|
|
Die Nacht danach
Gedanken zum Krieg
Die Neo-Konservativen um George Bush (siehe auch "Die
Vorbereitung eines Angriffskriegs") haben den Krieg großspurig
gewonnen. Die Gefahr für den Frieden im Nahen Osten ist damit noch
größer geworden, denn die Neo-Kons träumen von einem
israelischen Reich unter Kontrolle der extremen Rechten und der Siedler.
Von Uri Avnery, 9. April 2003
Der nächste Krieg
Es ist zeitgemäß, über den Tag danach" zu
reden. Lasst uns über die Nacht danach reden.
Nach den Feindseligkeiten im Irak, wird die Welt mit zwei entscheidenden
Tatsachen konfrontiert werden:
Erstens: Die ungeheure Überlegenheit der amerikanischen Waffen
kann jedes Volk der Welt schlagen, sei es auch noch so tapfer.
Zweitens: Die kleine Gruppe, die den Krieg angefangen hat eine
Allianz christlicher Fundamentalisten und jüdischer Neo-Konservativer
hat großspurig gewonnen, und von jetzt an wird sie Washington
fast grenzenlos kontrollieren.
Diese beiden Fakten zusammengenommen stellen für die Welt, aber
besonders für den Nahen Osten, die arabischen Völker und die
Zukunft Israels, eine Gefahr dar: Weil diese Allianz der Feind friedlicher
Lösungen ist, der Feind der arabischen Regierungen, der Feind des
palästinensischen Volkes und besonders der Feind des israelischen
Friedenslagers.
Diese Gruppe träumt nicht nur von einem amerikanischen Weltreich
im Stil eines römischen, sondern auch von einem israelischen Mini-Empire
unter der Kontrolle der extremen Rechten und der Siedler. Sie will die
Regierungen aller arabischer Länder verändern. Sie wird ein
permanentes Chaos in der Region verursachen, dessen Folgen unmöglich
vorauszusehen sind.
Ihre geistige Welt besteht aus einem Gemisch von ideologischem Fanatismus
und krassen materiellen Interessen, einem übertriebenen amerikanischen
Patriotismus und einem Zionismus vom rechten Flügel.
Das ist ein gefährliches Gemisch In ihr findet man etwas von Ariel
Sharons Geist, einem Mann, der immer grandiose Pläne hatte, die
Region zu verändern. Es ist ein Gemenge von kreativer Vorstellungskraft,
ungezügeltem Chauvinismus und einem primitiven Glauben an brutale
Gewalt.
Wer sind die Gewinner?
Es sind die sogenannten Neo-Kons, oder Neo-Konservativen, eine kompakte
Gruppe, deren Mitglieder fast alle jüdisch sind. Sie halten einerseits
die Schlüsselpositionen der Bush-Administration inne als auch die
in den wissenschaftlichen Politikinstituten (think-tanks), die eine
bedeutende Rolle beim Formulieren der amerikanischen Politik und der
Leitartikelseiten der einflussreichen Zeitungen spielen.
Viele Jahre lang war dies eine Randgruppe, die eine rechte Agenda auf
allen Gebieten begünstigte. Sie kämpfte gegen Abtreibung,
Homosexualität, Pornographie und Drogen. Als Benjamin Netanjahu
in Israel an die Macht kam, boten sie ihm Ratschläge an, wie man
gegen die Araber kämpfen kann.
Ihr großer Augenblick kam mit dem Kollaps der Zwillingstürme
in New York. Die amerikanische Öffentlichkeit und ihre Politiker
waren in einem Zustand des Schocks, völlig orientierungslos, unfähig
zu verstehen, dass die Welt sich über Nacht verändert hat.
Die Neo-Kons waren die einzige Gruppe, die eine Erklärung und Lösung
parat hatte. Nur neun Tage nach dem Attentat veröffentlichte William
Kristol (der Sohn des Gruppengründers Irving Kristol) einen offenen
Brief an Präsident Bush, in dem er erklärte, dass es nicht
genug wäre, das Netzwerk Osama Bin Ladens zu zerstören, sondern
dass es auch notwendig sei, Saddam Hussein zu stürzen"
und gegenüber Syrien und dem Iran wegen der Unterstützung
der Hisbollah Vergeltung zu üben.
Im folgenden eine kurze Aufzählung der Hauptcharaktere. Der offene
Brief wurde im Weekly Standard veröffentlicht, die von Kristol
mit dem Geld des ultra-rechten Pressemoguls Rupert Murdoch gegründet
wurde, der 10 Millionen Dollar dafür gab. Der Brief war von 41
führenden Neo-Kons unterzeichnet, einschließlich Norman Podhoretz,
einem jüdischen früheren Linken, der eine extrem rechte Ikone
wurde und der Herausgeber des renommierten Commentary Magazins ist.
Unterschrieben wurde er auch von seiner Frau Midge Decter, ebenfalls
Schriftstellerin, von Frank Gaffney vom Zentrum für Sicherheits-Studien,
Robert Kagan vomWeekly Standard, Charles Krauthammer von der Washington
Post und natürlich von Richard Perle.
Perle ist eine zentrale Figur in diesem Spiel. Bis vor kurzem war er
der Vorsitzende des Rates der Verteidigungspolitik im Verteidigungsministerium,
zu dem auch Eliot Cohen und Devon Cross gehören. Perle ist einer
der Direktoren der Jerusalem Post, die nun extremen Zionisten
vom rechten Flügel gehört. In der Vergangenheit war er ein
Berater von Senator Henry Jackson, der den Kampf gegen die Sowjetunion
in bezug auf die Juden führte, die die SU verlassen wollten. Er
ist ein führendes Mitglied des einflussreichen, rechten American-Enterprise-Instituts.
Kürzlich war er gezwungen, seine Position als Vorsitzender des
Verteidigungsrates aufzugeben; es war bekannt geworden, dass eine private
Aktiengesellschaft ihm fast eine Million Dollar versprochen hatte, wenn
er seinen Einfluss in der Verwaltung geltend machen würde.
Der offene Brief aus dem Weekly Standard markierte tatsächlich
den Beginn des Irakkrieges. Er war von der Bush-Administration begierig
aufgenommen worden. Ihre Mitglieder der oben genannten Gruppe
angehörend waren schon fest in einigen ihrer leitenden Posten
etabliert. Paul Wolfowitz, der Vater des Krieges, ist die Nummer Zwei
im Verteidigungsministerium, wo ein anderer Freund von Perle, Douglas
Feith, den Pentagon-Planungsrat leitet. John Bolton ist Unterstaatssekretär
im Außenministerium. Eliot Abrams, im Nationalsicherheitsrat für
den Nahen Osten verantwortlich, war in den Iran-Contra-Israel-Skandal
verwickelt. Der Hauptheld des Skandals, Oliver North, sitzt im Jüdischen
Institut für Nationale Sicherheitsangelegenheiten zusammen mit
Michael Ledeen, dem zweiten Helden dieses Skandals. Er befürwortet
nicht nur einen totalen Krieg gegen den Irak, sondern auch gegen Israels
andere Feinde, den Iran, Syrien, Saudi Arabien und die Palästinensische
Behörde. Dov Zakheim ist Rechnungsprüfer im Verteidigungsministerium.
Die meisten dieser Leute sind zusammen mit dem Vizepräsident Dick
Cheney und dem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit dem Projekt
des Neuen Amerikanischen Jahrhunderts" verbunden, das 2002 ein
Weißbuch mit dem Ziel herausgab, diesen amerikanischen
Frieden' zu erhalten und zu erweitern" was soviel wie amerikanische
Weltvorherrschaft bedeutet.
Meyrav Wurmser (Meyrav ist ein schicker, neuer, israelischer Vorname)
ist Direktorin des Zentrums für Nahostpolitik am Hudson-Institut.
Auch sie schreibt für die Jerusalem Post. Sie ist Mitbegründerin
des Nahost-Medien-Forschungsinstituts (MEMRI), das nach dem Londoner
Guardian mit dem israelischen Militärgeheimdienst verbunden ist.
MEMRI versorgt die Medien und Politiker mit höchst ausgewählten
Zitaten aus extremen arabischen Publikationen. Meyravs Gatte, Davis
Wurmser, ist an Perles Amerikanischem Enterprise-Institut und leitet
dort die Nahost-Studien. Erwähnt werden sollte auch das Washington
Institut für Nahost-Politik von unserm alten Bekannten Dennis Ross,
der jahrelang mit dem Friedensprozess" im Nahen Osten beauftragt
war.
In allen bedeutenden Zeitungen gibt es Leute, die der Gruppe nahe stehen,
wie zum Beispiel William Safire bei der New York Times (er ist
ein Mann, der von Sharon hypnotisiert ist) und Charles Krauthammer bei
der Washington Post. Ein anderer Freund von Perle ist Robert
Bartley, Herausgeber des Wall Street Journal.
Wenn die Reden von Bush und Cheney oft so klingen, als kämen sie
von den Lippen Sharons, mag einer der Gründe der sein, dass ihre
Ghostwriter Joseph Shattan, Matthew Scully und John McConnell Neo-Kons
sind - so wie Cheneys Stabschef Lewis Libby.
Der gewaltige Einfluss dieser weitgehend jüdischen Gruppe geht
zurück auf ihre enge Verbindung mit den extrem rechten, christlichen
Fundamentalisten, die heute Bushs republikanische Partei kontrollieren.
Die Gründungsväter waren Jerry Falwell von der Moral Majority,
die einmal von Menachem Begin einen Jet als Geschenk erhielt, und Pat
Robertson von der Christlichen Koalition und dem Christlichen Radionetzwerk,
das die Christliche Botschaft" (Christian Embassy) von J.W.
van der Hoeven in Jerusalem mit finanzieren half. Es ist eine Gruppe,
die die Siedler und deren Verbündete vom rechten Flügel unterstützt.
Gemeinsam ist beiden Gruppen das Festhalten an der fanatischen Ideologie
der extremen Rechten in Israel. Sie sehen den Irakkrieg als einen Kampf
der Kinder des Lichtes" (Amerika und Israel) gegen die Kinder
der Finsternis" (Araber und Muslime).
Nebenbei, diese Fakten sind alles andere als geheim. Sie sind vor kurzem
in Dutzenden von Artikeln sowohl in amerikanischen als auch in Weltmedien
veröffentlicht worden. Die Mitglieder der Gruppe sind stolz darauf.
Der Zionistengeneral
Der Mann, der diesen Sieg im Irak symbolisiert, ist General Jay Garner,
der gerade zum Chef der zivilen Verwaltung im Irak ernannt worden ist.
Er ist kein anonymer General, der zufällig herausgepickt wurde.
Garner ist der ideologische Partner von Wolfowitz und den Neo-Kons.
Vor zwei Jahren unterzeichnete er mit 26 anderen Offizieren eine Petition,
die vom jüdischen Institut für Nationale Sicherheitsangelegenheiten
organisiert wurde. Sie lobte die israelische Armee für ihre bemerkenswerte
Zurückhaltung angesichts der tödlichen Gewalt, die von Seiten
der palästinensischen Führung ausgeübt wurde", was
für die israelischen Friedenskräfte sicher neu war. Der General
stellte auch fest, dass ein starkes Israel ein Aktivposten ist,
auf den sich amerikanische Militärplaner und politische Führer
verlassen können."
Während des 1. Golfkrieges pries General Garner die Leistung der
Patriot-Raketen, die elendiglich daneben gingen. Nachdem er 1997 die
Armee verlassen hatte, wurde er keineswegs überraschend
Militärlieferant, spezialisiert auf Missiles. Es wurde behauptet,
dass er nicht konkurrierende Pentagon-Verträge erhalten hat. In
diesem Jahr erhielt er einen Verteidigungsvertrag über 1,5 Milliarden
Dollar, ebenso einen Vertrag, Patriot-Systeme in Israel zu bauen.
Deshalb kann es für diesen Job keinen besseren Kandidaten für
die zivile Verwaltung im Irak geben, besonders zu einer Zeit, wenn Verträge
über Milliarden von Dollar für den Wiederaufbau zur Verfügung
gestellt werden müssen, die mit irakischem Öl bezahlt werden.
Eine neue Balfour-Erklärung
Die Ideologie dieser Gruppe, die zum einen nach einem amerikanischen
Weltempire als auch nach einem Groß-Israel schreit, erinnert an
vergangene Zeiten. Die Balfour-Erklärung von 1917, die den Juden
eine Heimstätte in Palästina versprach, hat ein Elternpaar.
Die Mutter war der christliche Zionismus ( unter dessen Anhängern
waren berühmte Staatsmänner wie Lord Palmerston und Lord Shaftesbury,
lange vor der Gründung der jüdisch-zionistischen Bewegung).
Der Vater war der britische Imperialismus. Die zionistische Idee erlaubte
es den Briten, ihre französischen Konkurrenten zu verdrängen
und Palästina in Besitz zu nehmen, was insofern nötig war,
um den Suez-Kanal und den kürzeren Seeweg nach Indien abzusichern.
Nun geschieht das Gleiche noch einmal. Im vergangenen Jahr organisierte
Richard Perle ein Symposium, in dem ein Redner einen Krieg sowohl gegen
den Irak vorschlug, als auch gegen Saudi-Arabien und Ägypten, um
das Öl-Kernland der Welt zu sichern. Der Irak sei nur der Angelpunkt,
erklärte er. Eine der Rechtfertigungen für diesen Plan sei
die Notwendigkeit, Israel zu verteidigen.
Unser Leben aufs Spiel setzen?
Scheinbar ist dies alles gut für Israel. Amerika kontrolliert die
Welt, wir kontrollieren Amerika. Niemals zuvor hatten die Juden einen
solch ungeheuerlichen Einfluss auf das Zentrum der Weltmacht ausgeübt.
Diese Tendenz macht mich unruhig. Wir sind wie ein Spieler, der all
sein Geld und seine Zukunft auf ein Pferd setzt. Ein gutes Pferd, ein
Pferd ohne augenblicklichen Konkurrenten, aber eben nur ein Pferd.
Die Neo-Kons werden eine lange Zeit chaotische Verhältnisse in
der arabisch muslimischen Welt verursachen. Der irakische Krieg hat
schon gezeigt, dass ihr Verständnis für arabische Realitäten
unzuverlässig ist. Ihre politische Wahrnehmung hat den Test nicht
bestanden; nur brutale Gewalt hat ihr Unterfangen gerettet.
Eines Tages werden die Amerikaner heimgehen. Wir aber müssen hier
bleiben. Wir müssen mit den arabischen Völkern zusammenleben.
Chaos in der arabischen Welt gefährdet unsere Zukunft.
Wolfowitz & Co mögen von einem demokratischen, liberalen, zionistischen,
Amerika bewundernden Nahen Osten träumen aber das Ergebnis
ihrer Abenteuer kann sich leicht in eine fanatische und fundamentalistische
Region wandeln, die unsere nackte Existenz bedroht.
Die Partnerschaft der Neo-Kons mit den christlichen Fundamentalisten
kann in Washington Gegenkräfte hervorbringen. Und wenn Bush bei
den nächsten Wahlen besiegt wird wie sein Vater nach seinem Sieg
im 1. Golfkrieg, dann wird die ganze Bande hinausgeworfen.
Die Bibel erzählt uns auch von den Königen von Judäa,
die sich auf die damalige Weltmacht Ägypten stützten. Sie
schätzten den Aufstieg der Mächte im Osten, Assyrien und Babylon,
nicht richtig ein. Ein assyrischer General sprach zum König von
Juda: Siehe da! Verlässt du dich auf diesen zerbrochenen
Rohrstab, auf Ägypten, der jedem, der sich darauf stützt,
in die Hand dringen und sie durchbohren wird?" (2. Kön.18,21).
Bush und seine Bande von Neo-Kons ist nicht wie ein zerbrochener Rohrstab.
Weit entfernt davon, er ist im Augenblick ein sehr starker Rohrstab.
Aber sollen wir unsere ganze Zukunft darauf bauen?
(Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)
30. April 2003
Leserbrief
|
| Haben
Sie schon unseren kostenlosen Newsletter
abonniert? |
|