Kein Vergleich!

Schock und Schande

Frage: Darf ein deutscher Journalist über diese Entwürdigungen berichten?
Antwort: Er muss. Ebenso wie seine norwegische Kollegin.

Von Tim Frohschütz

Man kennt das ja: Kriege sind, abgesehen von der Propaganda, schmutzig. Auch der Vorfall hier ist manchem Journalisten keinen Atemzug wert, geschweige denn einen Artikel. Schließlich sind wir inzwischen ganz andere Gräuel gewöhnt.

Die Geschichte ist ja auch schnell erzählt: Amerikanische Soldaten zwangen vier Irakis, die sie für Waffendiebe hielten, sich auszuziehen, legten ihre Kleider auf einen Haufen, gossen Benzin darüber und zündeten ihn an. Einem Mann kritzelten sie mit einem schwarzen Marker "Ali Baba Haram" auf die Brust ("Ali Baba Dieb"; bemerkenswerterweise und damit es jeder lesen konnte: in arabischer Schrift). Dann drängten sie die vier nackten Männer auf die Straße, trieben sie vor sich her und schrien "Ali Baba, Ali Baba!" hinter ihnen her. Als die Irakis sahen, dass ein Freund von ihnen in der Nähe in seinem Auto auf sie wartete, rannten sie los und fuhren mit ihm davon.

Beobachtet haben die Szene die norwegische Reporterin Line Fransson und der Fotograf Tomm W. Christiansen, die für die norwegische Zeitung Dagbladet in Bagdad waren. Ein Anruf bei der Redaktion ergab, dass die beiden Journalisten und ihre Wort- und Bildberichte als absolut vertrauenswürdig gelten.

Aber das ist erst die halbe Geschichte.

Die andere Hälfte, die bedenkenlos rassistische, liefert der amerikanische Offizier in dieser Szene, Leutnant Eric Canaday. Sie hätten, erklärte er, die Idee zu diesem Vorgehen von Einheimischen erhalten; es biete sich ja auch an, da die Männer im Verdacht stünden, in dem Park nebenan leichte Handfeuerwaffen gestohlen zu haben. "Also nahmen wir ihnen die Kleider weg und schoben sie raus, nachdem wir ihnen 'Dieb' draufgeschrieben hatten", sagte er lachend, "es war tatsächlich ziemlich erfolgreich. Und so schlimm, wie es aussieht, war es gar nicht. Wir machen das sowieso nur mit Leuten, die Waffen stehlen. Ein bisschen öffentliche Schande, kein physische Verletzung, und morgen ist alles wieder in Ordnung."
Auch das Beschriften der Männer hätten seine Soldaten, sagte Canaday, "vorher schon einmal gemacht", aber diesesmal "haben wir es nur bei einer Person gemacht".
Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der US-Armee, Oberst Rock Thomas, kommentierte die Szene damit, dass sie "sicher nicht nach der Art typischer Vorfälle aussieht, die wir bei dieser Kampagne beobachtet haben". Eine Bewertung des Vorfalls lehnte er ab, ebenso eine Aussage darüber, ob die Armee eine Untersuchung einleiten werde.

So glatt, so einfach, so ohne schlechtes Gewissen kann es zugehen, wenn Zivilisationen aufeinandertreffen. Am besten reden wir nicht mehr darüber.

Siehe dazu auch: Amnesty International.

30. April 2003

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