Homosexualität und Öffentlichkeit

Der pursuit of happiness in Amerikas Badehäusern

"Homosexualität: die geschlechtliche Hinneigung zu Personen desselben Geschlechts, meist auf Grund einer angeborenen perversen Empfindung, seltener als Folge von Ausschweifungen, so daß ungewöhnliche Reize zu Hilfe genommen werden, um die entnervte Geschlechtssphäre zu erregen." Das war vor hundert Jahren (Meyers Konversationslexikon, 6. Auflage).
Seitdem ist einiges geschehen. Aber die Folgen des Coming-out sind nicht nur angenehm - für die Schwulen. Gert Raeithel, Amerikanist und Gazette-Autor ("Der Bleistift-Club", März 1998, "Eine anglophile Weltreise", März 1999) machte im Gesellschaftslaboratorium des Westens, in den USA, verstörende Beobachtungen.
Warnung: Der Artikel enthält einige explizit sexuelle Ausdrücke.

Von Gert Raeithel

Eine Kirche für Homosexuelle in Los Angeles; ein Ringerverein an der Universität von Wisconsin "für Männer, die gerne grapschen"; ein T-Shirt, gesichtet am Schwulenstrand von Provincetown mit der Aufschrift Love you, mom. Thanks for the genes – auch Amerikas Homosexuelle treten nicht mehr verstohlen auf. Einer von ihnen preist die Gattenliebe unter Männern als „die höchste Form ehelichen Glücks", und selbst wertkonservative Autoren können der Homo-Ehe etwas Positives abgewinnen, sei sie doch dazu geeignet, Homosexuellen emotionale Ausgeglichenheit zu verschaffen, sie zur Daseinsvorsorge anzuleiten und aus einem kriminogenen Milieu herauszulösen.

Eine rasante Entwicklung! Noch vor einer Generation stufte der amerikanische Psychiaterverband das gleichgeschlechtliche Liebesverlangen als Geisteskrankheit ein. Homosexuelle taten gut daran, ihre Veranlagung zu verbergen. Tennessee Williams war als Student in seinen Stubengenossen verliebt, aber seine ersten sexuellen Erfahrungen machte er mit „grässlichen alten Huren, die Fotzen wie kranke Orchideen hatten". Nachdem Alfred Kinsey ermittelt hatte, wie verbreitet homosexuelle Kontakte in der amerikanischen Gesellschaft waren, rieten Psychoanalytiker dazu, diesen Personenkreis zu therapieren. Notfalls mit Brechmitteln oder Elektroschocks.

Das Coming out des letzten Jahrzehnts hat einen homophoben Backlash erzeugt. In Wyoming wurde ein junger Homosexueller gelyncht. Vielerorts gilt gleichgeschlechtlicher Verkehr nach wie vor als strafwürdige Tat. Jedes Jahr werden hunderte von homosexuellen Soldaten aus den U.S.-Streitkräften ausgestossen. Bloss: Amerikas Homosexuelle lassen sich durch feindselige Akte nicht mehr einschüchtern. Sie sind stolz auf sich. Selbst in den weniger offenen Landesteilen finden Gay Pride Parades statt. Die Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen von Duluth, alles in allem vielleicht einhundert Leute, versammeln sich am Lake Superior zu einem Gay Pride Boatride. Wie „ein Mann stolz darauf sein kann, einen anderen in den Arsch zu ficken", will zwar dem Schriftsteller Bret Easton Ellis und anderen Heteros nicht einleuchten. Gleichwohl sind Amerikaner gerne stolz, auf den kurzen Rasen vor dem Haus, auf das Durchhaltevermögen der Berliner oder eben auf ihre sexuelle Orientierung. Wer nicht glaubt, wie gut sich Homosexualität und Amerikanismus inzwischen vertragen können, braucht nur einmal zu beobachten, wie die Kandidaten zur Wahl der Miss Gay America in überlangen Stretchlimousinen vor dem Dallas Convention Center vorfahren und drinnen die schon etwas füllig gewordene Vorjahressiegerin "God bless America" anstimmt.

Lokale für Homosexuelle gibt es in reicher Anzahl, etwa die verspielte Hide and Seek-Bar in Colorado Springs, das virile Ramrod in Boston oder das witzige A-men in Worcestershire. Eine Besonderheit sind die Leather & Jeans Bars. Der Harbor Room in Milwaukee wirbt für sich – mit einer nur in Amerika denkbaren Wortkombination – als dem "friendliest leather nightclub" der Stadt. Dem Branchenkenner Allan Bérubé zufolge bieten sich neben Kneipen und Nachtlokalen öffentliche Bäder als Orte an, an denen Homosexuelle ihre Veranlagung ohne Heimlichtuerei und ohne Angst vor Gewalt ausleben können. Auch in Deutschland gibt es solche Einrichtungen, die Phoenix-Sauna in Düsseldorf, der Dragon in Hamburg oder die Frankfurter Golden Gate-Sauna. Den Besuchern stehen Fitness-, Massage- und Ruheräume zu Gebote, nicht zu vergessen der "Nassbereich". In den USA haben Badehäuser ihre eigene Tradition. Das St.Mark´s Bath in New Yorks East Village ist 1913 als russisch-türkisches Bad für Manhattans Geschäftsleute eröffnet worden. Als man nach dem Zweiten Weltkrieg in dem Viertel keine zahlungskräftigen Businessmen mehr antraf, wurde das Bad tagsüber von älteren jüdischen Anwohnern, nachts von Homosexuellen benutzt. Ein jiddisches schwitz, das Dampfbad an Chicagos Division Street, ist von Saul Bellow in einem seiner Romane verewigt worden. Alte, pustulöse Männer lassen sich dort zur besseren Durchblutung mit Eichenlaubzweigen traktieren, die in ausgediente Gurkenfässer getaucht werden. Nach dem steaming und den kalten Güssen entwickeln die Badegäste einen gewaltigen Appetit auf eingelegte Heringe, Pumpernickel und rohe Zwiebeln.

Das New Yorker St. Mark´s wurde 1979 renoviert und 1985 wegen einer infektiösen Volkskrankheit dicht gemacht. Das Gebäude beherbergt jetzt einen Videoladen, was sonst. Etwa um dieselbe Zeit kündigte die Stadtverwaltung von San Francisco die Schließung der städtischen Saunen an. Wegen Ansteckungsgefahr. Darob zürnten die politisch nicht ganz machtlosen Homosexuellen dem Stadtoberhaupt und forderten es auf, sich aus dem Privatleben der Bürger herauszuhalten. Jedermann habe das Recht, sich nach seiner Façon anzustecken. Ein Kompromissvorschlag lautete: Badehäuser öffnen, aber jede Art sexueller Betätigung unterlassen. Inspektoren des Gesundheitsamts schwärmten aus und erfassten durch Einnahme des Augenscheins die zum Zwecke des Geschlechtsgenusses vorgenommenen Handlungen: "Gegen 22 Uhr übten zwei männliche Weisse in einem dunklen Gang neben dem Orgienzimmer knielings die Fellatio bei einem grossen männlichen Weissen mit einem Cowboyhut und Weste aus. Sie wechselten sich ab. Einer saugte am Penis, während der andere die Testikel leckte und den inneren Oberschenkelbereich. Diese Tätigkeit lockte zirka fünf bis sechs männliche Personen in diesen Gebäudebereich zuzusehen und mitzumachen. Die beiden Männer, die bei dem Cowboy die Fellatio ausübten, wechselten in Abständen und saugten rundum an anderen erigierten Gliedern. Die männliche Person mit dem Cowboyhut ejakulierte in den Mund eines kleinen, dunkelhäutigen Mannes ... Anscheinend wurde das Sperma verschluckt."(1)

Das Badehaus wurde versiegelt und per Gerichtsbeschluss gleich wieder geöffnet. Allerdings mit Auflagen. Für je zwanzig Badegäste war ein Monitor zu installieren, und der Geschäftsführer musste jeden hinauswerfen, der bei ungeschütztem Verkehr ertappt wurde. Bei Zuwiderhandlung sollte die Lizenz verfallen. Diese Auflagen wurden als unzumutbar empfunden. Badehäuser machten von sich aus zu. Ehemalige Kunden fühlten sich infantilisiert und wichen auf die Balnearien in den Nachbargemeinden Berkeley oder San José aus. In Amerikas Schwulenhauptstadt San Francisco bleiben Schwulenbäder somit bis auf weiteres verboten, in Städten wie Atlanta oder New Orleans sind sie erlaubt. Auch in Kabul sind die von den Taliban verrammelten Dampfbäder wieder aufgemacht worden.

Dass sich in einer dieser Badestuben jemand gesundgebadet hat, ist unwahrscheinlich. Eher im Gegenteil. Ein böser Kritiker klassifizierte Schwulenbäder als "Todeslager der Ansteckung". Stochastiker würden ihm vermutlich recht geben. In San Francisco hatten Aids-Patienten 6o Partner im Jahr, Mitglieder einer Kontrollgruppe 25. Die Clique um das Café Stonewall in Greenwich Village – dort begann 1969 der erste Homosexuellenkrawall – kam laut New York Review bis zum Ausbruch der Aidsseuche auf Tausende von Sexualkontakten. Der hohe Durchseuchungsgrad, vor allem in den beiden Küstenregionen, legte es nahe, gleichgeschlechtlicher Promiskuität ein Ende zu setzen. Die glückverheißende freie Liebe passte nicht zur Totenklage. Stimmführer der Homosexuellenverbände forderten im harten Licht der Sterbequote eine "neue Moral". Als Alternative zum Gruppensex waren jerk-off parties angesagt, bei denen man sich lieber selbst schwächte, als Körperflüssigkeiten mit anderen zu tauschen.

Eine ungewöhnliche Konstellation ergab sich in Arizona. Die Stadt Phoenix liess einige heterosexuelle Sexclubs schließen, während des Homo-Bad Chute aufbleiben durfte. Stammgäste hatten auf die Versammlungsfreiheit gepocht. Das Chute ist rund um die Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 17 Dollar inklusive Handtuch und Schliessfach. Ein Zimmer kostet nochmal 25 Dollar. Kondome gibt es gratis. Ein Lokalreporter, der sich eingeschlichen hatte, bemerkte stöhnende Männer mittleren Alters mit gelichtetem Haar und Bauchansatz. Seine ebenso explizite wie moralisierende Reportage in der Phoenix New Times kam bei homosexuellen Lesern nicht gut an. Das Chute sei ein Ort, hieß es einem Leserbrief, wo ältere, nicht mehr ganz tageslichttaugliche Herren etwas Wärme, Zuneigung und Zärtlichkeit finden. Und wenn der Reporter an den Fingern der Badenden Eheringe entdeckt habe, so könnten diese sehr wohl vom temporären Lebensgefährten stammen. Ein anderer Leserbriefschreiber wurde deutlicher: Mit solcherart Hosenlatzjournalismus werde die Lynchstimmung gegen Schwule angeheizt.

Nicht alle wollen wegen Aids ihr Sexualverhalten ändern. "Fuck all the bullshit", rief einer von diesen, man müsse sein Leben in Homo-Echtzeit leben, und dazu gehöre nun mal der Partnerwechsel à la carte und nicht das öde Menü der Ehe. Ein an der Rutgers University lehrender, für unsere Verhältnisse eher atypischer Anglist mit dem Spezialgebiet "Queer Theory" verachtet die Homo-Ehe als Versuch der Kerngesellschaft, mit konjugalen Zwängen die Errungenschaften der gay liberation zu unterminieren. Dies sind keine leeren Worte. Ein Beamter der New Yorker Gesundheitsbehörde betritt um sieben Uhr abends ein Schwulenkino am Broadway. Er bleibt zwei Stunden. Sechs Dollar Eintritt waren laut Spesenabrechnung fällig. In ein Formular hat er sämtliche "hochriskanten sexuellen Betätigungen eingetragen", darunter die Fellatio zweier Mittsechziger mit grauen Haaren und Brille. "No condom was used."

Eine Gruppe mit dem ironisch gemeinten Namen Sex Panic macht sich für bare-back sex stark, für ungeschützten Analverkehr, an dem sich in den Badehäusern und Sexclubs bis zu einem Dutzend Partner beteiligen. Barebacking, ein dem Rodeo entlehnter Begriff, steht für anonyme, multiple Kontakte, die hergestellt und wieder unterbrochen werden, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Wo kein Diskurs ist, lässt sich keiner kontrollieren.

Die nachwachsende Generation geht sorgloser mit Aids um oder schätzt die Heilungschancen höher ein. Verstockte laden zu ihren Extrem-Parties gezielt POZ ein, das sind HIV-positive Männer, die sich als aktive gift-givers mit passiven bug-chasers paaren; man will wissen, wer sich ansteckt.

Wie lassen sich Liberty Bell und Totenglocke in Einklang bringen? Ein Emeritus der Universität von Kalifornien hat in einem Traktat mit dem Titel "Is the Rectum a Grave?" dem uralten Thema Eros & Thanatos einen neuen Aspekt abgerungen. "Wenn das Rektum ein Grab ist", schrieb er, „in dem das maskuline Ideal bestattet wird, dann sollte man es gerade wegen seines tödlichen Potenzials feiern". (2)

(1) zitiert nach dem von Kathy Peiss herausgegebenen Geschichtslehrbuch Major Problems in the History of American Sexuality, Boston: Houghton Mifflin Co. 2000, Seite 479.

(2) zitiert nach Calvin Thomas, Male Matters, Urbana: University of Illinois Press 1996, Seite 109.

17. April 2002

Leserbrief


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