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Abrüstung Geist und Buchstabe In den USA wurden drei Dominikanernonnen wegen Sabotage zu 30, 33 und 41 Jahren Gefängnis verurteilt. Mit einer "Liturgie" hatten sie in Colorado gegen die Silos mit den Atomraketen protestiert. Von Carl Amery
Für sie war und ist es selbstverständlich, dass ihre Pflicht
zu handeln drei Bindungen entspringt: Was, so müssen wir fragen, haben sie verbrochen? Welche schreckliche Untat verlangt so strenge Sühne? Nun, die Nonnen hofften, die öffentliche Aufmerksamkeit für
die riesigen Bestände an Massenvernichtungswaffen in Colorado zu
erregen. 49 Atomraketen in Colorado vom Typ MINUTEMAN III wurden kürzlich
neu ausgestattet, mit W-87-Sprengköpfen von jeweils 300 Kilotonnen
Sprengkraft (d. h. 25 Mal stärker als die Hiroshima-Bombe). Natürlich gingen die drei angejahrten Damen nicht unvorbereitet
in den Prozess. Sie wussten in etwa, was sie erwartete. Sie sind erfahrene
Friedensarbeiter und Demonstrantinnen, und sie wurden von Bewährungshelfern
beobachtet. Sie stehen in der Tradition des gewaltlosen Widerstandes,
der sich unter dem Titel PLOUGHSHARES ACTION organisiert hat. Das Pech der Schwestern war es, dass sowohl ihr Richter wie auch der
Staatsanwalt treueste Schildknechte Leviathans waren. Aber auch deutsche
Strafkammern bieten ganz ähnliche Szenarios. So wurde kürzlich
Dr. Wolfgang Sternstein aus Stuttgart angeklagt, in ein NATO-Gelände
eingedrungen zu sein, auf dem Massenvernichtungswaffen lagern. Und der
Saatsanwalt tadelte ihn streng, dass er seinen Kindern und Enkeln ein
so schlechtes Beispiel der Gesetzesmissachtung biete! Wir dürfen sicher sein: Dieses eine Kind ist eines von denen, die sich um Yehoschuah den Galiläer drängen - ihn, der ihnen vor allen das Himmelreich zusprach. Hier, an diesem Punkt, entfaltet sich die volle Bedeutung dieser Konfrontation,
denn Richter Blackburn, der in sturer, selbstgerechter Dickens-Manier
in der Höhe seiner Autorität thront, ist zweifellos auch das
Produkt einer langen historischen Tradition. Nur allzu oft und allzu
willig haben sich christliche Kirchen in Buhlschaft mit dem königlichen,
dem kaiserlichen, dem kommerziellen Tier aus der Tiefe vereinigt. Allzuoft
wurde der Wille des Vaters mit den dräuenden Idolen autoritärer
Herrschaft identifiziert, und allzu willig wurden fragloser Gehorsam
oder konformistische Gesetzestreue als christliche Tugenden angesehen,
ja sogar als die unentbehrlichen Kennzeichen einer wahrhaft christlichen
Existenz. Auf der anderen Seite des schismatischen Zauns sehen wir die drei Nonnen, leuchtend-fest in Kenntnis ihrer Mission. Auch sie können zitieren: aus der Apostelgeschichte, aus dem Dokument Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanums, aus den Grundätzen der Nürnberger Prozesse und dem Tokio-Protokoll nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor allem aber sind sie gerüstet mit der Grundsatz-Entscheidung aus dem Römerbrief des Paulus: Der Buchstabe des Gesetzes tötet - es ist der Geist der lebendig macht. Nun, vorläufig siegte der Buchstabe. Aber die Sache des lebendigen Geistes ist keineswegs tot, sondern wächst. So umfasst das neue Schisma Menschen und ihre Parteinahme weit über die Kirchenmitgliedschaft hinaus. Es ist zum Beispiel völlig gleichgültig, ob Richter Blackburn einen Stuhl in der episkopalischen oder methodistischen oder katholischen Kirche seines Orts reserviert hat. Und es ist ebenso unwichtig, ob die jungen Menschen auf dem Porto-Allegre-Kongress, die "Eine andere Welt ist möglich!" skandieren, Taufzeugnisse vorweisen können. In diesem globalen Zusammenhang ist der Ausgang des schismatischen Ringens noch keineswegs klar. Im Jahr des Herrn 2003 wurden wir Zeugen von zwei erstmaligen historischen Ereignissen: Da war der Tag im Februar, wo buchstäblich Millionen in allen europäischen Metropolen sich für den Frieden erhoben (die Regenbogenfahne, die sie einte, war meines Wissens eine Idee der römischen Gemeinde San Egidio); und da war zweitens der wahrhaft neuartige Konsens aller wichtigen traditionellen Kirchen der Christenheit im NEIN zum Irak-Krieg - ohne Rücksichtnahme auf regionale oder nationale Empfindlichkeiten oder auf das Gewissensdilemma von Militärpfarrern. Umsonst schickt Washington einen erfahrenen katholischen Feuerwehrmann, Michael Novak, nach Rom, um den sturen Polen auf dem Heiligen Stuhl zu einer ausgewogeneren Stellungnahme zu bewegen. Es ist fast grotesk, dass der Kreuzfahrergeist im Krieg gegen die Achse des Bösen sich mehr und mehr auf eine neokonservative, meist atheistische Clique beschränkt, sowie auf die revivalistischen Ränder der US-amerikanischen Christenheit, die sich willig wiedergeburtsbereiten Alkoholikern öffnen. (Einer von diesen, Rios Montt, der Massenmörder guatemaltekischer Indianer, arbeitet sich gerade wieder an die Macht; eines seiner Werkzeuge ist die Verbreitung von US-Freikirchen, um den Einfluss des indianerfreundlichen Katholizismus zu brechen. Die CIA hilft dabei.) Berühren wir zum Schluss einen sehr merkwürdigen, möglicherweise
komischen Punkt. Wie schon erwähnt, sah der Plan der Schwestern
das Verweilen auf verbotenem Grund bis zur Festnahme vor. Nach dem Bericht
im SPIEGEL mussten sie fünfundvierzig Minuten warten. Aber kehren wir in ernsthafter Solidarität zum Geschick von Jackie
Hudson, Carol Gilbert und Ardeth Platte zurück. Es ist nicht leicht
zu tragen. Berichte über die ersten Tage ihrer Gefangenschaft,
die uns erreichten, sprechen von fahriger Bürokratie, von demütigenden
Maßnahmen beim Transport, von einer lachhaften Ernährung,
welche die schlimmsten Charakteristika von Übelwollen und Industrialismus
kombiniert. Aber diese Berichte zeigen auch die spirituelle Standhaftigkeit,
den unbeugsamen Willen und den frohen Ausblick in eine bessere Zukunft
unserer menschlichen Gemeinschaft. 16. Dezember 2003
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