Es kommt auf den Längengrad an:

Kulturprodukt Herzlichkeit

US-Soldaten, die sich im Irak freundlich der Kinder annehmen - das muss nicht inszeniert sein. Es entspricht der Art, wie Amerikaner zu Hause auf Fremde zugehen. Aber im Irak sind sie mit ihrem Weltbild heillos überfordert.

Von Dietrich Krusche

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Auf den Fotos, die den Krieg im Irak dokumentierten, war verhältnismäßig wenig von Gewalt, überraschend viel von zwischenmenschlicher Zuwendung zu sehen. Oft zeigten sie Kinder, die in die Kampfzone geraten waren und
derer sich amerikanische Soldaten fürsorglich annahmen. Von dem Kontrast zwischen den ungeschützten Kinderleibern und den hoch- und übergerüsteten Soldatenkörpern einmal abgesehen, die sich in ihrer Panzerung nur schwerfällig bewegen können und denen das dritte Auge vorn auf dem Helm sitzt - die Kämpfer, so schien es, nahmen sich gerade der Kinder des Landes, das sie eroberten, „herzlich" an.
Kein Zweifel, dass die in die kämpfende Truppe eingebetteten Berichterstatter solche Szenen gesucht haben. Sicher sind einige inszeniert oder nachgestellt worden. Nicht nur die Armeeführung, auch große Teile der Presse dürften solche Bilder favorisiert haben. Aber die Frage, ob durch diese Auswahl die Wirklichkeit des Kriegs mehr als üblich verfälscht wurde, soll hier nicht gestellt werden. Ich gehe davon aus, dass es den in ihren Rüstungen eingeklemmten amerikanischen Soldaten tatsächlich nahelag, sich der irakischen Kinder, wo möglich oder nötig, "herzlich" anzunehmen... Einen Blick haben für die Notlage eines anderen, auf ihn zugehen, dabei nicht sachlich-distanziert bleiben, sondern Anteilnahme zeigen - da ich selbst in den USA gelebt und gearbeitet habe, kenne ich diese Art der Zuwendung und weiß sie zu schätzen. Kommt sie doch gerade dem Neuankömmling in einem Land zugute, in dem mehr oder weniger alle Neuankömmlinge sind, aus allen Richtungen der Windrose dort zusammengeweht. Die weit ausgebreiteten Arme, die man gleich mitsieht, wenn man Worte hört wie: "Just arrived? I'm John (David, Betty, Jane), and who are you? First time in the States? How nice to have you here!", wozu ohnehin das oft unausgesprochen mitschwingende "I (we) know how you feel!" gehört. Die nachbarschaftliche Zuwendung manifestiert sich in Hilfe beim Einzug in Haus oder Wohnung, konkretisiert sich nicht selten in der Überlassung von Möbelstücken, Kühlschränken etc. die im Hause der schon etwas länger Ansässigen überflüssig geworden sind. Dass man das alles nicht mit dem Vorspiel von "Freundschaft", gar einem Angebot auf "persönliche Vertraulichkeit" verwechseln darf, merkt man dann immer noch früh genug, wenn man nicht vorher schon darauf hingewiesen worden ist: "Herzlichkeit" in einem notorischen Einwanderungsland, in dem außerdem mit dem Arbeitsplatz oft der Wohnort gewechselt wird, ist etwas anderes als im alten Europa oder in dem ‹ was die Bewahrung traditioneller Umgangsformen angeht ‹ noch älteren Japan. Spontaneität, Ausgesprochenheit, Direktheit, oft kombiniert mit ein wenig demonstrativer Übertreibung, sind die wichtigsten Merkmale der Umgangsformen einer Gesellschaft, die sich für die beste aller denkbaren hält, weil sie die erfolgreichste ist. Zweifel an der Wirkung, der Annehmbarkeit dieses Verhaltens, Selbstzweifel gar, liegen nicht nahe. Das gibt der "Herzlichkeit" etwas Alternativloses, Matter-of-fact-haftes. Sogar eine gewisse Hemdsärmligkeit kann sich einstellen, wie sie in aktuellen Talkshows geradezu zelebriert wird, wo "Intimität" und "tough talking" eine charakteristische Mischung eingehen.
Fragt man nach den sozialen Bedingungen, denen sich dieses Produkt der amerikanischen Kultur verdankt, sieht man sich auf die Gesellschaftsgeschichte der USA zurückverwiesen, das Zusammenkommen aller an einem "anderen Ort", die Notwendigkeit, sich dort zusammenzuleben, die Deutung der eigenen Gesellschaft als "melting pot". Ein bestimmtes Segment von Einwanderern scheint zu dieser no-nonsense-Herzlichkeit, die sich mit dem Programm des Egalitären verbunden hat, besonders beigetragen zu haben: das Nordeuropäische (Angelsächsische) meist Protestantische. (Schon Heinrich Heine sprach von den Ostküsten-Amerikanern als den "Gleichheitsflegeln"). Chinesen, Inder, Südeuropäer und Südamerikaner nehmen zwar in der Öffentlichkeit an dem so geprägten Kommunikationsspiel teil, ziehen sich aber im innerfamiliären Betrieb, besonders bei Festlichkeiten, gern zu ihren traditionellen Umgangsformen, Riten, Zeremonien zurück - auf Inseln des Un-Amerikanischen.

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Als ich im März und April 2003 die Fotos sah, auf denen GIs irakische Kinder spontan, tröstend, gutgelaunt an sich drücken, dachte ich mir gar nichts weiter. Immerhin blieben sie mir im Gedächtnis - samt der flüchtigen Überlegung, wie wohl die Iraker von Fall zu Fall die gestische Vereinnahmung ihrer Kinder mitangesehen haben mögen.
Jetzt, ein halbes Jahr später und nach mehr Opfern auf allen Seiten, als die eigentlichen Kriegshandlungen selbst mit sich gebracht haben, werde ich durch die Stimmungsbilder und Bestandsaufnahmen aus dem befreiten Irak daran erinnert. Nicht die Vorwürfe, dass die "Befreier" zunehmend die Haltung von "Besatzern" annähmen, sind dabei am aufschlussreichsten. Bedeutungsvoller sind die jeweils aus der Nahzone der Erfahrung stammenden Klagen, die in der Beiläufigkeit des Alltäglichen ihre größte Genauigkeit haben: "Die Amerikaner sind gefühllos! Sie schießen blind!"... "Barbaren! Sie dringen in unsere Häuser ein, zertrümmern alles, und wenn sie das, was sie suchen, nicht gefunden haben, entschuldigen sie sich nicht einmal!"... "Unsere Lebensgewohnheiten sind ihnen gleichgültig."... "Sie respektieren den Schutzraum unserer Frauen nicht!"... "Sie entweihen unsere Heiligtümer!"... Auf das selbe Verstehensdefizit zielen die Resümees von Vertretern europäischer Hilfsorganisationen: "Sie haben keinen Sinn für den arabischen Stolz."... "Sie provozieren den Widerstand, dem sie begegnen, selbst"..."Die sozialen Eigenarten, etwa die Höflichkeitsformen des Landes, sind ihnen gleichgültig ‹ wenn sie überhaupt etwas davon wahrnehmen."
Die Iraker mögen durch eine Jahrzente lange Tyrannei entsolidarisiert, in demokratischen Verfahrensweisen unerfahren und in ihrer Fähigkeit zu ziviler Selbstverwaltung gelähmt sein. Aber ihre bewegte Geschichte, in der verschiedene Völkerschaften und Religionen aufeinander prallten oder eben in einem Staatswesen zusammengezwungen wurden, hat sie gelehrt, mit kulturellen Unterschieden zu rechnen. Dazu gehört die Bereitschaft, mit "Fremdem" zu rechnen, das man (noch) nicht durchschaut, (noch) nicht an eigene Kategorien anschließen kann. In dieser interkulturellen Kompetenz sind sie den Europäern näher als denen, die sie "zur Demokratie befreit" haben.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich halte die amerikanischen Soldaten, schon aus eigener Nachkriegs-erfahrung in Deutschland, für disziplinierter und individuell weniger aggressiv als die der meisten anderen Armeen der Welt. Aber ich halte sie im Irak - wie schon in Afghanistan, wie schon in Vietnam - für heillos überfordert und daher zu Fehl- und Überreaktionen geneigt. Überfordert von einem politisch-militärischen Programm, das ihnen - ob aus Naivität oder Kalkül der Administration, kann dahingestellt bleiben - eine Globalität der USA-gewachsenen Werte, eine Universalität ihrer sozialen Haltungen vorgaukelt.

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Die Serie von Fehlschlägen, der sich die USA im Irak des Nachkriegs nahezu hilflos ausgesetzt sehen, hat zu einer ersten Kurskorrektur geführt. Man scheint jetzt bereit, eine souveräne Regierung früher einzusetzen als bisher vorgesehen. Darin liegt das Eingeständnis, die Verhältnisse im Irak falsch eingeschätzt zu haben. Fraglich ist, ob es auf den operationalen Aspekt beschränkt bleibt, sich auf den Nachkrieg dort nicht gründlich genug vorbereitet zu haben, oder ob es eine erste Relativierung der eigenen gesellschaftlichen Normen und Werte einschließt.
Es läge im Interesse künftiger Weltpolitik, wenn möglichst viel von den gegenwärtigen katastrophalen Erfahrungen der USA im Irak, reflexiv verarbeitet, in künftige Entscheidungen über Präemptivkriege eingehen würde, sei es zum eigenen Schutz, sei es zum Regimewechsel in den jeweiligen "Schurkenstaaten".

16. Dezember 2003

Leserbrief

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