Geschichtsverlust (Teil 2)

Der Holzschnitt

Von Gottfried Fischborn

"Wir wissen im Westen immer noch nicht, welche Assoziationsketten bei den Menschen im Osten ablaufen, wenn wir mit ihnen reden." (Ute Benz, Psychoanalytikerin)

Wenn Sie das schon zitieren: Wie verlaufen sie denn, eure Ketten, fragt mein Partner aus Bayern (der Leser kennt ihn schon) an dieser Stelle nach. - Sie meinen die assoziativen Ketten? - Welche denn sonst? - Was weiß ich, was Meier Schulze Krause Lehmann aus Leipzig Dresden Erfurt Potsdam so alles assoziieren. Vielleicht was sie reden . - Na und, was reden sie?

Also, Sie - also: nicht Sie, sondern ich, oder ein anderer Leipziger, der natürlich zum Beispiel auch Sie sein könnten, wenn Sie ein Leipziger und Ossi wären, was Sie aber nicht sind - nun, Sie sagen zum Beispiel hier im Bachstüb'l an der Thomaskirche nach dem fünften Bier oder dritten Schoppen: "Die DDR war familien-, frauen- und kinderfreundlicher als die alte BRD." Wenn Ihr Kölner oder Stuttgarter Gesprächspartner dann, je nach Temperament, aufheult oder Sie stumm und entsetzt mustert, kommen Sie ihm, leicht verunsichert, mit Fakten: "Doppelt so hohe weibliche Erwerbstätigkeit, ausreichend Kinderkrippen und -gärten, finanzielle Starthilfen für junge Familien, doppelt so viele Neugeburten trotz großzügigen Abtreibungsrechtes." Er aber guckt noch immer, und so fügen Sie hinzu: "Na klar, das war eine Diktatur, wirtschaftlich ineffektiv, und unter den vielen fehlenden Individualfreiheiten war die fehlende Reisefreiheit eines der schlimmsten Defizite und die blockierte Gedankenfreiheit das allerschlimmste. Und im Politbüro war ja auch nur eine Frau. Und also ist der Staat mit Recht untergegangen." Das also fügen Sie den hilflosen Fakten hinzu, Sie sagen es übrigens alles aus längst gewonnener Überzeugung. Obwohl es Sie längst ankotzt, jedem beliebigen Satz über die DDR solche Rattenschwänze hinzufügen zu müssen.

Doch was soll ich Ihnen sagen, lieber süddeutscher Freund - Ihr (also mein) Gegenüber wird Sie (also mich) mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit immer noch skeptisch mustern! Hat ihm vielleicht die Stasi in der Aufzählung gefehlt? Ein einziges Mal wollten Sie (also ich) nichts weiter sein als analytisch. Er jedoch ist den Verdacht, einem unverbesserlichen Dogmatiker oder sentimentalen Nostalgiker gegenüberzusitzen, nicht ganz losgeworden. So zum Beispiel gehen die Gespräche.

Ja, sagt der fiktive Bayer, da mag etwas daran sein. (Aber wollten wir uns nicht diesmal über Literatur unterhalten?) Mir kommt die Erinnerung, wie unsere Politiker in den Achtzigern nicht nur für einen Honecker-Empfang Schlange standen, sondern hinterher dann immer, von Franz Josef Strauß bis Oskar Lafontaine, bestimmte soziale Errungenschaften der DDR kräftig gelobt haben. Heute könnte man so einen Begriff gar nicht mehr verwenden. - Stimmt. Da wirkt inzwischen eine Sprachregelung. Die ist ideologisierend. Die steht in den Gesprächen wie eine Mauer. - Meinetwegen. Nur, worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Wollen Sie einfach die Gruppe aufwerten, für die Sie mit Ihrer Biografie stehen?

Das macht mich ein bißchen nachdenklich. Aber nein, sage ich dann, das habe ich doch schon bei unserem letzten Dialog getan. Mir geht es diesmal dezidiert um die objektive Seite des deutschen Geschichtsverlustes. Schlimm finde ich, daß hinsichtlich der DDR kein Geschichtsbild, sondern ein Holzschnitt im Werden und anscheinend schon fast fertig ist. Diese graphische Technik kennt bekanntlich nur zwei Farben, Schwarz und Weiß. Wir müssen uns gegen die Entdifferenzierung stellen. Wir brauchen die unreine Wahrheit. - Sie spielen auf Friedrich Hebbel an: "Es gibt keine reine Wahrheit, aber ebensowenig einen reinen Irrtum."? - Endlich sind wir bei der Literatur. Vielleicht hat's der Heiner Müller, an den ich dachte, von Hebbel geklaut: "Es gibt nur die unreine Wahrheit." - Auf jeden Fall die schärfere Formulierung.

Unreine Wahrheiten werden nicht gemocht. Wenn wir davon ausgehen, "Sozialismus" sei eine humane Menschheitsidee und -utopie, weit älter als selbst der Marxismus (aber schon diesen Ausgangspunkt kann man natürlich auch bezweifeln!), könnte man sich fragen: War nun die DDR, zumal nach der Faschismuskatastrophe, ein historisch ernst zu nehmender Sozialismus-Versuch oder die reine Perversion dieses Ideals? "Rein" war die Perversion eben nicht. Aber der "Versuch" fand letztlich eben auch keine geschichtliche Legitimation. Anders ausgedrückt, nach Maßgabe der "unreinen Wahrheit" war der Realsozialismus der DDR beides: Versuch und Pervertierung. Da gab es politische Unterdrückung und neuartige soziale Errungenschaften, ich nenne nur die frühzeitige Abschaffung des bürgerlichen Bildungsprivilegs. Es gab lange Zeit eine Aufbruchstimmung, es gab den Stolz auf die eigene Aufbauleistung bei nicht geringen Teilen der Bevölkerung, und es gab immer schon auch den Zorn, die Wut, die Ohnmachtsgefühle, schließlich sogar, als sich immer mehr der Mehltau der späten Jahre übers Land legte, eine zunehmende Depressivität.

Noch ganz am Ende, im 89er Herbst, gab es die Losung "Nie wieder Sozialismus!" auf Massendemonstrationen und es gab schon knappe drei Jahre später ein repräsentatives Umfrageergebnis: des Inhalts, daß fast zwei Dittel der Ossis den Sozialismusbegriff als solchen bejahten und "nur" seine mißratene Realisierung in der DDR verurteilten. Lange Zeit hatte das Wort Sozialismus für viele einen ähnlich axiomatischen Stellenwert wie der Freiheitsbegriff für den Westen. Das traf , wie man weiß, selbst für einen Großteil der Wende-Oppositionellen noch zu, und es beschränkte sich eben nicht auf die sogenannten Eliten. Da erwies sich nachher bei Vielen Manches weit stärker verinnerlicht, als sie in der Umbruchzeit geglaubt hatten. - Ja, teurer sächsischer Freund, da begannen Selbstbemitleidung und Ost-Nostalgie. - Sie können es nicht darauf reduzieren, es ist nicht einmal das Primäre. Vor allem machten die Menschen neue Erfahrungen mit der neuen Gesellschaft. Keineswegs nur negative, um dies in redlicher politischer Korrektheit noch einmal zu betonen. - Das können Sie nun langsam mal stecken lassen. - Gern. Eine ebenso unverdächtige wie geistig unbestechliche amerikanische Zeitzeugin hat formuliert, was neben der Arbeitslosigkeit bald zur Massenerfahrung des Ostens wurde: "Der totale Sieg des Kapitalismus hat viele alarmierende Konsequenzen, und eine davon ist die Zerstörung jeder Art von Idealismus. " (Susan Sontag) - Den Kapitalismus würde ich nicht auf Teufelkommraus rechtfertigen, was denken Sie von mir. Können Sie denn Ihre großen Scheine nicht mal ein bißchen in kleinere Münzen wechseln? - Okay, ich versuche es mit einem Beispiel:

Haben Sie die Namen Bernd-Lutz Lange, Kurt Masur, Kurt Meyer, Jochen Pommert, Roland Wötzel, Peter Zimmermann schon einmal gehört? - Wer würde Masur nicht kennen. - Im Zusammenhang mit dem Leipziger Herbst 1989? - Ja, natürlich. Da hat doch der Masur... Der war doch damals noch Gewandhauskapellmeister, oder? Da gab es doch diesen Aufruf zur Gewaltlosigkeit, na klar, ich weiß es jetzt wieder, wurde dadurch nicht bei euch in Leipzig die "chinesische Lösung" verhindert, das Blutbad? Der Mann ist ja dadurch erst richtig zur Legende geworden. - Eben. Obwohl er das gar nicht wollte. Es waren aber sechs: Lange, ein Kabarettist, der Universitäts-Theologe Zimmermann, der weltberühmte Dirigent Masur und drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung, Meyer, Pommert und Wötzel. Die Vorgänge an diesem 9. Oktober 1989, als 70.000 Menschen demonstrierten und gepanzerte Fahrzeuge in den Seitenstraßen standen, waren übrigens viel komplexer, als daß man sagen könnte, die Sechs hätten eine "chinesische Lösung" verhindert. Freilich, eine sehr positive Wirkung hatte ihr Aufruf schon, er wurde zum Symbol der Gewaltlosigkeit der Massen und trug zu ihr bei. Nach Nennung der sechs Namen war dies der weitere Wortlaut, heute klingt er harmlos:

"Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, daß dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird.
Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird."

Stimmen der Akteure aus dem Jahre 1991. Roland Wötzel: "Nach dieser Sommerpause hatte ich mich schon längerfristig mit Bernd-Lutz Lange verabredet, daß wir ein Signal setzen wollten. ... Das eigentliche Ziel war, in die Nikolaikirche zu gehen und dort den Dialog anzubieten." - Bernd-Lutz Lange: "Dann hat mich mittags Wötzel angerufen und gesagt, wir haben folgendes vor..." - Kurt Masur: "Ich habe bei dem Mann, den ich kannte und der im Kulturbereich tätig war, der auch manchmal auf Konzerten mit war, bei Dr. Meyer angerufen. Ich habe gesagt: Dr. Meyer, das ist mir zu Ohren gekommen, und ich möchte mit Ihnen sprechen. Und er hat gesagt, ja, ich befürchte auch, daß irgendetwas sein könnte, ich melde mich wieder." - Lange: "Wir waren dann die Sechs und trafen uns nachmittags bei Professor Masur in seinem Haus und formulierten dann diesen Text, der abends über den Rundfunk, über den Sender Leipzig und über die Säulen dieses Stadtfunks gekommen ist." - Masur: "Das war ein Ringen miteinander, denn, machen wir uns nichts vor, das waren völlig verschiedene Positionen. Und die einen, die der Partei angehörten und sogar in der Bezirksleitung tätig waren, wußten, daß sie ohnehin größte Schwierigkeiten haben werden." - Wötzel: "Zum Helden ist man ja nicht so sehr geboren." - Lange: " ... [der Text] ,der bestimmt, wenn man ihn heute liest, nicht sehr revolutionär wirkt. Für die damalige Zeit war es - das kann nur jemand wirklich verstehen, der die Zeiten miterlebt hat - schon sehr viel. Es war das erste Mal, daß Funktionäre der Partei diese Sprachlosigkeit überwunden hatten."

Sie wollen der reinen Masur-Legende entgegentreten, sagt der bayrische Fiktionale. Oder geht es Ihnen jetzt mehr um die Funktionäre? - Um Gerechtigkeit geht mirs, sage ich, wie ich gleich verspüre, etwas zu pathetisch. Genauigkeit hätte ich sagen sollen. Sogar die Mitwirkung des Theologen und Mitverfassers Zimmermann bleibt auch dann noch Bestandteil einer historischen Tat, wenn man weiß, daß er später als Stasi-Informant kenntlich wurde. - Aber Legendenbildung, sagt er, gab es immer und wird es immer geben. Eine Gestalt wie Kurt Masur, in solche Zusammenhänge geratend, mußte die Herausbildung einer Legende fast magisch beschwören. - Mir geht es ja nicht darum, sage ich, die großartige Haltung Masurs zu verkleinern, es geht mir um die Ausgrenzung der Anderen. Das war, davon bin ich überzeugt, nicht zu allererst eine "natürliche" Folge der Legendenbildung um einen hoch Prominenten. Ich behaupte, primär war es kein spontaner Geschichtsverlust, sondern ein ideologisch gewollter. Wie zahllose andere Vereinfachungen, Entdifferenzierungen und Verdrängungen wurde auch die sukzessive Abstoßung von fünf handelnden Personen der Zeitgeschichte zum Bestandteil einer größeren, einer generellen Ausgrenzungsstrategie. Darin bestand und besteht ihre Funktion. Und das interessiert mich.

Meinen Sie jetzt die Ausgrenzung der PDS? fragt der Münchner. - Die meine ich höchstens als Indiz. Mir ist ja mehr als nachvollziehbar, daß wirkliche System-Oppositionelle, die unter SED-Unrecht gelitten haben, in punkto PDS höchst skeptisch und empfindlich geblieben sind. Sie werden aber kaum behaupten wollen, die Bürgerrechtler von damals gehörten, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, zu den heute bei uns Herrschenden. - Zweifellos, die wirklich bestimmenden politischen Kräfte sind ganz andere. - Eben. Und deren Ausgrenzungsstrategie gegen die PDS ist längst nur noch Bestandteil einer übergreifenden Ausgrenzung linken Denkens und aller linken Kräfte in der Gesellschaft. Das ist der Kern der Sache, und der ließ sich hinter dem Rauchvorhang Kampf gegen die PDS ganz gut verstecken.

Diese These nun, sagt der Mann aus München, ist mir zu absolut und zu einseitig. Ging es nicht auch, ich muß auf sie zurückkommen, um die von der PDS repräsentierte Kontinuität zur SED? - Schon, das bleibt ihr Grundproblem. Aber die schlichte Formel "PDS = umgetaufte SED" war für ihre Urheber derart kontraproduktiv, daß sie der PDS im Osten haufenweise neue Wähler zugetrieben hat. Die Leute wußten noch, wie die alte SED wirklich ausgesehen hatte und mochten eine solch dreiste Demagogie, zumal es zahllose ähnliche Ideologeme gab, einfach nicht auf Dauer ertragen. Manch einer roch neue Denkverbote. Ich weiß, lieber Freund, daß ich den Verdacht im Moment schwer zerstreuen kann, aber mir geht es wirklich nicht primär um diese Partei. - Sondern? - Warum verschwand Lafontaine? Was ist aus dem linken Erbe der Grünen geworden? Warum wird Christian Ströbele in den nächsten Bundestag nicht wieder einziehen? Hat die SPD überhaupt noch einen linken Flügel, einen kräftigen neoliberalen hat sie ja? (Ist sie deshalb eine im Tiefflug torkelnde Ente?)

Aber die SPD grenzt ja gar nicht mehr aus. Nicht nur und nicht mehr überall. Inzwischen könnten dort Leute wie Sie einen Aufnahmeantrag stellen. - Danke. Geistige Parteidisziplin wird mein Ding nie wieder sein. - Es gibt rot-rote Koalitionen. Wahlkämpfer Schröder spricht von einer Neubewertung von Ostbiografien. - Das gehört zur unreinen Wahrheit. Der Journalist, der 1991 die Stimmen der Leipziger Sechs überliefert hat, heißt Ekkehard Kuhn und kam vom ZDF. - Warum nur sind wir so hitzig geworden, spricht mein Partner, und so schrecklich politisch. Wollten wir uns nicht über Literatur unterhalten?

17. April 2002

Leserbrief


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