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Eine wunderbare Geldvermehrung
Nicaraguas Ex-Präsidenten geht es an den Kragen
Immer mehr skandalöse Fälle von Korruption
und Amtsmissbrauch aus dem engsten Umfeld des Expräsidenten werden
bekannt; eine Richterin hat jetzt sogar die Aufhebung der Immunität
Arnoldo Alemáns verlangt. Aus Kreisen der Liberalen Partei melden
sich Stimmen, die auf einen Ausschluss des großen Führers
drängen, aber die Parteispitze steht weiterhin zu ihm.
Von Werner Hörtner
Es
war ein Paukenschlag für die nicaraguanische Öffentlichkeit,
als am 21. März die Richterin Gertrudis Arias mehrere Haftbefehle
gegen Personen aus der engsten Umgebung des ehemaligen Präsidenten
und heutigen Parlamentspräsidenten Arnoldo Alemán erließ
und vom Parlament die Aufhebung der Immunität Alemáns sowie
der Abgeordneten des Zentralamerikanischen Parlaments, Martha McCoy,
Staatssekretärin in der Regierung Alemán, verlangte.
In den Fällen der ehemaligen Funktionäre Roberto Duarte (Staatssekretär
für soziale Kommunikation unter Alemán), Sidney Pratt Reyes
(Ex-Direktor des staatlichen Fernsehsender Canal 6) und Dagoberto Rodríguez
(Ex-Verwaltungschef von Canal 6) lautet die Anklage auf Betrug und kriminelle
Vereinigung zu Lasten des Staates. Auch gegen den früheren mexikanischen
Botschafter in Nicaragua und Berater Alemáns, Ricardo Galán,
den mexikanischen Unternehmer Alejandro López Todelo und die
Nicaraguanerin Mayra Medina González wurden Haftbefehle ausgestellt.
Weiters ordnete die Richterin Untersuchungen gegen zahlreiche Funktionäre
von Regierungs- oder regierungsnahen Institutionen der Alemán-Ära
an: den früheren Finanzminister Esteban Duquestrada, die Direktoren
der Elektrizitätsgesellschaft, der Flughafenverwaltung, der Telekommunikationsgesellschaft,
den gegenwärtigen Leiter der Tourismusbehörde und gegen andere
Personen. Duarte, Pratt, Rodríguez und Medina wurden in Untersuchungshaft
genommen, Ricardo Galán ist flüchtig und wird von Interpol
gesucht.
Der Krimi um eine Handy-Lizenz
Auslösendes Moment für die Welle von Anklagen war eine Untersuchung
beim staatlichen Fernsehsender Canal 6. Von Regierungsstellen oder öffentlichen
Einrichtungen
auf Canal 6 ausgestellte Schecks wurden zwar eingelöst, dann aber
nicht bestimmungsgemäß verwendet (das Foto zeigt Vorder-
und Rückseite eines dieser Schecks). Der dadurch entstandene Schaden
beläuft sich auf 1,5 Millionen US-Dollar. Nach Angaben der Richterin
Arias gaben viele der Zeugen an, im Rahmen dieses Betrugsfalles Anweisungen
von Arnoldo Alemán und seiner Staatssekretärin für
Telekommunikation, Martha McCoy, erhalten zu haben.
In der zweiten Aprilwoche wurde der Betrieb des Canal 6 für vorläufig
drei Monate eingestellt.
Die Ermittlungen des eigens für diesen Fall eingesetzten Sonderstaatsanwalts
Alberto Novoa stießen in der Folge auf einen komplizierten Deal,
der den daran Beteiligten einen Gewinn von 15 Millionen Dollar bringen
sollte. Darin verstrickt sind der erwähnte Fernsehsender Canal
6, die Firma PCS (eine Tochterfirma des mexikanischen Marktführers
TV Azteca) und eine Reihe von öffentlichen Institutionen, gegen
deren Direktoren Richterin Arias Ermittlungen einleitete.
Die Geschichte ging etwa so: Ende März 2001 gewann PCS eine Ausschreibung
für eine Funklizenz für Handys. PCS hatte 8 Millionen Dollar
geboten, der nächste Konkurrent nur 7,15 Millionen. PCS zahlte
jedoch nie für die Lizenz, und der Finanzminister gewährte
dem Unternehmen seltsamerweise immer wieder Zahlungsaufschub. Erst gegen
Ende 2001 wurden schließlich 2 Millionen Dollar überwiesen,
doch da war es schon zu spät: Unter der neuen Regierung wurde der
Fall untersucht und PCS die Lizenz wieder entzogen, da der vereinbarte
Kaufpreis noch immer nicht entrichtet war.
Wie Staatsanwalt Novoa am 9. April den Medien gegenüber erklärte,
hätten die bisherigen Ermittlungen erwiesen, dass die über
Canal 6 veruntreuten 1,5 Millionen Dollar tatsächlich zur Bezahlung
der Handy-Lizenz Ende 2001 verwendet wurden. Der ehemalige mexikanische
Botschafter Galán - den Alemán von der mexikanischen Regierung
als diplomatischen Vertreter eigens angefordert hatte! - war offenbar
die Schlüsselperson, die später die Lizenz, deren Mindestwert
auf 15 Millionen Dollar geschätzt wird, für die am Coup Beteiligten
verscherbeln sollte. "Wir verfügen über noch nicht bestätigte
Informationen, dass Galán nach Panama und nach Chicago reiste,
um die Handy-Lizenz zu verkaufen", so Novoa.
Alemán weist zurück
Der ehemalige Staatschef weist natürlich jeden Verdacht von sich
und lehnt jegliche Untersuchung unter Berufung auf seine parlamentarische
Immunität ab. Da aber auch in anderen Betrugs- und Korruptionsfällen
Verdachtsmomente gegen den Expräsidenten oder seine engsten Mitarbeiter
und Vertrauten auftauchen, wird er in der Öffentlichkeit immer
stärker angegriffen. Die Leitung der Liberal-Konstitutionalistischen
Partei (PLC) steht zwar offenbar noch voll hinter ihm, ebenso die liberale
Parlamentsfraktion, doch werden die dissidenten Stimmen zahlreicher.
"Der Kazike Arnoldo Alemán ist eine unhaltbare Person geworden,
denn er ist ein Synonym für Korruption und Arbeitslosigkeit, und
der Drogenhandel hat die staatlichen Strukturen bereits durchdrungen",
so der ehemalige liberale Abgeordnete Leonel Téller. Seiner Aussage
nach seien Liberale innerhalb und außerhalb der Partei dabei,
den Abgang Alemáns aus der PLC vorzubereiten. Téller wünscht
sich auch ein stärkeres Engagement von Präsident Bolaños
in dieser Angelegenheit, doch dieser hält sich gegenwärtig
sehr zurück und ergeht sich lieber in allegorischen Anwandlungen,
wie etwa beim Besenkehren in Masaya am ersten Sonntag im April.
Und die Zivilgesellschaft?
Es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass Arnoldo Alemán
seine Immunität als Parlamentspräsident niederlegen und sich
den Ermittlungen stellen wird. Unwahrscheinlich erscheint auch, zumindest
zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass eine Mehrheit der Nationalversammlung
seine Immunität aufhebt. Es müssten mindestens 47 der 93 Abgeordneten
dafür stimmen, die Liberalen verfügen jedoch über 49
Sitze, und die werden alle als Alemán-Getreue eingestuft. Obendrein
hat der Oppositionsführer Daniel Ortega noch kein einziges Zeichen
gesetzt, dass er eine Aufhebung von Alemáns Immunität unterstützen
würde. (seine FSLN [die Nationale Sandinistische Befreiungsbewegung]
ist mit 38 Abgeordneten im Parlament vertreten.) Ist es der Dank dafür,
dass Alemáns Liberale mit ihren Stimmen die Aufhebung von Ortegas
Immunität im Streitfall Zoilamérica verhindert hatten?
Mittlerweile ist ein alter Bekannter wieder in der nicaraguanischen
Öffentlichkeit aufgetaucht: Edén Pastora, der einst, nach
der Erstürmung des Nationalpalastes, als Comandante Cero gefeierte
sandinistische Held, später Contra-Führer, hat sich nunmehr
an die Spitze einer Antikorruptions-Bewegung gestellt. Pastora kündigte
bereits öffentliche Proteste an, unter anderem Kochtopf-Aktionen
nach argentinischem Vorbild.
Die Coordinadora Civil, ein Zusammenschluss von Nichtregierungs-Organisationen,
begann soeben unter dem Motto "Basta de corrupción"
(Genug der Korruption) mit Protestkundgebungen. Für Ricardo Zambrana,
den Sprecher dieser größten NGO-Koordination Nicaraguas,
wäre es "eine Verhöhnung des staatsbürgerlichen
Bewusstseins", wenn die Aufhebung der Immunität des früheren
Staatschefs nun an einem neuerlichen Pakt von Ortega und Alemán
scheitern würde.
17. April 2002
Leserbrief
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