Die "Wahrheit" des Geschriebenen

Fake, Fakt, Fiktion und andere Wirklichkeiten

Es ist schon ein Kreuz mit der Phantasie. Hat ein Autor zu viel davon, kriegt er was auf die Mütze. Wenn er zu wenig hat, auch.

Von Hans Pfitzinger


"Die Wirklichkeiten auf dem Planeten beginnen, ihre Romantätigkeiten zu intensivieren. Die Möglichkeit fängt an zu spinnen." (Alexander Kluge)
"Die Wirklichkeit ist eine Hilfskonstruktion für Leute, die Angst vor Drogen und Alkohol haben." (Robert Anton Wilson)
Fake: Fälschung, Nachahmung, Imitation, Schwindel, Betrug. (Der kleine Muret-Sanders
)

Rodney Rothman hatte einen feinen Artikel geschrieben, den er auch noch an eine renommierte Zeitschrift verkaufen konnte. Der Artikel hieß "My Fake Job" und erschien im "New Yorker", dem Vorzeigeblatt des amerikanischen Bildungsbürgers. Mit "My Fake Job" meinte Rothman aber nicht den von ihm verfassten Artikel, sondern den Job, den er darin beschreibt: Rothman arbeitete mehr als zwei Wochen in einer Internet-Firma. Doch das war noch nicht das Besondere, und es hätte für sich genommen wohl als Stoff für einen Artikel noch nicht viel hergegeben. Das Besondere war die Tatsache, dass Rothman zwar täglich an seinem Arbeitsplatz erschien, aber gar keinen Job in der Firma hatte. Er war "vor wenigen Wochen einfach ins Büro reingegangen."
Wie gesagt, ein fein geschriebener Artikel, irgendwo angesiedelt zwischen Herman Melvilles Novelle "Bartleby" und Günter Wallraffs Rollenreportagen als Türke Ali oder als falscher Bild-Redakteur. Der "New Yorker" druckte Rodney Rothmans "My Fake Job" im November 2000 unter der Rubrik "Fact", ausdrücklich als Artikel, nicht als fiktive Kurzgeschichte, und erhielt darob viel Beachtung in Kollegenkreisen und bei den Yuppies aus der Hightech-Branche, die sonst eher nicht dafür bekannt waren, die Zeitschrift zu lesen. Rothman, der mit 21 als Gagschreiber bei Harald Schmidts Vorbild David Letterman angeheuert und mit 24 die Leitung von Lettermans Schreiber-Team übernommen hatte, war mit 26 Stadtgespräch von New York. Überall in der Hightech-Branche setzten Spekulationen ein, um welche Firma es sich wohl handeln könnte, und durch einige Hinweise - der Spruch auf dem T-Shirt eines Mitarbeiters, die Fotokopie der ersten zwei Seiten von Herman Melvilles "Moby Dick" neben dem Aufzug - fand sich auch ein Unternehmen genau genug dargestellt, um Rothman eine Klage wegen Hausfriedensbruch und der Zeitschrift "New Yorker" ein Verfahren wegen Beihilfe anzudrohen. Als Folge des Artikels wurden die Sicherheitsvorkehrungen bei vielen Firmen überprüft und verbessert. Auch in einigen Internet-Chatrooms wurde über den Fall diskutiert. Als ein Teilnehmer dabei die Information einbrachte, dass Rothmans Mutter ebenfalls in dieser Firma arbeitet, kamen David Remnick, dem Chefredakteur des "New Yorker", erstmals Bedenken: Was hatte ihm Rothman sonst noch verschwiegen? Oder war vielleicht die ganze Geschichte erfunden? Remnick rief Rothman an, der inzwischen nach Los Angeles umgezogen war und in einer Produktionsfirma mit dem schönen Namen Dream Works an einer Sitcom für die TV-Gesellschaft Fox arbeitete. Zur Rede gestellt, gab Rothman zu, dass seine Mutter einmal in der von ihm beschriebenen Internet-Firma beschäftigt war. "Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?" fragte Remnick seinen Autor. Rothman bekannte, dass er an einigen Stellen Formulierungen gebraucht hatte, die eine Identifizierung der Firma verhindern sollten. Und dass er selbst nicht, wie im Artikel beschrieben, von der im Büro angebotenen Rückenmassage Gebrauch gemacht, sondern im letzten Moment darauf verzichtet habe. Eine legitime Rücksichtnahme auf die beschriebene Firma und eine kleine Schwindelei also.
Vielleicht war es ja die Liebe zur Literatur, dazu das Bestreben, nur keinen Gag auszulassen - jedenfalls zitiert Rodney Rothman zwei Mal aus den ersten beiden Seiten von Moby Dick, die jemand kopiert und neben der Aufzugtür angebracht hatte. "Erhebe dein Leben mit Literatur!" stand oben drüber. Und Rothman zitiert, weil die Formulierung im Großraumbüro einer Internet-Firma eben ganz besonders treffend erscheint, zuerst den Satz von den "Landratten, die Woche über eingepfercht zwischen ihren vier Wänden, angebunden an Ladentische, festgenagelt an Werkbänke, angeschmiedet an Pulte." Und er fügt ironisch hinzu: "Versuch mal, darüber nachzudenken, in der U-Bahn, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Wovor hat sich Ishmael denn überhaupt so gefürchtet? Sind Skorbut, Walattacken und Piratenüberfälle so viel besser als in einem Büro zu arbeiten? Unser Büro hat zumindest eine Klimaanlage. Die Gratis-Doughnuts am Donnerstagmorgen sind wenigstens nicht von Ratten aus dem Kielraum besudelt worden." Und weil das mit Melville und Moby Dick gerade so gut lief, beschließt Rodney Rothman, noch einen Satz aus dem Anfangskapitel zu zitieren, wo Melville sich über die Bedingungen des Menscheins auslässt: "... und so macht die allgemeine Schinderei die Runde, und jeder sollte des anderen Buckel reiben und zufrieden sein." Das meint Melville eher metaphorisch. Aber Rothman sagt auch, weshalb er das zitiert. In seinem Büro gibt es eine Mitarbeiterin, die den Kollegen den Rücken massiert, und Rothman beschreibt das so: "Melissas Hände reiben meine Schulterblätter. ‚Du bist ganz schön verspannt im Nacken und an den Schultern', sagt sie. ‚Du solltest dich öfter mal massieren lassen.'"
Das war's im Grunde genommen schon, drei Zeilen, die der literarischen Entdeckung der Herbstsaison in Zukunft eine weitere Mitarbeit beim "New Yorker" unmöglich machen. David Remnick, der Chefredakteur höchstselbst, entschuldigte sich im nächsten Heft bei seinen Lesern für den Artikel: "Wir haben erfahren, dass Rodney Rothman in seinem Stück 'My Fake Job' erkennbare Einzelheiten über den Arbeitsplatz verändert und einen Vorfall - eine Massage im Büro - beschrieben hat, der nicht stattfand. Außerdem hätte der Autor aufdecken müssen, dass seine Mutter bei der Firma gearbeitet hat. Die Zeitschrift verbirgt keine Einzelheiten oder vermischt Tatsachen mit Fiktion, ohne den Leser darüber zu informieren (nicht mal in einem humorvollen Stück wie diesem), und wir bedauern den Irrtum aufrichtig."
Ein übertrieben hoher Anspruch? War nicht das SZ-Magazin hier in Deutschland von Tom Kummer viel schlimmer reingelegt worden? Der hatte ganze Interviews mit Prominenten gefälscht. Oder das Schweizer Blatt "Blick". Dem hatte ein Autor im vergangenen Sommer ebenfalls ein gefaketes Interview (mit Mick Jagger) angedreht. Oder die "New York Times": die hatte Reportagen eines Mitarbeiters gedruckt, der nicht mal am Ort des beschriebenen Geschehens war. (Von George Bush und Tony Blair gar nicht zu reden, die mit erfundenen "Massenvernichtungswaffen" einen Krieg rechtfertigten. Aber die beiden hatten ja nie behauptet, Journalisten und damit der Wahrheit verpflichtet zu sein.)
Vielleicht hatte der Chefredakteur des "New Yorker" ja Recht, als er so offensichtlich humorlos reagiert hat. Vielleicht stimmt die Devise "Lieber unterhaltsam gelogen als langweilig die Wahrheit gesagt" nur bis zu einem gewissen Grad, vielleicht sollte der Leser, wenn irgend möglich, bei der kleinsten Abweichung von der Wahrheit mit einem "Achtung! Fiktion!" gewarnt werden.
Was aber wenn das als Fiktion gekennzeichnete Stück gar keine ist, sondern die "Wirklichkeit" so gut beschreibt, dass sich Personen darin wieder erkennen und auf Unterlassung - Verbot der Veröffentlichung - klagen? So geschehen bei den zuletzt veröffentlichten Romanen von Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst. Wieder anders liegt der Fall bei der "nicht autorisierten" Biographie des Nuschelsängers Herbert Grönemeyer, die vorläufig nicht weiter verkauft werden darf, weil der Barde sich beleidigt fühlt vom Autor. Und im Falle Dieter Bohlen, der ja "Nichts als die Wahrheit" verkauft, liegt der Fall wieder anders (kein Namenskalauer beabsichtigt), wenn die im Buch Erwähnten vor Gericht ziehen. Allerdings kann ich mich dabei des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass diese einstweiligen Verfügungen den Autoren und Verlagen manchmal eher nützen als schaden. Was, wenn da der Dialog vorausgegangen ist: "Heh, Alter, kannste nicht mal schnell gegen mein Buch klagen und eine Einstweilige fordern? Sonst kauft es wieder keiner."
Ich weiß auch keinen allgemein gängigen Ausweg. Darf man wirklich alles veröffentlichen? Meine tägliche taz macht sich im Falle der verbotenen Romane für die Freiheit der Kunst stark: Wo, wenn nicht in der Wirklichkeit, soll denn der Autor seine Inspiration holen? Das, finde ich, ist eben zu kurz gedacht, denn dann könnte jeder Fiesling, unter dem Vorwand, die Literatur zu pflegen, schreibend Rache an einer Verflossenen nehmen. Und wer würde behaupten wollen, dass die Fähigkeit zum Schreiben vor Fiessein schützt? Maxim Biller hat ja mit zum Teil von Hass erfüllten Kolumnen seine Schreiberkarriere erst in Gang gebracht. Die Gerichte hielten die Einschränkung der Kunst- und Redefreiheit für weniger relevant und stellten sich bisher auf die Seite der Opfer. Denn die Leerformel, nach der "jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen Zufall" sei, glaubt ja eh keiner mehr.
Truman Capote, der den "New Journalism" als Gattung begründet hat ("Kaltblütig" war der erste Fakten-Roman, wenn man so will), zeigte sich erstaunt darüber, dass ihn seine vorgeblichen Freunde aus der New Yorker High Society nach der Veröffentlichung von "Musik für Chamäleons" fallen ließen wie eine heiße Kartoffel. Er hatte zwar keine richtigen Namen genannt, doch die Beschreibung der Reichen und ihrer Macken war so genau und treffend, dass sie sich (und ihr Bekanntenkreis sie) unweigerlich wieder erkennen mussten. Capote tat verwundert: "Was dachten die sich eigentlich? Ich bin schließlich Schriftsteller." Ein literarischer Klatschreporter, der von sich sagte: "Ich bin schwul, ich bin drogenabhängig, ich bin ein Genie."
Es ist schon ein Kreuz mit der Phantasie beim schreibenden Menschen. Hat einer zu viel, kriegt er - als Journalist - Schwierigkeiten, hat er zu wenig, wird er - als Romanautor - verklagt. Und schreibt er eine Autobiographie, kann er sich, so oder so, eine Gerichtsklage einhandeln.

Die Zitate aus dem Artikel von Rodney Rothman hat der Autor übersetzt, die Moby Dick-Zitate stammen aus der Übersetzung von Richard Mummendey (Winkler-Dünndruckausgabe). Bei ihm heißt Melvilles Ich-Erzähler übrigens Ismael, nicht Ishmael.

16. Dezember 2003

Leserbrief

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