Eine Regierung ohne Volk

Die Italiener und der Krieg

Berlusconi nannte den Krieg „legitim", da Saddam Hussein eindeutig gegen die Uno-Resolutionen verstossen habe. Gleichzeitig meinte er aber auch: "Wir sind kein Land im Kriegszustand" und gewährte den USA Überflugrechte und die Nutzung ihrer Militärstützpunkte.
Und wie denken die Menschen darüber, die er doch repräsentiert?

Trotz der guten, intensiven Arbeit der Uno-Inspektoren erwartete die Welt mit Traurigkeit und Enttäuschung den Beginn des Krieges. In der Tat bezogen sämtliche Regierungen schon Monate vor der ersten Bombardierung Stellung dafür oder dagegen - und teilten dies Mr. Bush mit. Und bald verstand sogar George Bush jr., dass zum Beispiel Deutschland und Frankreich dagegen waren und Spanien und Großbritannien ihn gegen Saddam Hussein unterstützen würden.
Was Bush und die meisten Staaten, die in den Krieg verwickelt waren, noch nicht so recht durchschauten, war, wie Italien reagieren würde - und wie dort die Mehrheit und die Minderheit die Lage einschätzten.
Die Linke schien zwar nicht so recht einig, erklärte sich aber sofort gegen den Krieg. So lehnte die PRC (Partito della Rifonfazione Comunista) den Vorschlag der Regierung ab, amerikanischen und britischen Flugzeugen die Überflugrechte zuzusichern - wogegen die Rechte mit der Genehmigung natürlich einverstanden war. Berlusconi versprach, dass die Bombardierung auf keinen Fall von italienischen Luftwaffenbasen aus beginnen dürfe; man sei allenfalls bereit, von dort aus den Nachschub zu unterstützen.
Vor dieser Erklärung warteten Bush und Blair sehnsüchtig darauf, ob Italien Soldaten, Geld und sonstige militärische Mittel zur Verfügung stellen würden. Nach einigen Wochen hat Berlusconi zwar nicht zugegeben, aber sehr wahrscheinlich gedacht, dass Italien nicht "kriegsfähig" ist, wie schon die letzten beiden Weltkriege gezeigt haben, "und dass das Land wirtschaftlich von Amerika abhängig und außerstande sei, etwaige Sanktionen zu ertragen.
Wie auch immer, die italienische Regierung stellte sich nicht gegen den `Iraqi Freedom´- Feldzug, gab jedoch zaghaft zu bedenken, dass die USA und Großbritannien sich dem Rat der Vereinten Nationen nicht verschließen sollten. Jetzt stellt sich für Berlusconi ein neues Problem: Amerikanische Falllschrimspringer werden aus der US-Basis in Vicenza in den Irak geflogen. Die Regierung lässt verlauten, dass die Mission dieser Fallschirmspringer keineswegs eine militärische sei. Die Linke glaubt diese Erklärung nicht - zumal die militärische Führung der USA nun mitgeteilt hat, dass die Mission sich nötigenfalls jederzeit von einer humanitären in eine militärische Mission verwandeln kann. Die Linke protestiert lautstark. Berlusconi habe sein Wort gebrochen, und er solle Bush nicht derartig blind gehorchen.
Im Gegensatz zu Berlusconi und der Regierung, deren Stellung bisher weder klar war noch ist, geht die Meinung der Mehrheit des italienischen Volkes in Richtung Frieden und nicht in Richtung Krieg.
Die Italiener haben eine lebhafte Phantasie. Um der ganzen Welt ihren Protest zu zeigen, haben einige von ihnen im ganzen Land eine regenbogenfarbene Fahne mit der Aufschrift Frieden (`Pace´) verteilt. Diese Fahne bloß zu kaufen oder sie zu den Anti-Kriegs-Demonstrationen mitzubringen reichte den Italienern nicht aus. Der italienische Regenbogen reicht mittlerweile bis in die USA. Was ist da passiert? Einige Leute, nein, schon mehr, mehr als 2 Millionen Menschen haben diese Fahne zu der ihren gemacht, sie aus den Fenstern ihrer Häuser gehängt, sie an Kirchen, Banken, Schulen, Gerichten, öffentlichen Gebäuden, Läden ausgehängt, in Cafés, Restaurants, auf Märkten, bei Fußballspielen, Popkonzerten, in Fersensendungen, an Autos, Lastwägen, sogar Taxis, Fahrrädern, Schiffen, Zügen.
In wenigen Wochen haben die Fahnen das sonnige Italien in einen einzigen Regenbogen verwandelt. Inzwischen haben auch die Pazifisten anderer Länder von den Fahnen gehört, und nun wird die Fahne mit dem italienischen Wort „Pace" auf Demonstrationen überall auf der Welt emporgehalten, besonders in den USA. Die New Yorker Designerin Anita Jorgensen hat 1000 Fahnen aus Italien bestellt., um sich der Initiative anzuschliessen, und aus den Niederlanden, aus Frankreich, aus England und Deutschland, aus aller Welt, wo die Menschen an Frieden glauben, wächst die Nachfrage. Der Designer und „Initiator" dieser besonderen Fahne, Giorgio Bugliesi (www. bandieredipace. org ) sagt: "Diese Fahne ist kein Markenartikel, sondern eine Nachricht, die jeder einfach verstehen und verbreiten kann. Das erklärt ihren Erfolg."
Nur bei einer Person in Italien hatte die Fahne keinen Erfolg: Als Prinz Vittorio Emanuele di Savoia und seine Familie nach 50 Jahren Verbannung [sic!] mit der Regenbogenfahne auf den Schultern nach Neapel zurückkehrte, wurde er mit Protesten empfangen und Schildern, auf denen nicht „Pace" geschrieben stand sondern „Neapel war jahrhundertelang das Reich der Bourbonendynastie - du bist ein Savoyer: Hau ab! Wir wollen dich nicht!"

9. April 2003

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