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DDR-Shows
Tableaus mit Requisiten
Requisiten sind nach Braunecks Theaterlexikon "alle
beweglichen Gegenstände (einschließlich Speisen und Getränke),
die die Darsteller für ihr Spiel brauchen". Oder die, weiß
das in der DDR erschienene von Hammer und Trilse zu ergänzen, einfach
"als Detail für die Ausstattung bestimmt sind". Jedenfalls
- so bringt es Schwabs gutes Speziallexikon für Kinder und Jugendliche
auf den Punkt - ist ein Requisit genau das, was schon das Herkunftswort
sagt: "lat.: requisitum = erforderliches Ding".
Von Gottfried Fischborn
Erforderliche
und bewegliche Dinge, die manchmal nur als Details der Ausstattung auftraten,
waren in den DDR-Nostalgieshows, die ich bisher sah: ABV, Ampelmännchen,
Bockwurst, Emmerlich (Gunther), (Schachtel) F6, das Fernsehballett,
Goldbroiler, Gysi (Gregor), grüner Pfeil, (Schachtel) Karo, Kessel
Buntes, Nacktbader, (Päckchen) Rondo-Kaffee, Pflaume (Kai), Pionierhalstuch,
Pionierbluse, (das!) Sandmännchen, Schenk (Franziska), Schöbel
(Frank), Schulz (Axel), (Stuhl) Sitzei, (Teller) Soljanka, Spreewaldgurken
(im Glas), Stolpe (Manfred), Witt (Katarina). Die Aufzählung ist
unvollständig, die Reihenfolge alphabetisch. Auf "Datscha"
habe ich, wenn auch ungern, verzichtet. Das Ding war zwar erforderlich,
aber doch nicht ganz so beweglich. Die Sender heißen MDR, RTL,
SAT 1, ZDF, ein weiterer namens Pro 7, ist zu hören, hat auch noch
was vor.
Man will ja genau sein: Lasse ich die Shows vor meinem inneren Auge
noch einmal (wie man hier ja wohl sagen muss) Revue passieren, bleiben
mir trotz der vielen Requisiten, trotz der fast ununterbrochenen lauten
Fröhlichkeit und selbst ungeachtet der immensen Beinarbeit des
Fernsehballetts leichte Zweifel, was die Beweglichkeit angeht. Irgendwie
bleibt doch der Eindruck eines Tableaus zurück - in der Theatergeschichte
bekanntlich ein auf der Bühne effektvoll gruppiertes Bild der Schauspieler,
Tänzer oder Sänger in quasi erstarrtem Zustand.
Mal waren sie im Jahre 1965 erstarrt, mal 1975, mal 1988 und dann wieder
1949, undsoweiter, im Grunde aber war es immer dasselbe Tableau, nur
die Requisiten wechselten. Ein Tableau mit wechselnden Requisiten: Schaut
her, liebe Ossis, so sah sie aus (wisst ihr es denn nicht mehr?), eure
nette DDR, hier könnt ihr sie in Ruhe noch einmal betrachten -
seht, geneigte Wessis, so harmlos und putzig war sie doch, die von euch
dämonisierte DDR.
Nicht nur genau, auch gerecht möchte man schließlich sein:
Es gab Momente, leider waren sie selten genug, da wurden aus moderierenden
Requisiten plötzlich richtige Leute, aus Poseuren der eigenen Vergangenheit
gegenwärtig agierende Menschen - und ansatzweise wurde dann das
Tableau zum jenem heiteren Spiel, das den Machern, wenn wir ihnen das
Beste unterstellen, vorgeschwebt haben mag. Solch ein Moment war für
mich in der DDR-Show von RTL der Auftritt Katarina Witts mit blauem
Halstuch und schneeweißer Jungpionierbluse, die in diesem Outfit
dann auch noch ihre glänzenden Schulnoten präsentieren durfte.
Weil in der Art, wie sie das machte - schwer zu beschreiben! - keine
Verklärung lag, aber auch keine Denunziation. Eher ein vielleicht
unbewusster, aber nicht zu verdrängender, letzter Widerschein des
einstigen, kindlichen Stolzes. Der Stolz auf die DDR, deren Hymne so
oft für Kati intoniert wurde, mag er kindlich-naiv geblieben sein,
muss ja noch für lange Zeit Bestandteil dieser Biografie gewesen
sein - sie war von den vielen einstig-jetzigen Alt- und wieder Neupromis
in den Ostalgieshows eine der wenigen, die etwas davon immer noch erkennen
ließen. Obgleich sie wahrlich nicht die einzige war, die schon
das Politbüro begeistert hat.
Nach der Wende von 1989/90 bin ich von jungen Leuten, von Studentinnen
und Studenten immer wieder gefragt worden, ob denn nun in der DDR und
anderswo im Osten ein sozialistisches Experiment stattgefunden habe,
der ernst zu nehmende Versuch, die sozialistische Gesellschaftsidee
in die Praxis zu überführen - oder aber eine schlimme Entartung,
eine Perversion eben dieser Idee und Utopie? Es war wirklich auffällig:
Immer wieder brachte es die allererste Nachwende-Jugendgeneration, und
zwar aus beiden Teilen Deutschlands, so auf den Punkt. Unter Verweis
auf bestimmte geschichtliche Erfahrungen wie auch auf solche des eigenen
Lebens habe ich dann stets gesagt: Beides ist richtig.
Die große Fehlleistung des offiziösen, bundesdeutschen Geschichtsbildes
hinsichtlich der DDR, wie es seither etabliert wurde, besteht meiner
Ansicht nach darin, die erste der beiden Alternativen gar nicht erst
zuzulassen, geschweige denn, sie ernsthaft zu überprüfen.
Der embryonale Gegendiskurs, wie er von einem Teil der abservierten
intellektuellen DDR-Elite schüchtern versucht wird, scheint dafür
den realen Freiheitsgewinn, den politischen wie individuellen, zu unterschätzen.
Aber, wie Friedrich Hebbel formuliert hat, eine reine Wahrheit kann
es ebenso wenig geben wie eine reine Lüge, eine Aussage, der Heiner
Müller seine eigene Fassung gab: "Es gibt nur die unreine
Wahrheit."
Sind das nicht viel zu schwere Geschütze in einem Beitrag über
das Unterhaltungsfernsehen? Ist denn von solchen Shows zu erwarten,
sie könnten mehr sein als ein opulent ausgestattetes und wirkungsvoll
arrangiertes Tableau mit Requisiten aus der historischen Rumpelkammer?
Ja, das könnten sie: Lebendige Erinnerung ist als eine elementare
menschliche Aktivität überall möglich und auf jede Weise,
mittlerweile, was die DDR angeht, auch auf eine sehr heitere. Das Wie
ist Sache der Macher, nicht nicht die unsere, des Publikums. Lebendig
jedenfalls ist Erinnerung, wenn sie redlich ist. Nur dann. Wenn sie
nichts ausklammern möchte. Wenn sie, in unserem Falle, die Entartung
ebenso ins Visier nimmt wie geschichtliche Leistung und utopischen Anspruch,
die - aber niemals zu hundert Prozent - in Perversion und Entartung
getrieben wurden.
Außerdem: Kritischer An- und Einspruch wird von mehreren Seiten
angemeldet. Wo Geschichte nicht abgeschlossen ist, wird auch das Leichte
und Seichte mit Ernst befragt werden. Die Shows gehen mit alltagsgeschichtlichem
Material um - auch alltagsgeschichtliches Material ist historisches.
So war es mehr als verständlich, dass wirkliche Opfer der neostalinistischen
Diktatur sich heftig zu Wort meldeten. Man sollte diesen Einspruch nicht
ausspielen gegen den anderen, den unsrigen, welcher erfahrene Widersprüche,
erbrachte Lebensleistung und idealistische Illusionen nicht reduziert
sehen will auf eine dumpfe, im Nachhinein humoristisch verklärte
Idyllik und einen belächelnswerten HO-Warenkorb.
Mir fällt es nämlich schwer - schön wär's ja, wenn's
so wäre! - wie etwa Thomas Ahbe (im "freitag") oder Christoph
Dieckmann (in der "Zeit") in dieser Art von Ostalgie einen
zwar laienhaften, aber doch naiv-schwejkianischen Gegendiskurs zu den
offiziösen "Doktrinen der Großhistorie" (Dieckmann)
zu erblicken. Zwar fühlen sich jetzt sehr viele bestätigt,
die zwischen Werra und Oder gelebt haben, weil sie ja immer schon wussten:
Bei uns war doch nicht alles schlecht. Aber auch wenn die Ossis den
süßen Kakao, durch den sie hier gezogen werden, massenweise
selber trinken, ist er angerichtet als ein Frühstücksgetränk
für siegesbewusste Wessis.
20. Oktober 2003
Leserbrief
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