Israel und Palästina

Hat jemand eine Straßenkarte?

"Die Situation im Nahen Osten muss uns alle besorgt machen. Das Töten und der Terrorismus gegen Israel haben nicht aufgehört und es wird schwierig sein, zur sogenannten Roadmap, die den Friedensprozess im Nahen Osten voranbringen kann, zurückzukehren."
(Gerhard Schröder, September 2003)

Von Linda Benedikt

Zehn Jahre sind es jetzt bald. Zehn vergeudete, verschwendete, schrecklich zerstörende Jahre.
Einst stand man sich gegenüber auf einem amerikanisch-präsidialen Grün, schüttelte sich die kampferprobten Hände und versprach einander Friede und Freude. Von Zukunft war da die Rede. Von einer schönen. Mit glücklichen Kindern, rundbäuchigen Müttern und Vätern in Arbeit und Brot.
Heute reibt man sich auch wieder ab und zu die Hände. Man sitzt erneut, wenn auch meist in therapeutischen amerikanischen Einzelsitzungen, vor gepflegter Kulisse. Wieder spricht man von Friede und Freude. Nur diesmal denkt sich manch einer den Eierkuchen stillschweigend dazu.



Damals trug der Friede den Namen einer nordischen Stadt, heute klingt er eher nach Orientierungshilfe: Roadmap, Straßenkarte, Postautobusfahrtenszeiten, Blindflugdirektive. Geradeso, als müsse man sicherstellen, dass sich auch ja keiner verläuft in dem Gesumms und Geschwirr aus Friedensformeln, Freundschaftsgebrummel und irgendwie ganz anderen Tatsachen.
Vordem entsprang die Hoffnung müden und wunden Herzen: Man hatte genug, und alles schien erstrebenswerter als das unerquickliche Weiter so! Und noch viel wichtiger: Es schien vor allem möglich.
Heute ist die Hoffnung eine gedankliche Zitterpartie: ein Glauben-Wollen, ein Sehnsuchtsgedanke (und für die Eierkuchenfraktion: nach dem Krieg um fünf. Auf den noch rauchenden Ruinen).
Und tatsächlich, man traut sich wieder auf die Strasse. Ja, man feiert den Sommer gar mit lustigen Veranstaltungen, wie zum Beispiel in der Fußgängerzone der israelischen Hauptstadt. An jenem Sommerabend war das Motto ganz bunt und allgemein gefasst: "Männer". Und irgendwie auch Frauen. Alles, was Männern halt so Spaß macht. Da wurden dann Damen mit neuen Haarpflegemitteln öffentlich auf einer Bühne gefönt, fetzige Musik erfüllte den mit Lampions überdachten Straßenzug, auf Klapptischen wurde feinste Autopolitur amerikanischer Produktion feilgeboten. Und über ganz Ben Yehuda bis runter zum Zions-Platz [so der Name der Fußgängerzone] hing der Geruch von Falafel, Zuckerwaffeln und leicht Gegrilltem wie zarte Lamettafäden. Kurz: Man demonstrierte - "trotz allem" - sommerliche Leichtigkeit und spätsaisonale, da politisch indizierte, Frühlingsgefühle. Dass an jeder Zugangsstraße ein Tross Sicherheitsleute stand, die jedem die Taschen durchwühlten und nonchalant nach "Waffen" fragte, während ihre Hände in die Untiefen von Handtaschen und Rucksäcken griffen, tat der guten Stimmung keinen Abbruch.
Auch das Jerusalemer Filmfestival, das in diesem Sommer seinen 20. Geburtstag feierte, war brechend voll: meterlang die Schlangen vor den Kassen, aufgeputzt die Damen, gewichtig die Herren. Man sah Filme aus aller Welt, traf sich im Kino vor der malerischen Kulisse der beleuchteten Altstadt oder in der Deutschen Kolonie, und tat so, als sei man mitten in Europa, irgendwo dort, wo man sich über Kunst und Kitsch ernsthaft in die Haare geraten darf. Man umarmte einen zivilisatorischen Banalitätszustand und erträumte sich offenen Auges ein Leben jenseits von Krieg und Terror, von Sein und nicht Sein; von selber sein dürfen und den anderen sein lassen.
In Tel Aviv genießt man die Abende mit nackten Füßen im kühlen Sand der Strandbars. Vorne rauscht das Meer, am Nebentisch raucht die Nargila, und am Himmel blitzen die Lichter an- und abfliegender Flugzeuge. Einziger Grund zur Kümmernis: der wie üblich schlechte Service. Was die im Norden machen, in Haifa? Vermutlich das Gleiche wie die in Tel Aviv. Nur mit weniger Spaß and der Freud, weil die Stadt für ihre impertinente Unaufgeregtheit verschrien und nicht für Lebenslust bekannt ist. Und im Süden, da im Gazastreifen? Die lassen Drachen steigen, die sie sich aus alten Schulbüchern und Plastiktütenfetzen gebastelt haben. Aber das weiß man nicht wirklich, das hat man allenfalls der ausländischen Presse entnommen. Es interessiert auch niemanden. Das sind ja die Anderen.
Und da sind sie wieder: diese vermaledeiten zehn letzten Jahre! Mit ihren zerstäubten Hoffnungen, den ausgelutschten Friedensformeln, dem gemordeten israelischen Premier und seinen vielfach und listig sabotierenden Nachfolgern. Und da waren doch noch diese sich in die Luft sprengenden Menschen, die dadurch noch fremder wurden als die Fremde selbst. Und dann wieder dieser Aufstand! Dieser blutige Aufschrei geknechteter, geknebelter Okkupierter, die, so befand man schnell, ein Ende des mörderischen Zyklus eigentlich ja nie wirklich wollten. Und jetzt wieder Frieden spielen?
Die Roadmap: eine Streckenkarte, die so tut, als hätte es die letzten zehn Jahre nicht gegeben. Als wäre nun alles anders. Alte Klischees werden gewaltig reanimiert: Der israelische Krieger ist nun einsichtig und friedensüchtig auf seine alten Tage (außerdem, so zeigt die Erfahrung, kann ja nur die Rechte ernsthaft Frieden schließen, weil die Linke nur aus buttrigen Weicheiern besteht). Der zittrige, immer so schrecklich olivfarben verkleidete Palästinenser, endlich auf dem verdienten Altenteil! Der neue Mann? Nicht ganz jung, dafür aber ungemein weltmeinungskonform. Und dann ist da natürlich der Amerikaner, der Befreier aller Iraker, der Hüter aller Demokratien und freiheitsliebenden Völker! Der ist jetzt auch ganz fest bei der Sache: Mit Hand auf'm Herzen und vor allem auf dem rechten Fleck (seit seinem schönen Blitzkrieg im Irak weiß jetzt auch er, wo der Nahe Osten liegt).



Zehn Jahre ist es jetzt bald her, dass Israel versprach, sich zu Unrecht genommenes Land herzugeben. Zehn Jahre ist es her, dass die Palästinenser versprachen, Israel zu akzeptieren und auf Terror zu verzichten.
In diesen Zehn Jahren baute Israel ungehindert illegale Siedlungen, zerschnitt es besetztes Land mit kilometerlangen neuen Siedlerstraßen, sperrte es unzählige Palästinenser unrechtmäßig ein, setzte sie unter Hausarrest und zerstörte systematisch ihre Felder, Wiesen und Häuser und erschoss ihre Kinder, Frauen und Männer. Zehn Jahre geiferte Israel unbelästigt von den unwilligen, störrischen Palästinensern, in denen es leider, leider keinen Partner für Frieden sehen könne.
In diesen zehn Jahren feierten die Palästinenser überschwänglich die Rückkehr ihrer im Ausland versprengten Führung, ließ sich ein Volk Wörter wie "Land, Staat, Selbstbestimmung" auf der Zunge zergehen. In diesen Jahren wuchs ihre Hoffnung ins schier Unendliche. Weil ihnen doch ihr Land für Frieden versprochen worden war und ein Ende jahrzehntelangen menschenunwürdigen Daseins. Bis sie in den Würgegriff ihrer palästinensischen Halbstaatlichkeit gerieten, in die Fänge machtgeiler Exilanten und korrupter Friedenskonfliktsgewinnler. Und in die Klauen zynisch kalkulierender israelischer Politik. Bis ihre Hoffnung so leer und gebrochen war, ihr künftiger Staat sich in einen schmutzigen Flickerlteppich verwandelt hatte und sie, betrogen und drangsaliert von der einen, malträtiert und geknebelt von der anderen Seite, sich der Explosion ihrer Frustration hingaben. Was folgte, war die überaus zerstörerische Neuauflage eines einstmals couragierten Volksaufstandes, den ein Großteil der Bevölkerung zwar rein theoretisch unterstützte, rein praktisch gesehen aber von Anfang an für hoffnungslos hielt.
In diesen zehn Jahren wurde die Hoffnung auf einen Frieden, der mehr ist als eine multilinguale Grußformel, auf beiden Seiten zu Grabe getragen. Frieden mit den staatlich alimentierten Attentätern? Den lebenden Bomben? Den Siedlungsbauern, den Messerstechern? Mit denen, die die anderen am liebsten im Toten Meer ertränken würden, oder mit denen, die die anderen immer noch als Erzfeinde beschimpfen?

Aber man will ja nicht so sein. Deswegen probiert man es noch einmal. Mit einer Streckenkarte, die genauso wie ihre Vorgängerin auf - nicht vorhandenes - gegenseitiges Vertrauen und Achtung baut. Die glaubt, ein bisschen Verbalakrobatik hier, ein bisschen Druck dort, ein wenig läuterndes Ohrenziehen und ab und an ein aufmunterndes Schulterklopfen, werden es schon richten.
Irgendwo scheint es immer noch Hoffnung zu geben. Es muss die der entsetzlich Verzweifelten sein. Oder der entsetzlich Dummen.

20. Oktober 2003

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