Tod in Toronto

Eine widerrufbare Diagnose

Es ist gar nicht so eindeutig, wann ein Staat an einer Epidemie leidet - und ab wann plötzlich nicht mehr. Aber mit geht ja alles, auch dies, besser.

Von Vasile V. Poenaru

Ende Juli rollten die unermüdlichen Rolling Stones mit großem Aufsehen nach Toronto: to bring our favorite city back to life, so der nun bereits sechzigjägige Mick Jagger. Nur ein einziger Monat stand für die Vorbereitung des Mega-Konzerts zur Verfügung – umso imponierender dünkt die Leistung. Nahezu eine halbe Million Fans zog es zum Downsview-Gelände im Norden der Großstadt, ja viele von ihnen hatten sich sogar mehr als 24 Stunden vor Beginn des Konzerts einen guten Platz unter der brennenden Sonne sichern wollen. Am Konzerttag hatten sich schon früh am Morgen sechzigtausend Personen eingefunden, um der bisher größten derartigen Show mit bezahltem Eintritt in Nordamerika stolz und begeistert beizuwohnen. Am selben Ort hielt übrigens im Vorjahr der Papst seine öffentliche Messe (The Papal Mass – The People's Mass).

Toronto rocks. Daran bleiben auch jenseits der Euphorie des Tages kaum Zweifel übrig. Den Anlass für diese breitangelegte rockige und rollende Veranstaltung im Hochsommer gab das hierzulande als allgemein-verbindlich geltende kanadische Imperativ, den SARS-Spuk ein für alle Mal loszuwerden. Mit Klang. Mit Gefühl. Mit Schwung. Unter Jubel und Ekstase. Mit Anmut, aber lieber nicht mit Übermut. Alle Welt konnte sich nun davon überzeugen, dass man hier aus vollen Touren liebt und lebt und tobt und wogt, dass man hier auch ohne Mundschutz garantiert gesund bleibt. Todsicher. Lebenssicher.

Am großen Ontario-See hegten die Leute große Erwartungen (Satisfaction guaranteed). Die Maske des atemlosen Todes in aller Öffentlichkeit abreißen, ein sensationelles Monument der Unterhaltungskultur setzen, der wichtigsten kanadischen Metropole wieder zu ihrem wohlbekannten Dynamismus und Anziehungspotenzial verhelfen: Nichts weniger hatte man im Sinn. Und das SARS-Konzert war in der Tat überwältigend. Dementsprechend gezielte Worte hielt Mick Jagger freundlicherweise in Downsview bereit: Toronto is back. And it's booming.

Was freilich im Moment eher eine Metapher darstellt. A message to the world. Ein Wunschtraum. Preiswerte Reklame. Immerhin aber wurde neulich dem SARS-Schrecken zum Trotz wieder ein Wirtschaftswachstum verzeichnet. We are a true northern tiger, heisst es ja gewöhnlich ohne falsche Bescheidenheit rund um Ottawa, wenn's um den globalen wirtschaftlichen Wettbewerb geht. Vor kurzem befand sich die Provinz Ontario international betrachtet bezeichnenderweise ganz an der Spitze boomender Industrien. Noch vor wenigen Monaten hätte sich keiner träumen lassen, dass der auf vielfacher Ebene expandierende Treffpunkt Toronto Hilfe brauche, um Menschen anzulocken. Denn Menschen kommen hier immer wie auf dem Laufband vorbei, was die Statistik am Pearson International Airport bezeugt. Doch mit den Menschen kommen manchmal Viren.

Die Seuche kam über die See. Sie kam in einem großen Flugzeug direkt vom Ende der Welt: direkt vom Anfang der Welt. Aber es war ja eigentlich gar keine Seuche. Es war eine Krankheit, eine ganz schlimme freilich, doch immerhin eine, die wir jetzt los sind. Hoffentlich für eine lange Weile. Toronto bleibt nach wie vor eine offene Stadt, worauf viele seiner Einwohner stolz sind. Andere machen sich Sorgen.

SARS war in Kanada vor allem ein psychologisches Trauma, und für manche Wirtschaftsbranchen (wie etwa denTourismus) eine kurz- bis mittelfristig verheerende Katastrophe. Im Zeitalter der Globalisierung stellen sich Gesundheitsexperten, Wissenschaftlern wie Politikern unter Umständen sehr undankbare Herausforderungen in Hinblick auf den mutmaßlich bestmöglichen Umgang mit der zulässigen Bewegungsfreiheit von Menschen und Viren Und es stellt sich auch die Frage: Wie global ist zu global?

Und dann war es freilich auch noch ein kulturelles Trauma, ein multikulturelles Trauma. Die Identität einer Stadt, die ihre Kraft aus der Vielseitigkeit ihrer Einwohner schöpft, wurde aus neuen Richtungen beleuchtet. Tod in Toronto: keine gute Reklame. Dies sahen die Behörden schnell ein und entschieden auch gleich, ein paar Millionen auszugeben, um für Toronto als Reiseziel zu werben, was an der Krise als solcher allerdings wenig änderte.

Zuerst einmal gab es nämlich die Krankheit selbst. Darüber hinaus schalteten sich aber selbstverständlich schnell die Medien ein, und viele Politiker meldeten sich im prompt folgenden psychologisch, sozio-politisch und wirtschaftlich bedingten Streit zu Wort. Verantwortlichkeit war in der Regel kein grundlegendes Kriterium im Umgang mit diesem kleinen Feind, der an den fortschrittlichen Prinzipien einer Gesellschaft zu nagen drohte, in der das Andere groß geschrieben wird.

Im April hatte die Weltgesundheitsbehörde WHO ein Urteil über Toronto verhängt, ein Urteil, das im öffentlichen Bewusstsein unseres Planeten auf einmal wie eine unübersehbare Vogelscheuche direkt neben dem CN-Turm stand: SARS. Die erschütternde Warnung sollte für wenigstens drei Wochen gelten. Doch schon wenige Tage später flog eine überzeugungskräftige kanadische Delegation nach Genf, mit dem deutlichen Auftrag, die Entscheidungsfaktoren der Weltgesundheit zu beschwichtigen. Der Bann wurde aufgehoben. Nicht die angekündigten drei Wochen, sondern bloß eine Woche lang hatte er gedauert. Über die Hintergründe dieser Affaire kann man sich immer noch unterhalten. Die Medien staunten, die Besucher zögerten, SARS-Kundige hoben die Brauen. War man in Genf voreilig? Waren die Kanadier sehr beweisstark oder bloß sehr eindringlich? Hat jemand da womögflich etwas Unlauteres versucht? Ist jemand darauf eingegangen?

An Gerüchten sollte es nicht fehlen. Die Vertuschungstheorie wurde jedoch meist schon rein moralisch sozusagen als unproduktiv abgetan. Dr. David Heymann, für SARS zuständiger Executive Director bei der Weltgesundheitsbehörde, gab dann schließlich Mitte Juni in Hong Kong bekannt, dass Kanada die Behörde unter politischen Druck gestellt hat: extrem unanständig. Die Aufhebung des Banns sei aber nichtsdestoweniger vollkommen unabhängig davon entschieden worden. (Was allerdings in diesem Zusammenhang auf Anhieb nicht unbedingt glaubwürdig klingt.)

Sollte Genf Toronto gegenüber politisch oder ansonsten bedingte Zugeständnisse gemacht haben, wäre es um die Gesundheit der Welt nicht gut bestellt. Auf der westlichen Seite des Atlantischen Ozeans wurde diese Darstellung der Verhandlungen jedenfalls entschieden abgelehnt. Ganz im Gegenteil wollten die kanadischen Behörden ihrerseits ein kritisches Fragezeichen in Bezug auf die Art und Weise setzen, in der man von Genf aus die SARS-Krise behandelt hat. Die Kanadier haben der Weltgesundheitsbesörde im Rahmen ihres umstrittenen Besuches ganz einfach die entsprechenden Fakten sinnvoll vorgelegt, hieß es, weil voreilige Begutachter sowie das sensationshungrige Zeitungsvolk einen zu großen Wirbel aus der Sache gemacht hatten und demzufolge in der Öffentlichkeit wie auch in einschlägigen Bereichen bereits irreführende Zahlen zirkulierten, die auf einer sehr differenzierten Methodologie der Datenbearbeitung basierten und das zwar ernsthafte, doch durchaus nicht katastrophale Problem unvertretbar aufblasen ließen.

Bei dieser Weltkrankheit ist vieles verkehrt gelaufen, in Asien wie in Genf. Aber nicht in Toronto, so lautete das kanadische Argument. Transparenz. Effizienz. Kompetenz: War alles da. Die Weltgesundheitsbehörde kam allerdings im März spät mit ihrer ersten Warnung über diese neue asiatische Krankheit heraus. Wären die Kanadier rechtzeitig davon informiert worden, so hätten sie sich auch optimal darauf vorbereiten können. Das Schlimmste habe man aber hinter sich. Kein Grund zur Panik. Bienvenu au Canada! Die Großen Seen sind sehr groß, die kanadischen Rockies sehr steinig, die Rolling Stones sehr zu Hause in der kanadischen Weltstadt.

Doch die öffentlichen kanadischen Beschwichtigungen klangen offenbar zu schroff, um die Welt zu überzeugen. Zu unreflektiert, zu zweckmäßig einseitig und zu verfrüht. Im Mai und Juni sah die Lage deswegen immer noch ziemlich düster aus: Kaum einer traut sich mehr nach Toronto, klagte bald Air Canada. So wütend war ich noch nie im Leben!, bekundete auch Torontos Bürgermeister Mel Lastman. Wer denkt, unsere Stadt sei verseucht, soll doch selber mal herkommen und sich davon überzeugen, wie gut die Lage im Griff ist. Das kleine New York in Kanada dem virusstrotzenden China gleichzustellen: total verkehrt. Die riesigen Wälder nördlich der Großen Seen spenden die beste, die bestmögliche Luft.

Toronto ist eine Kongressstadt. Eine Finanzstadt. Ein touristischer Anziehungspunkt. Eine Oase des Multikulturalismus, der Weltoffenheit. Ein Ort, wo Menschen zusammentreffen, schon der Name sagt es. Das indianische Wort bedeutet nämlich Treffpunkt. Aber Ende April stand aber die Weltstadt Toronto trotz ihres einnehmenden Selbstverständnisses als kleines Zentrum der postmodernen Weltgeschichte eine Woche lang auf der No-go-Liste der WHO. So eine Warnung hat langfristige wirtschaftliche Folgen. Pariah City hieß es auch bald schadenfroh drunten in den Staaten. Fast vierzig Personen sind hier bereits an SARS gestorben, nachdem die Krankheit im Februar per Flugzeug aus Hong Kong eingeführt wurde. Im Großraum Toronto gibt es schätzungsweise 400.000 Einwohner chinesischen Ursprungs, das macht etwa ein Zehntel der gesamten Bevölkerung aus. Gewöhnlich essen recht viele Leute in den chinesischen Restaurants. Jetzt dürfte der Umsatz dort allerdings eher bescheiden ausfallen, denn es schauen verhältnismäßig immer noch wenige Gäste vorbei, das heisst, abgesehen vom Kanadas Premier Jean Chrétien, der aus propagandistischen Gründen ein gutes Beispiel geben wollte. Niemand folgte ihm. (Bürgermeister zählen hier nicht.)

Musik verhalf Toronto zum neuen Durchbruch. Jetzt braucht man nur noch eine neue Definition, eine bessere Diagnose, ein treffenderes Leitwort für den Treffpunkt. Atemberaubende Stadt? Jenseits des Pazifischen Ozeans wurde dieses poetisch gemeinte Sinnbild zum Verhängnis. (Hong Kong takes your breath away). Die Reklame musste man schnell löschen, nachdem sie im wörtlichen Sinne todernst wurde. Lange Zeit noch wird man wohl von keinem Ort mehr sagen, er sei atemberaubend. Sagen wir ganz einfach eine schöne Stadt.

Die Weltöffentlichkeit hat mit Bestürzung auf Toronto geblickt, wo der Begriff SARS für die Dauer mehrerer Monate eine neue Heimat fand, doch in der Stadt selbst machte man sich streng genommen nicht ganz so viele Sorgen (folgte ja sowieso bald die Nachricht vom unheimlichen West-Nil-Virus, den die Mücken jeden Sommer verbreiten). Außerhalb des Gesundheitswesens trug fast niemand einen Mundschutz. Und irgendwie war die Seuche dann schließlich weg.

Kaum aber war der SARS-Schrecken halbwegs vorbei, wurde in zwei kanadischen Provinzen BSE-Alarm geschlagen. Premier Chrétien hat sich natürlich gleich einen tüchtigen Braten bestellen lassen, um unter Beweis zu stellen, dass Rindfleisch immer noch schmeckt. Auch diese Reklame klang ein bisschen schroff, und manch einer fragte sich, ob das Rindfleich des Premiers von einem Ferkel oder eher von einem Hühnchen stammen möge. Die angesteckte Kuh hat keiner gegessen, dafür waren unsere Inspektoren zu schlau. Hundefutter freilich wurde daraus hergestellt. Aber hoffentlich hat keine Kuh was davon gekriegt. Nein, nicht hoffentlich: ganz bestimmt. Ganz bestimmt nicht. In bekömmlichen Tönen geht die Arie weiter. Verantwortlichkeit ist in der Gesundheitspolitik nie fehl am Platz.

Nachdem SARS weg war, war SARS wieder da. Peinlicherweise befand sich eine kanadische Delegation gerade in China, um lehrreiche Lektionen zum Thema SARS-Bewältigung loszuwerden, als die Krankheit neu zuschlug. It's here to stay, galt das weise Wort der Stadtväter, wo es doch kürzlich noch gehießen hatte: It's gone for good. Die Widerrufung der Diagnose wurde für eine kurze Weile ihrerseits zurückgenommen. Termine verschoben. Buchungen gekündigt. Neue Werbetexte erstellt. Doch nichts folgte. Wir atmen ein und aus und bleiben gesund und glücklich. Lasset uns singen, tanzen und springen. Und jetzt, nach dem lukrativen SARS-Konzert in Downsview, meinen wir wieder zu wissen : It's gone for good.

18. November 2003

Leserbrief

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