Die Tschetschenin im Theater

Erzählen Fotos wirklich Geschichten?

Die hier geschilderten Ereignisse liegen erst wenige Monate zurück, und doch sind die Erinnerungen daran schon beinahe verblasst. Gut, dass es Fotos gibt, sie helfen einem, die Geschehnisse wieder ins Gedächtnis zu rufen. Vorausgesetzt, man kennt die Geschichten hinter den Bildern.

Von Hans Durrer

Die Fernsehbilder, die uns Ende Oktober 2002 aus Moskau erreichten, zeigten uns in Sesseln liegende tote Tschetscheninnen. Sie seien erschossen worden, sagte der Sprecher. Die Bilder flogen so schnell vorbei wie das Fernsehbilder nun einmal tun, geblieben ist einem nicht viel.

In der europäischen Printausgabe von Time vom 4. November 2002 sind Fotos der russischen Polizeiaktion zu sehen. Unter anderen auch eine Aufnahme einer toten Tschetschenin mit einem blutverschmierten Gesicht. Man stoppt, guckt hin, hält inne. Das ist es, wozu Fotos einladen.
Der Einschuss liegt neben dem rechten Auge. Es beginnt sich einem der Horror, der da vorgefallen ist, zu offenbaren. Die Bilder, die sich in der Folge im eigenen Kopf bilden, sind intensiv, lassen den Schrecken, der im Theater geherrscht, vorstellbar werden.

Die Frau hat offenbar zum Gang hin, in einer der hinteren Sitzreihen, gesessen. Ihr Oberkörper, nach hinten geneigt, hängt über die seitliche Stuhllehne. Sie trägt schwarze Kleider, ein schwarzes Kopftuch, ihre Gesichtsfarbe ist weiss und fahl. Der Mund ist geöffnet, die Augen sind geschlossen. Ihre rechte obere Gesichtshälfte ist blutverschmiert. In den Berichten, die man gelesen hat, war zu erfahren, dass die vom Gas betäubten Tschetschenen hingerichtet worden seien. Um - wie es hieß - sicher zu sein, dass sie auch wirklich keine Bombe mehr zünden konnten.

Ein anderes Bild zeigt drei Tschetscheninnen in den Sitzreihen vor der hinteren Wand des Saales, auch sie sind schwarz gekleidet. Sie sitzen nicht weit voneinander entfernt, auf den Sitzen zwischen ihnen liegen, so scheint es, Jacken und eine Art Seesack. Zwei der Frauen sind in ihren Sesseln vornübergesunken, die dritte lehnt gegen die Lehne ihres Sitzes, ihr Kopf ist nach hinten gefallen, ihre Augen mit einer schwarzen Binde bedeckt. Haben sie ihr die Augen verbunden, bevor sie sie erschossen haben? Unwahrscheinlich. Ist es überhaupt eine Binde? Oder ist es womöglich ein Teil ihres Kopftuches? Wir wissen es nicht, denn das Bild gibt uns darüber keine Auskunft.

Ein Bild sagt nicht mehr als tausend Worte. Man braucht tausend Worte, um ein Bild zu verstehen.

Nehmen wir das Bild der Frau, die mit einem Einschussloch neben dem rechten Auge im Sessel liegt. Wüssten wir nicht, dass die Frau in den Kopf geschossen worden ist (hätten wir das nicht gelesen, nicht gehört, hätte man uns das nicht gesagt), würden wir das Einschussloch neben dem Auge gar nicht sehen; wir würden nichts anderes sehen, als eine rote, blutige Stelle, und die kann auch von einem Schlag oder von einem Fall herrühren. Wissen wir jedoch, dass die Frau in den Kopf geschossen wurde, sehen wir die rote, blutige Stelle als Schusswunde.

Wie sehen nur, was wir wissen, hat Goethe gesagt. Ändert sich unser Wissen über eine Sache, so ändert sich auch unsere Sichtweise.

Als die Tschetschenen angefangen hätten, Geiseln zu töten, habe man keine Wahl mehr gehabt, man habe handeln müssen, erklärte ein Sprecher der russischen Regierung. Wir fanden uns geneigt, zuzustimmen. Als dann jedoch ein wenig später eine Geisel berichtete, diese Erschiessungen habe es nicht gegeben, und sie seien von den Tschetschenen gut behandelt worden, waren wir drauf und dran, unsere Meinung wieder zu revidieren.
Dann folgten Berichte über den Krieg in Tschetschenien. Wir erfuhren, dass Grosny ein einziger Trümmerhaufen und die russische Armee von rücksichtloser Brutalität sei. Wir hörten, dass es nur gerade eine Million Tschetschenen gebe, dieser Krieg jedoch schon Jahre dauere und die russischen Soldaten vor Ort gar nicht unglücklich darüber seien, da der Sold, den sie dafür beziehen, aussergewöhnlich hoch sei.
Wir wussten nicht, was wir von all diesen Informationen halten sollten, erinnerten wir uns doch auch, vor Jahren, im Fernsehen eine Reportage über eine russische Einheit gesehen zu haben, der überhaupt kein Sold ausgerichtet worden war, die fror und lieber zu Hause bei Muttern gewesen wäre. Und wir erinnerten uns auch, gelesen zu haben, dass die Tschetschenen untereinander nicht einig und überhaupt die Sache ganz verfahren sei.

Wir guckten uns das Foto der Tschetschenin mit dem Einschussloch neben dem Auge noch einmal an. Und verweilten dabei. Und stellten uns vor, wie ihr tschetschenisches Leben wohl gewesen sein musste, dass sie für dieses Himmelfahrtskommando nach Moskau gekommen war. Und dann stellten wir uns vor, wie ein (wahrscheinlich junger, nervöser) russischer Soldat vor ihr, der vom Gas Bewusstlosen, steht, auf ihren Kopf zielt und abdrückt.

Jetzt, wo wir eine Vorstellung von der Geschichte hinter diesem Foto haben, sagt es uns tatsächlich mehr als tausend Worte.

30. April 2003

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