Wortgewaltig

Gipfel-Erlebnisse

Von Eva Herold

Mir war nicht klar, wie sehr mich stammtischelndes Männer-Schwadronieren und unreflektiertes Weibchen-Getue immer noch verblüffen können - bis zu jenem "gemütlichen Grillabend", an dem ein ansonsten völlig harmloser Zeitgenosse über seine Bergabenteuer während einer wissenschaftlichen Exkursion berichtete, in Tibet oder Nepal, jedenfalls einer dieser Dach-der-Welt-Gegenden.

Es ging, glaube ich, darum, wie sich das Gehirn in der Höhenluft verändert - seines dürfte schätzungsweise auf die Größe einer Erbse geschrumpft sein, denn besonders erwähnenswert fand er nicht etwa die politischen oder humanitären Zustände (in beiden Ländern eine Katastrophe), sondern zwei spanische Teilnehmerinnen. Die hatten doch tatsächlich auf diesem Testosteron-geschwängerten Ausflug der Herrenmenschen - zwanzig europäische Expeditions-Mitglieder, 150 (!) einheimische Träger - immer wieder die eine oder andere Gruppe überholt. Lässig, braungebrannt, durchtrainiert. Sein Kommentar, halb bewundernd, halb abschätzig: "Aber das waren keine Frauen, das waren Tiere."

Nun ist es ein probates Mittel, die Konkurrenz herabzusetzen, indem man ihre Leistungen auf einer anderen Ebene bewertet: "Er ist ein ganz guter Geschäftsmann, aber sein Handicap, Leute: Unter aller Sau!". Kann man machen. Was mich an der Szene neulich am Grill störte, war nicht einmal, dass dieses selbst eher unscheinbare Exemplar des `starken Geschlechts´ den Bergsteigerinnen ohne Zögern die Weiblichkeit absprach - und damit doch nur sein gutes altes patriarchales, kolonialistisches Erbe durchschimmern ließ. Denn zu Ende gedacht hieße diese unbedachte Äußerung: "Wenn sie nicht zum Objekt meiner erotischen Phantasien taugen, stehen sie sowieso auf einer anderen Stufe. Wie die Ureinwohner. Man kann sie vielleicht zur Arbeit abrichten oder zum Tragen schwerer Lasten. Oder sie können das Essen kochen."

Derlei würde dieser zivilisierte (?) und aufgeklärte (?) Mann natürlich weit von sich weisen: Nee, so habe er das nicht gemeint, äh, die beiden seien nur so, äh, ja eben so unweiblich gewesen. Fein, kein Problem, das kennen wir seit den Zeiten, als eine Dame auf der Straße nicht rauchte und Mädels mit Kurzhaarschnitt "Garçonne" gerufen wurde.

Aber warum ich so erstaunt war, und was ich (jetzt kommen gleich Kommentare wie: "Die macht wohl aus jeder Mücke einen Elefanten, diese frustrierte/postfeministische/verrückte - bitte ankreuzen - Zicke") im Grunde sogar schlimmer fand, weil ich von Männern ohnehin wenig Sensibilität für solche Feinheiten erwarte, kurz: Das wirklich Befremdliche an der Situation war das zustimmende Lachen der Zuhörerinnen, die Hals-reckend, Kopf-schräg-haltend und Haare-aus-dem-Gesicht-streichend im wortlosen Chor gurrten: "Ach, wie gut, dass wenigstens wir r i c h t i g e Frauen sind, hach, sowas würde uns doch nie einfallen, also wirklich." Und das, obwohl der Kerl womöglich gar nicht der Traum ihrer schlaflosen Nächte war...

Mal ganz abgesehen davon, dass man sich fragen könnte, welche Art von Gipfel-Erlebnis die beiden "Tiere" in diesem traurigen Verein weißer Männer suchten, die 150 braune Männer brauchten, um dort oben zu erledigen, was sie eben zu erledigen hatten: Es scheint ihnen irgend etwas gegeben zu haben. Vielleicht sogar Spaß gemacht. Und vor allem: Sie konnten es.

Jeder weiß, wie viel eine Frau können muss, um Universitäts-Professorin zu werden oder Konzern-Chefin. Da sagt ja auch keiner was. Naja, höchstens die anderen Hochschullehrer und Manager; aber das klingt dann gleich viel gemäßigter: "Also, ein bisschen herb wirkt sie ja schon, die Frau Dr. Schriller-Oylenschrei. Ihr Mann hat sicher nichts zu lachen daheim. Wenn sie überhaupt einen hat, chr, chr, chr." Und die Gattinnen murmeln milde: "Jetzt seid aber nicht ungerecht. Wenn sie sich ein bisschen zurechtmachen würde, sähe sie doch ganz nett aus."

So lange ihr den Männern dieses unbewusste Gefasel aus der "Juden sind nun mal geschäftstüchtig, und Schwarze haben einfach mehr Gefühl für Rhythmus, und Frauen sollen eben ein bisschen hübsch aussehen"-Schublade durchgehen lasst - so lange, meine Lieben, dürft ihr euch nicht beschweren, wenn sie eure Meinungen als hysterisches Weibergeschwätz abtun. Geschieht euch nur recht.

16. Januar 2004

Leserbrief

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