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Mord und Totschlag
Motiv: Machismo
Das Ende der Geschichte In der mexikanischen Grenzregion
zu den USA, in der Millionenstadt Ciudad Juárez, werden seit
zehn Jahren massenweise junge Mädchen entführt, vergewaltigt,
ermordet. Von den Tätern fehlt meist jede Spur, die Behörden
ermitteln schleppend. Erst seit kürzlich Amnesty International
vor Ort recherchierte und eine Kampagne startete, kommt Bewegung in
die Untersuchungen.
Werner Hörtner
Vor wenigen Jahrzehnten noch war Ciudad Juárez, im äußersten
Norden des mexikanischen Bundesstaates Chihuahua an der Grenze zu den
Vereinigten Staaten gelegen, ein kleines unscheinbares Wüstenstädtchen
mit Bretterbuden und ein paar dreckigen Hotels. Eine Wildwest-Szenerie
á la Hollywood. Dann wurde Mitte der 60er-Jahre in der Grenzregion
zu den USA ein eigenes Maquiladora-Programm zur Ansiedelung ausländischer
Firmen gestartet.
Seither zieht ein endloser Strom von Arbeitssuchenden aus ganz Mexiko
und den angrenzenden mittelamerikanischen Staaten in dieses Gebiet.
Durchschnittlich 100 Familien kommen täglich nach Ciudad Juárez,
teilt die Stadtverwaltung mit. Über zwei Millionen Menschen leben
heute in der einstigen Wildwest-Siedlung, über 300 Konzerne haben
mittlerweile zwischen den Lehmhügeln der Wüstenstadt ihre
Werkshallen errichtet: Nike, Sony, Mitsubishi, Hewlett Packard ... In
den Billiglohnfabriken, den so genannten Maquilas oder Maquiladoras,
werden Lampenschirme und Computer ebenso hergestellt wie Damenunterwäsche
und Sportschuhe.
In Ciudad Juárez ist die Globalisierung zu einer apokalyptischen
Vision geworden. In den Weltmarktfabriken schuften über 200 000
Menschen Tag für Tag und bei guter Auftragslage auch nachts
in hermetisch abgeriegelten Gebäuden, bei stickiger Luft
im Licht von Neonlampen, zu ärmlichen Löhnen und unter prekärsten
Arbeitsbedingungen. Selbst der Gang auf die Toilette wird von Videokameras
verfolgt. Der hier geschaffene Reichtum geht in die Herkunftsländer
der Konzerne vor allem USA, Japan, Taiwan und Südkorea.
Der mexikanische Staat hebt nur minimale Steuern auf die Ausfuhren ein,
und nächstes Jahr wird eine Übergangsregelung ersatzlos auslaufen,
die besagte, dass die hier hergestellten Produkte einen bestimmten Prozentsatz
in Mexiko hergestellter Teile enthalten müssen.
Die Stadt der toten Mädchen
Mehr als die Hälfte der jungen Frauen, die etwa 65 Prozent der
Arbeitskräfte in Ciudad Juárez stellen, sind ledige Mütter.
Viele gingen alleine von Zuhause weg, um dann einen Teil ihres Einkommens
an ihre Familien zu überweisen. Sie arbeiten in den Billiglohnfabriken,
in Bars und Restaurants, als Prostituierte.
Viele, die auf der Suche nach Arbeit hierherkamen, kehren nicht mehr
zurück. Seit 1993 sind zwischen 320 und 370 Frauen in Ciudad Juárez
ermordet worden, zwischen 400 und 500 sind spurlos verschwunden. Amnesty
International spricht von der Maquila-Boomtown als der Stadt der
toten Mädchen".
Mittlerweile gibt es in Ciudad Juárez und in den USA eine Reihe
von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen sowie Gruppen von Familienangehörigen,
die Licht in das Dunkel dieser Verbrechen bringen wollen. Sie alle beklagen,
dass Regierung, Polizei und Untersuchungsbehörden das Thema kaum
beachten, die Ermittlungen fast immer im Sand verlaufen. Die wesentliche
Ursache für die Morde ist die Straflosigkeit", meint die Frauenrechtlerin
Irma Campos Madregal aus Ciudad Juárez. Ein genaues Motiv kann
sie nicht angeben; alle Erklärungsansätze kommen in Frage.
Die Gerüchteküche
Die grauenhaften Umstände, unter denen die Serienmorde begangen
werden, bieten den Nährstoff für die verschiedensten Spekulationen.
Die Opfer werden häufig vergewaltigt, misshandelt, erhängt
oder zu Tode geprügelt. Und es sind in der Regel junge, attraktive
Frauen, die von den Mördern ausgesucht werden, manchmal sogar noch
Kinder.
Die Tatsache, dass die jahrelangen Ermittlungen bisher noch kein Licht
in das Dunkel dieser bestialischen Mordserie gebracht haben, haben die
Vorstellung von tödlichen Sex-Orgien entstehen lassen, an denen
höchste Vertreter aus Gesellschaft und Politik teilnehmen. Andere
sprechen davon, dass die Frauen zur Herstellung von Snuff-Videos entführt
werden und ihr Leidensweg auf diesen gewaltverherrlichenden Pornos aufgenommen
wird. Der in Mexiko lebende argentinische Schriftsteller Rolo Diez hat
diese beiden Versionen zu dem Kriminalroman Der Tequila-Effekt"
verarbeitet.
Ein psychoanalytischer Ansatz verweist auf den verletzten Männerstolz
als Triebfeder für die Mordserie. In einer Macho-Gesellschaft bedeute
es eine Erniedrigung für die Männer, wenn die Frauen leichter
und häufiger Arbeit bekommen als die Herren der Schöpfung
und wenn sie selbständig leben.
Der Fabriksbesitzer Donald Labbruzzo hat kürzlich in einem Fernsehinterview
eine neue Möglichkeit ins Spiel gebracht. Er zitierte die Aussage
eines Polizisten: Um in eine der zahlreichen Banden aufgenommen
zu werden, musst du eine Art Prüfung bestehen. Du musst ein junges
Mädchen entführen, sie irgendwo hinbringen, wo sie von allen
vergewaltigt wird, und dann musst du sie töten."
Der Gouverneur des Bundesstaates Chihuahua, Patricio Martínez
García, sieht die Morde in Beziehung mit dem Drogenhandel
das Kartell von Ciudad Juárez ist das führende Drogenkartell
Mexikos.
Lahme Justiz, desinteressierte Politik
Die mexikanische Justiz hat es bis jetzt verabsäumt, die mysteriöse
Mordserie aufzuklären, und die Politik hat die Problematik lange
Zeit ignoriert. Bereits 1998 hatte die nationale Menschenrechtskommission
die Justizbehörden aufgefordert, in den Mordfällen ernsthaft
zu ermitteln, doch blieb diese Aufforderung ohne Folgen. Präsident
Vicente Fox hat Ende 2001 diese Aufforderung erneuert, doch wieder ohne
Reaktion.
Im Februar 2003 sandte die US-amerikanische FBI Informationen an die
Staatsanwaltschaft von Chihuahua, doch nichts passierte. Die einzigen
ernsthaften Ermittlungen stammen von Journalisten: dem Mexikaner Sergio
Gonzalez, der kürzlich sein Buch Huesos en el desierto"
(Knochen in der Wüste) über die Mordserie von Ciudad Juárez
veröffentlichte, die US-Journalistin Diana Washington, die Argentinierin
Graciela Atienzo. Diese Ermittlungen brachten die Namen von Persönlichkeiten
der High Society ins Gespräch: ein steinreicher Erdgasunternehmer,
einer der wichtigsten Transportunternehmer, ein Gastronomiebesitzer
usw.
Erst im vergangenen September hat Präsident Fox einen Sonderstaatsanwalt
für die Mordserie von Chihuahua eingesetzt. Nun scheinen endlich
seriöse Ermittlungen anzulaufen.
Den Stein ins Rollen brachte eine Untersuchungskommission von Amnesty
International Anfang August. Die Gefangenenhilfsorganisation kommt zwar
zu keinen konkreten Ergebnissen hinsichtlich der Täter, doch hat
ihr Bericht, der die sträflichen juridischen und politischen Versäumnisse
vieler Jahre aufzeigt, in Mexiko viel Staub aufgewirbelt. Die Aufregung
begann jedoch eigentlich schon vor dem Besuch. Um die erwartete Kritik
abzuschwächen, veröffentlichte das Innenministerium Ende Juli
einen 40-Punkte-Aktionsplan zur Aufklärung der Mordserie und zum
Schutz der Frauen. Und eine Woche später wurde eine Untersuchungsgruppe
mit VertreterInnen lokaler und nationaler Behörden und Gruppen
eingesetzt.
Auf dem Weg zur Aufklärung?
Mit dem Amnesty-Besuch hat sich offenbar das Blatt gewendet. Im September
erklärte Sonderstaatsanwalt José Luis Santiago Vasconcelos,
dass gegenwärtig in 228 Fällen ermittelt werde. Mit Schuldzuweisungen
oder Hinweisen auf die Motivation der Täter ist er noch vorsichtig.
Hinter den Morden stehen womöglich gewalttätige Kulte,
Videoproduktionen oder auch Nachahmungstäter", so der Staatsanwalt.
Dass es sich um Serienmorde handelt, darin stimmt Santiago Vasconcelos
mit den Familienangehörigen der Opfer überein.
Neben dem Image-Verlust, den Mexiko durch die internationale Kampagne
von Amnesty befürchtet, dürfte auch eine andere Tatsache dazu
geführt haben, dass nun höchste Stellen in Politik und Justiz
die Aufklärung der Frauenmorde vorantreiben wollen. In den letzten
Monaten haben sich die unheimlichen Verbrechen auch auf andere Städte
der Grenzregion ausgeweitet, und selbst in der weit entfernten Hauptstadt
Chihuahua hat die Zahl der ungeklärten Frauenmorde zugenommen.
Zum Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen am 25. November startet
Amnesty International weltweit eine 16-tägige Kampagne, um gegen
die Frauenmorde in Chihuahua zu protestieren. Mittelpunkt der Kampagne
ist die Aufforderung an die mexikanische Bundesregierung und die lokalen
Behörden, ernsthaft gegen die geheimnisvolle grauenhafte Mordserie
vorzugehen.
Leserbrief
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