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Orgelkonzert
So langsam wie möglich
In der Burchardi-Kirche in Halberstadt erklingt seit
dem 28. Februar der erste Ton eines Orgelwerkes, das 639 Jahre dauern
soll.
Von Hans Pfitzinger
Ihr Vorgänger
mit dem Doppelnamen und der schönen Pudelfrisur schaffte mindestens
drei Zeitungsmeldungen pro Woche. Von der neuen Kulturministerin haben
selbst eifrige Feuilletonleser seit ihrer Amtseinführung nur wenig
gehört. Jetzt aber ist sie wieder aufgetaucht, am letzten Februartag,
im ostdeutschen Städtchen Halberstadt. Und so wurde von der Nachrichtenagentur
AP daran erinnert, wie sie eigentlich heißt: Christiane Weiss.
Sie war dabei, als beim vermutlich längsten Konzert der Welt der
erste Ton gespielt wurde. Falls Sie den auch hören wollen - nur
keine Eile! Sie können sich bis August 2005 Zeit lassen. So lange
dauert der E-Dur-Akkord, mit dem die Komposition "Organ2/ASLSP"
des US-Amerikaners John Cage anfängt. Doch schon im Juli 2004 wird
es weniger eintönig: Dann kommen zum E-Dur noch zwei weitere Töne
dazu. Das komplette Stück dauert 639 Jahre, und wir sind jetzt
im zweiten.
Begonnen hat es am 5. September 2001. An diesem Tag wäre Cage (1912
bis 1992) 89 Jahre alt geworden. Und warum hörte man bis letzten
Freitag, also eineinhalb Jahre lang, keinen Ton? Weil das Stück
mit einer Pause anfängt.
Das Projekt von Halberstadt geht zurück auf den September 1998.
Da trafen sich in der Kleinstadt am Harz zwei Komponisten, zwei Theologen,
eine Musikwissenschaftlerin, zwei Organisten, ein Bildhauer und Stadtrat
von Halberstadt, ein Professor für Orgel aus Schweden und ein Orgelbauer
aus Marburg und gedachten des großen Anregers John Cage. Und ließen
sich anregen. Ausgangspunkt war ein Klavierwerk von 1985, das Cage zwei
Jahre später für einen Organisten umgeschrieben hatte. Der
Titel: Organ2, also Orgel hoch zwei, Orgel im Quadrat. ASLSP,
die Tempobezeichnung, steht für "As Slow As Possible"
- so langsam wie möglich. Es dauerte in der ursprünglichen
Fassung 20 Minuten. Was aber, so fragte man sich beim Cage-Geburtstag
in Halberstadt, ist langsam?
Beim Klavier war das einigermaßen klar: Ein Ton konnte so lange
dauern, bis er nach dem Anschlag ausklang. Eine Orgel aber kann theoretisch
den Ton so lange halten, bis das Instrument kaputt ist. Orgeln, davon
versteht man was in Halberstadt, halten bekanntlich Jahrhunderte. Die
berühmteste des Städtchens, eine Blockwerk-Orgel, die zu ihrer
Zeit und lange danach Maßstäbe für Orgelbauer in aller
Welt setzte, stammt aus dem Jahr 1361. Als das Projekt "John Cage
in Halberstadt" im Jahr 2000 der Öffentlichkeit vorgestellt
wurde, waren seit der Weihe der Blockwerk-Orgel 639 Jahre vergangen.
So lange sollte das Stück von Cage dauern. Also galt es, die Töne
des 20-Minuten-Stückes entsprechend auszudehnen.
Auf
den Ort der Aufführung hatte man sich rasch geeinigt. Die St.-Burchardi-Kirche
stand leer und war dem allmählichen Verfall preisgegeben. Eine
Orgelgab es nicht, also beschloss die "Cage-Initiativ-Gruppe"
dem Projekt eine weitere Dimension hinzuzufügen: Während das
Konzert fortschreitet, wird für die nötigen Töne ein
Instrument gebaut, die John-Cage-Orgel. Sie wird in 639 Jahren fertig
gestellt sein und nach heutiger Schätzung 200.000 Euro kosten.
Das Geld dafür soll durch Sponsoren aufgebracht werden, die sich
für 1.000 Euro ein Jahr aussuchen können, in dem sie das Projekt
unterstützen wollen. Der Orgelbauer Gerald Woehl aus Marburg fing
vor zwei Jahren schon mal mit dem Bau des Blasebalgs an. Am 5. September
2001 wurde er eingeschaltet.
Am 28. Februar 2003 ging es dann richtig los. Ein Musiker drückte
die Tasten, die für die Länge des Tones von Gewichten gehalten
werden. Das ganze Stück besteht aus acht Teilen, von denen nach
der Anweisung von Cage einer wiederholt wird. Welcher das sein wird,
entscheiden unsere Nachkommen. Bisher ist nur der Ablauf des ersten
Teiles ausgearbeitet und die Dauer der jeweiligen Töne berechnet.
Teil zwei beginnt in 72 Jahren.
30. April 2003
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