|
|
Ein leider gelungenes Experiment
Mit chromo-soma lieben Sie die schöne neue Welt!
Einkaufen im Gen-Laden um die Ecke: In Bremen wurde
dies neulich zehn Tage geprobt. Viele Kunden griffen bei den Angeboten
der Firma chromo-soma eifrig zu, kaum jemand regte sich auf. Und das
in einem Viertel mit 40 Prozent grünen Wählern.
Von Hans-Christoph Neidlein
"Es ist so einfach: Für den kurzen Eingriff der Eizellenentnahme
hat mich chromo-soma für 2 Tage in ein Wellness-Ressort nach Luxemburg
eingeladen. Erholung pur verglichen mit meinem stressigen Arbeitstag.
Ich bin so glücklich. Mein Baby erwartet mich im New Yorker Labor
der chromo-soma und gemeinsam werden wir das Wunder einer Schwangerschaft
erleben. Wenn ich dazu bereit bin." Dr. Simone Staffenhagen, Anwältin.
(Aus: chromo-soma das Leben verstehen, Werbeprospekt des Bremer
Gen-Shops)
Freundlich lächelnde Mitarbeiter schenken vor dem Ladeneingang
zwischen kleinen Apfelbäumen Prosecco aus. Auch im Inneren von
"chromo-soma" stehen grüne Bäumchen. An den dunkelroten
Wänden hängen in symetrischer Anordnung Tüten aus mulchigem
Kunststoff. Durch die trendige Verpackung leuchten bunte Röhrchen.
"Darf ich Ihnen mal 'gen maxx' zeigen", fragt Genfachverkäufer
Noah. Er pflückt eine der Tüten von der Wand (Foto) und zeigt
auf das gelbe Probenfläschchen und eine Impföse. "Sie
müssen sich nur 0,01 Milligramm unter die Zunge träufeln.
Damit können Sie ihre Sinne von allen genetischen Blockaden befreien
und ihr Lebensgefühl um ein Vielfaches steigern". Mittlerweile
strömen zahlreiche Kunden in das neue Geschäft im "grün-alternativen"
Bremer Ostertor-Viertel. Die sechs Verkäufer sind in ihrem Element.
Im Hintergrund erklärt ein Mann im weißen Kittel in dem Video-Shopping-Programm,
welches auf zwei Bildschirmen zu sehen ist, die Vorzüge der neuen
Gentech-Angebote. Das perfekte Baby auf Wunsch mit "book a baby",
die Sicherung der eigenen DNA und das spätere Klonen mit "reset",
der Schutz vor genetischen Datenschnüfflern mit "gen-ex"
oder die Überlassung der DNA an eine isländische Gen-Datenbank
"gen invest" selbstverständlich "alles streng
geprüft".
Partnerprüfung mit "genetic horoscope"
"Was ist denn das", fragt eine junge Frau und zeigt auf die
grüne Ampulle des "genetic horoscope". Ein neues Dienstleistungsangebot
im Bereich der Analyse genetischer Materialien, erzählt Noah. Praktischen
Nutzen bringe das standardisierte Testverfahren beispielsweise bei der
Partnerwahl: Besser die verborgenen Neigungen und Defekte des Lebenspartners
rechtzeitig herausfinden, als unnötig schmerzhafte Trennungen durchleiden.
Mit Hilfe eines Genabdrucks, beispielsweise einem Haar des potentiellen
Partners oder einer Speichelprobe, könne "chromo-soma"
innerhalb einer Woche dessen Charaktereigenschaften bestimmen. So den
Humor, die Herzenswärme, die Leidenschaft,
die Sparsamkeit oder ein eventuelles polygames Verhalten. Die junge
Frau ist sehr interessiert. "Was kostet das?". Geld erfährt
sie, muss sie noch keines bezahlen. Nur ihre Adresse soll sie hinterlassen
und eine Garantieerklärung für die Echtheit der einzusendenden
Genproben sowie eine Haftungsausschlussregelung unterschreiben. Dies
sei bei allen Produkten so, erklärt der Verkäufer, schließlich
finden ja gerade Aktionswochen statt. Eine halbe Stunde nach der Eröffnung
des Gen-Shops unterschreibt der erste Kunde. Mehr als 60 Interessenten
nehmen bis zum Abend eines der "chromo-soma"-Produkte mit
nach Hause.
Stimulationsmittel schmeckte nach Chilipulver
Nur Michaela Boltmann kommt an diesem Septembertag zum zweiten Mal
wütend in den Laden. Sie will ihren Kaugummi zurück. Denn
vor dem Laden hatte sie mittags ihren gebrauchten Kaugummi gegen ein
zusätzliches Geschenk der "chromo-soma"-Verkäufer
eingetauscht: einen Apfel und ein hartgekochtes Ei. Zu Hause kam sie
dann doch ins Grübeln. Hat sie etwa ihre DNA zur kommerziellen
Verwertung an die international agierende Firma für solch einen
Spottpreis verschenkt? Im Hinterzimmer des Ladens erfährt die Studentin
dann schließlich die Wahrheit.
Die Verkäufer sind allesamt professionelle Schauspieler, "chromo-soma"
ist ein Kunstprojekt. In Auftrag gegeben von der Bundeszentrale für
politische Bildung sowie der Bremer Landeszentrale, um die Öffentlichkeit
im Vorfeld eines Gentechnik-Kongresses in Bremen mit der Problematik
der Anwendung dieser Technik zu konfrontieren. "Wir hätten
uns mehr solcher Reaktionen gewünscht", erklärt der Projektleiter
und Aktionskünstler Alf Thum. Doch von den rund tausend Besuchern,
welche während zehn Tagen in dem Laden ein und ausgingen, und von
den über 350 "Käufern" gab es praktisch keine Proteste.
Selbst dann nicht, als das Stimulationsmittel "gen-maxx" zu
Hause nur nach Chilipulver schmeckte oder jemand vielleicht das Kleingedruckte
las. Als Nebenwirkung von "gen maxx" wird beispielsweise gewarnt:
"Die in den Körper eingebrachten genetischen Informationen
können bislang nicht sicher gesteuert werden. Als Folge tritt häufig
unkontrolliertes Zellwachstum ein". Am Rande des Beipackzettels
schließlich die entscheidende Information "Achtung diese
Produkte sind fiktiv". Auch die Aufklärung in der regionalen
Presse über den simulativen Charakter von "chromo-soma"
änderte nichts an der regen Kundennachfrage für die Genprodukte
während der 10-tägigen Aktion in Bremen.
Anruf von der "Bischöfin" der Raelianer
Mittlerweile gibt es sogar Interessenten für die Eröffnung
von "chromo-soma"-Shops in Tokio, Montreal und New York. Projektleiter
Alf Thum bekam neulich einen entsprechenden Anruf aus den USA von Brigitte
Boisselier, der "Bischöfin" der umstrittenen Raelianer-Sekte.
Sie hatte Anfang des Jahres vor der Weltpresse von der Erzeugung des
ersten Klon-Babys berichtet, was allerdings nie verifiziert werden konnte.
Thum wurde nun zum 30-jährigen Sektenjubiläum zu einem Kongress
eingeladen, der wohl im Frühjahr nächsten Jahres stattfinden
wird.
Weitere Informationen:
www.chromo-soma.de
www.bpb.de
| Verstärkt in den Schulen aufklären
Interview mit Holger Ehmke, Fachbereichsleiter
Kulturelle Medien bei der Bundeszentrale für politische Bildung
in Bonn
Was bezweckten Sie mit "chromo-soma"?
Mit den Mitteln der Kunst wollten wir im Vorfeld unseres Bundeskongresses
"Gute Gene schlechte Gene?" in Bremen ein Forschungsgebiet
in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rücken, das sich
rasant entwickelt und die Gesellschaft vor zentrale Fragen ihres
Selbstverständnisses stellt. Die Gen-Produkte, welche wir
anboten, sind zwar alle nach dem derzeitigen Stand der Technik
noch nicht auf dem Markt, doch wir wollten zeigen, wie die Welt
in naher Zukunft aussehen könnte. Alle interessierten Kunden,
welche ihre Adresse im Gen-Shop hinterließen aufzuklären,
schrieben wir nach der Aktion an und erläuterten die Zielsetzung
der Verkaufsinszenierung.
Sind Sie überrascht von der großen Nachfrage nach
Genprodukten?
Unglaublich, wie naiv viele Menschen sind, und wie leicht sie
sich durch moderne Marketingmethoden und mediale Effekte verführen
lassen. Und das in einem Viertel mit einem grünen Wähleranteil
von 40 Prozent. Eigentlich rechneten wir ja damit, dass Pflastersteine
fliegen könnten, doch gerade das Gegenteil passierte. Kaum
mal eine kritische Frage, obwohl wir bewusst "Bruchstellen"
in unserer Aktion geschaffen haben, um die Leute zum Nachdenken
zu bringen.
Wo sehen Sie einen verstärkten Aufklärungsbedarf?
Das Thema Gentechnik darf im Schulunterricht nicht mit der Drosophila
enden. Wir planen deshalb zusammen mit den Landeszentralen für
politische Bildung verstärkt in den Schulen aufzuklären.
Hierzu werten wir gerade den Schlussbericht der "chromo-soma"-Aktion
aus. Die Diskussion über Chancen und Risiken der Gentechnik
muss viel breiter als bisher in die Bevölkerung getragen
werden. Hierzu reichen akademische Diskussionen in Kommissionen
oder im Bundestag nicht aus, wir müssen die Gefühle
der Menschen erreichen.
Das Gespräch führte Hans-Christoph
Neidlein.
|
16. Dezember 2003
Leserbrief
|
|
|