Wie geht's?

Auch schon IMS?

Frauen neigen zu gewissen zyklischen Stimmungsschwankungen? Geschenkt. Doch als die Amerikaner dem Prä-Menstruellen Syndrom das schnittige Akronym PMS verpassten und es vor Gericht als mildernden Umstand bei Gatten-Totschlag zuließen, gaben sie damit der westlichen Welt das Signal, dieses an sich harmlose Phänomen zur Krankheit zu adeln. Und jetzt aufgepasst, Männer: Hier kommt euer Äquivalent.

Von Eva Herold

Spätestens seit dem Viagra-Hype wissen wir, was den Mann am Älterwerden besonders stört, abgesehen vielleicht von der Glatzenbildung. Und bisher hat er versucht, sich mit einer teuren Scheidung, einer jungen Freundin und einem affigen Auto mutig dem Greisentum entgegenzustemmen. Diese Potenzmittel sind natürlich immer noch im Umlauf, aber inzwischen ist eine Generation nachgewachsen, die auch das Altern "irgendwie bewusster" angehen will.

In einem übers Internet verbreiteten Gesundheits-Dienst, den ich in einem akuten Anfall von PMS bestellt haben muss, stand neulich, dass amerikanische Wissenschaftler (wer sonst?) speziell für diese Zielgruppe, die zwar keinen Autoreifen mehr wechseln, dafür aus dem Stand mit feuchten Augen einen romantischen Sonnenuntergang preisen kann, eine neue Krankheit erfunden haben - IMS, das "Irritable Male Syndrome". Als Symptome dieser modischen Maleste werden unter anderem genannt: Gereiztheit, Gewichtszunahme, Rückgang der Libido und fehlendes Stehvermögen ...

Prompt rennen die neuen Jammerlappen zu Anti-Age-Doktoren, schlucken das Wunderhormon DHEA oder "natürlich gewonnenes Testosteron" (was auch immer das sein mag - ich stelle mir gerade getrocknete Hammelhoden in Pulverform vor, pfui Geier), lassen sich das Bauchfett absaugen, färben sich das schüttere Haupthaar und befördern überhaupt den Herren-Sektor der Kosmetik-Industrie in beachtlich schwarze Zahlen.

Das ist alles sehr löblich, geht aber völlig am Trend vorbei. Denn sogar das Fernsehpublikum scheint inzwischen die smarten, stromlinienförmigen Heinis satt zu haben, die den infantilen Sat1-Film-Film (sic) und die RTL-Sensations-Schund-Schiene bevölkern. Oder warum gäbe es denn sonst gleich zwei TV-Serien mit dem außerordentlich dicken Herrn Fischer plus eine mit dem wohlbeleibten und nicht mehr ganz jungen Herrn Pfaff? Vorbild war hier der übergewichtige Robbie Coltrane, der den neurotischen Psychiater in "Für alle Fälle Fitz" gab und damit schon vor Jahren gute Quoten einspielte. Obwohl (oder gerade weil) seine Rolle ihn außerdem als spielsüchtigen Versager und miserablen Familienvater auswies.

Das Volk will offensichtlich wieder Männer, mit denen es sich identifizieren kann - und die meisten sehen nun mal nicht so aus wie diese Minderjährigen, die für Rasierwasser und Duschgel werben; selbst die Ansehnlicheren sind oft verkatert, ungepflegt und schlecht gelaunt. Mit zunehmendem Jahresringen haben manche von ihnen vielleicht wirklich weniger Bock auf Sex und dafür eine intensivere Beziehung zu ihrem Kühlschrank.

Alter ist, genau wie ein zweifelhafter Ruf, Charakterschwäche oder eben PMS/IMS, keine Krankheit. Also nehmen Sie es wie ein Mann! Außerdem: Der deutsche Alltag bietet für beide Geschlechter genug ganz reale Anlässe für Gereiztheit; die ist von daher eher berechtigt als behandlungsbedürftig. Also dürfen Frauen hin und wieder zickig sein, Männer dafür ihre Depressionen kultivieren oder "Anger Management"-Seminare besuchen. Und am Reifenwechseln arbeiten wir noch.

20. Oktober 2003

Leserbrief

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