Von Moscheen, Transitländern und geiziger Arbeitserlaubnis

Welt-Migrations-Bericht 2003

"Die Einstellung zu Muslimen und zum Islam ist ein Symbolfaktor dafür, wie viel Unterschiede wir bereit sind zuzulassen - und die Unterschiede werden zunehmen".
(Rita Süssmuth, die Vorsitzendes des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration anlässlich der Vorstellung des Berichts "World Migration 2003" durch die Internationale Organisation für Migration (IMO) in Bonn)

Von Hans-Christoph Neidlein

Die Weltbevölkerung wird zunehmend mobiler. Die Zahl der internationalen Migranten hat sich in den vergangenen 35 Jahren mehr als verdoppelt und wird nun auf mindestens 175 Millionen geschätzt. Für 2050 wird ein Anstieg der Migranten auf 230 Millionen Menschen erwartet. Migranten sind Menschen, welche sich außerhalb des Landes befinden, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen. Hierzu gehören Flüchtlinge genauso wie Studenten, Computerspezialisten und Ingenieure, Erntehelfer, Kellner, Prostituierte oder Monteure in der Automobilindustrie. Nicht als Migranten bezeichnet werden übrigens Touristen.

Vielfältige Migrationsströme

Die meisten Migranten kommen legal oder illegal in ein anderes Land um zu Arbeiten und halten sich dort permanent oder nur vorübergehend auf. Ein Teil von ihnen geht in ein anderes Land weiter oder zurück in ihre ursprüngliche Heimat. An der Spitze der Länder mit der größten Anzahl von Migranten stehen die USA (35 Millionen) und die Russische Föderation (13,3 Millionen), gefolgt von Deutschland (7,3 Millionen), der Ukraine (6,9 Millionen) und Frankreich (6,3 Millionen). Insgesamt ist Europa mit 56,1 Millionen weltweit die Region mit den meisten Migranten. Die zehn wichtigsten Auswanderungsländer sind ausnahmslos Entwicklungsländer, an der Spitze lagen zwischen 1970 und 1995 Mexiko (6,0 Millionen) und Bangladesh (4,1 Millionen). Die wichtigsten Einwanderungsländer sind umgekehrt nicht ausschließlich Industrienationen. Neben den USA (16,7 Millionen) und der russischen Föderation (4,1 Millionen) waren Saudi Arabien (3,4 Millionen) und Indien (3,3 Millionen) zwischen 1970 und 1995 die Länder mit der größten Anzahl von Einwanderern.

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Globalisierung als treibende Kraft

Der Bericht zur "World Migration 2003" der Internationalen Organisation für Migration (IMO) zeigt, wie vielschichtig das Phänomen der zunehmenden Mobilität der Menschen weltweit ist. Die treibenden Kräfte für die wachsende Zahl der Migranten weltweit sind die Globalisierung und die Handelsliberalisierung. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die unterschiedlichen Lebensstandards und den demographischen Entwicklungen in den industrialisierten Ländern. Der Welt-Migrations-Bericht zeigt einige Trends auf, welche bisher kaum in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Rücküberweisungen höher als Entwicklungshilfe

So stellen beispielsweise für viele Entwicklungsländer finanzielle Kapitaltransfers von im Ausland lebenden Bürgern eine wichtige Einnahmequelle dar. Die finanziellen Transferleistungen der Auswanderer in ihre Heimatländer liegen mit einem jährlichen Gesamtbetrag von mindestens 100 Milliarden US Dollar weit über der Summe der offiziellen Entwicklungshilfe. Dies relativiert die bisherige Sichtweise vom sogenannten "Braindrain", der Auswanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte, als einer einseitigen Schädigung der unterentwickelten Herkunftsländer.

Immer mehr Frauen verlassen ihr Land

Bisher kaum wahrgenommen wird die "Verweiblichung" der Migration. 48 Prozent der 175 Millionen Migranten weltweit sind weiblichen Geschlechts. Frauen migrieren immer öfter außerhalb des Familienverbandes und gehen oft als alleinige Familienernährerinnen ins Ausland. Dies eröffnet Chancen für Emanzipation und Unabhängigkeit, andererseits unterliegen Frauen besonders häufig der Ausbeutung als Arbeitskräfte und sie werden Opfer von Menschenschmugglern und sexueller Ausbeutung. Schätzungsweise zwischen 700.000 und 2 Millionen Frauen und Kinder werden jedes Jahr über internationale Grenzen geschleust

Bessere Zusammenarbeit nötig

Die Auswirkungen durch die zunehmende Migration auf die betroffenen Länder sind erheblich, eröffnen neue Chancen und Risiken. Berührt werden viele sensible Themen wie das der nationalen Sicherheit und Identität, des sozialen Wandels und der kulturellen Anpassung sowie der wirtschaftlichen Entwicklung. Die IOM plädiert in ihrem Bericht für eine intensivere multilaterale Zusammenarbeit, um ein humanes und wirksames internationales Migrationsmanagement zu fördern. Dies setze jedoch eine verbesserte Koordination innerhalb der nationalen Verwaltungen voraus. So arbeiteten bisher beispielsweise die für die Einreise und Kontrolle zuständigen Innen- und Justizministerien nur mangelhaft mit den für Integration zuständigen Sozialministerien, den für humanitäre Angelegenheiten zuständigen Außenministerien oder den Entwicklungshilfeministerien zusammen. Der 11. September habe zudem gezeigt wie wichtig die Integration von Zuwanderern sei, um Extremismus zu verhindern und die nationale Sicherheit zu schützen.

Arbeit statt Sozialhilfe

"Einwanderung ohne Integration ist wie ein Flugzeug ohne Starterlaubnis", erklärte die ehemalige, langjährige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John bei der Vorstellung des Migrationsberichtes in Bonn. Sie verwies darauf, dass Länder wie Frankreich oder die USA die Einwanderer erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrierten. In Deutschland dagegen setze man mehr auf das Motto "geizig mit der Arbeitserlaubnis, großzügig mit der Sozialhilfe". Dies verhindere eine sinnvolle Integration. Nötig sei zudem ein verbesserter Dialog zwischen Einheimischen und den Zuwanderern, welches das gegenseitige Verständnis fördere. "Wenn Leute in eine Moschee gehen, ist das nicht automatisch ein Zeichen für eine Gegenkultur, sondern kann auch Bestandteil der Integration sein", so John. Denn in den 70er Jahren hätten sich viele islamische Einwanderer noch gar nicht getraut, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen. In diesem Zusammenhang plädiert John dafür, Ausbildungsstätten für islamische Geistliche in Deutschland und Europa zuzulassen. Denn auf diese Weise könne verhindert werden, dass fundamentalistische Imame "importiert" werden müssten.


Zuwanderungsgesetz verabschieden

Deutschland könne im Umgang mit dem Islam vieles von anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Spanien lernen, sagte Rita Süssmuth. Die Menschen müssten jedoch vor Ort begleitet werden. Nötig seien insgesamt mehr Transparenz und Ehrlichkeit in der Diskussion um Zuwanderung. Eine Tabuisierung fördere nur die illegale Migration und ein kriminelles Schlepperwesen, wo mittlerweile mit geringerem Risiko höhere Gewinne als im Drogenhandel verdient würden. Gefordert sei eine Politik, welche Mobilität und ein Pendeln zwischen Ländern erleichtere. Erneut plädierte Süssmuth für eine Verabschiedung des geplanten Zuwanderungsgesetzes in Deutschland als Voraussetzung für eine erfolgreiche Zuwanderungs- und Integrationspolitik auf internationaler und europäischer Ebene.

20. Oktober 2003

Leserbrief

IOM International Organization for Migration

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat ihren Hauptsitz in Genf. Sie wurde 1951 als Intergovernmental Committee for European Migration (ICEM) gegründet, um die Vertriebenen, Flüchtlinge und Migranten nach dem zweiten Weltkrieg zu unterstützen. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich das Aufgabengebiet und die Zielsetzung der Organisation, welche sich nun weltweit für ein geregeltes und humanes Migrationsmanagement einsetzt. Die IOM berät und unterstützt weltweit Migranten, Regierungen und andere gesellschaftliche Akteure in den Bereichen Gesundheit, Arbeit, Ausbildung, Forschung, kultureller Dialog, Bekämpfung des Menschenhandels, humanitäre Hilfe, zwischenstaatliche Abkommen oder nachhaltige Entwicklung. Die IOM bietet hierbei auch technische und finanzielle Unterstützung an, beispielsweise bei der Eingliederung von albanischen Migranten in den italienischen Arbeitsmarkt oder der Rückkehr von kenianischen Wissenschaftlern in ihr Heimatland. Die Organisation hat 98 Mitgliedsstaaten, weltweit 3.344 Mitarbeiter und165 Büros. Ihr Jahresbudget beträgt insgesamt 420 Millionen Dollar. Die IOM arbeitet eng mit den Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen wie dem UNDP, der WHO oder dem UNHCR zusammen. Die deutsche Vertretung der IOM ist in Berlin.

Weitere Informationen unter: http://www.iom.int