Schellenberg als SS-Ikone

Eine Lieblingsfigur im angelsächsischen Nazi-Thriller

"'Professor N. erklärte mir [Schellenberg], dass es sich beim SD-Inlands- und Auslandssicherheitsdienst um geheime Institutionen handele, die der obersten Staatsführung unter anderem ein Bild der Volksstimmung vermittelten und deren Berichterstattung ihr zugleich als Kontrolle für die Auswirkungen ihrer jeweiligen Entscheidungen diente.'
Schellenberg überlegte nicht lange und sagte zu."
(Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002)

Von Uwe Ruprecht

Walter Schellenberg (Foto) hat es geschafft. Er hat sich den Geheimdienst wie eine Spionagegeschichte vorgestellt und ist schließlich selbst ins Inventar dieses Genres übernommen worden.
Angelsachsen genieren sich nicht, Hitler und Himmler, Goebbels und Göring als Personal in Geschichten auftreten zu lassen, die den Zweiten Weltkrieg als Fundus für Kolportagen betrachten. Eine unglückselige Liebesgeschichte, böse Intriganten, Showdown mit Wunderwaffen - nichts fehlt in diesen dickleibigen Romanen, und ein besonderer Kitzel soll es sein, wenn einer der ganz großen Namen der wirklichen Geschichte auftritt. Mehr als die Namen treten wahrhaftig nicht auf. Die NS-Bonzen als Abziehbilder. Ein, zwei karikaturistisch vergröberte Marotten der historischen Gestalten, wie Hitlers Vegetarismus - daraus höchstens bilden sich die Beschreibungen, die literarische Genremaler diesen Nebenfiguren zuteil werden lassen.
Vor 40 Jahren ließ Jack Higgins in "The Eagle Has Landed" Himmler vor Tabakrauch zurückschrecken; den dulde er nicht in seiner Umgebung. Higgins' Roman ist oft ganz oder teilweise kopiert und verfilmt worden. Und wenn Himmler auftritt, zuckt er fortan vor Zigaretten zurück. Im wirklichen Leben war er Zigarrenraucher. Dass Higgins einen Fehler machte, ist ihm nachzusehen. Doch zeigt dieses Beispiel, wie sich jenseits historisch-wissenschaftlicher Wahrheit eine zweite Wahrheit etabliert, die der traulichen Legenden.Hinsichtlich Himmlers Nikotinkonsum kann am Abstand dieser Wahrheiten nicht gedeutelt werden. Im Fall Schellenberg lassen sich Fakten und Fiktionen nicht so leicht sortieren. Seine Karriere als Hauptfigur im Nazi-Thriller startete er in demselben aus Realem und Ersponnenem gemischten Epos von Jack Higgins: Schellenberg, der erfinderische Strippenzieher und Organisator, ein Nazi zwar, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, aber eigentlich kein ganz schlechter Kerl.
Er war "schneidig und gutaussehend, und er hatte Stil", wird er in einem US-Opus von 1999 vorgestellt (Glenn Meade, "Operation Sphinx", Bastei-Lübbe, 749 Seiten). Kaum ein Nazi-Thriller kommt ohne Schellenberg aus; Jack Higgins hat einen Nachfolge-Roman geschrieben, "The Eagle Has Flown", in dem der schöne Walter vollends die Hauptrolle spielt. Mehr hat Schellenberg vermutlich selbst nie gewollt, als die Hauptrolle in einem Schmierenstück zu spielen. Mit seinen autobiografischen "Aufzeichnungen" hat er selbst diesem Image kräftig Vorschub geleistet. Der Dandy hatte sein Leben als Abenteuer konzipiert, und das wurde dann auch daraus. Die Leichen, über die er dabei gehen musste, waren nur Steine in seinem Spiel. Weil Schellenberg bei Thriller-Autoren und -Lesern weitaus populärer ist als sonst, muss er vermutlich vorgestellt werden.Schellenberg befehligte die Spione der SS: Leiter des Amtes VI der Auslandsnachrichtenabteilung des Sicherheitsdienstes.
Der ehrgeizige Jurist war 1941 mit 31 Jahren als Jüngster in das Milieu der höheren SS- und Polizeiführer aufgestiegen, im Windschatten des von ihm uneingeschränkt bewunderten Heydrich. Nach dessen Tode übernahm er, soweit er konnte, die Funktionen bei Himmler als engster Berater und Einflüsterer. Der für Hauptamtsleiter obligatorischen Führung einer "Einsatzgruppe" bei den Judenerschießungen entging er.
Schellenberg kultivierte seinen Ruf als Meisterspion. Ab 1943 versuchte er, Himmler zu einem Separatfrieden mit den West-Alliierten zu überreden und spann dafür unablässig Fäden, die fast alle zerrissen. Er reklamierte für sich, mit Arrangements im April 1945 einigen Tausend Insassen der Konzentrationslager die Todesmärsche erspart zu haben. Der daran ebenfalls beteiligte Vizepräsident des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, nahm Schellenberg später unter seinen Schutz und ließ ihn als Ghostwriter sein Buch über die Verhandlungen mit Himmler schreiben.
Trotzdem hatte Schellenberg einen Auftritt als Angeklagter und Zeuge vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal und wurde zu sechs Jahren verurteilt. Nach 19 Monaten als schwerkrank entlassen, starb er eineinhalb Jahre später, 1952, in Italien, wo er solange noch geduldet worden war.
Schellenberg reklamierte viel für sich, was auch ohne ihn geschehen wäre. Als er von Hitlers Tod erfuhr, erkannte er gleich die Chance, eine neue Legende in die Welt zu setzen. "Hat er es also doch getan!", soll er ausgerufen haben. Er habe nämlich, sagte er, Himmler zum Giftmord an Hitler gedrängt. Himmler als Marionette war ein Misserfolg für den Puppenspieler Schellenberg.Schellenberg, der gewissenlose Technokrat, der, wenn sein Kasinoleben nun einmal diese Wendung nimmt und der Einsatz solch ein Risiko erfordert, auch einmal etwas Gutes tut, fungiert im Nazi-Thriller als positiver SS-Mann. Der böse SS-Scherge hat Lust am Morden. Schellenberg ist nur ein Spieler, der sich um Moral nicht schert, weil die keinen Gewinn abwirft, nicht an Macht, Geld oder Lust. Ein Broker in Uniform, den der Nimbus des Genialischen umweht. Der schicke Schellenberg in schwarzen Stiefeln ist eine Figur, auf die Hollywood früher oder später anspringen könnte.
Im Land der Täter selbst, in dem es keine wissenschaftliche Biografie von Heinrich Himmler gibt, wandelt sich der Umgang mit dem Entsetzlichen. Die mediale Aufregung über "Vaterland" von Richard Harris (dt. 1996) ist ein fernes Echo, über die Serie ganz gewöhnlicher Kriminalromane mit einem SS-Mann als Ermittler von Phillip Kerr redet man gar nicht mehr. Wie Briten und US-Amerikaner macht man jetzt Scherze mit dem Schrecken. Christian von Ditfurth hat 2002 mit "Der 21. Juli" den ersten deutschen Nazi-Thriller verfasst, Kai Wessel hat im selben Jahr mit "Goebbels und Geduldig" die "erste deutsche Komödie über die Nazis" ins TV gebracht.
In den USA zählt das Konzentrationslager längst zum Inventar der brackigsten Kolportage. In "Black Cross" von Greg Iles (1995), in deutscher Übersetzung: "Schwarzer Tod" (Bastei-Lübbe 2000, 687 Seiten), wird erzählt vom Innenleben in "Totenhausen", von einem heroischen Juden in Sturmführer-Uniform und irgendwo doch auch menschlichen SS-Männern, von der Liebesgeschichte zwischen Schwarz und Weiß, zwischen einer deutschen Krankenschwester und einem US-Chemiker, der das KZ sprengen soll...
Da kommt noch mehr. Die Faszination wächst mit dem zeitlichen Abstand vom Geschehen. Die Skrupel, sich ihr hinzugeben, schwinden mit den Zeitzeugen. Susan Sontag hatte es schon 1974 gesehen: "De Sade musste sein Theater der Bestrafung und der Wollust noch aus dem Nichts schaffen, Bühnenbild, Kostüme und blasphemische Riten improvisieren. Jetzt gibt es ein Patentrezept, das jedermann zur Verfügung steht: Die Farbe ist schwarz; das Material ist Leder, der Anreiz ist Schönheit; die Rechtfertigung ist Ehrlichkeit; das Ziel ist Ekstase; die Phantasie ist der Tod."

Schellenbergs Geschichte wird derzeit erstmals erforscht an der Uni Erlangen
(Reinhard R. Doerries) und an der Uni Hannover (Michael Wildt).

Literatur
Walter Schellenberg: Aufzeichnungen, Die Memoiren des letzten
Geheimdienstchefs unter Hitler, Hg. Gita Petersen, Vorw. Klaus Harpprecht, Wiesbaden/München
1979.
Folke Bernadotte: Das Ende, Meine Verhandlungen in Deutschland im Frühjahr
1945 und ihre politischen Folgen, Zürich 1945.
Susan Sontag: Faszinierender Faschismus, in: dies., Im Zeichen des Saturn,
Essays, Frankfurt a. M. 1983.
Uwe Ruprecht: Tod im Erkerzimmer, Legenden um Heinrich Himmlers Flucht und
Ende, in: Stader Jahrbuch 2001/2002, hg. Jan Lokers, Stade 2002.


18. November 2003

Leserbrief

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