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Gibt es eine Zivilisierung des Kapitalismus? oder:
Die Diktatur der Weltwirtschaft
Heute erregen sich schon 16-jährige über
esoterische Abkommen wie GATT oder NAFTA, über Strukturanpassungskredite
oder Bananenquoten. Den Globalisierungsgegnern liefert Joseph Stiglitz
in seinem Buch "Die Schatten der Globalisierung" die harten
Fakten für ihre Kritik. Der Wirtschaftsprofessor empfiehlt, den
Kapitalismus an die Leine zu nehmen.
Von Judith Brandner
Im vergangenen September fand im mexikanischen Badeort Cancún
die Ministerrunde der WTO statt. Auf dem Programm stand eine weitere
Liberalisierung des weltweiten Handels. Verhandelt werden unter anderem
die GATS-Verträge, und damit eine mögliche Privatisierung
des Gesundheits-
und Bildungswesens und natürlicher Ressourcen wie Wasser. Vehemente
Proteste begleiteten das Treffen, denn der neoliberale Mythos verspricht
zwar Wohlstand für alle, die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus.
Die Globalisierung habe ein enormes Potential, aber sie müsse unbedingt
reformiert werden, meint Joseph Stiglitz (Foto), Professor an der Columbia
University, Ex-Berater von Bill Clinton, ökonomischer Berater der
Regierungen von China und Ecuador, Nobelpreisträger für Ökonomie
2001. Für die Globalisierungsgegner ist Stiglitz zu einer Symbolfigur
geworden, der die harten Fakten zu ihrer Kritik liefert.
Stiglitz ist keiner, der die Globalisierung an sich in Grund und Boden
verdammt. Doch wenn die großen internationalen Organisationen
entscheiden, wo es lang geht und das im Interesse der reichen Länder
der Welt, dann bleiben die Armen auf der Strecke. Das, so Joseph Stiglitz,
habe auch die Uruguay-Runde der WTO Verhandlungen 1994 deutlich gemacht.
Eine Studie der Weltbank habe aufgezeigt, dass nach dem Eingreifen der
internationalen Organisationen die Einkommen in der ärmsten Region
Afrikas, der Sahelzone, um 2 Prozent zurückgegangen sind, während
die reichen Länder profitierten. Am Beispiel der amerikanischen
Baumwollproduktion erklärt Stiglitz, wie dieser Kreislauf funktioniert:
In den USA wird Baumwolle im Wert von etwas mehr als drei Milliarden
US Dollar produziert. Die Baumwollfarmer erhalten Subventionen in der
Höhe von mehr als vier Milliarden Dollar, also über 100 Prozent.
Stiglitz: "Weil sie die Subventionen nur bekommen, wenn sie mehr
Baumwolle produzieren, produzieren sie mehr. Klar - bei einem Anreiz
von 4 Milliarden! Wenn sie mehr produzieren, sinkt der Preis, ganz nach
der Regel von Angebot und Nachfrage. Der Preis sinkt so stark, dass
die Einkommen aller afrikanischen Länder nur aus der Baumwollproduktion
um ein bis zwei Prozent zurück gehen!"
Wenn Joseph Stiglitz im Interview oder einem seiner Vorträge ökonomische
Unsinnigkeiten und weltweite Ungerechtigkeiten anprangert, dann wird
leidenschaftliches Engagement spürbar. 1969 hatte ihn die Rockefeller
Foundation ans Institute for Development Studies in Nairobi eingeladen.
Mit der Analyse der Pachtverträge zwischen landlosen Kleinbauern
und Grundbesitzern in Kenia wandte sich Stiglitz den Problemen der Entwicklungsländer
zu. Seine Forschungen über das so genannte sharecropping gelten
als Bahn brechend. Das Prinzip dahinter: ein Pächter kann nicht
den gesamten Ertrag seiner Ernte selbst behalten, ein festgesetzter
Teil geht an den Landbesitzer. Bei einer schlechten Ernte muss der arme
Pächter entsprechend weniger an den Landbesitzer zahlen, ein Grund,
weshalb diese Art von Verträgen eingegangen werden: "Ich wollte
verstehen, wie es zu dieser aus ökonomischer Sicht höchst
eigenartigen Übereinkunft gekommen ist, bedeutet sie doch, dass
die ärmsten Menschen der Welt für ihre Anstrengungen eine
Art 50-prozentige Steuer bezahlen müssen", erinnert sich Stiglitz.
Diese Forschungen und Erfahrungen legten den Grundstein für sein
späteres Eintreten für die Entwicklungsländer. Während
seiner Zeit als Chefökonom bei der Weltbank war ihm die Forderung
nach einer Landreform und einer Umverteilung von Land an die armen Bauern
eines der größten Anliegen. Er sei dankbar für die Zeit
in Afrika und anderen Entwicklungsländern, sagt Stiglitz, weil
ihm dadurch ermöglicht worden sei, grundlegende ökonomische
Zusammenhänge aus neuen Perspektiven zu sehen.
Stiglitz ist Mitbegründer der Fachrichtung Ökonomie der Information,
eines neuen Zweiges der Wirtschaftswissenschaften. Als Leitthema zieht
sich durch seine Arbeiten die These: Märkte funktionieren nicht
perfekt und friktionslos. Der Grund liegt in der ungleichen Informationsverteilung.
Ein Beispiel: Ein Arbeitsuchender weiß besser über seine
Qualifikation Bescheid, als der potentielle Arbeitgeber. Noch mehr Bedeutung
erhält das Ungleichgewicht an Information für die Entwicklungsländer.
Und das ist auch der Schlüssel für Stiglitz¹ Zugang zu
den Problemen der ärmsten Länder der Welt.
In der Weltbank, wo er zwischen 1997 und 2000 Vizepräsident für
Entwicklungsökonomie und Chefökonom war, wurden seinen Vorstellungen
immer wieder Grenzen gesetzt. Es war eine kleine Sensation, als Stiglitz
am 24. November 1999 seinen vorzeitigen Rücktritt als Chief Economist
und Senior Vice President der Weltbank bekanntgab. Offizielle Begründung:
er wolle sich wieder ausschließlich Forschung und Lehre widmen,
die er schließlich insgesamt 7 Jahre lang aufgegeben hatte. War
er doch auf Ersuchen von Präsident Clinton nach Washington gegangen
und als dessen ökonomischer Berater in den öffentlichen Dienst
eingetreten und später dem Ruf in die Weltbank gefolgt. Der wahre
Grund für seinen Rückzug von dort: "Ich war während
dieser Zeit einem enormen Druck ausgesetzt, mich nicht zu den relevanten
Themen zu äußern. Ich fand es aber ungeheuer wichtig, gerade
diese Themen öffentlich zu diskutieren und merkte, dass ich das
von meiner Position an der Universität aus, damals an der Stanford
University, effizienter tun könnte." Er habe sich entschlossen,
zu gehen, ehe er sich selbst mundtot machen würde oder mundtot
gemacht würde, begründete er im Dezember 1999 in der New York
Times seinen Entschluss.
Seine öffentliche Kritik am so genannten Washington Consensus,
dem ökonomischen Glaubensbekenntnis, auf das sich die amerikanischen
Finanzbehörden und Institutionen wie der Internationale Währungsfonds
stützen, war diesen schon lange ein Dorn im Auge. Heute steht es
Joseph Stiglitz frei, Kritik am IWF zu üben. Und er lässt
keine Gelegenheit dazu aus.
Während seiner Zeit als Vorsitzer des Council of Economic Advisors
von Präsident Clinton, habe er sich immer wieder über die
eigentümliche Version der Marktwirtschaft wundern müssen,
die die internationalen Institutionen verbreiteten, ätzt Stiglitz.
Oft habe er den Eindruck gehabt, dass Weltbank und IWF, vor allem der
IWF, auf dem internationalen Parkett eine Haltung vertraten, die diametral
dem entgegenstanden, wofür Clinton in den USA kämpfte! Das
sei schon sehr eigenartig gewesen. Doch die Erklärung dafür
sei einfach: "Der Präsident war schlecht über die Aktionen
des IWF informiert. Im IWF hatte das US Schatzamt das Sagen und dort
war man der Meinung, man sollte den Präsidenten nicht mit Details
belästigen! Natürlich wussten sie, dass es ihm nicht gefallen
hätte - noch ein Grund mehr, ihn nicht zu belästigen!"
Als erst der Kolonialismus und dann der Kommunismus zu Ende gingen,
hatten IWF und Weltbank die Gelegenheit, ihre ursprünglichen Zuständigkeiten
und ihren Einflussbereich enorm auszuweiten, analysiert Stiglitz. Heute
seien diese Institutionen zu dominanten Akteuren der Weltwirtschaft
geworden. Länder, die um ihren Beistand ersuchten und auch Länder,
die ihr Prüfsiegel begehrten, um besseren Zugang zu den internationalen
Kapitalmärkten zu erhalten, müssten ihren wirtschaftspolitischen
Weisungen folgen, in denen sich ihre Ideologie der freien Marktwirtschaft
widerspiegle. Dadurch hätten sie viele Menschen in Armut und viele
Staaten ins soziale und politische Chaos gestürzt. Afrikanische
Entwicklungsländer beispielsweise seien durch rigorose Sparprogramme,
die ihnen der IWF auferlegte, schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.
Aussagen wie diese haben Stiglitz zu einer Symbolfigur für die
Globalisierungsgegner gemacht. Der Nobelpreisträger für Ökonomie
untermauert wissenschaftlich, was am Globalisierungsprozess schief läuft.
Stiglitz weiß, dass Krawalle und Proteste gegen Politik und Maßnahmen
von Institutionen der Globalisierung nicht neu sind. Kommt es doch seit
Jahrzehnten in den Entwicklungsländern immer wieder zu Unruhen,
wenn die verordneten Sparprogramme von der Bevölkerung allzu große
Entbehrungen fordern. Doch diese Proteste blieben im Westen weitgehend
unbeachtet. Neu ist die Welle von Protesten in den Industrieländern.
In seinem Buch "Die Schatten der Globalisierung" schreibt
Stiglitz, heute erregten sich schon 16-jährige über esoterische
Abkommen wie GATT oder NAFTA, wüssten über Strukturanpassungskredite
oder Bananenquoten Bescheid. Die Anti-Globalisierungsbewegung selbst
funktioniere nicht zuletzt aufgrund einer globalen Vernetzung, aufgrund
der neuen, Welt umspannenden Kommunikationstechnologien wie dem Internet.
Und das ist schließlich einer der positiven Aspekte der Globalisierung,
auf die Stiglitz immer wieder hinweist.
Denn nicht die Globalisierung per se ist gut oder schlecht, es kommt
lediglich darauf an, wie sie durchgeführt und umgesetzt wird. Für
Stiglitz ist dabei die entscheidende Frage, ob die Folgen der Globalisierung
nur den Reichen nützen oder ob sie auch dem Teil der Weltbevölkerung
etwas bringen, der in Armut lebt. Und das ist der bei weitem größere
Teil. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist dabei in den vergangenen
rund 20 Jahren immer größer geworden. Das, so Stiglitz, beweise
den großen Irrtum der Anhänger einer so genannten trickle-down
economy, der Verfechter der neoliberalen These also, wonach eine Volkswirtschaft
den freien Kräften des Marktes überlassen werden sollte, weil
der Wohlstand letztendlich auf alle Schichten der Bevölkerung heruntertröpfeln
werde: "Der IWF und die Vertreter der Neoliberalen Ideologie postulieren,
man solle sich nicht um die Armen kümmern, sondern die Reichen
reicher werden lassen und es werde zu den Armen durchsickern. Davon
ist keine Spur zu sehen!"
Ungleichheit empört Joseph Stiglitz schon seit frühester
Jugend. Das mag mit seiner Herkunft zusammenhängen. Stiglitz wurde
am 9. Februar 1943 in der Stahlstadt Gary, im amerikanischen Bundesstaat
Indiana, geboren. Schon am College befasste er sich mit sozialen und
politischen Fragen. In seiner Familie, schreibt Joseph Stiglitz in einem
autobiografischen Essay, sei oft und intensiv über Politik diskutiert
worden. Die Familie seiner Mutter habe den Demokraten Franklin D. Roosevelt
vergöttert, jenen amerikanischen Präsidenten, der mit dem
Reformprogramm des New Deal die Wende vom Laissez-Faire-Liberalismus
zum interventionistischen Sozialstaat einleitete. Sein Vater, ein kleiner
Geschäftsmann, war ebenfalls Demokrat, mit einem starken Sinn für
moralische Verantwortung. So habe er stets darauf bestanden, Sozialabgaben
für die Haushaltshilfen zu bezahlen, im Bewusstsein, dass sie diese
später im Alter brauchen könnten. Er selbst, erzählt
Stieglitz, sei glücklicherweise stets dem Beispiel des Vaters gefolgt,
was ihm 1993, während seiner Zeit als Berater von Präsident
Clinton sehr zugute kam - als sich nämlich viele der von Clinton
ernannten Berater großen Problemen gegenüber sahen, weil
sie ihre Haushaltshilfen nicht angemeldet hatten.
Auch als Berater von Bill Clinton versuchte er sein soziales Bewusstsein
einzubringen, zunächst zwischen 1993 und 1995 als Mitglied des
Beratergremiums, und danach, bis 1997, als Vorsitzender des Council
of Economic Advisers. Und wurde dabei immer wieder mit Realpolitik konfrontiert.
Vor allem mit dem US Department of the Treasury, dem Schatzamt, gab
es Konflikte: "Zweifelsohne hat der Präsident sehr auf uns
gehört und ich denke schon, dass wir der Wirtschaftspolitik eindeutig
unseren Stempel aufgedrückt haben. Aber natürlich gab es Kontroversen
mit dem Schatzamt. Ich würde sagen, es war wie sonst in der Politik
auch: wir gewannen viele Kämpfe und verloren viele."
Eines der Themen, mit denen sich Joseph Stiglitz als Berater von Bill
Clinton, und später auch als Chefökonom bei der Weltbank beschäftigte,
war die Frage nach der Rolle des Staates. Wie viel Gewicht soll dem
Staat zukommen? Wo soll der Staat intervenieren, wo soll er sich zurückziehen?
Aus dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 seien die falschen Lehren
gezogen worden: "Diese neoliberale Ansicht, Märkte sich selbst
zu überlassen, ist ein reiner Mythos. Es hat noch nie eine Gesellschaft
mit freien Märkten ohne jegliche Kontrolle der Regierung gegeben,
die irgendwie funktioniert hätte."
Stiglitz plädiert für einen dritten Weg jenseits von Kommunismus
und entfesseltem Kapitalismus, zu dem die Ideologie des freien Spiels
der Kräfte geführt hat. Dabei sei die Politik gefordert, diesen
Prozess zu steuern und lenkend einzugreifen. Denn der Kapitalismus braucht
einen Schiedsrichter.
16. Dezember 2003
Leserbrief
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