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Bewaffneter Widerstand
Das Unerwartete im Warschauer Ghetto
Fast
400.000 Juden hatten die Deutschen im sogenannten "jüdischen
Wohnbezirk" von Warschau zusammengepfercht. Bis Mitte April 1943
waren 310.000 von ihnen in die Todeslager deportiert worden. Die übriggebliebenen
56.000 beschlossen am 19. April, sich gegen ihre Unterdrücker zu
wehren. Sie hatten keine Chance gegen die SS, die Haus für Haus
niederbrannte und zum Zeichen ihres "Sieges" die Synagoge
an der Tomackie-Straße sprengte. Am 16. Mai 1943 meldete Jürgen
Stroop das Ende des Warschauer Ghettos nach Berlin.
Wir bringen Auszüge aus einem einzigartigen literarischen Dokument:
einem Text, der viele Jahre nach der Vernichtung des Ghettos geschrieben
wurde, sie aber mit einer sor erschrockenen Nähe (und einer fiktionalen
Herkunftsangabe) erzählt, dass er bis vor kurzem als authentischer
Bericht eines Zeit- und Augenzeugen von Hand zu Hand ging. Die Gazette
hat über diese abenteuerliche Geschichte und Wirkungsgeschichte
berichtet.
Jossel Rakovers Wendung zu Gott
von Zvi Kolitz
In einer der Ruinen des Warschauer Ghettos ist zwischen Haufen verkohlter
Steine und menschlichem Gebein das folgende Testament gefunden worden,
in einer kleinen Flasche versteckt und verborgen, geschrieben in den
letzten Stunden des Warschauer Ghettos von einem Juden namens Jossel
Rakover:
Warschau, den 28. April 1943
Ich, Jossel, der Sohn David Rakovers aus Tarnopol, ein Anhänger
des Rabbi von Ger und Nachkomme der Gerechten, Gelehrten und Heiligen
aus den Familien Rakover und Meisls, schreibe diese Zeilen, während
die Häuser des Warschauer Ghettos in Flammen stehn und das Haus,
in dem ich mich befinde, eins der letzten ist, das noch nicht brennt.
Schon seit ein paar Stunden liegen wir in wütendem Artilleriefeuer,
und um mich herum zerbersten und brechen krachend die Mauern im Hagel
der Granaten. Lang wird es nicht dauern, und auch dieses Haus wird,
wie fast alle Häuser des Ghettos, in ein Grab seiner Beschützer
und Bewohner verwandelt werden. An blitzend glutroten Sonnenstrahlen,
die durch das kleine, halbvermauerte Fenster in mein Zimmer dringen,
aus dem wir Tag und Nacht den Feind beschossen haben, erkenne ich, daß
es bald Abend sein muß, kurz vor Sonnenuntergang. Die Sonne weiß
wahrscheinlich gar nicht, wie wenig ich bedaure, daß ich sie nie
wiedersehen werde.
Eigenartiges ist mit uns geschehn: All unsere Begriffe und Gefühle
haben sich verändert. Der Sekundentod - schnell und augenblicklich
- kommt uns wie ein Erlöser vor: wie ein Befreier und Kettenzerbrecher.
Tiere im Wald erscheinen mir so lieb und teuer, daß es mir in
der Seele weh tut, wenn ich höre, daß man die Verbrecher,
die heute Europa beherrschen, mit Tieren vergleicht. Es ist nicht wahr,
daß Hitler etwas Tierisches an sich hat. Er ist - davon bin ich
tief überzeugt - ein typisches Kind der modernen Menschheit. Die
Menschheit als Ganzes hat ihn geboren und erzogen, und er drückt
ganz offen und unverstellt ihre innersten und verborgensten Wünsche
aus.
...
Zwölf Menschen waren wir in diesem Zimmer, als der Aufstand begann,
und neun Tage haben wir gegen den Feind gekämpft. All meine elf
Kameraden sind gefallen. Still sind sie gestorben. Sogar der kleine
Bub, von dem nur Gott weiß, wie er hergekommen ist - vielleicht
fünf Jahre mag er alt gewesen sein -, liegt jetzt als Toter neben
mir. Auf seinem schönen Gesichtchen ruht ein Lächeln, wie
es in den Zügen von Kindern aufscheint, wenn sie friedlich träumen.
Sogar dieser kleine Junge ist so gelassen wie seine älteren Kameraden
gestorben. Heute früh war es. Die meisten von uns lebten schon
nicht mehr. Der Junge war auf den Berg von Toten geklettert, um durch
den Fensterschlitz einen Blick nach draußen zu werfen. Einige
Minuten stand er so neben mir. Dann fiel er plötzlich nach hinten,
rollte über die Körper der Gefallenen hinunter und blieb liegen
wie ein Stein. Zwischen zwei schwarzen Locken erschien ein Blutstropfen
auf seiner kleinen, bleichen Stirn. Es war ein Kopfschuß.
Unser Haus ist eine der letzten Festungen des Ghettos. Bis gestern in
der Früh, als der Feind mit den ersten Sonnenstrahlen sein höllisches
Feuer gegen dieses Haus eröffnete, haben hier alle noch gelebt.
Fünf waren zwar verwundet, aber sie haben doch weitergekämpft.
Gestern und heute sind sie alle gefallen, einer nach dem anderen. Einer
auf den anderen sind sie gefallen, nacheinander standen sie Wache und
schossen, bis sie selbst erschossen wurden.
...
Mein Rabbi pflegte mir immer wieder die Geschichte von einem Juden zu
erzählen, der mit Frau und Kind der spanischen Inquisition entkommen
war und sich auf einem kleinen Boot über stürmische See zu
einer steinigen Insel durchgeschlagen hatte. Da zuckte ein Blitz auf
und erschlug die Frau. Da kam ein Sturmwind und wirbelte sein Kind ins
Meer. Allein, elend, hinausgeworfen wie ein Stein, nackt und barfuß,
vom Sturm gepeitscht, von Donnern und Blitzen geschreckt, die Haare
zerzaust und die Hände zu Gott erhoben, ist der Jude seinen Weg
weitergegangen auf die wüste Felseninsel und hat sich so an Gott
gewandt:
"Gott Israels", sagte er, "ich bin hierher geflohen,
daß ich Dir ungestört dienen kann: um Deine Gebote zu tun
und Deinen Namen zu heiligen. Du aber tust alles, daß ich an Dich
nicht glauben soll. Wenn Du aber meinen solltest, daß es Dir gelingen
wird, mich mit diesen Versuchungen vom richtigen Weg abzubringen, ruf
ich Dir zu, mein Gott und Gott meiner Eltern, daß es Dir alles
nicht helfen wird. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch
züchtigen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste,
das ich habe auf der Welt, und mich zu Tode peinigen - ich werde immer
an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer - Dir selbst
zum Trotz!"
Und das sind auch meine letzten Worte an Dich, mein zorniger Gott: Es
wird Dir gar nichts nützen! Du hast alles getan, daß ich
an Dir irre werde, daß ich nicht an Dich glaube. Ich sterbe aber
gerade so, wie ich gelebt habe, als unbeirrbar an Dich Glaubender.
Gelobt soll sein auf ewig der Gott der Toten, der Gott der Vergeltung,
der Wahrheit und des Gerichts, der bald sein Gesicht wieder vor der
Welt enthüllen wird und mit Seiner allmächtigen Stimme ihre
Fundamente erschüttert.
"Schma Israel! - Höre Israel! Der Herr ist unser Gott, der
Herr ist Einer! In Deine Hände, o Herr, empfehle ich meinen Geist!"
(Aus dem Jiddischen von Paul Badde)
Quelle: Zvi Kolitz, Jossel Rakovers Wendung zu Gott.
Zweisprachige Ausgabe. Verlag Volk und Welt, 2. Aufl., Berlin 1997
30. April 2003
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