Auszug aus dem im Deutschen noch unveröffentlichten Roman:

Vorüber und vorbei

von Valéry Giscard d'Estaing

...
Sie hatte sich für den Abschied angezogen. Sie trug eine Jeans und ein ärmelloses T-Shirt, das von der Schulter an die Rundungen ihrer zweifellos von unseren Spaziergängen an der Loire gebräunten Arme sehen ließ. Ich blieb still. Ich hatte kein einziges Wort zu sagen. Angesichts meines Schweigens fuhr sie fort: „Es ist wahr, dass ich bedauere, dir wehzutun.“
Und sie fügte hinzu: „Ich möchte dir sagen, dass ich dich sehr liebe.“
Es war dieser Satz, der die Explosion auslöste.
„Warum sagen Sie mir das?“ gab ich zurück (das Siezen war mir instinktiv zurückgekommen). „Es ist nicht wahr. Sie lieben mich nicht. Im übrigen habe ich nicht einen Augenblick lang geglaubt, dass Sie mich lieben.“
Natalie schien fassungslos, von der Heftigkeit meiner Reaktion überrascht. Zweifellos hatte sie geglaubt, ihre Erklärung würde meinen Schmerz lindern.
„Doch“, behauptete sie, „ich versichere dir, dass ich dich sehr liebe.“
Da ist meine Wut übergekocht. Ich beherrschte meine Stimme nicht mehr, die zitterte. Natalie, die mich nie zornig gesehen hatte, schien entsetzt.
„Ich habe nichts von Ihnen verlangt“, schrie ich. „Ich habe Sie nie gebeten, mich zu lieben. Und ich verstehe nicht, warum Sie glauben, mir Vergnügen zu machen, wenn Sie lügen. Ich habe es immer für lächerlich verlogen gehalten, wenn man behauptet, dass der Mensch, den man liebt, verpflichtet ist, einen im Gegenzug zu lieben. Ich habe nie daran geglaubt. Es war ich, der Sie liebte. Alles, worum ich sie gebeten habe, war, mir zu erlauben, Sie zu lieben, nichts anderes.“

Und, gemein, habe ich ihr ins Gesicht geschrieen: „Gehen Sie zum Teufel mit Ihren Lügen!“
Natalies Augen sind trüb geworden. Sie wartete offensichtlich darauf, dass ein Ereignis eintritt, das ihr Gelegenheit gibt, zu reagieren und die Verhaltensweisen wiederzufinden, die sie sich vorgenommen hatte, die eines raschen Abschieds, um Vorwürfe zu vermeiden, aber von angemessenen Gesten und Wörtern begleitet, die ihn mir erträglich gestalten würden. Ich nahm sie am Arm, so brüsk, dass ich ihr wehgetan haben muss, ich zog sie auf den Gang und nahm die Tasche mit der andern Hand. Ich ging neben ihr die Treppe hinunter.
Wir querten den Vorhof und gingen unter den Fenstern des Notariats vorbei, ohne dass ich mich um die Aufmerksamkeit von Mademoiselle Odile kümmerte. Ich öffnete die Tür ihres Wagens, um die Tasche auf die Rückbank zu legen, wohin sie, wie ich sah, schon ihren Koffer gelegt hatte.
Natalie setzte sich auf den Fahrersitz. Sie kurbelte das Fenster herunter und drehte den Zündschlüssel. Ich hörte entsetzt, wie der Motor ansprang. In der nächsten Sekunde würde der Wagen zu fahren beginnen. Ich beugte mich zur Autotür, gefangen von einem Anflug von Milde, der mir das verzweifelte Verlangen einhauchte, mit ihr zu sprechen.
„Auf Wiedersehen, Natalie“, sagte ich zu ihr.
Diesmal war sie es, die nicht antwortete.
(...)
Natalie hat mich nicht angerufen.
Um ehrlich zu sein, ich hatte damit gerechnet.
Während der ersten Tage hatte ich mir einige Hoffnungen gemacht. Das Klingeln des Telefons schreckte mich auf. Ich hatte Angst, nicht rasch genug abzuheben und dass sie sich entschlossen hatte aufzulegen. Dann, um Enttäuschungen zu vermeiden, habe ich Madame Berthier gebeten, an meiner Stelle abzuheben und das Gespräch ins Volontariat weiterzuleiten.
Eines Tages, nach dem Mittagessen, hat das Telefon geklingelt. Ich befand mich im Wohnzimmer, und das Klingeln schien mir zudringlich, beharrlich. Ich habe meine Kaffeetasse, so schnell ich konnte, auf den Tisch gestellt, kam aber zu spät, da Madame Berthier schon abgenommen hatte.
„Es ist für Sie.“
Mein Herz schlug schnell. Ich wartete auf die Worte von ihren Lippen.
„Es ist Michel“, hat sie gesagt.

Ich habe das Gespräch angenommen und die, wie immer, beschwingte Stimme Michels gehört. Seit einem Monat hatte ich seine Existenz vergessen.
„Wie geht es dir? Ich war gerade bei Barbary. Er hat deine Trophäe gut präpariert. Du wirst sehen, er ist prächtig. Ich frage mich, wo dieser Hirsch herkam. Er ist superb, ein regelmäßiger Sechzehnender, und seine Stangen sind viel schwerer, als man sie in dieser Gegend findet! Soll ich ihn dir bringen oder würdest du lieber vorbeikommen, um ihn abzuholen?“
„Ich komme lieber vorbei.“
Meine Antwort, die unvermittelt herausbrach, verriet diese Hoffnung, die ich trotz allem bewahrt hatte, die falsche, nutzlose und mutlose Hoffnung, durch Gué-de-Chambord zu fahren.
„Ich habe viel zu viele Hirschkühe im Wald,“ fuhr Michel fort. „Die müssen wirklich geschossen werden. Ich weiß, dass du das nicht magst. Aber wenn du kommst, deine Trophäe abzuholen, wirst du sehen, ob du mir nicht hilfst, einige zu schießen.“
Ich dachte an die hohen Gestalten der Hirschkühe in den Baumzeilen, wenn sie aufgescheucht sind und verloren, um nach beiden Seiten zu blicken, um die Gefahr einzuschätzen. Sie stehen dann ganz gerade, mit aufgestellten Ohren. Dann, sobald sie sie gesehen haben, springen sie mit einem Satz davon und fliehen ins Unterholz.
„Nein, ich werde keine Hirschkuh schießen“, sagte ich zu Michel.

Und nun hat mich der Schmerz überschwemmt, ein unendlicher, verschlingender Schmerz, der aus der Kindheit kommt, überfließend von allen Tränen, die ich nicht vergossen habe, von allen Bosheiten, die ich zugefügt oder erlitten habe, ein Schmerz, in dem es weder eine Spur der Hoffnung, noch der Rache gab, der vielmehr die Form einer ewigen Niedergeschlagenheit annahm, einer Trauer um die Dinge, die entfliehen, und um die Welt, die man nie mehr wieder sehen wird. ...

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