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Die gefährdeten Freiheiten
Über die Demokratie in Amerika
Von Alexis de Tocqueville
Eigentlich hatte Frankreich den Richter Charles Alexis
Henri Maurice Clérel de Tocqueville 1831 nur deshalb in die USA,
damit er über das dortige Gefängniswesen berichte. Was er
auch tat. Daneben aber schrieb er das epochemachende Werk "De la
démocratie en Amérique", für das er ein Jahr
später Mitglied der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften
wurde und 1841 auch noch in die Académie française aufgenommen
wurde.
Ich
bin überzeugt, daß die äußerste Zentralisation
der politischen Gewalt schließlich die Gesellschaft entkräftet
und auf die Dauer sogar die Regierung selbst schwächt. Ich streite
aber nicht ab, daß eine zentralisierte staatliche Gewalt leicht
imstande ist, zu gegebener Zeit und an einem bestimmten Punkt bedeutende
Unternehmungen durchzuführen. Das gilt besonders für den Krieg,
dessen Ausgang sehr viel mehr von der Möglichkeit abhängt,
rasch alle Reserven auf einen bestimmten Punkt zu leiten, als von der
Größe der Reserven selbst. Besonders im Kriege verspüren
daher die Völker das Bedürfnis, ja oft die Not, die Vorrechte
der Zentralgewalt zu verstärken. Daher lieben alle kriegerischen
Köpfe die Zentralisation, die ihre Macht verstärkt, und daher
lieben alle zentralistischen Köpfe den Krieg, der die Völker
zwingt, alle Gewalt in die Hände des Staates zu legen. Und so wirkt
die demokratische Tendenz der Menschen, die Vorrechte des Staates ständig
zu vermehren, die Rechte der Einzelnen dagegen einzuschränken,
bei denjenigen demokratischen Völkern, die durch ihre Lage großen
und häufigen Kriegen ausgesetzt sind und deren Bestand häufig
in Frage gestellt werden kann, sehr viel schneller und sehr viel beharrlicher
als bei allen anderen.
Ich habe gezeigt, daß die Furcht vor Unsicherheit und die Liebe
zum Wohlstand die demokratischen Völker unmerklich dazu bringt,
die Befugnisse der Zentralregierung zu erweitern, der einzigen Gewalt,
die sie stark, verständig und dauerhaft genug dünkt, um sie
vor der Anarchie zu bewahren. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen,
daß alle die besonderen Umstände, die die Ordnung einer demokratischen
Gesellschaft verworren und unsicher gestalten können, diese allgemeine
Tendenz verstärken und die Einzelnen mehr und mehr dazu bringen,
ihre Rechte für ihre Ruhe zu opfern. ...
(II, IV, 4: Über einige besondere und beiläufige
Ursachen, die ein demokratisches Volk vollends zur Zentralisierung der
Gewalt treiben oder es davon entfernen)
Über diesen Bürgern erhebt sich eine gewaltige Vormundschaftsgewalt,
die es allein übernimmt, ihr Behagen sicherzustellen und über
ihr Schicksal zu wachen. Sie ist absolut, ins einzelne gehend, pünktlich,
vorausschauend und milde. Sie würde der väterlichen Gewalt
gleichen, hätte sie - wie diese - die Vorbereitung der Menschen
auf das Mannesalter zum Ziel; sie sucht aber, im Gegenteil, die Menschen
unwiderruflich in der Kindheit festzuhalten; sie freut sich, wenn es
den Bürgern gut geht, vorausgesetzt, daß diese ausschließlich
an ihr Wohlergehen denken. Sie arbeitet gern für ihr Glück;
aber sie will allein daran arbeiten und allein darüber entscheiden;
sie sorgt für ihre Sicherheit, sieht und sichert ihren Bedarf,
erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte,
leitet ihre gewerblichen Unternehmungen, regelt ihre Erbfolge und teilt
ihren Nachlaß; könnte sie ihnen nicht vollends die Sorge,
zu denken, abnehmen und die Mühe, zu leben?
Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens immer überflüssiger
und seltener, beschränkt die Willensbetätigung auf ein immer
kleineres Feld und entwöhnt jeden Bürger allmählich der
freien Selbstbestimmung. Auf all das hat die Gleichheit die Menschen
vorbereitet: hat sie bereit gemacht, es zu erdulden, ja es häufig
sogar für eine Wohltat zu halten.
So breitet der Souverän, nachdem er jeden Einzelnen der Reihe nach
in seine gewaltigen Hände genommen und nach Belieben umgestaltet
hat, seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes; er bedeckt ihre
Oberfläche mit einem Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher
Regeln, das nicht einmal die originellsten Geister und die stärksten
Seelen zu durchdringen vermögen, wollen sie die Menge hinter sich
lassen; er bricht den Willen nicht, sondern er schwächt, beugt
und leitet ihn; er zwingt selten zum Handeln, steht vielmehr ständig
dem Handeln im Wege; er zerstört nicht, er hindert die Entstehung;
er tyrannisiert nicht, er belästigt, bedrängt, entkräftet,
schwächt, verdummt und bringt jede Nation schließlich dahin,
daß sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger
Tiere ist, deren Hirte die Regierung.
(II, IV, 6: Welche Art von Despotismus die demokratischen
Nationen zu fürchten haben)
9. April 2003
Leserbrief
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