Miszellen

Von Matthias Falke


Eingebrochen

Bei Klaus und Martina wurde eingebrochen. In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar. Der Einbrecher drang in keine Wohnung ein, sondern bemächtigte sich der Topfpflanzen, die bis dahin das Treppenhaus geziert hatten. Die erschütterten Einwohner fanden sie am Morgen auf dem Trottoir wieder. Die Kakteen und Gummibäume, Ficus benjamini und Araukarien waren in einer Reihe am Straßenrand aufgestellt. Natürlich waren sie sämtlich erfroren.


Ludmilla

Ludmilla Kienbaum betreut die Käsetheke im Supermarkt. An den Tagen, an denen sie allein ist, kann sie sich als Abteilungsleiterin betrachten. Ihre eigene Chefin. Meistens ist aber noch eine Aushilfe oder eine Halbtagskraft da, die ihr von hinten zuarbeiten. Dann ist Ludmilla einfach nur Verkäuferin. Jeder Kunde nimmt sie zwei bis drei Minuten im Anspruch. Die Schlange reißt selten ab. Sie sagt also hundertfünfzig bis zweihundertmal am Tag ihr Guten Tag, was darf es sein? Natürlich das notorische Darf's ein bißchen mehr sein? Sowie das Vielen Dank; auf Wiedersehen. Sie bemüht sich, eine gutgelaunte und aufmerksame Verkäuferin zu sein. Sie lächelt auch Rentner an, schiebt den plärrenden Kinder auf den Armen enervierter Mütter kleine Stücke Leerdamer hin und beendet die Transaktion oft mit einem Einen schönen Tag noch. Gern gibt sie auch kleine Tips mit in den Kauf, etwa den Appenzeller kurz ins Gefrierfach zu legen, dann reibt er sich besser; oder sie spricht unaufdringliche Empfehlungen aus, nämlich welcher Weichkäse sich am besten zu welchem Wein macht. Um halb sieben schließt der Supermarkt. Sie braucht noch eine halbe Stunde, bis sie die Theke in Ordnung gebracht hat. Dann hängt sie den weißen Kittel in den Spind und fährt nach Hause. Am nächsten morgen um neun fängt sie wieder an. Eine Geschichte ist das eigentlich nicht. Aber es kann eben nicht jeder eine Geschichte haben.

IQ 80

Seit fünfzehn Jahren, sagte er, seit ich den Alkohol entdeckte, versuche ich mich systematisch dumm zu saufen. Ein Vollrausch, hörte ich, vernichtet etliche tausend oder zehntausend Hirnzellen. Mühsam ist nur, daß man über viele Milliarden dieser Dinger verfügt. Dabei will ich doch nichts, als die Genügsamkeit des Bevölkerungsdurchschnitts, vielleicht noch ein wenig darunter, um auch die letzten Sehnsüchte und Unerfülltheiten auszuschließen, sagen wir, einen IQ von achtzig. Und ich saufe und saufe, und mit Sicherheit ist schon einiges da oben über den Jordan gegangen, aber eine wesentliche Abnahme der Klügelei und Spitzfindigkeit konnte ich bislang nicht feststellen. Ich will ja nur die geruhsame Existenz eines ganz ebenmäßigen Arbeitnehmers, der seine siebenunddreißigeinhalb Stunden hat, die Bildzeitung in der Mittagspause, neunundzwanzig privatrechtliche Kanäle am verdienten Feierabend, Schrebergarten und Fischerfest am Wochenende; und niemals das Gefühl, intellektuell hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben. Muß das herrlich sein, abends heimzukommen, sich vor die Glotze zu hocken, das erste Bier zu knacken - und gar nicht auf den Gedanken zu kommen, daß etwas fehlen könnte. Ich stelle es mir wirklich sehr idyllisch vor. Und dann am Stammtisch die Phrasen wiederkäuen, die die Inhaber der Interpretationshoheit uns eingeimpft haben. Herrlich! Neuerdings versuche ich es mit Höhenbergsteigen. Ich habe gehört, der Sauerstoffmangel würde Hirnzellen zu Millionen wegputzen. Im Frühjahr stand ich auf meinem ersten Himalaya-Gipfel. Die Luft war sehr dünn. Ich mußte ordentlich keuchen. Ich war kurzatmig und ein wenig benommen. Aber nach der Rückkehr ins Basislager erholte ich mich bald, und bis jetzt ist keine nachhaltige Verblödung festzustellen. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als einen ganzen Sonntag bei einer Familienfeier zu sitzen, die gleichen Sprüche und Anekdoten zu ventilieren, die dort seit mehreren Dezennien die Runde zu machen, und gar nicht auf die Idee zu kommen, daß es etwa langweilig sein könnte. Muß das schön sein. Einmal im Leben möchte ich auch dieses debile Behagen verspüren, wenn Onkel Heinrich wieder von Stalingrad erzählt; und nicht die bleierne Erstarrung, die mich jedesmal überkommt, wenn ich schon genau weiß, daß er an der selben Stelle wieder hängenbleiben und um Worte ringen wird und mit der Krücke in der Luft rumfuchtelt und sein aktives Vokabular auf Dings und Bums und Jessas Gott zusammenschnurrt. Toll. Unser Lehrling, zwanzigjährig, dem Daseinsziel wesentlich dichter auf den Fersen als ich, hat mir Ecstasy empfohlen. Das soll schon nach wenigen Anwendungen rapide Hirnschäden nach sich ziehen und binnen kurzem zu völliger geistiger Vergreisung führen. Wenn ich ihn so ansehe, bin ich sogar versucht, es zu glauben. Aber ich konnte mich noch nicht entschließen. Schließlich nehme ich auch kein Fleischermesser und fuhrwerke mir damit zwischen den Schläfen herum. Einen gewissen Stolz hat man doch trotz allem. Und da ist es wieder, das Problem. Ich denke zuviel.

In einem Satz

I.

Als er zurückkam und vor den rauchenden Trümmern seines Hauses stand, fiel ihm das Schiller-Zitat vom "Grabe seiner Habe" ein - er hörte innerlich den Klang der Verse, wenn auch weniger als geistige Rezitation, denn als Echo der Bruch'schen Vertonung des Gedichtes -, und erst indem er den Impuls verspürte, es zu verifizieren, und sich sagen mußte, daß auch seine Bibliothek in jenen rauchenden Errata begraben sei, begriff er, was passiert war.

II.
Als Conny anrief und mich bat, ich solle Andrea anrufen und sie bitten, Conny - die sie schon angerufen, aber nicht erreicht hatte - anzurufen - und zwar auf dem Handy, weil sie auf dem Weg in den Schwarzwald war -, lag ich auf dem Sofa, draußen schien die Sonne, die gelben und blauen Gasflämmchen der Krokusse schwelten in den Vorgärten - die bloße Tatsache, daß es überhaupt noch Blumen und Vorgärten gab, erschien mir so antiquiert, wie die Gasflämmchen, denen ich sie ähnlich sehen ließ -, und las "Das Aleph" von Jorge Louis Borges.

III.
Eigentlich war es ein ganz gelungener Abend gewesen, seit sie sich auf dem Parkplatzfest getroffen, ein paar Weizen miteinander getrunken und schließlich in wortloser Übereinstimmung dem derben Lärm der Bierbänke den Rücken gekehrt hatten, dachte er, als er sich über den Rand des Dachgartens vorschob und durch den Rauch seiner Zigarette hindurch auf die verebbende Ausgelassenheit acht Stockwerke unter ihm hinunter sah, aber trotzdem hatte sowohl, als er ihr im Musikzimmer seine neuen Kompositionen vorgespielt hatte, wie auch später, als sie in ihren zehn Wohnheimquadratmetern beieinandersaßen, selbstgebrannten Obstler nippten und über Puccini schwadronierten, und sogar gerade eben, als sie in der lindenen Nachtluft auf den verhallten Blues hinunterlauschten und er ihr nebenher zu erklären versucht hatte, wie Nietzsche den Schopenhauer'schen 'Willen' zum 'Willen zur Macht' gesteigert und in sein Programm der 'Ewigen Wiederkunft des Gleichen' eingepaßt habe, irgendetwas an letztem Einverständnis und nicht weiter hinterfragbarer Intimität gefehlt, was diese blaugrüne Juninacht, gerade weil sie sich so romantisch gebärdete, letztlich wohl doch zu einem Fehlschlag werden ließ, und indem er der Sternschnuppe aus Tabaksglut nachsah, die in kraftloser Parabel auf den fast menschenleeren Parkplatz hinuntertrudelte, schloß er, daß die Frauen eben einfach nicht für die Philosophie geschaffen seien.

16. Januar 2004

Leserbrief

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