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Zur Selbsttäuschung der Regierung des George W. Bush
Der geblendete Riese
Von Dietrich Krusche
Solcher Dünkel hat viele betrogen,
und ihre Vermessenheit hat sie gestürzt. Denn wer sich gern in
Gefahr begibt, kommt darin um, und einem vermessenen Menschen gehet's
endlich übel aus. Ein vermessener Mensch macht sich selbst viel
Unglücks und richtet einen Jammer nach dem andern an. Denn Hochmut
tut nimmer gut, und kann nichts denn Arges daraus erwachsen.
(Sirach 3, 26ff)
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Die Präsidentschaftswahlen, die für November 2004 in den USA
anstehen, werden für das Land selbst die übliche - vier Jahre
wiegende - Bedeutung haben. Ihre Bedeutung für den Rest der Welt
wird größer sein als die irgendeiner Präsidentschaftswahl
bisher.
Die von George W. Bush geführte Administration hat in keiner anderen
Hinsicht einen so radikalen Wechsel vollzogen wie in der Haltung gegenüber
dem Rest der Welt. "Haltung" steht dabei für mehr als
Politik - sie steht für ein Bündel von Annahmen, die Politik,
hier Außenpolitik, erst fundieren. Dieser Wechsel ist seit dem
11. September 2001 schärfer hervorgetreten, hat sich aber schon
vorher angekündigt (in Stellungnahmen z. B. zum Kyoto-Protokoll,
zum Antiraketen-Schirm, zur Rolle der Uno, zur Priorität der wirtschaftlichen
Interessen der USA). Er ist keine Folge der Bedrohung durch Terror,
sondern ergibt sich aus dem Programm der Regierung selbst.
Die Folgen dieses Haltungswechsels sind inzwischen - innerhalb und außerhalb
der USA - analysiert und bewertet worden. Dabei hat sich gezeigt, dass
von den Bürgern der USA, deren Meinung veröffentlicht wird,
eine erstaunliche große Zahl der Außenpolitik ihrer eigenen
Regierung kritisch gegenübersteht. Um zu wissen, wie es um die
Meinung der schweigenden Mehrheit bestellt ist, werden wir bis zum November
2004 warten müssen.
2
Aber - was werden wir, wenn die Wahl vorüber ist, wirklich wissen?
Werden wir, wie auch immer sie ausfallen mag, wissen, ob die Mehrheit
der Bürger mit der Haltung des George W. Bush dem Rest der Welt
gegenüber einverstanden (gewesen) ist oder nicht?
Präsidentschaftswahlen in den USA werden unter innenpolitischen
Gesichtspunkten entschieden - zumal unter ökonomischen. Die Entscheidung
der Mehrheit für oder gegen die außenpolitische Haltung ihres
Präsidenten wird also eingebettet sein in ihre Entscheidung für
oder gegen dessen Wirtschaftspolitik. Auch diese betrifft uns alle -
in dem Maße, in dem die Vereinigten Staaten den Weltmarkt beherrschen
und ihre Ökonomie globalisiert haben.
Aber darum geht es in diesem Zusammmenhang nicht. Für alle Bewohner
dieses Planeten, die außerhalb der USA leben, geht es darum, ob
die gegenwärtige Regierung der USA, durch einen neuen Wählerentscheid
bestätigt, darin fortfahren kann, ihr Verhältnis zum Rest
der Welt als eins der ökonomischen und militärischen Macht
zu definieren - und weiter nichts!
Diese Frage wird auch bei der kommenden Präsidentschaftswahl nicht
beantwortet werden. Die Entscheidung für oder gegen Bush wird,
in dem Aspekt, der für uns alle, die wir nicht US-Amerikaner sind,
der wichtigste ist, nebenbei getroffen. Das für uns Entscheidende
liegt bei denen, die mit ihrer Wahl auch über unsere Zukunft entscheiden
im blinden Fleck.
3
Bei der konsequenten Abwertung aller anderen Mitspieler in der Weltpolitik
konnte der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten sich auf einen
- mehr stillschweigenden als explizit gemachten - Konsens verlassen,
der für das Selbstverständnis der amerikanischen Gesellschaft
fundierend ist. Es geht dabei um die Einstellung zur ethnischen und
kulturellen Vielfalt innerhalb des eigenen Landes und um die Einstellung
zu anderen Gesellschaftsformen und Kulturen, um das heikle Verhältnis
zur internen und externen Andersheit gleichermaßen, das
ich hier einmal das "amerikanische Syndrom" nennen möchte.
Seine umfassende Relevanz und praktische Wirksamkeit wurde mir zum erstenmal
aus Anlass eines akademischen Kolloquiums in den USA bewusst, das der
"Vermittlung von Fremdsprache und fremdsprachlicher Literatur"
gewidmet war. Ich selbst hatte von den Erfahrungen an einem deutschen
Universitätsinstitut berichtet, das sich mit Fragen der Vermittlung
deutscher Sprache und Literatur "als fremder" befasste, zugleich
aber auch sich die Förderung von Autoren "nichtdeutscher Muttersprache"
angelegen sein ließ, einer zwar deutschsprachigen Literatur, aber
einer, die auf Grund ihrer anderen kulturellen Herkunft eine Differenz
realisiert und damit - so die Bewertung des Zusammenhangs - eine "Bereicherung"
bedeute.
Im Gesprächsrahmen des Akademischen - kein Widerspruch.
Aber kaum saßen die Teilnehmer des Kolloquiums hinterher beim
Essen, konnte anderes als das akademisch domestizierte Bewusstsein ins
Spiel kommen. Eine Kollegin der gastgebenden Universität saß
neben mir. Sie war griechischer Herkunft. Ihr Widerspruch kam prompt:
Ja, natürlich verstehe sie, was ich gesagt habe, aber es widerstehe
ihr! "Kulturelle Differenz" hin oder her - nur der Entschiedenheit,
mit der ihre Eltern sich und sie zu Amerikanern gemacht hätten,
der Entschiedenheit also, mit der sie all diese Unterschiede hintangestellt
hätten, verdanke sie es, dass sie heute das sei, was sie ist: Professorin
an einer der angesehensten Universitäten der USA! Nach einer kurzen
Pause des Nachdenkens: Sehen Sie - was solle es einem Bürger der
USA nahelegen, dem 'Anderem' in der Welt Bedeutung beizumessen? Einem
Bürger des Landes, das stolz darauf sei, auf seinem eigenen Territorium
alle ethnischen und kulturellen Unterschiede überwunden zu haben?!
Die USA seien nun einmal, was sie sind, auch und gerade dadurch geworden,
dass sie "die ganze Welt in sich aufgenomment" hätten.
Eine Erfolgsgeschichte! Die Einmaligkeit der USA - ihr 'allgemeines
Weltgefühl'! Eine Einstellung, fügte meine Gesprächspartnerin
noch hinzu, die nicht frei von Empfindlichkeit und Ambivalenz sei -
zumal dann nicht, wenn man sich in seinen besten Absichten zurückgewiesen
sehe, wenn man sich in der spezifischen Mischung der eigenen Kultur
nicht respektiert, wenn man sich in seinem 'allgemeinen Weltgefühl'
bedroht fühle.
4
Dass der gegenwärtige Präsident und seine Berater sich das
"amerikanische Syndrom" politisch zunutze machen, kann nicht
Anlass zu Kritik sein. Dass er seine aggressive Außenpolitik und
seine (herablassende? verächtliche?) Haltung den weltpolitischen
Mitspielern gegenüber damit abstützt, ist nur konsequent.
Dass er seine eigenen Landsleute womöglich wissentlich über
die 'Außenwelt', z. B. das Ausmaß der Bedrohung, die vom
Regime des Saddam Hussein ausging, getäuscht hat, ist eine USA-interne
Kontroverse.
Was aber auch uns - als einen Teil der 'Außenwelt' - betrifft,
ist die Stelle, wo die Mobilisierung und Nutzung des problematischen
Verhältnisses ihrer Mitbürger der Außenwelt gegenüber
in Verblendung der Regierenden übergeht. Eine Selbsttäuschung
angesichts der eigenen Macht, deren verschiedene Facetten gerade in
diesen Wochen und Monaten sichtbar werden:
a) Die Bande der Taliban, die Clique des Saddam-Regimes sind zwar verjagt;
aber Al Qaida konnte nicht zerschlagen werden, der nationale Zusammenhang
Afghanistans erweist sich als brüchiger als erwartet, und die irakische
Bevölkerung reagiert sehr anders auf die Befreier, als in deren
Projektionen vorgesehen.
b) Die Exportierbarkeit der amerikanischen Demokratie ist offenbar geringer
als angenommen; die gesellschaftlichen, familiären und religiösen
Traditionen in den befreiten Ländern sind hartnäckiger, komplexer
als in der Zeit der Kriegsvorbereitungen fingiert; die Prognosen der
Exilanten haben sich nicht realisiert; die Evolution, die in Afghanistan
und im Irak erst beginnen und ihren - von außen kaum kalkulierbaren
und schwer beeinflussbaren - Lauf nehmen muss, ist nicht durch Fremdbestimmung
zu ersetzen. Die Universalität des amerikanischen Modells bleibt
bis auf weiteres Fiktion.
c) Die Geringschätzung der internationalen Institutionen, zumal
der Vereinten Nationen, erweist sich als - für die Interessen der
USA selbst - zumindest problematisch. Die Abwertung und Ausbootung der
Verbündeten ist in dem Maße und in der Dringlichkeit reparaturbedürftig,
in dem man sie - schon jetzt wieder! - braucht.
Der Schaden, den die jetzige Regierung der USA ihrem eigenen Lande zufügt,
ist der einzigen Weltmacht zugefügt. Deren Handlungsfähigkeit,
ihr Urteilsmögen, ihre Freiheit von (Selbst-)Täuschung ist
(auch) unser Interesse.
20. Oktober 2003
Leserbrief
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