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Afrika-Amerikanische Identitäten
Diesseits von Afrika
Dunkelhäutige US-Bürger ringen seit Jahrzehnten
um ihre eigene Identität. Einst Neger, dann Farbige, dann Schwarze
bezeichnen sie sich mittlerweile als Afrika-Amerikaner. Aber dieser
Begriff ist irreführend. Immer stärker zeigt sich, wie gestört
ihre Beziehung zum schwarzen Kontinent ist.
Von Jürgen Kalwa
Als der italienische Diktator Benito Mussolini im Sommer 1935 seine
Truppen Richtung Äthiopien in Marsch setzte, wirkte die Nachricht
auf Amerikas Schwarze wie ein Alarmsignal. Denn abgesehen von Liberia
war Äthiopien damals das einzige Land, das von den Einwohnern selbst
regiert wurde. Umso mehr überraschte der Kommentar des Pittsburgh
Courier, damals eine einflussreiche Stimme in der unter dem Stigma
der Rassentrennung lebenden dunkelhäutigen Minderheit: "So
sehr wir auch mit Äthiopien sympathisieren, es ist offensichtlich,
dass unsere Last hier schwer genug ist, so dass wir jene von Negern
7000 Meilen weit weg nicht auch noch mit übernehmen können."
Mehr noch: Da die von den Weißen unterdrückten schwarzen
Amerikaner "von unseren Brüdern auf der anderen Seite des
Ozeans" noch nie irgendwelche Hilfe erhalten hätten und sich
gezwungen sähen, "den Kampf alleine zu kämpfen",
würden die Afrikaner eben "das gleiche tun müssen".
Solidarität? Nein, danke.
Im Grunde hat sich in fast siebzig Jahren an dieser Sichtweise nichts
geändert. Zwar ist das schwarze Amerika heute dank der Erfolge
der Bürgerrechtsbewegung in weite Bereiche der Gesellschaft integriert.
So beträgt etwa ihr Anteil an der amerikanischen Freiwilligen-Armee
21 Prozent (im Vergleich der Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt
bei 13 Prozent). Und es gibt Idenfikationsfiguren im Sport und der Unterhaltungsindustrie
und einen unablässigen Einfluss auf die populäre Musik weltweit.
Doch für das Elend und die Toten im nachkolonialen Afrika empfinden
die meisten Afrika-Amerikaner, wie man die Nachkommen der Sklaven im
Zeitalter politischer Korrektheit nennt, noch immer kaum Sympathie.
Zwar mögen die beiden dunkelhäutigen Bush-Leute Condoleeza
Rice und Colin Powell im Schlepptau ihres Masters auf Afrika-Tour gehen.
Aber sie sind nur das Dekor einer geopolitischen Iniatitive, mit der
der Texaner im Weißen Haus seine eigentlichen Interessen verschleiert.
Das ganze Gerede von Getreidelieferungen und Aids-Hilfe verdeckt nur,
was wirklich hinter dem aufflackernden Interesse steckt: In Afrika decken
die USA ein Siebtel ihres Ölbedarfs. Eine Quote, die nach Ansicht
von Experten in den nächsten zehn Jahren auf ein Viertel steigen
wird. Der Schmierstoff vom schwarzen Kontinent "ist von nationalen
strategischem Interesse", wie der Powell-Vize Walter Kansteiner
vor einem Jahr erklärte, der im State Department für afrikanische
Fragen zuständig ist.
Dass reine Zweckmässigkeitsüberlegungen die internationalen
Beziehungen der USA prägen, ist nicht weiter bemerkenswert. Dies
ist das Land, in dem man zu eigenem Nutz und Frommen Afrikaner zu persönlichem
Eigentum erklärte und als Menschen zweiter Klasse einstufte. Dass
jedoch die Nachkommen der Opfer der Barbarei dabei tatenlos zuschauen,
wie die eigene Regierung zynische Afrika-Politik macht, anstatt sich
intensiv in die Debatten um einen systematisch verelendenden Kontinent
einzuschalten, verdient durchaus erwähnt zu werden.
Es ist so, als ob Amerikas Schwarze verdrängt hätten, woher
sie kommen, als ob sie sich weigern würden, ihr kulturelles Erbe
endgültig zu akzeptieren und die von ihnen in langen Kämpfen
eroberten Errungenschaften auf einen Teil der Welt zu projizieren, der
trotz seines Reichtums an Rohstoffen den Kampf gegen Armut, Hunger und
Epidemien verliert und von einer Diktatur in die andere und von einem
Massaker ins andere schlittert.
Die Sprachlosigkeit ist hartherzig und trostlos zugleich. "Als
der Feind noch weiß war," sagt Bill Fletcher jr., Präsident
der Organisation TransAfrica, "war das einfach. Aber wenn der Feind
so aussieht wie wir, sind wir sehr nervös, das Thema anzugehen."
Es geht nicht nur um Simbabwe, ein Land, das einst die eigene Bevölkerung
zu ernähren verstand und nun von dem altersstarren Despot Robert
Mugabe in den Ruin gewirtschaftet wird (Fletcher: "Es ist sehr
schwer, zuzugegeben, dass es eine herrschende Klasse in Simbabwe gibt,
die das eigene Volk unterdrückt."). Es geht nicht nur um Nigeria,
dessen ehemaligem Diktator Ani Abacha Carol Moseley Brown, die einzige
schwarze US-Senatorin in der Geschichte, 1996 respektvoll eine Visite
abstattete.
Es geht um die ganze Haltung - eine krude Mischung aus einer Mystifizierung
der Wurzeln in Westafrika, einer Bewunderung für die ehemalige
Helden der Befreiungsbewegungen, die heute die eigenen Landsleute unterdrücken
und der Indifferenz gegenüber der Not und dem Tod in einem Teil
der Welt, den Afrika-Fans gern zur "Wiege der Menschheit"
stilisieren.
Die Haltung wird unterschwellig von einer Ablehnung gespeist, die nur
wenige so unverblümt formulieren können, wie der Theaterschriftsteller
Bill Maxwell. Der war Mitte der siebziger Jahre 18 Monate lang quer
durch den Kontinent gereist und kam mit dem Fazit zurück: "Kulturell,
gesellschaftlich und politisch konnte ich keine innere Verbindung herstellen.
Als ich wieder in den Vereinigten Staaten war, fühlte ich mich
ein desillusionierter ehemaliger Pilger. Ich war entsetzt von den meisten
Dingen, die ich gesehen hatte - von der Gewalt und dem Hunger, den Krankheiten
und dem Leid, der Korruption und der Selbstbedienungsmentalität,
der Ignoranz und der Eitelkeit."
Er steht damit unter Amerikas schwarzen Intellektuellen nicht allein,
die anders als weiße Europäer keine Schuldgefühle aus
alten Kolonialzeiten mit sich herumschleppen. Keith Richburg von der
Washington Post etwa verkündete 1997 in seinem Buch "Out of
Africa" (derselbe Titel wie der Oscar-preisgekrönte Kolonialepos,
der im Deutschen in "Jenseits von Afrika" umgetauft wurde),
dass er und seinesgleichen mit Afrikanern nichts gemein hätten.
Seine Desillusionierung war total: "Ich hasse Afrika nicht und
ich hasse Afrikaner nicht. Ich hasse die Korruption. Ich hasse die Brutalität.
Ich hasse die Unmenschlichkeit. Ich hasse die Kinder, die mir Gewehre
an den Kopf halten. Ich hasse mächtige Männer, die Millionen
in Schweizer Bankkonten kanalisieren. Ich hasse Leute, die Bomben in
die Büros von oppositionellen Zeitungen werfen. Ich hasse die Art,
wie Leute am Leid anderer einfach vorbeigehen können."
Kein Wunder, dass die Los Angeles Times, als sie im vergangenen
Jahr das neue Leben von dunkelhäutigen amerikanischen Auswanderern
in Afrika porträtierte, nur auf eine sehr kleine Zahl stieß.
Obwohl alle in ihrer neuen Heimat wirtschaftlich erfolgreich sind -
der Farmer in Tansania, die Steuerberaterin in Ghana, der Anwalt in
Südafrika - und demzufolge als Vorbilder für jene fungieren
könnten, die sich in den USA von den existierenden gesellschaftlichen
Hürden und ihrer eigenen Ambilvalenz gegenüber dem Land gebremst
fühlen, scheint ihr Beispiel kaum jemanden in den Vereinigten Saaten
zu inspirieren.
Der letzte Satz der Richburg-Tirade hätte genauso gut seine eigene
Indifferenz an den Pranger stellen können. Doch so weit geht die
Selbstbespiegelung nicht. Dieser Sachverhalt korrespondiert mit einer
anderen Entwicklung innerhalb der USA. Die NAACP (National Association
for the Advancement of Coloured People), eine der führenden inneramerikanischen
Institutionen innerhalb der Bürgerrechtsbewegung, sah sich unlängst
veranlasst, die Missstimmung zwischen alteingesessenen Schwarzen und
den dunkelhäutigen Einwanderern aus der Karibik und Afrika zu thematisieren.
Besonders deutlich ist die Spannung in Florida zu spüren, wo sich
in den letzten Jahren drei Gruppen herausschälen: die altansässigen
englischsprachigen, die Einwanderer aus Haiti mit französischem
Hintergrund und die dunkelhäutigen Latinos, vornehmlich aus Kuba.
Das Gruppendenken entspringt nicht allein den sprachlichen Unterschieden.
Die Alt-Amerikaner und die Neu-Amerikaner bewegen sich in unterschiedlichen
sozialen Bezugssystemen. Nach einem Bericht im Fort Lauderdale Sun-Sentinel
von Mitte Juli über die Verhältnisse in Südost-Florida
beträgt das mittlere Haushaltseinkommen von Schwarzen aus der Karibik
bei 40 000 Dollar im Jahr. Die Gruppe der sogenannten Afrika-Amerikaner,
also jener Schwarzen die seit Generationen in den USA zuhause sind,
kommt im Vergleich dazu nur auf 33 000 Dollar.
Der Kontrast beschäftigt die Soziologen. Denn die Gruppen verbindet
ein gemeinsames Schicksal. Ihre Vorfahren waren allesamt Sklaven - die
einen wurden auf den karibischen Inseln abgeliefert, um dort auf den
Zuckerrohr-Plantagen zu arbeiten, die anderen landeten auf den Baumwollfeldern
in den USA. Die nachkoloniale Entwicklung auf den Inseln hat jedoch
zumindest in einer Hinsicht für einen erheblichen gesellschaftlichen
Wandel gesorgt. In der Karibik regieren schwarze Politiker prägen
schwarze Geschäftsleute das Bild. Und schwarze Familien existieren
in einem intakten Kontinuum, während in den USA die meisten Kinder
schwarzer Eltern nur mit einer Bezugsperson aufwachsen - der alleinerziehenden
Mutter. Die Mehrheit der Väter hat das traditionelle Konzept von
Familie (oder der Alimentenzahlung) abgewählt.
Trotzdem - oder vielleicht auch gerade deshalb - köchelt unter
den alteingesessenen Schwarzen in den Vereinigten Staaten die Antipathie.
Der Demograph Roderick Harrison vom Joint Center for Political and Economic
Studies in Washington nimmt an, dass die Ablehnung auf folgendem Denkansatz
basiert: "Ich habe all diese Jahre gekämpft, damit die Dinge
leichter werden. Und jetst kommen andere und nutzen das aus."
Die Ablehnung haben Einwanderer aus Somalia in Columbus, der Hauptstadt
des Bundesstaates Ohio, über die Jahre immer wieder gespürt.
Maryan Warsame, Direktorin der Somali Women's Association,. die die
einheimischen Schwarzen Afrika- Amerikaner nennt: "Sie dachten,
dass wir ihre Jobs bekommen, dass wir ihre Unterstützung vom Sozialamt
erhalten." Fazit: Man kann die gleichen Wurzeln haben und das gleiche
soziale Stigma, und trotzdem einander als Rivalen empfinden. "Es
existiert eine kulturelle Ignoranz zwischen uns, konstatiert Clayola
Brown, Mitglied der Textil-Gewerkschaft, die im Mai an einer Konferenz
der "Coalition on Black Civic Participation" in Washington
teilnahm.
Der Ghanaer Edmund Asamoah erinnert sich, das seine Freunde in Accra
dunkelhäutige Amerikaner gerne als "Jammerlappen" und
"faul" etikettieren. Als er jedoch seine amerikanische Frau
kennenlernte, sah er immerhin, wie tief die Folgen der Sklaverei in
den USA sitzen. "Jetzt sage ich zu meinen Freunden, sie sollen
mal hierherkommen", sagt der Programmierer, der in Georgia lebt,
"damit sie die Verhältnisse verstehen lernen".
Der US-Fernsehproduzent Bart Phillips wiederum besaß die typischen
Vorurteile seiner schwarzen Landsleute gegenüber den Einwanderern
aus der Karibik, wonach die das Leben besonders locker nehmen und eine
"Strand-Mentalität" besitzen, während die Afrikaner
als nicht besonders helle gelten. Auch er musste erst seine Frau und
deren Familie aus Trinidad & Tobago kennenlernen, ehe er erkannte,
weshalb es ihnen "viel besser geht als vielen Afrika-Amerikanern":
Sie arbeiten nicht nur hart. Sie haben auch ein Netzwerk aus Familie
und Freunden, das sich gegenseitig hilft. Eine Konzept, das in den USA
nicht annähernd so stark gepflegt wird.
Theoretisch ließen sich - diesseits von Afrika - durchaus Gemeinsamkeiten
finden - nicht zuletzt im Rahmen einer politischen Ausrichtung auf ein
humanitäres Engagement bezogen auf die vielen Brennpunkte auf der
anderen Seite des Atlantik. Doch für eine solche Allianz scheint
die Zeit nicht reif. Die Flüchtlinge aus Liberia etwa, die sich
zu einem großen Teil in Philadelphia ansiedeln, mögen sich
untereinander als "brother" und "sister" betrachten.
In den schwarzen Amerikanern sehen sie bestenfalls "cousins",
zu denen sich kaum eine Beziehung herstellen lässt. Die 21-jährige
Psychologiestudentin Delicia Kawolo, die mit 13 dem Bürgerkrieg
entkam und seit fünf Jahren einen US-Pass besitzt, erzählte
einem Reporter des Philadelphia Inquirer, wie enttäuscht sie ist:
"Ich bezeichne mich nicht als Afrika-Amerikanerin. Ich bin eine
Afrikanerin, die in Amerika lebt. Ich würde morgen zurückgehen,
wenn ich könnte."
18. November 2003
Leserbrief
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