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Nachlassender Beifall
Der Hegemon ist nackt
Tsze-kung befragte den Meister über die Regierungskunst.
Der Meister sagte: "Die Voraussetzungen der Regierung sind: ausreichend
Lebensmittel, genügend militärische Ausrüstung und das
Vertrauen der Menschen zu ihren Herrschern." Tsze-kung sagte: "Wenn
es nicht anders geht, und eines von diesen muß aufgegeben werden,
welches sollte man zuerst preisgeben?" "Die militärische
Ausrüstung", sagte der Meister. Tsze-kung fragte wieder: "Wenn
es nicht anders geht, und eines der beiden übrigen muss aufgegeben
werden, welches sollte man preisgeben?" Der Meister antwortete:
"Trenne dich von den Lebensmitteln. Von alters her ist der Tod
das Los des Menschen; aber wenn das Volk keinen Glauben an seine Herrscher
hat, kann der Staat nicht bestehen."
(Konfuzius, Analekten XII, 7)
Von Stefan Kubelka
Niccolò
Machiavelli nennt drei Mittel, einen eroberten Staat zu behalten: "Das
erste ist dieses: Man muß ihn zerstören. Das andere: Man
muß darin residieren. Das dritte: Man muß ihm seine eigenen
Gesetze lassen; doch mit der Bedingung, dass er einen Tribut erlege,
und einigen wenigen Personen, welche du da lässest, um ihn für
dich zu erhalten, Gehorsam leiste." (Der Fürst, 3. Kapitel)
Allem Anschein nach versucht es die Regierung Bush jr. derzeit mit dem
ersten Mittel, später wohl mit dem - modifizierten - dritten.
Der Autor des Principe kannte aber auch eine erheblich weiterblickende
Bedingung für den Erhalt einer solchen Eroberung: die Zustimmung
der Regierten: "Daher kommt es dann, dass du endlich alle die zu
Feinden hast, welche du beleidiget, indem du dich des Fürstenthumes
bemächtiget; dass du die Freundschaft derer, so dir geholfen, nicht
erhalten kannst, weil du nicht im Stande bist, sie in allem zu vergnügen,
was sie von dir erwarteten; und endlich, dass du auch nicht strenge
mit ihnen verfahren kannst, weil du ihnen verpflichtet bist. Man mag
eine noch so mächtige Armee haben, als man immer will; so ist man
doch stets der Gewogenheit der Einwohner des Landes bedürftig,
darein man dringen will." (20. Kapitel)
Dieses Kriterium wird von Machiavelli zwar nicht weiter ausgeführt,
erhält aber doch ein Gewicht, das den Einsatz der Gewalt zumindest
relativiert, wenn er im gleichen Kapitel über Sinn und Zweck von
Festungen spricht: "Die beste Festung ist demnach die Liebe des
Volkes. Denn, wenn dich dasselbe hasset, so bist du bey allen Festungen
doch nicht sicher; ... Ich lobe also diejenigen, so sie haben, und die,
so sie nicht haben; allein ich werde allemal diejenigen tadeln, die
sich zu sehr darauf verlassen und sich um die Liebe des Volkes nicht
bekümmern."
Bei einem Autor zu Beginn der europäischen Neuzeit konnte dieser
Begriff der "Zustimmung" zwar auftauchen, aber erst in den
Schriften von Thomas Hobbes, John Locke und Jean-Jacques Rousseau reifte
er zum Kernstück der modernen Staatstheorie. Die ersten Demokratien
in den USA, Frankreich und England entwarfen dann auch den - für
Machiavelli noch nicht vorstellbaren - staatlichen Apparat zur Geltendmachung
und Aufrechterhaltung dieser Zustimmung, d.h. Wahlen und repräsentative
Parlamente.
Bei Gandhi schließlich wurde aus diesem Gedanken eine Erkenntnis.
"Ich glaube", sagte er, "dass keine Regierung auch nur
einen Augenblick existieren kann ohne die - freiwillige oder erzwungene
- Mitarbeit des Volkes, und wenn das Volk in jeder Kleinigkeit plötzlich
seine Mitarbeit verweigert, kommt die Regierung zum Stillstand."
Ein solcher Standpunkt wird zur Zeit, nicht nur von amerikanischen Neokonservativen,
gern als "weich" ("von der Venus") angesehen und
mit einer Betrachtungsweise konfrontiert, die sich mit Vorliebe "realpolitisch"
nennt. Ihr zufolge kommt es nicht auf noch so gute Gesinnungen an, sondern
allein darauf, wer die Macht hat, vor allem die militärische. Der
gegenwärtige Zweite Golfkrieg scheint ihren Vertretern ja auch
durchgehend Recht zu geben. Wir werden zu zeigen versuchen, dass diese
Anschaungsweise kurzsichtig ist.
Schon für Ghandi blieb die zitierte Äußerung ja nicht
eine kraftlose moralische Geste, sondern er entwickelte sie zu einem
politischen Programm, das zur Unabhängigkeit Indiens führte.
Er sprach es mit überraschender Deutlichkeit aus, dass es die Inder
selbst waren, denen England seine Herrschaft über Indien verdankte:
"Manche Engländer behaupten, dass sie Indien mit dem Schwert
eingenommen haben und es damit noch immer halten. Beide Behauptungen
sind falsch. Das Schwert ist völlig nutzlos, um Indien zu halten.
Wir sind es, die die Engländer hier halten." Das klang beinahe
so, als hinderte die Zustimmung der Inder die Kolonialisten daran, das
Land zu verlassen. Der Erfolg von Ghandis politischem Programms ist
bekannt.
Jonathan Schell, in seinem Essay in Harpers Magazine (März
2003), führt dagegen auch einige Einwände an. Ghandis Kampagne
konnte, so widersprechen die genannten Realpolitiker, nur deshalb erfolgreich
sein, weil im britischen Mutterland eine funktionierende Demokratie
herrschte. Bei einem totalitären Regime dort hätte seine Methode
der verweigerten Zustimmung ("civil disobedience") nie funktioniert.
In diesem Fall hätte wirklich allein "das Schwert" entschieden,
die militärische Macht.
Sehen wir, mit Jonathan Schell, näher hin. Der Sowjetblock war
wohl das beste Beispiel eines nur auf Machtausübung gebauten Imperiums,
das sich noch weiter zum unbeweglichen Monolithen entwickelte durch
das nukleare Patt mit dem Westen. Bis Ende der achtziger Jahre konnte
jeder Historiker mit guten Gründen annehmen, daran werde sich jahrzehntelang
nichts ändern, vor allem nicht durch eine Bewegung von innen heraus.
Und doch erwies sich diese Annahme als falsch. Die Menschen in den Ostblock-Staaten
hatten sich zwar äußerlich mit dem System arrangiert, ihm
aber jede innere Zustimmung in einem solchen Maße versagt, dass
die Staaten in kürzester Zeit fast ohne Gegenwehr kollabierten.
Die Menschen griffen dabei nicht das Herrschaftssystem an, sondern nahmen
für sich, in ihrem alltäglichen Leben, plötzlich Aktivitäten
innerhalb des Systems wahr und ernst, deren Potenzial sie anscheinend
eben erst entdeckt hatten: in Polen die Gründung einer eigenen
Gewerkschaft, in der Tschechoslowakei die "Charta 77", in
der DDR die von der KSZE garantierte Versammlungs- und Meinungsfreiheit.
Die innere Bewegung setzte sich unaufhaltsam fort, nach Südosteuropa,
in die baltischen Staaten und zuletzt ins Herz des sterbenden Imperiums
selbst, nach Moskau, bis hin zu Gorbatschow, der die Schrift an der
Wand zu lesen vermochte. Das kommunistische Weltreich ging in aller
Stille und nicht in einem Dritten Weltkrieg unter, durch Mangel an Zustimmung
und gerade nicht durch das Schwert.
Allein übrig geblieben, wie man jetzt zu sagen pflegt, ist die
andere Supermacht. Ihrem Wesen nach ist sie das genaue Gegenteil einer
Zwangsherrschaft: eine Demokratie (Powell: "die älteste der
Welt") und zweimal die Initiatorin eines auf Vertrag und Ausgleich
aufgebauten internationalen Rechtssystems: Im 20. Jahrhundert befreite
ein schier selbstloser Militäreinsatz dieser Großmacht Europa
von einer deutschen Militärkaste und dem Nationalsozialismus. 1944
haben die USA in Bretton Woods ein lange tragfähiges internationales
Finanzsystem eingeführt. Schon die Errichtung des Völkerbunds
1919, dann auch die Gründung der Vereinten Nationen 1946 waren
amerikanische Initiativen. In den Nürnberger Prozessen erlebte
die Welt etwas wie die Geburtsstunde eines internationalen Strafrechts.
(Robert Jackson, Chefankläger damals: "Wir dürfen niemals
vergessen, dass nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten
messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden.")
Selten war eine Vormacht von so viel Zustimmung und Kooperation getragen
wie die USA. Für die allermeisten Deutschen, für Europäer
und viele Millionen in anderen Erdteilen war Amerika (wie das Land falsch
und liebevoll genannt wurde) die Heimat eines Traums von großzügiger
Offenheit und Freiheit. Und noch nie erhielt eine Vormacht so viel Sympathie
wie nach dem 11. September, als Franzosen und Deutsche gerade identifikationssüchtig
erklärten, sie seien nun "alle" Amerikaner. Der Krieg
gegen Afghanistan, eine reine Vergeltungsmaßnahme, wurde von vielen
nicht nur verständnisvoll nachgesehen, sondern eigenhändig
mitgemacht.
Die amerikanische politische Klasse wusste es vielleicht nicht, aber:
Ihre Hegemonialmacht beruhte auf der stillen, weltweiten, verlässlichen
und bisweilen emphatisch gesteigerten Zustimmung der Menschen zu allem
"Amerikanischen".
Das war noch vor anderthalb Jahren so. In wenigen Monaten, in nicht
einmal der halben Amtszeit eines Präsidenten, hat die Regierung
das Abrüstungsabkommen mit Russland zerrissen, das Kyoto-Protokoll
aufgekündigt, ihre Unterschrift zum Internationalen Strafgerichtshof
zurückgenommen, "die UN verhöhnt, die Nato diskreditiert
und die transatlantische Freundschaft geringgeschätzt" (Heribert
Prantl) - und ohne völkerrechtliches Mandat einen Angriffskrieg
gegen den Irak begonnen.
Die fast globale Zustimmung, die die USA zu einer akzeptierten Weltmacht
aufsteigen ließ, die Überzeugung der Menschen, dass "everythings
good in America" (wie die Puertorikaner in der "West Side
Story" sangen) ist nicht ein für allemal gegeben. Sie ist
nicht garantiert. Eine so freundliche, willkommenheißende Stimmung
ist wie ein scheues Reh.
Sie verschwindet allerdings nicht auf einmal, nicht mit einem Sprung,
sondern langsam, geräuschlos, unbemerkt, eigensinnig und stetig.
Die Begeisterung für Amerika wird langsam nachdenklich, die spontane
Geste steifer. Was sonst immer irgendwie glatt ging, hat plötzlich
Sand im Getriebe. Kleine Selbstverständlichkeiten sind auf einmal
nicht mehr so selbstverständlich, erfordern Verhandlung, Gerede,
Aufwand. Hier und da wird vielleicht eine Reise storniert. Man macht
sich Mühen, die man für überflüssig hielt, und erinnert
sich und andere an unsere wahren amerikanischen Freunde, an Jefferson
(Abb.), Lincoln, Martin Luther King, Kennedy. Schlimmer noch: Alte Kritik,
die sich bisher hinter dem Berg hielt, kommt jetzt hoch: Wie war das
eigentlich damals mit den Indianern? Wie ist das heute mit den Schwarzen?
Lästige, bisher tabuisierte Fragen kommen in die öffentliche
Diskussion: Warum erlaubt man Israel drei Dutzend missachtete UN-Resolutionen
und überzieht den Irak mit Krieg wegen nur 17? Und schüchtern,
aber unüberhörbar: Brauchen wir Europäer nicht bloß
ein eigenes GPS-System (das wir schon haben und über das jetzt
mit einem neuen, seltsamen Stolz berichtet wird), sondern auch eine
eigene Armee? Weitere Verbündete? Oder vielleicht ganz neue?
Sicher, noch hat die Großmacht das Schwert in der Hand, womöglich
noch ein, zwei Generationen lang. Es mag durchaus eine Weile dauern,
bis die Menschen dieser Welt einem solchen System ihre Zustimmung so
weit entzogen haben, dass es wie der Sowjetblock still in sich zusammensinkt.
Man hat die USA oft mit dem Römischen Reich verglichen. Uns erscheint
der Vergleich mit Athen ergiebiger. Denn hier, meint der Historiker
Christian Meyer in seinem Buch über die attische Großmacht,
müsse man sich fragen, "ob in dieser Demokratie die Rückkopplung
noch funktionierte, ob sie noch jene Fähigkeit besaß, auf
sich wandelnde Herausforderungen mit Lernprozessen zu reagieren. Oder
war sie inzwischen in einem pathologischen Lernen begriffen,
so dass, was sie lernte, ihr Vermögen, weiterzulernen, eher lähmte?"
Man fühlt sich unangenehm an die Gegenwart erinnert, wenn Meyer
vom Athen kurz vor dem verhängnisvollen Peloponesischen Krieg erzählt:
"So hatte die, wenn man so sagen darf, hemmungslose Zuversicht,
genauer: die Unverfrorenheit, der versucherische Appell an die Größe
der Stadt und ihrer Potenzen, die Das-wäre-doch-gelacht-Haltung
... die besten Chancen." Und wurde der Anfang vom Ende.
Kurzfristig scheint es, als hätte der Krieg der USA Erfolg. Und
doch haftet ihm etwas an - nein nichts Archaisches, das wäre zu
viel Ehre, sondern etwas Vorzivilisatorisches, Barbarisches, das wir
in Europa politisch überwunden haben. Der Krieg hat sicher noch
hier und da eine Chance, aber ohne die Zustimmung der Menschheit keine
Zukunft. Als der UNICEF-Botschafter Peter Ustinov gefragt wurde, wie
er Kindern den Krieg erklärt, sagte er ohne Ironie: "Krieg
ist altmodisch."
9. April 2003
Leserbrief
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