Gottfried Fischborn

Geschichtsverlust (Teil 1)

Gedankenfreiheit
("Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!" - Schiller: Don Carlos)

Kürzlich war aus Richtung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu vernehmen, daß die wissenschaftlichen Forschungen zur DDR-Geschichte stark rückläufig seien. Es drohe dauerhafter Geschichtsverlust. Er droht ja nicht nur von daher, nicht allein durch akademische Defizite. Ist in Deutschland der Fall DDR erledigt? Sogar die Sprache scheint es zu belegen: Fast gehört es zur korrekten Ausdrucksweise, von der "ehemaligen DDR" zu sprechen. Es ist die symbolische Zweittötung einer Leiche. Oder haben Sie schon einmal von einer "ehemaligen Weimarer Republik", einem "einstigen Kaiserreich" gehört? Begraben wird unter solcher Verbalität das geschichtliche Phänomen selbst als ein konkret widersprüchliches. Soll es das?

Werden Sie bitte nicht polemisch, sagt mein fiktiver Gesprächspartner aus Süddeutschland. Wieso, sage ich. Weil ein kollektives Gedächtnis auch eine Sache im Werden ist, sagt er, da können zeitweilige Verluste entstehen, die später aufgefangen werden, es ist eben so eine Art Autopoesis. Wird aber nicht jede Autopoesis, frage ich dagegen, schon weil sie letztlich von Menschen gemacht ist, auch durch halbwegs ideologische kulturelle und gesellschaftliche Unterströmungen gesteuert? Mag ja sein, sagt er, und so scheinen Sie mir, offen gesagt, selbst ein wenig von einer solchen "Unterströmung" beeinflußt. - Sie vermuten, bei einem Sachsen wie mir könnte da ein bißchen Ost-Nostalgie mitspielen. - Ja. Sicher ungewollt. Fügt er höflich hinzu.

Doch der Stachel sitzt. Bin ich nicht weit davon entfernt, den Realsozialismus zurückzuwünschen! Muß aber nicht der immer "selbstverständlicher" sich gebenden Entdifferenzierung, bei der ein Geschichtsbild zum Holzschnitt wird, entgegengetreten werden? Kann man - andererseits - die Vermutung jenes Gesprächspartner so ohne weiteres zurückweisen? Natürlich nicht. Die deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre ist eben als DDR-Variante durch mich (und meinesgleichen) hindurchgegangen. Da muß noch was davon drin sein, da kann ich mich kaum aufs Podest des objektiv Urteilenden stellen. Wahrscheinlich ist die Zeit des Urteilens, anders als die des Forschens, noch gar nicht gekommen, immer noch nicht. Für alle. Etwas ratlos beschließe ich, die Sache zu überschlafen.

Am nächsten Morgen weiß ich, daß ich erst einmal den eigenen, subjektiven Geschichtsverlust erkunden und bewerten muß. Sicher, der Gedanke kommt nicht zum erstenmal, das geht seit Jahren. Aber nun wäre es einmal auf den Punkt zu bringen. Das Ergebnis, ich nehme es vorweg, ist ein Paradoxon und könnte den fiktiven Partner überraschen. Betrachte ich die Sache nur konsequent genug aus der subjektiven Perspektive, muß ich sagen: Mein individueller Geschichtsverlust ist ein Gewinn. Er ist eine Befreiung.

Wir müssen schon zugeben, daß mit der neuen Republik ein erheblicher Freiheitsgewinn einherging. Damit wir uns, werter Diskutant aus Bayern, richtig verstehen: Gerade wir als aus dem kulturellen und geisteswissenschaftlichen Bereich kommende DDR-Intellektuelle, damals zumeist sich mehr oder minder als kritisch verstehende SED-Mitglieder - ungefähr für diese Gruppe kann ich sprechen - , tun uns schwer mit einem solchen Satz. Allzu oft war es eine Befreiung von gesellschaftlicher Anerkennung oder einfach vom Arbeitsplatz, die da erfahren wurde. Von Hoffnungen, Utopien, investierter Lebensanstrengung. Und zugleich gab es neue Zwänge. Die wirklichen Freiheiten erlebten wir auch. Schon bald, in Rom oder London, dachten wir: die Reisefreiheit ist die größte unter ihnen. Nein - die größte unter ihnen, sie sei gepriesen, ist die Gedankenfreiheit.

Diese Erfahrung zu realisieren hat lange gedauert. Erst in dem Maße, in dem (zum Beispiel) ich geschichtlich-biografische Erfahrungen, Geschichtsbilder und Deutungsmuster, das eigene Verwobensein in die Abläufe der Jahrzehnte in Teilen (in Teilen!) hinter mir ließ, gewann ich Gedankenfreiheit. Das Bewußtsein einer sozialen Gruppe von ihrer eigenen historischen Situation, von der Bewegungsrichtung der Gesellschaft, in der sie lebt, wird immer auch subjektiv geprägt sein. Entsteht eine radikale Umbruchsituation, dann zeigt sich : "Geschichtsbewußtsein" als geschichtliche Prägung von Individuen steht diesen nicht allein als Arsenal zur Verfügung, als Fundus, Reichtum, Erkenntnisquelle, sondern es ist - mehr noch! - ein Bleimantel, der sich schwer um sie legt, der die Bewegung und die Orientierung behindert. Er trägt die Namen Selbstzensur und Verinnerlichung der eigenen Sozialisation. Der Weg zur Gedankenfreiheit ging einher mit dem Sprengen, dem Abstreifen und -schütteln dieses Bleigewandes. Welch ein erwünschter Geschichtsverlust. Ich versuche, Momente und Strecken des Wegs zu benennen.

Zunächst, während der letzten zwei, drei DDR-Jahrzehnte hatten wir uns zunehmend als Anti-Dogmatiker verstanden, in einem subversiven Dauerclinch mit den Doktrinären in der Partei, den Apparaten, an den Instituten. Wir versuchten, oft unbeholfen genug, den Marxismus immer noch als kritische Theorie zu begreifen und partiell auch anzuwenden - beispielsweise im Bereich der Theaterspielpläne, in so mancher ästhetischen Debatte, in unseren Vorlesungen und Seminaren. Seit 1985 waren wir leidenschaftliche Gorbatschow-Anhänger. Nicht ganz sauberen Gewissens haben wir Rosa Luxemburgs scharfe Polemik gegen den leninschen Antidemokratismus gelesen, als 1976 an versteckter Stelle, in einer akademischen Werk-Ausgabe, ihre Schrift " Die russische Revolution" von 1918 erschien. Das schlechte Gewissen rührte daher, daß wir uns immer wieder, teils unter Druck, mehr noch aus Überzeugung, in die Partei- und Staatsdisziplin zurückbinden ließen. Wir waren nicht immer feige, viele von uns steckten kleinere Partei- oder Disziplinarstrafen ein und weg. So gab es in der SED ungleich mehr kritisches Denken als in diesen widerlichen Blockparteien, die der Herr Kohl später gegessen hat. Aber wirklich mutig und konfliktfähig waren wir, bis auf Ausnahmen, auch nicht. Unsere Jobs wollten wir behalten. Wir waren opportunistisch im nötigen Maße. Die (Neo-)Stalinisten behielten das Sagen, wir ließen uns von ihnen instrumentalisieren. Als im Spätherbst 1989 eine SED-Opposition endlich politisch handlungsfähig wurde, konnte sie ihr vorangegangenes Versagen nicht mehr korrigieren.

Am 23. und 24. Mai 1989 veranstaltete die Akademie der Künste der DDR eine Arbeitstagung unter dem Thema "Tradition und Neubeginn - Deutsche sozialistische Schriftsteller 1945-1955". Alfred Klein, ausgewiesener Spezialist für frühe proletarische Literatur, hielt eines der Hauptreferate mit dem Titel " 'Korrektur-Ideologie' als ästhetische Doktrin". Das Protokoll der Tagung konnte kurz vor der Auflösung der Akademie, es muß ganz am Ende dieses geschichtsgeballten Jahres gewesen sein, gerade noch veröffentlicht werden - es ging in den Ereignissen nahezu unter und erlangte keine Publizität. Dennoch ist es, denke ich, ein äußerst symptomatisches Dokument. Das beginnt mit dem neuen und freilich treffenden Titel "Zwischen politischer Vormundschaft und künstlerischer Selbstbestimmung. Zur Herausbildung der DDR-Literatur 1945-1955".

Kleins Referat nun beschrieb, soweit ich sehe, zum ersten Male radikal und gerichtet an eine größere Öffentlichkeit die verheerenden Wirkungen der verinnerlichten Selbstzensur am Beispiel von (teilweise bedeutender!) Literatur.

Da war nun zu hören, mit Zitaten und Belegen, wie Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig, wie Protagonisten der proletarisch-revolutionären Literatur wie Bredel, Marchwitza oder Turek, wie selbst die großen Gestalten Becher und sogar Brecht ihre Werke nachträglich korrigiert, sprich: geschönt und ideologisch angepaßt hatten. Feuchtwanger hatte aus seinem großen Roman "Erfolg" Passagen und zahlreiche Sätze wie diesen gestrichen: "In Rußland wurden Anhänger des zaristischen Systems von bolschewistischen Richtern wegen vermutlich nicht begangener Spionage, auf daß die Gegner eingeschüchtert würden, hingerichtet." Brecht stellte seinem Antihelden Kragler in dem eigentlich revolutionskritischen Erstlingsdrama "Trommeln in der Nacht" 25 Jahre nach seiner Entstehung einen jungen revolutionären Arbeiter "korrigierend" zu Seite. Hans Marchwitza verdarb den ruppigen und authentischen Proletarierroman "Sturm auf Essen" von 1930 durch eine ideologisch korrekte, "revolutionär-romantische" Überarbeitung endgültig. In langer Kette setzten sich diese Beispiele fort. Eine Kohorte von Lektoren und Herausgebern hatte sich an diesen "Korrekturen" beteiligt. Zu allermeist, das bleibt zu betonen, wie die Autoren selbst aus tiefinnerer "Überzeugung".

In der atemlosen Zuhörerschaft, sie entsprach ungefähr der zur Rede stehenden Gruppe, war zu spüren: Man verstand das kaum als eine Abrechnung mit den Vätern. Um die ging es gar nicht. Obwohl sich inzwischen vieles gelockert und so mancher, wie soeben Alfred Klein, an dieser Lockerung ein wenig mitgewirkt hatte, fühlten wir uns nicht gut. Wir empfanden uns, und das war unbehaglich, eher als Teilnehmer eines Aktes der kollektiven Selbstkritik. Manche von uns haben sich wahrscheinlich an diesem Tag endgültig aus jener seltsamen, sehr spezifischen, sehr verinnerlichten political correctnes gelöst, nach der man sich selbst, sobald man selbständig-kritisch gegen die Normen andachte, als "schwankendem Intellektuellen" zu mißtrauen hatte.

Seit früher Jugend vom Marxismus fasziniert, begann ich nach der Wende, nicht nur seine doktrinäre Verkrustung infragezustellen, sondern, unter dem Eindruck der ungeheuer neuen Erfahrungen, einige seiner Grundlagen selbst, ohne ihn allerdings bis zum heutigen Tage in toto preiszugeben. Die marxistische kritische Methode wurde nun auf diesen selbst angewandt, und er rückte mehr und mehr in eine historische Perspektive, indem er die des verpflichtenden Weltbildes verließ. Es war nun "nur" noch eine - freilich sehr bedeutende und in Teilen immer noch virulente! - Strömung des 19. Jahrhunderts. Vor allem wurde, nachdem wir eine gesellschaftliche Gesamtutopie, in die wir involviert waren, so kläglich hatten scheitern sehen, der utopische Generalhorizont des Marxismus, seine chiliastisch-quasireligiöse Vorstellung vom Ziel der Geschichte, ein modernes Erlösungverheißnis, verdächtig - ebenso wie die teleogische Denkweise, die uns jederzeit, wir mochten dastehen wie auch immer, als Vollstrecker des geschichtlich Notwendigen sehen wollte. (Da lag eine Wurzel des unheilvollen Liedtextes "Die Partei, die Partei, sie hat immer recht ..."!)

Wir lasen eine ganze Reihe von utopiekritischen Texten, der wichtigste war und ist zweifellos die "Dialektik der Aufklärung", erneut und gründlicher, wenngleich nicht zum erstenmal. Überhaupt geschah - weniger in aufgeregten Debatten, weil sich interessanterweise viele erst einmal in sich zurückzogen! - eine vertiefte Auseinandersetzung mit gesellschafttheoretischen Konzepten, vor allem mit mehr oder minder neomarxistischen (Habermas, Bourdieu, Hobsbawm) einerseits, mit poststrukturalistischen (Foucault, Baudrillard u.a.) andererseits. Ich hatte das Glück, solche Überlegungen immer wieder dem Denken junger Menschen aussetzen zu können und spürte dabei eine allmähliche Ent-Fesselung der Gedanken. Ich spürte, daß ich Fragen und Gedanken völlig unbefangen, ja genußvoll zuließ, die ich vorher allenfalls mit Skrupeln gedacht hätte. Um ein etwas grobes Beispiel zu nennen: Ich fragte mich, ob nicht im großen Bruderstreit der Arbeiterklasse die Sozialdemokraten von Anfang an recht gehabt hätten. Und fand die weißgott nicht neue Frage, aber darauf kommt es hier nicht an, plötzlich nicht nur zulässig, sondern auch spannend, völlig unabhängig von der Antwort.

Damit bin ich bei der unmittelbar politisch-historischen Seite des Abnabelungsprozesses. Der wichtigste Punkt in dieser Hinsicht war die völlige Trennung vom Leninismus. Während der Wendezeit, Ende Oktober neunundachtzig, haben - natürlich viel zu spät, und es war auch überhaupt keine "Mutpobe" mehr! - drei Genossen, darunter ich, am Schwarzen Brett unserer Hochschule Vorschläge zur Änderung des SED-Parteistatuts ausgehängt. Sie liefen auf innerparteiliche Diskussionsfreiheit hinaus, auf wirkliche Wahlen von unten nach oben, auf eine generelle Reduktion des Zentralismus. Wir haben das damals mit Lenin begründet, er war unsere Berufungsinstanz. Die neue Runde in der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, so schien es uns sogar noch bis in die frühen Neunziger, mußte im Zeichen einer kreativen Neuaneignung des Leninismus erfolgen.

Inzwischen wurden die "Dramaturgien", die Theatralität des Stalinismus das Thema, das mich als Theaterwissenschaftler am meisten interessiert, und mein dauerhafter Forschungsgegenstand. So konnte es gar nicht ausbleiben, daß ich die tiefen Wurzeln, die die Stalinsche Jahrhundertkatastrophe mit dem Leninismus verbinden, in all ihren Verzweigungen für mich sichtbar wurden. (Ich darf hinzufügen: Einer simplen Ineinssetzung Stalins mit Lenin wäre nach wie vorher vehement zu widersprechen.) Das ist hier nicht näher auszuführen und im übrigen auch vielfach nachlesbar. Auf dem Weg zur Befreiung der Gedanken war es ein entscheidender Aspekt. Und die meisten der zahllosen Gedanken, Erinnerungen, Rücküberprüfungen, Selbstzweifel, trotzigen Gegenreaktionen, der unendlichen Gespräche mit Freunden aus Ost und West über die einundvierzigjährige DDR-Erfahrung fanden statt auf diesem Pfad der Distanzierung vom Bolschewismus Lenins und Stalins.

Soweit, lieber imaginärer Freund aus München, die kurzgefaßte Story meines subjektiven Geschichtsverlustes als eines Wegs zu nunmehr, ich hoffe, ungebremster Gedankenfreiheit. Er mag, wie gesagt, nicht untypisch sein für Leute meiner Generation und Prägung. Jetzt erst, das gehört dazu, kann ich mir erneut und unbefangen die Frage stellen, was (neo-)marxistisches Denken vielleicht immer noch zu leisten vermag.

Mehr noch beschäftigt mich auf dieser Basis die Frage nach neuen, bei genauerer Betrachtung wiederum ideologisierenden und herrschaftsgesteuerten "PC"-Denkweisen in der bundesdeutschen Gesellschaft. Nach solchen, die die Gedankenfreiheit wieder einzuschränken drohen: die innere der Individuen, die äußere der öffentlichen Diskurse. Darunter gibt es welche, die aus der Modelung, Verdrängung und Versimpelung von DDR-Geschichte kommen. Über die würd' ich demnächst gern mit Ihnen im Gespräch bleiben.

4. April 2002

Leserbrief


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