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Auf die Finger gesehen:
Wenn Philosophen heucheln
Die
allgemeine Heuchelei der Mächtigen geißeln welch vornehmere
Aufgabe könnte der Philosophie zukommen, wenn sie sich in die Politik
einmischt? Wenn der Philosoph dabei aber die USA von seiner Kritik ausnimmt,
dann heuchelt auch er. Anmerkungen zu einem Text von André Glucksmann
(Foto).
Von Kai Ehlers
Unter der Überschrift Europa, ein Vogel Strauss" konnte
man vor kurzem einen Kommentar des französischen Philosophen André
Glucksmann zum Irak-Krieg lesen (Die Welt, 12.3.2003). Darin wirft er
der Koalition der Kriegsgegner" vor, die Augen vor der Realität
des weltweiten Terrors zu verschließen. Der Philosoph geht scharf
mit den Heuchlern" der Friedenskoalition" ins
Gericht; er erinnert an den Krieg Wladimir Putins in Tschetschenien,
an das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China, er
klagt Joschka Fischer an, seine Lehre Nie wieder Auschwitz"
vergessen zu haben und bezichtigt Jaques Chirac, mit seiner Inkonsequenz
die Entwaffnung eines berüchtigten Kriegstreibers verhindert"
zu haben.
Die Kritik klingt radikal; zudem spricht ein anerkannter Philosoph.
Umso erstaunter ist man, dann eine Kritik zu lesen, in der die Namen
der kritisierten Chirac, Schröder, Putin und der Chinesen problemlos
durch Bush oder Blair ausgetauscht werden können: Es beginnt mit
der Feststellung André Glucksmanns, heute gehe ein Riss durch
den Westen - Querelen in der NATO, in der EU, sogar in der UNO. Da es
den Ostblock" nicht mehr gebe, bedeute das Auflösung
der bestehenden Ordnung. Stimmt, aber dann vermisst man doch die Erkenntnis,
dass es sich bei diesem Riss nicht einfach um vermeidbare Bündnis-Querelen
handelt, sondern um eine grundlegende Krise der heutigen industriellen
Welt, in der das Ende des Sowjet-Imperiums, Russlands und auch Chinas
Umbrüche dem Westen nur vorangingen: Nach der Krise des Ostblocks"
nun die Krise des Westblocks". Zu diesem Zusammenhang schweigt
der Philosoph.
Zuzustimmen ist der Kritik André Glucksmanns, Chirac, Schröder,
Putin und die Chinesen hätten allzu stark polarisiert, als sie
die Friedenskoalition" der "Kriegskoalition" entgegenstellten.
In der Tat, die Polarisierung hat etwas von einer Augenwischerei für
ganz Dumme an sich. Doch wird sie ja nicht nur von einer, sondern von
beiden Seiten betrieben. Hat man doch einen George W. Bush gesehen,
der seit seinem Amtsantritt, und zwar erkennbar weit genug vor dem 11.
9. 2001, seine Verbündeten mit Alleingängen der einzig
verbliebenen Weltmacht" vor den Kopf stößt und seit
dem 11. 9. 2001 die Welt in Gute und Böse aufteilt.
Eine Heuchelei ist es zweifellos, auch da ist André Glucksmann
zuzustimmen, sich eine Koalition des Friedens" zu nennen,
wenn man wie Putin in Tschetschenien eine ganze Stadt in Trümmern
gelegt hat oder, wie die Chinesen, bis heute kein kritisches Wort über
das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens zulässt. Aber
gehört Vietnam nicht auch mit in diese Aufzählung, wo die
USA versuchten, ein ganzes Volk auszurotten? Die Friedenskoalition"
trete auf wie leibhaftige Apostel des Friedens, polemisiert Glucksmann.
Ja, aber hat nicht George W. Bush den Kreuzzug gegen die Achse
des Bösen" verkündet?
Hart kritisiert Glucksmann die Veto-Mächte des UNO-Sicherheitsrates:
Die fünf ständigen Mitglieder des Rates, erklärt er,
benutzen ihr Vetorecht zur verschleierten Durchsetzung eigener Interessen.
Richtig, aber warum zählt der Kritiker nur vier der ständigen
Mitglieder des Rates auf? Was ist mit dem fünften, den USA? Wofür
benutzen die USA den Sicherheitsrat - wenn sie es überhaupt für
nötig befinden, ihn zu benutzen? Etwa zur Demokratisierung der
UNO?
Ja, der Klub der Fünf" ist kein Parlament der Völker.
Das ist wahr und die Frage Glucksmanns, wieso die Stimme Brasiliens
weniger zählen soll als die der Veto-Mächte, ist mehr als
berechtigt. Die Veto-Regelung ist ein Überbleibsel aus dem kürzlich
zu Ende gegangenen Jahrhundert. Doch auch in dieser Kritik sind die
Namen der Friedens-" und der Kriegskoalition"
wieder austauschbar. Die Newcomer und die Kleinen in der UNO werden
weder von der einen noch von der anderen Seite für voll genommen.
Selbstverständlich war es einfacher, wie Herr Glucksmann bemerkt,
mit Ho, ho, Ho Chi Min" gegen den Vietnamkrieg auf die Straße
zu gehen als mit Kein Krieg in Irak" und Nieder mit
Saddam". Für ein Volk, das für den Sieg im Volkskrieg
kämpft, ist eben leichter Partei zu nehmen, als für eines,
das sich unter einem Diktator duckt. Invasion bleibt deswegen aber immer
noch Invasion. Hieraus abzuleiten, Protest gegen eine Invasion sei gleichbedeutend
mit einer Unterstützung für die Diktatur, ist schlicht demagogisch.
Auch in der Kritik an, wie Glucksmann sagt, meinem Freund Joschka
Fischer" muss man dem Philosophen zustimmen: Fischer war für
den Krieg im Kosovo - nun ist er gegen den Irak-Krieg. Das ist kurzsichtig,
inkonsequent, und vielleicht sogar verlogen. Er hätte wissen können,
dass die US-Intervention im Kosovo nur der Einstieg der USA in ein weltweites,
präventives militärisches Krisenprogramm war. Tatsache ist
aber auch, dass die öffentliche Kriegserklärung des George
W. Bush gegen die Achse des Bösen" nicht vor, sondern
nach der Intervention im Kosovo, nämlich nach dem 11. 9. 2001 erfolgte.
Heute ist daher deutlicher als damals, dass die Welt bei Durchführung
einer solchen Globalpolitik vor der Perspektive einer unabsehbaren Reihe
von Abrüstungskriegen unter US-Vorgaben stünde. US-Politik
hat sich vor der Welt in rasantem Tempo als krisen- und inzwischen auch
kriegstreibend entpuppt. Jetzt wird bereits Syrien bedroht - wer dann?
Wie viele Diktatoren dieser Art sollen auf diese Weise beseitigt werden?
Deutlicher gefragt: Welche Despoten sollen beseitigt werden und welche
nicht? Wer bestimmt das? Mit welchem Ziel und in wessen Namen?
André Glucksmann gibt keine Antworten auf diese Fragen, er trifft
nur die Feststellung, dass wir uns heute in einer radikal neuen
Situation" befänden. Wahr gesprochen! Aber ist die neue Situation
eine Folge des 11. September 2001, wie Glucksmann meint? Nein, das ist
sie nicht. Sie ist eine Folge der Auflösung der bi-polaren Weltordnung
und des darauf folgenden Versuches der Amerikaner, das, wie ihre Strategen
es nennen, historische Fenster" zu nutzen, um sich die globale
Vorherrschaft zu sichern und mögliche zukünftige Konkurrenten
im Keim zu ersticken.
Ungeachtet dessen sieht André Glucksmann die Amerikaner als Opfer,
die nun von den Kriegsgegnern als Täter hingestellt würden,
wie das ja öfter geschehe. Absichtlich oder unabsichtlich rückt
er die Amerikaner" damit in die Nähe der Juden, für
die diese Aussage üblicherweise getroffen wird. Tatsache ist, dass
am 11. 9. 2001 tausende von Menschen Opfer des Terrors wurden. Sie sind
zu betrauern. Aber ist Krieg die einzige mögliche Antwort? Darf
man da anderer Meinung sein, ohne gleich zu den Bösen, unterschwelligen
Antisemiten oder den europäischen Sträußen zu gehören,
die den Kopf vor der Realität in den Sand stecken? Von welcher
Realität ist die Rede? Dazu hören wir von Herrn Glucksmann
nichts, außer dass nunmehr eine Verbindung von Bin-Laden-Terrorismus
und Pjöng-Jang-Verdrängung drohe.
Was also will André Glucksmann uns sagen? Ihm wäre zuzustimmen,
wenn er es dabei beließe, die allgemeine Heuchelei der Mächtigen
zu geißeln. Das ist das Vorrecht des Philosophen. Wenn er dabei
aber die USA von seiner Kritik ausnimmt, dann heuchelt auch er. Das
wäre sogar noch hinzunehmen - das Heucheln ist gegenwärtig
in Mode. Schlimmer noch ist, dass er den Anschein erwecken möchte,
als stünde er über den Parteien - ohne auch nur einen einzigen
Gedanken vorzubringen, wie die Welt zu einer neuen Ordnung finden könnte,
in welcher der Krieg nicht wieder zu einem Mittel der Politik wird,
wie von den USA zur Zeit propagiert.
30. April 2003
Leserbrief
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