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Kriegsfotografie Shooting Pictures Wer oder was gibt dem Fotografen das Recht, in das
Leben eines Menschen einzudringen und - speziell im Krieg - Elend und
Trauer zu fotografieren? Ist das nur sogenannte Aktualität, Propaganda
oder gar unterlassene Hilfeleistung? Gibt es eine Grenze des Zumutbaren?
Gar eine Privatsphäre?
Im Kosovo: eine schreiende Frau. Umstehende versuchen, sie zu beruhigen. Sie hat, so ist zu vermuten, gerade erfahren, dass ihr Sohn?, ihr Mann? aus einem Massengrab freigeschaufelt?, getötet wurde? Wir wissen es nicht. Auch wissen wir nicht, ob der Fotograf es weiß. Wir sehen, was der Fotograf sieht: eine Frau, die schreit; ihr schmerzverzerrtes Gesicht; Frauen, die sie zu beruhigen versuchen. Nachtwey geht immer näher ran. Zielt auf das Gesicht der Frau. Und drückt ständig auf den Auslöser. Klick, klick, klick. Wie bringt er das nur fertig? So nahe ranzugehen, durch den Sucher zu gucken, abzudrücken? Merkt er denn nicht, dass er vollkommen fehl am Platz ist?, dass das eine private, persönliche, ja intime Situation ist? Ist es ihm nicht peinlich, bei diesem Schmerz, der nicht seiner ist, zugegen zu sein? James Nachtwey ist ein schlanker, gutaussehender, ruhiger, zurückhaltender,
wortkarger Typ, Anfang fünfzig. So jedenfalls wirkt er in diesem
Filmporträt. Heißt das, dass auch massive Eingriffe in die privateste Sphäre durchaus in Ordnung sind, sofern man nur Respekt zeigt? Natürlich nicht. Und überhaupt: Wo zeigte sich Nachtweys Respekt, als er die weinende und vor Schmerz schreiende Kosovarin ablichtete? Wie hätte er ihn in dieser Situation überhaut zeigen sollen? Seine Aufgabe als Fotograf ist es doch, so nahe wie möglich ans Geschehen heranzukommen, um so besser seine Fotos schießen zu können. Das muss schnell gehen, da muss man sich schon mal vordrängeln. Da bleibt keine Zeit für Respektsbezeugungen. Und doch ist Respekt zu zeigen unabdingbar. Das merken wir dann am
besten, wenn wir jemandem dabei zuschauen können, der es an eben
diesem Respekt vollkommen fehlen lässt. Comte ist der klassische Fall des Fotografen, für den nur das
Resultat zählt. Seine Bilder sind gefragt, das Internationale Komitee
vom Roten Kreuz machte ihn zum Creative Director - eine der gängigen
Erfolgsgeschichten, nicht belastet von Skrupeln über die Wahl der
Mittel. Nachtwey begreift sich als Aufklärer. Sich mit dem menschlichen
Elend zu konfrontieren, genau hinzuschauen, findet er notwendig. Und
wer möchte ihm da nicht beipflichten? Die Wahrheit soll uns freimachen,
heißt es. Und um die Wahrheit zu erkennen, muss man genau hinschauen.
Und das, nehmen wir an, tut James Nachtwey. Arbeitet jemand, wie Nachtwey das häufig tut, im Krieg, ist für kontemplatives Hingucken, für das Warten, das Sich-Annähern, das Sich-Bereit-Machen für den in Henri Cartier-Bressons Worten 'decisive moment' keine Zeit. Da dröhnt es, und knallt es, da geht es hektisch zu. Abdrücken, schnell, schnell, und los, in Deckung. Man ist näher am Tod, und damit näher am Leben, und es ist nicht zuletzt dieser Kick, der einen Fotografen sich in solche Gefahren begeben lässt. Das in so angespannten Situationen mechanische Betätigen des Auslösers hat zur Folge, dass viele Bilder entstehen, die der Fotograf selber gar nie richtig gesehen hat. "The pictures I kept mechanically taking would later substitute for the events my memory could not recall", schreibt Greg Marinovich in 'The Bang Bang Club'(!). Die Vorstellung also, dass der Fotograf auswähle, durch den Sucher blicke, wiederum wähle und dann auf den Auslöser drücke, erweist sich oft als unzutreffend. Bei vielen und oftmals beeindruckenden Aufnahmen, beschränkt sich seine Rolle darauf, den Auslöser zu betätigen - ohne überhaupt zu sehen, was er aufnimmt. So sind zum Beispiel Michael von Graffenried bemerkenswerte Bilder vom Alltagsleben im algerischen Bürgerkrieg geglückt, indem er eine Kamera mit einer 150-Grad-Panoramalinse benutzte, die ihm erlaubte, unbemerkt aus Hüfthöhe zu schießen. Der britische Fotograf Don McCullin beschrieb in seiner Autobiografie
wie er während des Zypern-Konfliktes in den 1960er Jahren ein Haus
betrat und dort drei tote Männer vorfand, von denen er Fotos machte,
als plötzlich die Türe aufging und Leute hereinkamen, unter
ihnen eine junge Frau, wie er später erfuhr: die Ehefrau eines
der drei Männer - sie waren nur gerade ein paar Tage verheiratet
gewesen: Wirklich? Wollten sie es, oder ließen sie ihn einfach? Wahrscheinlicher ist, dass sie es weder wollten, noch nicht wollten, sie in dieser Situation anderes im Kopf hatten, sie ganz von ihrem Schmerz beherrscht waren, sich nicht mit ihm beschäftigen, ihn ganz einfach aus dem Weg haben wollten. Im normalen Leben sei es nicht möglich, dass man einfach zu trauernden
Leuten nach Hause gehe und dort zu fotografieren anfange, sagt Nachtwey.
Im Krieg sei das anders. Die Leute akzeptierten ihn, sie wollten, dass
er ihr Sprachrohr sei, eine Stimme, die sie sonst nicht hätten. Als ein Mob einen Mann im indonesischen Ambon durch die Strassen hetzt,
ihn mit Messern und Säbeln zu Tode sticht, sind auch Fotografen
vor Ort. Sie halten sich zurück, fotografieren aus sicherer Distanz,
das ist nicht ihre Sache. Nicht so James Nachtwey. Ganz nahe geht er
ran, lässt sich auf seine Hände und Füsse nieder, bittet
um das Leben des Mannes. Es ist dies auch seine Sache, wie alles, findet
er, auch seine Sache ist. Man hört nicht auf ihn. Aufnahmen von Hungernden in Afrika, zu Skeletten abgemagert. Man müsse wissen, sagt Nachtwey, dass Fotos von Hungernden dort aufgenommen würden, wo auch Essen verteilt werde. Sie, die Fotografen, würden keine Fotos von an Hunger Sterbenden machen, würden sich nicht einfach umdrehen und davongehen. Es bleibt ein Unbehagen. Nicht nur beim Betrachter, der sich fragen mag, wie es nur möglich ist, als Voyeur des Elends sein Geld zu verdienen. Das beschäftigt auch James Nachtwey. Das Schlimmste sei, sagt er, dass er als Fotograf vom Unglück anderer profitiere. Dieser Gedanke verfolge ihn. Und von neuem sagt er, dass er ihm nur dadurch begegnen könne, dass er den Leuten, mit denen er zu tun habe, Achtung entgegenbringe. Es klingt irgendwie hilflos. Und gleichzeitig beschwörend. Als ob er sich selber überzeugen wollte. Man hat den Verdacht, es gelingt ihm nicht immer. Das Unbehagen bleibt. Doch es gilt nicht nur dem Fotografen, es gilt
dem dokumentierten * Sicher ist dies: Das war nicht immer so. Das Militär hatte früh begriffen,
dass Fotos zu Propagandazwecken eingesetzt werden konnten; bereits im
Ersten Weltkrieg gab es bei den kämpfenden Truppen auch Fotografen.
Deren Aufgabe war keineswegs, ein ungeschminktes Bild des Krieges zu
liefern, sondern die eigenen Männer im besten Licht zu zeigen:
bei Truppeninspektionen, bei Paraden, beim siegreichen Einmarsch in
eine eroberte Stadt. Das änderte sich dramatisch im Vietnamkrieg: Das Militär begann Fotografen, ja Journalisten ganz allgemein, zunehmend als Feinde zu sehen, da ihre Fotos und Berichte den offiziellen Verlautbarungen oft widersprachen. Trotzdem geschah es nur selten, dass einem Journalisten das Einreisevisum nach Südvietnam (die Voraussetzung für die Akkreditierung, die ihm die volle Kooperation und Hilfe der Militärs bei der Erfüllung seines Jobs garantierte) verweigert wurde. Die Freiheit, welche die Reporter in Vietnam genossen, zog auch viele an, die, wie Hemingway, dazu tendierten, den Krieg zu romantisieren. Das sei keineswegs überraschend, schrieb Nora Ephron 1973 im New York Magazine, denn "unlike fighting in the war itself, unlike big-game hunting, working as a war correspondent is almost the only classic male endeavor left that provides physical danger and personal risk without public disapproval, and the awful truth is that for correspondents, war is not hell. It is fun." Etwas direkter formulierte es der damalige Associated Press Fotograf in Saigon, Horst Faas: "What I like is boom boom. Oh yes." Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die feindselige Haltung gegenüber den Medien im Ersten Golfkrieg. Die Militärs hatten ihre Lektion gelernt, die freie Berichterstattung à la Vietnam gehörte der Vergangenheit an, jetzt galten Zensur und Kontrolle - und diese war dermaßen wirksam, dass bis heute kaum jemand Bilder von diesem Krieg gesehen hat. Und auch deshalb hat er sich in unserem Medien-Gedächtnis nicht festgesetzt. Für den bisher letzten Krieg am Golf haben die Militärs ihre Strategie überdacht: Um sich die Berichterstatter gewogen zu machen, erfand man die 'embedded journalists' - besser "to kill them with kindness" als sie sich zu Feinden zu machen. Und die Journalisten, jedenfalls einige von ihnen, nach den Fernsehbildern zu urteilen, fanden das Mitfahren auf den Panzern ganz ähnlich aufregend wie viele ihrer Kollegen damals den Vietnamkrieg. Aus Sicht der Militärs (sie sind schlau genug, damit nicht zu prahlen), war es ein hervorragendes Konzept (was könnte mehr verbinden als die gemeinsam erlittene Gefahr?) - Bilder von den Tausenden von toten Irakern haben wir jedenfalls nie gesehen. ****** Die Gründe, die einen Fotografen bewegen, sein Handwerk im Krieg auszuüben, sind so verschiedenartig wie die Fotografen selber - dass es nicht ausschließlich idealistische sind, versteht sich von selbst. Schließlich lebt der Mann (es kann, wie immer, auch eine Frau sein) in einer von den Kräften des Marktes (so zumindest die Ideologie) beherrschten Welt, er muss also Bilder produzieren, die ein Bildredakteur haben will.Und Fotografen haben in der Regel eine recht gute Vorstellung davon, was für Bilder der Vorgesetzte auf seinem Schreibtisch sehen will - spektakuläre, außergewöhnliche, sensationelle. Und was ist mit der Wirklichkeit? Der konkreten Situation vor Ort? Falls diese speziell und dramatisch genug ist, klar, okay. Wenn nicht, sucht man sich einen neuen Ort. Oder hilft nach. Das heißt nicht, dass man die Dramatik, die der Vorgesetzte zuhause erwartet, herstellt, sie inszeniert (das kommt vor, ist jedoch nicht die Regel), doch es heißt, dass man sich bei der Sujet-Auswahl, bei der Wahl des Bildausschnitts, des Blickwinkels, so ausrichtet, dass man möglichst spektakuläre Aufnahmen hinkriegt. Was soll daran falsch sein? Gar nichts. Nur zeigen solche Bilder nicht den Krieg, wie er ist, sie zeigen den Krieg, wie der Bildredakteur glaubt, dass er dargestellt werden soll. Was für Fotos (und ob groß oder klein, auf der Titelseite
oder auf Seite 4, und mit welcher Bildlegende) publiziert werden, wird
auf einer Redaktion fernab des Kriegsgeschehens entschieden. Zugegeben, sich von den Medien, die dem 'if it bleeds, it leads' verpflichtet
sind, eine ungeschminkte, wahrheitsgetreue Darstellung des Krieges zu
erhoffen, ist eine womöglich etwas naïve Erwartung, denn die
Medien haben ganz andere Aufgaben, hauptsächlich die, ihren Eigentümern
Vorteile zu verschaffen, also profitabel zu sein. Diesem Ziel - es geht
hier ums Geschäft, und da versteht man, das weiß jeder, keinen
Spaß - haben sich sämtliche anderen Ziele unterzuordnen.
Und was ist mit der Ethik? Sie ist, wie wir wissen, ein weites Feld und reduziert sich hier auf die eine, alles entscheidende Frage: Kriegen wir Probleme, wenn wir ein solches Bild veröffentlichen? Auch der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wird sich wohl diese Frage gestellt haben, als zu entscheiden war, ob die Fotos der beiden toten Söhne von Saddam Hussein veröffentlicht werden sollten. Dass sie schließlich der Öffentlichkeit vorgeführt wurden (unter tatkräftiger Mithilfe des größten Teils der Medien, die sich bereitwillig in den Dienst dieser Propaganda stellten), widersprach zwar den Genfer Konventionen, die das Zurschaustellen von Kriegstrophäen verbieten, doch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), der Garant dieser Konventionen, verhielt sich so neutral wie immer ("Wir sind aber nicht sicher, ob die beiden toten Brüder als Kriegstote gelten", so die Pressesprecherin Antonella Notari zu Spiegel online, denn über ihren Status in der irakischen Armee sei nichts bekannt) - die USA, die zu den wichtigsten Geldgebern des IKRK gehören, haben dies sicher wohlwollend zur Kenntnis genommen. Doch zurück zur Ethik: die Frage, ob man etwas darf oder nicht, ist nämlich trotz der Leute, die sich darüber stehend glauben, von einiger Bedeutung. Nicht weil sie manchmal in von der Kirche unterhaltenen Akademien Gegenstand gescheiter Ausführungen ist, sondern weil der Mensch in einer Welt der grenzenlosen Unübersichtlichkeit einfach angewiesen ist auf ein paar praktische Richtlinien. Nein, nein, wir brauchen keine neuen, die, die wir kennen, genügen vollauf. Diese hier zum Beispiel: 'Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.' Dem Magazin Town war das offenbar zu wenig konkret. Es wies seine Fotografen und Redakteure während des Vietnamkrieges an, folgende Bilder nicht zu veröffentlichen: "severed heads floating in a river , a face with gouged eyes, a hand hanging from a piece of string, a Vietcong suspect being tortured by a soldier who has a comic-strip balloon making him say, 'That'll teach you to talk to the press.'" "Vom Journalismus über den Kommerz zum Kannibalismus"
hat der Journalist Ernst Müller-Meiningen jr. den Rahmen charakterisiert,
in dem letztlich darüber entschieden wird, was uns medien-mäßig
so alles zugemutet wird. Und zugemutet wird uns ein Potpourri, bei dem
sich ein Außerirdischer, zum ersten Mal auf diesem Planeten zu
Besuch, wohl verwundert sich die Augen riebe. In den Worten von Erich
Kästner: Unter diesem 'täglichen Pensum', unter diesem 'nichts Besonderen' sind manchmal auch Fotos zu finden, von denen wir glauben, dass sie nicht hätten gemacht werden dürfen. Und die, nachdem wir sie gesehen, uns nicht mehr los ließen. Und die, weil sie uns nicht mehr los ließen, unser Bild von der Welt veränderten. * Kevin Carter ist 1994 für sein Bild eines sudanesischen Mädchens, das, auf dem Weg zu einer Essensausgabe, von einem abwartenden Geier beobachtet, zusammengebrochen war, mit dem Pulitzerpreis für Fotografie ausgezeichnet worden. "Many have asked about the fate of the girl. The photographer reports that she recovered enough to resume her trek after the vulture was chased away. It is not known whether she reached the center", ist bei Greg Marinovich nachzulesen. Als Hisaye Nakajimaa in Tokyo wenige Monate später erfuhr, dass
Kevin Carter sich das Leben genommen hatte, schrieb er der Tageszeitung
"Asahi Shimbun" diesen Brief: "I can hardly believe that
I was the only person who felt it too harsh to criticize Mr Carter for
'not having saved the girl before taking the picture'. I cannot stop
praying that Mr Carter have a peaceful mind in the heaven. He left us
with a picture that exposed us to a scene that is too sad to be passed
by." 16. Januar 2004
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