, der billiger ist als die Energie in Italien,
aus Frankreich, und die französischen Atomkraftewerke wurden am
liebsten nahe der Grenze zu Italien gebaut.
Der Blackout hat gezeigt, daß es für eine geordnete Energieversorgung
Italiens noch viel zu tun gibt. Und dass Italien und die Italiener nicht
nur neue Kraftwerke brauchen, sondern vor allem ein neues Energie-Bewusstsein
und einen sparsameren Umgang mit Energie.
18. November 2003
Leserbrief
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