Die Menschheit als solche

Wir kommen alle aus Afrika

Von der Savanne zur New Economy: Immer noch verdrängt derjenige, der von sich selber meint, dass er besser denkt, denjenigen, von dem er meint, dass er schlechter denkt. Er tut dies allerdings - soweit angebracht - gewöhnlich mit schlaueren Mitteln als der Keule. Auch hat er jetzt geschmeidige Begriffe im Sack, etwa Moral oder Befreiung oder Bodenschätze. Der Antrieb der oberen Zehntausend blieb nichtsdestoweniger im weitesten Sinne stets der Raubtierinstinkt.

Von Vasile V. Poenaru







Die Anfänge der menschlichen Existenz spielen sich um den Baum herum ab. Senkrechte und waagrechte Perspektiven anthropologischer Überlegung werden auch jetzt noch weitgehend herangezogen, wenn es zur Definition des Menschen und seiner Lebensweise (inclusive Kultur und Kultus) kommt. Vor sieben Millionen Jahren dachten unsere afrikanischen Vorfahren offenbar ganz ernsthaft daran, ihren Baum zu verlassen. (Die Savanne bot zwar an sich nicht viel Vertikalität, aber dabei konnte man sich immerhin nur so für sich selbst im offenen Raum endlich mal voll aufrichten: mal so richtig Mann werden.) Die meisten grauen Zellen starben zwar ungenutzt weg, aber andere reihten sich prompt aneinander, weil bald Begriffe entstehen sollten. Und dann, auf einmal, ließen sich unsere afrikanischen Vorfahren allerlei bisher ungehegte Gedanken durch den Kopf gehen, um neue Freiheiten zu erkunden. Sie liefen in ihrem Gebiet herum, sie liefen aus ihrem Gebiet hinaus. Eine Revolution war vollbracht.

Vor mutmaßlich zweieinhalb Millionen Jahren gingen die bereits überregional denkenden Afrikaner erstmals nach Europa, um dort ihre vielversprechende Denktätigkeit weiterzuführen. Als sie ankamen, war niemand da, und weil niemand da war, gab es keine Grenzen und keine Grenzsoldaten und keinen Fremdenhass und keine Vorurteile, ja es gab noch überaupt keine Urteile. Die Erkenntnis dieses erfreulichen Sachverhaltes kam allerdings noch niemandem.

Vor sechzigtausend Jahren (sagen wir vierzigtausend?) gingen dann andere, noch schneller denkende Afrikaner nach Europa, um den alten Kontinent, der damals noch freilich kein alter war, zu zivilisieren. Sie überwanden die weniger entwickelten Europäer, das heißt die Nachkommen jener frühen Afrikaner, die sich vor Zeiten, wie bereits erwähnt: vor mutmaßlich zweieinhalb Millionen Jahren auf ihrem neuen Kontinent breitgemacht hatten, um sich dort mehr oder weniger zielbewusst über die damals wie heute kaum hundertprozentig einleuchtenden Geschicke der Menschheit den Kopf zu zerbrechen. Bald schrumpfte ihr Universum, und der bloße Daseinshorizont des zweibeinigen Alltags wurde zum sinnträchtigen Erwartungshorizont einer machtlüsternen Kultur. Zeiten kamen zustande.

Dieser letztere Mensch, der den vorherigen Menschen aus dessen ungeniert, willkürlich, dabei immerhin gedankenvoll angeeignetem Habitat verdrängte, wird heutzutage bekanntlich Homo sapiens genannt: der denkende Mensch: der gescheite Mensch: der gute Mensch, würden manche sagen. Homo sapiens sah sich die Welt an und entschied, die Welt zu verändern. Durch artikulierte Laute verständigte er sich mit seinesgleichen. Eine ideen- und tatenreiche Vorgeschichte wurde ins Leben gerufen. Später gab es mehrere Epochen und bisweilen auch epochale Ereignisse und viele Wunder und große Geister und begabte Meister und die prächtigen Kaiserreiche der Alt-, ja der Neuzeit und schließlich auch noch den Kolonialismus und die Neue Welt und die New Economy und die lukrativen multinationalen Unternehmen mit vielen naturwissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen und rechtlichen und rechtswidrigen Errungenschaften. Jetzt schreiben wir alle unsere Rechnungen auf fünf Kontinenten zugleich und beherrschen die hohe Kunst der doppelten Buchführung. Gewaltig wächst unser Wissen an, gewaltig steigert sich unsere Macht ins Unendliche, nein, ins Unerhörte. Und mit dem Wissen um die Macht wächst noch die machtvolle Begierde, zu wissen.

Immer noch verdrängt derjenige, der von sich selber meint, dass er besser denkt, denjenigen, von dem er meint, dass er schlechter denkt. Er tut dies allerdings - soweit angebracht - gewöhnlich mit schlaueren Mitteln als der Keule. Auch hat er geschmeidige Begriffe im Sack, etwa Moral oder Befreiung oder Bodenschätze. Die Instinkte der oberen Zehntausend blieben nichtsdestoweniger im weitesten Sinne stets diejenigen des Raubtiers, weswegen es ja auch von einem jeden guten Fachmann gleich voller Bewunderung heißt: He's got the killer-instinct. Das Raubtier als Ideal der Menschheit? Man muss es natürlich nicht wörtlich nehmen, und schließlich wird ein (freilich nur ein winziger) Anteil des Reichtums manchmal an die Armen verschenkt, falls er nicht anderweitig von Nutzen ist. Aus ihrem ersten Kontinent (aus ihrem erstgeborenem Kontinent?) ist die Zuwanderungsspezies Homo sapiens längst raus. Mit großzügigen Gesten wirft man der absterbenden afrikanischen Bevölkerung ein bisschen Getreide hinunter in die undemokratische Hölle und beginnt lebhaft ihren Tod zu filmen, wann immer ein frohlockendes Kapital an Großzügigkeit und Menschenliebe bei den kauffreudigen Image-Verbrauchern gut ankommen dürfte. Nicht nur im Nehmen, sondern auch im Geben üben sich die hochentwickelten Sprösslinge der einstigen Auswanderer! Was aber die heutigen Afrikaner so von den Nachkommen der frühen Afrikaner bekommen, ist oft nicht sehr bekömmlich.Was der so genannte gescheite Mensch sagt, ist oft nicht sehr wahr (und schon gar nicht sehr gescheit), was er empfindet, oft nicht sehr richtig, die Zukunft, in die er strebt, oft (was sonst?) unvollkommen. Eine Vision sollte man haben, nicht bloß ein System.

Dass wir etwa früher mal meinten, es sei nur recht und billig, unsere Arbeit kostenlos von Sklaven verrichten zu lassen, ist irgendwie Teil unserer Identität; auch jetzt scheint es uns ja nur recht und billig, unsere Arbeit unter der charmanten Schirmherrschaft globaler Konzepte fast umsonst von den armen Teufeln der Dritten Welt erledigen zu lassen. Streng genommen entwickelt die Täterspezies schon aus purer Selbsterhaltung kaum je Mitleid für die Opferspezies. Oft bereut einer ja nicht einmal mehr die eigenen Untaten, umso weniger noch die Untaten der Vorfahren, auf deren positive Leistungen verständlicherweise alle Welt stolz ist.

Sind wir wieder gut? Das kennen alle Kinder und sogar ein paar Erwachsene. Wiedergutmachung aber ist nicht jedermanns Sache. Und weil das Übel in der Geschichte eine so unheimlich komplizierte Angelegenheit darstellt, wollen wir jetzt gar nicht erst versuchen auszumachen, wer wem was angetan hat und wer wem was schuldig ist. Irgendwie geht nämlich die Buchhaltung schnell in vorschnelle Ethik und Religion über. Und dann heißt es gleich Kampf der Kulturen, was uns Angst einflößt und leicht ins Rituelle abgleitet. Die Überheblichkeit des Reichen gegenüber dem Armen ist ein dumpfes Axiom der Wirklichkeit, das oft stillschweigend und achselzuckend hingenommen wird. Und dabei sind es etwa bei der UNO gerade die ärmsten der unterentwickelten Staaten, die ihre Schulden - anders als die reichen hochentwickelten Staaten - prompt und sogar ohne Meckern begleichen. Die Gutmütigkeit der erhabeneren High-Tech-Spezies hat gegenüber weniger effizienten Spezien aus irgendwelchen Gründen nie sehr hoch im Kurs gestanden, was unter anderem auf den nüchternen Selbsterhaltungstrieb des Überlebenden bzw. auf eine vermeintliche Anständigkeit ökonomischer und sozio-demagogischer Ungezogenheit der Eliten zurückzuführen ist. Jetzt aber droht dem ohnehin kümmerlichen Mindestmaß an Zugehörigkeitsgefühl nichts anderes als der völlige Bankrott. Auch wahren wir nur noch selten unsere aufrechte Haltung (selbst wenn es um die Vertical Markets geht), überhören gerne den leisen Schrei am Tellerrand und ducken uns strategisch, wenn die Zukunft naht.

Ältere Einwanderer sind prinzipiell gegen neuere Einwanderer. Vielleicht liegen die Wurzeln dafür schon vor der Steinzeit. Denn die zivilisierenden Neulinge wissen instinktiv oder eben (un)vernünftig nur allzu gut, was sie den Einheimischen, den Eingeborenen, den Un- bzw. Unterentwickelten zugefügt haben, und sind folglich stets auf der Hut, um sich gegen die entsprechende Aggression neuerer Neulinge zu wehren. Solche Erneuerung bringt leicht auf beiden Seiten ein Übermaß an Aggressivität in die kollektiven Verhaltensweisen.

Der schwarze Kontinent hat hohe Schulden und niedrige Exportpreise. Auf der anderen Seite hat er uns materiell wie kulturell viel gegeben (und den Rest haben wir einfach genommen - historisch betrachtet, denn dies soll ja kein Rechtsgutachten werden). Niemand ist aber gerne bereit zu sühnen, deswegen wird die Schuld, anders als die Verschuldung, vorzüglich auf hochstilisierten rhetorischen Umwegen eher theoretisch bewältigt. Nicht einmal in der Geschichtsphilosophie lehnt man sich da zu weit aus dem Fenster. Wenn sie das Anrecht jedes Menschen auf Würde ausrufen (die ab sofort niemand mehr antasten soll), meinen die Experten in Nächstenliebe es natürlich auch wieder nicht ganz wörtlich. Doch eins sind wir uns vielleicht selber schuldig: die menschliche Würde als solche zu wahren, indem wir das Leben auch derer wahren, die uns gleichsam aus den ersten Anfängen menschlicher Kultur und Zivilisation, aus den Trümmern großer Erwartungen ein letztes Mal verzweifelt anschauen, bevor sie in ihrem aufhaltsamen Schicksal umkommen und eine uralte historische Dimension unserer eigenen Existenz mit sich irgendwohin mitnehmen.

Denk nicht klein, plane groß, den Rest teile mit dem Boss, heißt schon bei Dürrenmatt das fingierte Leitwort für International Marketing. Die Aufteilung der Welt (die Aufteilung der Ressourcen) ist schon immer in aller Triebhaftigkeit der Geschichte nach den zehn Geboten der Machtpolitik abgelaufen. Wie die in letzter Zeit recht laut geplatzten Skandale im Corporate Environment zeigen, gibt es in der gefeierten und beneideten und gelobten und verdammten Business Community eine stark vernehmbare Neigung, sich ungeniert zu nehmen, was einem recht und billig scheint, selbst wenn es anderen gehört. Boss-Sein hat so was Gewisses: noch verführerischer als der "killer-instinct". Dass Millionen leer ausgehen, wird nicht als Schandtat betrachtet, sondern als kluges business. Homo homini lupus: In der lokalen wie in der internationalen Verwaltung rechtlicher, politischer und wirtschaftlicher Instinkte kommt es sehr auf das Kleingeschriebe an. Der Mensch sei ein Freund des Menschen.
Der verhängnisvolle Zusammenbruch einer Reihe von Biographien droht nicht nur unserem erstgeborenen Kontinent. Große Pläne können ebenso wie große Worte eine durchaus positive Tendenz bewirken, und die vielen Bosse dieser Welt könnten vielleicht wirklich für Fortschritt und Demokratie sorgen, vorausgesetzt freilich, dass sie dazu die nötige Motivation und Kompetenz aufbringen, was immerhin fraglich ist. Wie jeder globale und zugleich trotzdem selbstsüchtige Dorfbewohner weiß, bietet nämlich auch das globale Dorf eine unbehagliche Vielfalt von Optionen zur Wahrnehmung nicht-globaler Interessen. Wie eine virtuelle Gesellschaftsform schwebt das Gespenst des realen Korporatismus rund um den als Konsumobjekt rotierenden Globus, ohne es je zu mehr als einem eher einfältigen Konzept einer kernlosen Unternehmensphilosophie zu bringen.
Gab es im vergangenen Jahrhundert in den Vereinigten Staaten den berühmten "Monkey Trial", so tritt nun endlich eine originelle Versöhnung der beiden damals so unversöhnlichen Doktrinen ein: Die heutigen Potentaten geben sich christlich und handeln darwinistisch. Wenn der Stärkere vermeintlich siegt, so sei es im Namen Gottes. Zwischen Schwarz, Weiß und Grau hin- und hergerissen, wagen wir es kaum noch, ein Urteil über die Universalgeschichte zu fällen (ist sie schon aus?, fängt sie erst an?), ohne uns gleich einem stumpfen Determinismus hinzugeben, der dieser Sackgasse eines paradoxereise konkurrenzfreien Neoliberalismus über den noch unbegrabenen Leichnam des Materialismus seinen Segen erteilt. We will prevail, lautet das neue Vaterunser der Freien Welt, unsere westliche Spezies wird im Kampf mit anderen Spezies die Oberhand behalten. Am Rand der Apokalypse fliegen Drohungen und Gegendrohungen von einem Kontinent zum andern. Und wir werden euch mitnehmen auf die große Reise, droht die unfreie Welt. Atombomben werden gezückt, Viren bereitgestellt, Hass produziert.

Die es so treiben, sind meist jämmerliche Figuren. Das politische Spiel ist aber todernst zu nehmen, letzte Hemmungen oder Skrupel haben sich gerade bei sogenannten demokratischen Entscheidungen im Nu abbauen lassen. (Sogar das Völkerrecht musste neulich Konkurs anmelden, weil alle Völker mit der einen Stimme sprechen sollten.) Das Entwicklungspotential dieser Welt, dieser Sammelbegriff geistiger Energien, wird an ein undefiniertes Entwicklungskonzept verschwendet, ebenso wie die ungenutzten grauen Zellen des Gehirns verschwendet sind, wenn sie dem Homo sapiens keine wahrhaftigen, keine einleuchtenden Gedanken zu erschließen vermögen.

Wie eine Beichte ertönt der liebevolle Hauch dahinscheidender Völker am schmalen Horizont unserer Empfindung, wie eine Beichte, die wir freilich noch nicht abgelegt haben. Die Ideengeschichte menschlichen Werdens regt sich kaum noch, Brutalität - als absoluter Kulturwert einer vom Niedergang bedrohten Völkergemeinschaft - scheint immer mehr an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, einer Gemeinschaft, die sich einbildet, auch dann weiterexistieren zu können, wenn sie den einen oder den anderen Kontinent einfach fallenlässt. Kriege werden angekündigt und Abkommen aufgekündigt (nicht aber das Hungern). Wieder einmal sucht man nach der profitablen Lösung. Schwarz, Weiß, Grau: Wer beginnt, und wer gewinnt? Eine Frage, die das Aussterben der Geschichte der Menschheit nur wenig aufhält.

9. April 2003

Leserbrief

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