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Blickrichtungen
Die Macht und das Recht
Der an der Freien Universität Berlin Öffentliches
Recht lehrende Jurist Ulrich K. Preuß hat mit seinem Buch zum
Jahrestag des 11. September einerseits einen "scharfsichtigen"
Essay geschrieben, andererseits aber auch einen "Selbstverständigungstext"
- wie so viele andere Autoren auch. (perlentaucher.de) Hier ein Auszug.
Von Ulrich K. Preuß
Robert
Kagan hat recht mit seiner Behauptung, daß Amerikaner und Europäer
nicht dieselbe Weltsicht teilen. Die Redeweise vom "alten Europa",
der sich der US-amerikanische Verteidigungsminister befleißigte,
ist die polemische Zuspitzung eines im Kern zutreffenden Sachverhalts.
Die Vorstellungen des heutigen Europa über internationale Sicherheit
sind tatsächlich eine - gewiß demokratiegemäße,
aber eben doch eine - Fortschreibung des im dynastisch-absolutistischen
Zeitalter entwickelten Prinzips des Machtgleichgewichts unter gleichberechtigten
souveränen Staaten. Seine heutige, zeitgemäße Gestalt
ist das völkerrechtliche System der UNO. Es ist ein System gegenseitiger
kollektiver Sicherheit, das einen potentiellen Angreifer in gemeinsame
rechtliche Verpflichtungen, Institutionen und Verfahren einbezieht,
dadurch Vertrauen herstellt und den internationalen Naturzustand in
einen Rechtszustand überführt. Philosophisch geht dieses Konzept
bekanntlich auf Kants "Föderalismus freier Staaten" zurück;
doch politisch hat den ersten Völker- und Friedensbund der Geschichte
paradoxerweise ein amerikanischer Präsident geschaffen, Woodrow
Wilson. Wilson genießt in den USA keinen allzu guten Ruf. Seine
Völkerbundsidee war nie wirklich populär. Es gehört zu
den bitteren Ironien der Weltgeschichte, daß die Nation, deren
Präsident den Völkerbund schuf, niemals dessen Mitglied wurde.
Doch eine innere Folgerichtigkeit kann man dem nicht absprechen. Der
Grund ist, daß der amerikanische Senat, dem Puls des amerikanischen
Volkes näher als ein idealistischer Präsident, dem Vertrag
von Versailles, dessen erste 26 Artikel zugleich das Statut des Völkerbundes
bildeten, die Zustimmung versagte. George Washington siegte posthum
über Woodrow Wilson.
Die unterschiedlichen Sichtweisen Amerikas und Europas auf die Ordnung
der internationalen Beziehungen haben also tiefe Wurzeln in einer langen
Geschichte. Kein Wunder, daß sie in der Irak-Krise mit aller Deutlichkeit
aufbrechen, denn hier stoßen die beiden Sicherheitskonzepte -
dort das der absoluten, hier das der relativen Sicherheit, dort das
Prinzip der einsamen und einseitigen Verteidigung der nationalen Sicherheit,
hier das UNO-System der gegenseitigen kollektiven Sicherheit - unvermittelt
aufeinander. In der Afghanistan-Intervention nach dem 11. September
2001 ließen sich beide Ansätze noch, wenn auch mühselig,
zur Deckung bringen. Die Europäer konnten sich damit beruhigen,
daß die dortigen amerikanischen Militäreinsätze auf
der Grundlage zweier Resolutionen des Sicherheitsrates als Ausübung
des in Artikel 51 der UNO-Satzung anerkannten natürlichen Rechts
auf Selbstverteidigung angesehen werden konnten. Die Amerikaner ihrerseits
nahmen dankbar die Ausrufung des Bündnisfalles des Artikels 5 des
NATO-Vertrages an, lehnten indessen bei den militärischen Operationen
jede Hilfe ihrer NATO-Verbündeten unter Hinweis auf ihre eigenen
Fähigkeiten höflich, aber bestimmt ab. Jede Seite wahrte ihr
Gesicht und konnte mit guten Gründen behaupten, ihren jeweiligen
Prinzipien treu geblieben und mit der anderen vollkommen einig gewesen
zu sein.
Im Falle des Irak haben sich die im Falle Afghanistan bereits erkennbaren
feinen Haarrisse zwischen den USA und dem "alten" Europa in
unübersehbare Spaltungen vertieft. Dabei geht es nur bei oberflächlicher
Betrachtung um die Alternative Krieg oder Frieden. Die wirkliche Alternative,
welche erst die Härte der transatlantischen Auseinandersetzungen
erklärt, lautet vielmehr: Krieg nach den Kriterien der USA oder
Krieg nach der Legalität der UNO. Wie ist das zu verstehen?
Sieht man einmal von dem in Artikel 51 der UNO-Satzung anerkannten
natürlichen Recht der Staaten auf Selbstverteidigung ab, das als
Grundlage für eine Intervention in den Irak nicht in Betracht kommt,
so bleiben als zulässige militärische Eingriffe nur noch die
vom Sicherheitsrat der UN autorisierten "militärischen Sanktionsmaßnahmen"
in den Fällen, in denen friedliche Mittel der Streitbeilegung versagen.
Es handelt sich dabei um Zwangsmaßnahmen, die die Völkerrechtsgemeinschaft
gegen einzelne ihrer Mitglieder ergreifen kann, die den Frieden oder
die internationale Sicherheit brechen oder bedrohen. Da die UN bekanntlich
über keine eigenen Streitkräfte verfügen, werden diese
Zwangsmaßnahmen stets von Streitkräften einzelner Staaten
durchgeführt, die dann im Auftrag des Sicherheitsrats handeln.
Ihrem äußeren Erscheinungsbild nach wiesen diese "Maßnahmen"
alle Merkmale eines Krieges auf, denn die unterschiedslose Zerstörungskraft
militärischer Gewalt wird natürlich auch in ihnen wirksam.
Dennoch gibt es einen guten Grund, daß die UN-Satzung hier die
Semantik des Krieges vermeidet. Denn strenggenommen handelt es sich
bei jenen "militärischen Sanktionsmaßnahmen" schon
gar nicht mehr um einen Krieg im klassischen Sinne, worunter wir verstehen:
ein Gewaltverhältnis zwischen Staaten, die mangels eines ihnen
gemeinsamen Rechts und einer ihnen übergeordneten Gerichtsbarkeit
ihren Streit über Rechtsansprüche oder rechtlich geschützte
Interessen mit militärischer Gewalt austragen.
...
Wenn aber unabhängig von solchen Ungewißheits- und Risikoabwägungen
die Amerikaner in jedem Fall zum Krieg, die Deutschen unter allen Umständen
zum Frieden entschlossen sind, dann darf man annehmen, daß sich
unter diesen Inkonsistenzen Handlungsantriebe verbergen, die einer anderen
Logik als der der weltpolizeilichen Gefahrenabwehr folgen. Da die deutsche
Position den Lauf der Dinge nicht beeinflussen wird, betrachten wir
hier nur die Entschlossenheit der Amerikaner zum Krieg gegen den Irak.
Warum wollen sie nicht einsehen, daß die Welt sich in einem zivilisierteren
Zustand befände, wenn die USA ihre überlegenen militärischen
Fähigkeiten in den Dienst der Vereinten Nationen stellten und,
als eine Art internationale Polizei, militärische Maßnahmen
nur nach Maßgabe der Gefahreneinschätzungen des UNO-Sicherheitsrates
ergriffen?
Die Antwort ist ebenso einfach wie vor allem für die Europäer
schmerzlich: Weil das amerikanische Militär und die dafür
von der amerikanischen Gesellschaft bereitgestellten immensen Ressourcen
in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich, dem Ziel ihrer
nationalen Sicherheit dienen, und weil die Amerikaner, wie wir gesehen
haben, traditionell ihre nationale Sicherheit nicht von den Entscheidungen
anderer Staaten abhängig machen, geschweige denn in die Hände
internationaler Organe legen.
Die "Hyper-Macht" USA handelt nun, da sie keinen ernsthaften
weltpolitischen Rivalen hat, nicht in der Vorstellung und der Absicht,
die Integrität einer durch das irakische Regime gestörten
Weltrechtsordnung wiederherzustellen und damit gewissermaßen als
Treuhänder der rechtlich verfaßten Weltgemeinschaft zu agieren.
Die USA sehen sich vielmehr vor die Notwendigkeit gestellt, eine neue
Weltordnung überhaupt erst errichten zu müssen. In ihrer Sicht
hat ihnen diese Notwendigkeit der 11. September mit brutaler Deutlichkeit
vor Augen geführt. Dieser Tag wurde für die Welt, vor allem
aber für Amerika, zu einem international constitutional moment,
wie es jüngst ein amerikanischer Jurist ausdrückte - ein Moment
blitzartig-plötzlichen, außeralltäglichen und dramatischen
Umsturzes der überkommenen Ordnung, auf deren Trümmern etwas
Neues entstehen muß. Langsam begreifen wir, was da an Neuem entsteht.
Ohne viel Sentimentalität sieht Amerika erstmals seit jenem demütigenden
24. August 1814, als Washington brannte, der Tatsache ins Auge, daß
es im eigenen Land seiner Bevölkerung keine verläßliche
Sicherheit garantieren kann, und dies in einer geschichtlichen Epoche
seiner höchsten militärischen Machtentfaltung, der kein anderer
Staat auch nur annähernd nahekommt. (Nur ein Beispiel: Die zweitgrößte
Luftstreitkraft der Welt nach der US Air Force ist die US Marine.) Konsequenter
und systematischer als je zuvor verfolgt die US-Regierung das Ziel,
Sicherheit zu Hause durch Macht und Kontrolle in vielen entfernten Regionen
des Globus auszuüben, während ihr gleichzeitig in vielen Teilen
der Welt abgrundtiefer Haß entgegenschlägt. Amerika findet
sich in der Rolle einer globalen Ordnungsmacht wieder, an der letztlich
die Verantwortung für die Sicherheit einer durch Fragmentierung,
Staatszerfall und globalen Terrorismus gelähmten Weltzivilisation
hängt.
Nicht zufällig wird gerade in den nachdenklicheren amerikanischen
Diskursen immer häufiger die Frage gestellt, ob Amerika auf dem
Weg zu einem Empire sei - zu einer nationenübergreifenden, weltumspannenden
universalen Oberherrschaft mit all den damit verbundenen Verantwortlichkeiten
und Lasten. Folgte man dieser Sicht, dann wäre Amerika jedenfalls
ein Imperium wider Willen, angetrieben durch die innere Logik eines
immer weiter ausgreifenden, nimmersatten expansiven Strebens nach absoluter
Sicherheit, dem die Fähigkeit des Vertrauens in andere fremd ist.
Louis Begley schrieb, daß er vor allem auf eine Qualität
des amerikanischen Imperiums des 21. Jahrhunderts stolz sei, nämlich
die, daß es sich - im Gegensatz zum zerfallenen Sowjetimperium
- auf Länder stütze, "die Verbündete, die Teil des
Imperiums sein wollen". Während er den Unterschied zwischen
dem sowjetischen und dem amerikanischen Imperium richtig kennzeichnet,
stellt sich aber doch die Frage, ob nicht ein Imperium von Verbündeten
ein Ding der Unmöglichkeit ist: Verbündete befinden sich untereinander
in einer Beziehung der Gleichheit und Gleichberechtigung, des wechselseitigen
Respekts, der freiwilligen Kooperation und, vor allem, des gegenseitigen
Vertrauens - wie verträgt sich dies mit der einseitig - hoheitlichen
Macht eines Imperiums?
Versteht man Amerika als ein Imperium, so findet das Rätsel, warum
die Amerikaner unbeirrt um die Ergebnisse der Inspektionen im Irak offenbar
unter allen Umständen zum Krieg entschlossen sind, eine plausible
Lösung. Weder eine den Amerikanern vorzüglich von vielen Europäern
gerne zugeschriebene Cowboy-Mentalität, noch ungeklärte Vater-Sohn-Beziehungen
der Familie Bush, noch auch das Interesse am Öl-Lieblingsthema
aller sich besonders realistisch gebenden Weltstrategen würden
dann jene hartnäckige Kriegsbereitschaft der USA erklären,
sondern die amerikanische Entschlossenheit, der Welt eine neue Ordnung
zu geben. Und dies ist nicht die Ordnung einer mit polizeilichen Befugnissen
ausgestatteten Rechtsgemeinschaft der Vereinten Nationen. Es ist die
Ordnung eines höchst merkwürdigen und singulären Imperiums.
Dieses Imperium verknüpft die universellen Ideen der Menschenrechte
und der Demokratie mit sehr partikularen religiösen Vorstellungen
von der Auserwähltheit der amerikanischen Nation und ihrer historischen
Mission, der Welt die Demokratie zu schenken. Vielleicht ist ja dieses
Gefühl der Auserwähltheit der tiefste Grund für das Vermächtnis
der amerikanischen Gründergeneration, die nationale Sicherheit
wie ein Sanctuarium selbst vor der Mitbestimmung durch demokratische
Verbündete zu schützen.
...
Diese Sicht hat ihre innere Logik, die Logik des Thomas Hobbes: Bevor
das Recht gilt, muß die Ordnung geschaffen werden, die dem Recht
Geltung verschafft. Dann wäre Amerikas Krieg gegen den Irak ein
Krieg, der eine neue Weltordnung errichtet, deren Recht noch nicht erkennbar
ist. Zu dieser Logik gehört indessen auch, daß auch diese,
wie jede rein machtgestützte Ordnung, keine Neigung hat, sich durch
Recht beschränken zu lassen. Aber Recht beschränkt nicht nur.
Recht erzeugt Vertrauen, Berechenbarkeit, Sicherheit; Recht ermöglicht
auch. Die Macht, die das Recht als Bedingung ihrer Wirksamkeit ausschlägt
und sich allein auf ihre zwingenden Ressourcen verläßt, begibt
sich der durch Wechselseitigkeit eröffneten Erweiterung ihrer Möglichkeiten.
Hannah Arendt, der wir die Unterscheidung zwischen kommunikativer Macht
und Gewalt verdanken, könnte mit ihrem durch die europäischen
Katastrophen geschärften Blick ihre Landsleute lehren, daß
mit innerer Zwangsläufigkeit die unilaterale Macht des einsamen
Herrschers letztlich nur noch in der stummen und kommunikationslosen
Gewalt des Militärs besteht. Vielleicht ist es also gar nicht so
paradox, wie die Amerikaner es erleben, daß sie ausgerechnet auf
dem Höhepunkt ihrer Macht auf ihrem eigenen Territorium verletzlich
geworden sind. Vielleicht liegt es ja daran, daß ihre riesige
Macht ihre Fähigkeit eingeschränkt hat, mit der Welt zu kommunizieren.
Macht ist nicht nur eine Wohltat. Wird sie zur Übermacht, so kann
sie sogar für den Mächtigen gefährlich sein. Von dem
amerikanischen Politikwissenschaftler K.W. Deutsch stammt der berühmt
gewordene Satz: "Macht hat, wer es sich leisten kann, nicht lernen
zu müssen." Was für ein Danaergeschenk kann Macht in
unserer heutigen Welt sein! Der kluge Machthaber fesselt daher seine
Macht und zwingt sich dadurch, die auf ihn einstürmenden Herausforderungen
mit Intelligenz, Phantasie, Kreativität, Ausdauer und anderen 'zivilen'
Eigenschaften zu bewältigen. Eine Ordnung, die sich nicht selbst
unter den Zwang zum Lernen setzt, verspielt ihre Zukunft. Das hatten
die Amerikaner ebenso wie die Europäer am Ende des 18. Jahrhunderts
begriffen, als sie den Schritt vom Prinzip der alles durchdringenden
kontrollierenden Macht eines hegemonial-absolutistischen Herrschers
zum demokratischen Verfassungsstaat vollzogen. Dieser erst ermöglichte
den geistigen und politischen Streit und den gesellschaftlichen Konflikt
- Grundlage des euro-atlantischen Zivilisationsmodells. Er verzichtete
bekanntlich keineswegs auf Macht und Zwangsgewalt, aber er zähmte
sie und machte sie zu einem Instrument des Rechts.
Denken wir an Imperien, so stellt sich sofort die Erinnerung an die
Ursache ein, an der bislang noch alle Imperien der Weltgeschichte zugrunde
gegangen sind: die Überanstrengung ihrer Herrschaft. Die bis heute
gültige Formel dafür fand Rousseau: "Auch der Stärkste
ist nie stark genug, um immer Herr zu bleiben, außer er verwandelt
seine Macht in Recht und den Gehorsam in Pflicht."
Viel spricht dafür, daß auch in Zukunft Rousseau gegen Hobbes
Recht behalten wird. Das "alte" und weise gewordene Europa
sollte nicht müde werden, seinen amerikanischen Freunden diese
Einsicht immer wieder vor Augen zu führen.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Klaus Wagenbach,
Berlin, entnommen aus:
Ulrich K. Preuß, Krieg Verbrechen, Blasphemie. Gedanken aus dem
alten Europa, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2003 (Epilog).
16. Januar 2004
Leserbrief
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