Bayreuther Erfahrungen

Eine Woche auf dem Grünen Hügel

Nicht vielen leuchtet das Glück, Richard-Wagner-Stipendiat zu sein. Aber genau besehen ist dieser Lichtblick im Lebenslauf eher ein gemischtes Glück.

Von Susanne Brauer



Einmal den Gral der Wagner-Kunst erleben dürfen! Einmal dabeisein beim alljährlichen Bayreuther Festspiel-Event! Zehntausende eingefleischter Wagnerfans träumen von der Wallfahrt zum Festspielhaus auf dem grünen Hügel. Laut Statistik müssen sie durchschnittlich neun Jahre auf eine Karte warten. Ganz anders die sogenannten "Wagner"-Stipendiaten, zu denen ich mich dieses Jahr überraschenderweise zählen durfte. Wir waren Priviligierte, acht lange Tage lang – eine unvergessliche Erfahrung:

Zunächst ein Dank an Richard Wagner selbst. Schon 1876 hatte er – bar jeden Realitätssinnes - sein Opernspektakel in Anlehnung an das antike Griechenland als Volksfestspiel und somit für jedermann kostenlos ausrichten wollen. So verfügte Wagner, dass wenigstens "tüchtigen Freunden meiner Kunst bei freiem Eintritt, ja nötigenfalls durch Übernahme der Kosten der Reise und des fremden Aufenthalts" der Festspielbesuch ermöglicht werden sollte. Zu diesem Zweck wurde die Richard-Wagner-Stipendienstiftung gegründet. Seit mehr als 100 Jahren finanziert sie besonders begabten Nachwuchsmusikern, -sängern oder anderen Bühnenschaffenden den Besuch mehrerer Aufführungen.

Richard-Wagner-Stipendiat gewesen zu sein, gilt in Musikerkreisen als Bonuspunkt im Curriculum Vitae. Tatsächlich stehen einige ehemalige Stipendiaten heute auf der Festspielbühne. Mit dem entsprechenden Habitus präsentieren sich die Stipendiaten in Bayreuth – im Ohr schon die Ovationen für ihren eigenen Siegfried, ihre eigene Brünnhilde in wenigen Jahren. Wer zum illustren Kreis zählt, durchläuft in Bayreuth ein umfangreiches Wagner-Indoktrinations-Programm: Mehrere Wagner-Aufführungen samt Einführungsvorträgen, einen Besuch der Villa Wahnfried mit Richard-Wagner Museum, ein Stipendiatentreffen sowie eine Führung durch das Festspielhaus. Wolfgang Wagner, Enkel des Komponisten und Leiter der Festspiele, hat in diesem Jahr mit besonderer Großzügigkeit die Vorstellungen der gesamten Ring-Tetralogie für die Stipendiaten frei gegeben. "Rheingold", "Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung" an vier Tagen bedeuten insgesamt rund 16 Stunden Wagner. Das erfordert Durchhaltevermögen – eine Qualität, die Richard Wagner Stipendiaten auszeichnen muss.

Erwartungsschwanger treffe ich also Anfang August mit 250 anderen Stipendiaten in der Bayreuther Stadthalle ein. 37 Nationen sind in diesem Jahr vertreten, darunter Italiener, Japaner, Amerikaner, Polen, Schweden, Litauer und Russen. Viele sind Sänger, wie man sofort an den sonoren, wohlausgebildeten Stimmen erkennen kann, etliche Musiker, einige wenige "Exoten": ein Musikwissenschaftler, ein Komponist, eine Designerin, ein Bühnenbildassistent und ich, die "Marketingfrau" eines Theaters.

Erster Tag, erste Geduldsprobe. Manfred Jung referiert über "Rheingold". Der Dirigent und Wagner-Tenor sang Ende der 70er Jahre bei den Bayreuther Festspielen den Siegfried im "Jahrhundert-Ring" von Pierre Boulez und Patrice Chéreau. Auf der Stadthallen-Bühne am Flügel, umrahmt von dunkelbraunen Holzvertäfelungen und moosbraunen Samtvorhängen, über ihm das Stadtwappen, sieht man ihm an, dass er seine besten Zeiten lange hinter sich gelassen hat. Leider hört man es auch. Der leichte Mottenkugel-Duft des Raumes verstärkt diesen Eindruck. Minutiös zeichnet Jung bei seinen Ausführungen über die Oper jedes einzelne Wagnersche Leitmotiv auf, und gibt Auszüge sämtlicher Partien von Alberich bis Fricka gesanglich zum besten. Begeisterung zeigen nur die anwesenden grauhaarigen Wagnerianer, alte Fans. Die Stipendiaten sind eher peinlich berührt, denn Jung trifft zuweilen den falschen Ton. Da helfen auch seine als Auflockerung gedachten Sprüchlein nicht ("Ich war selbst Richard-Wagner-Stipendiat, dann Beleuchter und schließlich Solist der Festspiele und ich sage Ihnen: Seien Sie hartnäckig in dem, was Sie wollen und dann werden Sie auch im Pensionsalter Referent der Einführungen."). Das Schicksal seiner Vortragsreihe ist damit bereits am ersten Tag entschieden – ich schleppe mich zwar täglich tapfer hin, aber an jedem Tag werden es weniger Stipendiaten, zur "Götterdämmerung" erscheint fast keiner mehr. Die meisten wandern ab zur Konkurrenz, zum Pianisten Stefan Mikisch. Beinahe schon Kultfigur für Wagnerianer und früher selbst Referent des Richard-Wagner-Verbands, hält er nämlich nach Streitigkeiten mit dem Verband seine lebendigeren Einführungen nun als Parallelveranstaltungen.

Folgt eine pappige Kantinenmahlzeit. Die nutzt der Stiftungsgeschäftsführer Paul Götz, um uns den wichtigsten Punkt ins Hirn zu hämmern: wie teuer wir Stipendiaten seien. Da wir gute Karten bekämen und nicht die billigsten, koste das ganze Unternehmen in diesem Jahr 130.000 Euro. Wir applaudieren dankbar den Vertretern der Geld gebenden Wagner-Verbände. Diese lassen sich entsprechend feiern, mit Siegerposen in Sportlermanier.

Kurz später geht es endlich los: Ein adrettes Gewand, in aller Eile geschminkt und mit dem Shuttlebus von der Gemeinschaftsunterkunft zum Festspielhaus bugsiert. Wir beginnen mit "Rheingold" – ein geeigneter Einstieg, da die kürzeste der vier Opern.

Das Festspielhaus, 1876 eingeweiht, und seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgängig bespielt, ist noch im Originalzustand erhalten. Von meinem Bayreuth-kundigen Vorstand bin ich allerdings bestens vorbereitet und habe wie andere Schlaue in der Plastiktüte das entsprechende Equipment mitgebracht: Sitzkissen gegen die harten Klappsitze und Fächer gegen die schwüle Hitze, die sich in den nächsten Stunden im Zuschauerraum ausbreiten wird. Bereits während des ersten Aufzugs wird klar – das Privileg ist eine Tortur, eingezwängt in engen Sitzreihen mit 2000 Besuchern. Linderungen bringen die stets einstündigen Pausen. Man ergeht sich vor dem Festspielhaus im Park oder im 70er-Jahre-Ambiente der umgebenden Gastronomie, die Hausvater Wolfgang Wagner höchstpersönlich dort angesiedelt hat. Zur Wahl stehen ein Self-Service mit unter Folie verdeckten Salaten und Krabbencocktails, der Würstelstand oder etwas nobler das Steigenberger. Ist für mich als Stipendiat aber preislich leider eher unattraktiv. Passender wäre das klassische Bayreuther Autopicknick der mit Auto Angereisten. Auf den Parkplätzen sitzen die feinsten Leute auf den Kotflügeln und nippen am mitgebrachten Champagner oder nagen schlicht an ihrem Butterbrot.

Beliebter Sport ist das Beobachten der Festspielgäste. Die mehrheitlich grauhaarige Klientel hat einiges aufgeboten. Vom volkstümlichen Edel-Dirndl über pastellfarbene Prinzessinnen-Kleidchen bis zum tiefdekolletierten, schwarz-durchsichtigen Seidenhauch eines Abendkleides ist alles vertreten. Ein Blick ins Dekolleté der Damen wird selten enttäuscht: Wer Klunker hat, der trägt sie hier zur Schau. Unter die gediegeneren Wagnerianer mischen sich Paradiesvögel wie ein offensichtlich mediterranes Männerduo mit schwarzem, pomadigem Haar, das höchst exzentrische glänzende Anzüge in Rot und Weiß mit schillernden Palettenapplikationen und Stickereien trägt, dazu Cowboystiefel und goldene Sonnenbrillen. Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae ("Sie kommen, um zu sehen, sie kommen [aber auch ins Theater], um selbst gesehen zu werden"), wusste Ovid zu berichten. Echte Prominenz ist leider nicht vorhanden: Stoiber, Thomas Gottschalk und Roberto Blanco waren schon bei früheren Aufführungen da.

Neidisch beäugen die Stipendiaten untereinander diejenigen, deren Verbandsvorstände mit angereist sind: "Die werden jeden Abend zum Essen eingeladen". Dass derartige Nähe zum eigenen Mäzen auch Nachteile in sich birgt, beobachte ich dann allerdings in der ersten Pause im Freiluftbad an der Bürgerreuth, das in der Pause leicht zu Fuß zu erreichen ist. In der kleinen Kneippanlage scheucht eine ältliche Dame – offensichtlich ein Verbandsvorstand - ihren jugendlichen Schützling mit hochgerafften Hosen in das eiskalte Becken zum Wassertreten. Als nach einigen Runden seine Füße bereits zu Eisblöcken erstarrt sind, darf er gnädigerweise endlich heraussteigen. Anschließend mit baren Füßen auf den Kieselsteinpfad ist sein Lächeln nur noch krampfig. "Das ist gut für Ihren Kreislauf!" kreischt sie vergnügt und hält selbstverständlich alles per Kamera fest: Stoff für heitere Geschichtchen beim nächsten Vorstandstreffen in der Heimat.

Das Freiluftbad erweist sich sonst als zentrales Beglückungsmoment des gesamten Aufenthalts. Treffpunkt aller Hitzegeschädigten, um Beine und Arme im eiskalten Wasser zu erfrischen und sich für den zweiten Aufzug der Oper fit zu machen. Unter Gekicher und Gestöhne spaziert die feine Gesellschaft aufgereiht im Storchengang durch das Tretbecken. Die Damen schürzen die Abendgarderobe bis zum Slip und einige der Herren entledigen sich ganz einfach ihrer Anzughosen. Selbst das ist hier mit dem sonst so feinen Duktus vereinbar. Die "normalen" Kneippgäste in Bikini und Badehose scheinen es nicht einmal wahrzunehmen und reihen sich klaglos ein.

Der nächste Tag verläuft nach ähnlichem Schema: Vortrag (Qualität gleichbleibend öde), Mittagessen (Qualität gleichbleibend schlecht) - , Kostümierung, Kneipp-Gang, Opernbesuch "Walküre". Erste gruppendynamische Prozesse haben sich in Gang gesetzt. Man relaxt en groupe – und beginnt mit der Fachsimpelei, bzw. der eigenen Profilierung. Und je länger der Abend dauert, der Alkoholpegel steigt, desto launiger werden die Dönkes und desto boshafter das Geläster. Klassenfahrtsatmosphäre kommt auf.

Dritter Tag: ein Highlight. Der mittachzigjährige Festspielpatriarch Wolfgang Wagner führt uns durch das Festspielhaus. Der Hausherr beeindruckt zwar durch seine Vitalität, auch wenn weite Teile seiner Rede unverständlich bleiben, da er ständig mit dem Mikrophon wedelt und danebennuschelt. Da etwa ein Drittel der Zuhörer kaum Deutsch versteht, stört das aber nicht wirklich jemanden. Wichtiger ist, dass er am Ende der Führung Autogramme auf die Festspielkarten gibt und für Erinnerungsfotos posiert. Und er beantwortet nach bestem Wissen und Gewissen die Fragen, die seinen Zuhörern auf der Seele brennen: "Warum hat das Parkett sieben Flügeltüren" ("Damit die Leute schnell rein und raus gehen können"), "Warum wirft das Publikum beim Applaus keine Blumensträuße?" ("Weil es einen Unfall im Orchestergraben gab"), "Was war der längste Applaus?"

Vierter Tag. Der Morgen mit Einführungsvortrag (Besucherzahl sinkend), Mittagessen (Qualität gleichbleibend schlecht) geht leicht vorüber – insbesondere für das gros der Stipendiaten, das sich angesichts der Hitze bereits ins Stadtbad abgesetzt hat. Zum Kneipp-Gang und zur Vorstellung "Siegfried" sind sie dann wieder in bewährter Abendgarderobe auf dem Hügel. An Erfahrung reicher, haben sich inzwischen alle mit dem nötigen Equipment ausgerüstet: Zusätzlich zum Sitzkissen noch eine kleine Plastikflasche, um sich auf der Toilette Leitungswasser abzufüllen – das machen auch die feinen Damen, schließlich kostet ein Perrier gleich vier Euro am Stand.

Fünfter Tag. Wird uns auch der Besuch der Villa des Komponisten mit seinem und seines Hundes Grab nicht vorenthalten. Der Direktor des Richard-Wagner-Museums empfängt die Stipendiaten im ehemaligen Salon Wagners. Um Kritik vorweg zu nehmen, macht er sogleich seine Ausstellung gehörig schlecht: Sie sei weder zeitgemäß sortiert, noch präsentiert, und sie vernachlässige den Aspekt "Die Festspiele in Zeiten des Nationalsozialismus". Das solle aber geändert werden, sobald Geld in den knappen Kassen sei. Von den Stipendiaten scheint aber niemand etwas zu vermissen, schließlich sind ja genug Wagner-Devotionalien dort angehäuft.

Zeit zum Studieren der Geschichte bleibt allerdings nicht, da wir schon wieder für das abendliche Stipendiatentreffen rüsten müssen: fünfter Abend in festlicher Garderobe. Und der zieht sich hin. Die langen Begrüßungs- und Dankesreden von Stiftungsvorstand, Bürgermeister und weiteren offiziellen Repräsentanten werden mit der Aussicht auf ein üppiges fränkisches Buffet ertragen, dann wird selbiges ratzeputz abgeräumt. Zum Nachtisch startet dann das Musikprogramm, gestaltet von den Stipendiaten selbst. Spätestens nach dem herzzerreißenden gesanglichen Rührstück einer bulgarischen Sopranistin sinkt die Toleranz- und Höflichkeitsschwelle der Zuhörenden, gnadenlos werden die Augen gerollt, lästerliche Sprüche losgelassen. Schließlich verabschiedet sich einer nach dem anderen in Richtung Kneipe oder Unterkunft.

Letzter Tag. Zur "Götterdämmerung" schwächelt bereits ein Großteil der Stipendiatenfreunde, beschäftigt mit dem Kater des Vortrags oder ist einfach ermattet von der Wagnerballung der letzten Tage. Erste Anzeichen von Fluktuation machen sich bemerkbar: Möglichst unauffällig sind einige Stipendiaten bereits abgereist, enttäuscht oder einfach abgenervt von der ganzen Veranstaltung. Das Faszinosum der Festspiele hat sie nicht angesteckt. Nur wenige ziehen ein positives Fazit, die meisten wirken eher froh, mit einer Urkunde nach Hause ziehen zu können.

Und ich runzle über mich selbst die Stirn, denn trotz aller Widrigkeiten: Die geballte Wagner-Indoktrination hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Ich bin infiziert. Ich träume nachts von den Ring-Ouvertüren. Tagsüber ertappe ich mich beim Singen des Walkürenthemas.

18. November 2003

Leserbrief

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