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Ayodhya Gewalt und Staatsgewalt in Indien Als die größte Kolonie Englands 1947 in
die unabhängigen Staaten Pakistan und Indien geteilt wurde, war
das neue Indien - trotz der Hunderttausende toter Muslime und Hindus,
den Opfern des beiderseitigen Fanatismus in jenem Jahr - stolz darauf,
sich als "säkularen", d.h. weltanschaulich neutralen
Staat zu konstituieren, in dem alle Religionen friedlich nebeneinander
leben können. Von Brigitte Voykowitsch "Das Massaker an Muslimen in Gujarat widerlegt Indiens Behauptung, ein säkularer Staat zu sein. ... [Premier] Atal Bihari Vajpayee wird alles unternehmen, um die Muslime auszurotten und die BJP [Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei] an der Macht zu halten. Demokratie in Indien bedeutet einzig und allein die Herrschaft der Hindus". Mit diesen Worten reagierte ein pakistanischer Kommentator auf die jüngsten schweren Unruhen im Nachbarland. Am 27. Februar hatten (vermutlich) extremistische Muslime im westindischen Bundesstaat Gujarat einen Zug überfallen und mehrere Waggons in Brand gesteckt, in denen Hindus aus dem nordindischen Ort Ayodhya zurückkehrten. Sie hatten sich dort als Kar Sevaks (Freiwillige) an den Vorbereitungen für einen Tempelbau an genau jener Stelle beteiligt, wo im Dezember 1992 fanatische Hindus eine Moschee zerstört hatten. 58 Menschen kamen im brennenden Zug um, an die 700 weitere Personen, in der großen Mehrzehl Muslime, wurden in den folgenden Tagen bei den schlimmsten Ausschreitungen getötet, die das Land seit einem Jahrzehnt erlebt hatte. In zahlreichen Städten ermordeten und verbrannten Hindumobs muslimische BewohnerInnen, vergewaltigten muslimische Frauen, zündeten ganze muslimische Wohnviertel an und zerstörten muslimische Geschäfte sowie Moscheen. Die Welle der Gewalt führte in Pakistan zu fast täglichen Kundgebungen in allen großen Städten. Religiöse Führer, Mitglieder diverser politischer Parteien, Studenten, Anwälte und andere Vertreter der Zivilgesellschaft demonstrierten gegen "Genozid", "Massenmord" und "Pogrom" an Indiens Muslimen. Indien sei bloßgestellt, seine Behauptung, die "größte Demokratie der Welt zu sein", entbehre nun endgültig jeder Basis, keine Rede mehr könne sein von einem pluralistischen, säkularen Rechtsstaat, erklärten die Kundgebungsteilnehmer in Reden und auf Transparenten. Eine Reihe von Analysten betonten, wie sehr die jüngsten Massaker in Indien erneut die Zwei-Nationen-Theorie untermauerten, auf deren Basis Muhammad Ali Jinnah und seine Muslim-Liga für die Teilung des Subkontinents und die Schaffung eines eigenen Staates für die Muslime - Pakistan - eingetreten waren. Hindus und Muslime sind laut dieser Theorie zwei unterschiedliche Nationen mit völlig unterschiedlichen Kulturen, ihr Zusammenleben in einem geeinten Subkontinent sei somit unmöglich. Der Indische Nationalkongress, die spätere Kongresspartei, hat diese These stets vehement abgelehnt und dem Zusammenleben aller Religionsgruppen in einem einzigen - demokratischen, säkularen und pluralistischen - Staat das Wort geredet. Das 1947 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassene Indien hätte seinem Willen nach den gesamten Subkontinent umfassen sollen, also auch jene Gebiete, die schließlich Pakistan zugeschlagen wurden. Chauvinistische Hindus, die der mythischen Vision von einem goldenen Hinduzeitalter vor der Ankunft der Muslime und dann der Briten auf dem Subkontinent anhängen, wollten dagegen mit der Unabhängigkeit sich nicht bloß der britischen Kolonialherren entledigen. Sie hätten zugleich auch gerne die Vorherrschaft der Hindus etabliert. Die Teilung 1947 führte zu verheerenden Gewaltorgien mit bis zu zwei Millionen Toten und einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte - zehn Millionen Menschen wurden zu Migranten, Hindus aus dem neuen Pakistan zogen nach Indien, Muslime in die Gegenrichtung. Doch Millionen Muslime beschlossen, in Indien zu bleiben, heute leben in Indien (eine Milliarde Einwohner, davon 82 Prozent Hindus) etwa so viele Muslime wie in Pakistan (140 Millionen Einwohner, 97 Prozent Muslime). Diese Muslime, die Delhi stets diskriminiert und verfolgt habe, wolle es nun gänzlich "ausrotten", klagten pakistanische Demonstranten und manche Kommentatoren. Auch viele besorgte indische Muslime fragen sich, ob das Land nun auf dem Weg dazu sei, Hindustan - das Land der Hindus - zu werden, in dem die religiösen Minderheiten nur mehr zu den Bedingungen der Hindumehrheit würden leben dürfen. Ihnen geht es nicht um die Moschee von Ayodhya an sich.
Entgegen allen Anschuldigungen, Indien gegenüber illoyal zu sein, sahen und sehen die indischen Muslime insgesamt stets nur Indien als ihre Heimat an. (Die mehrheitlich muslimische Himalayaregion Kaschmir, die zwischen Indien und Pakistan geteilt ist und um die die beiden Staaten bereits zwei Kriege geführt haben, stellt ein eigenes Problem dar und ist hier auszunehmen.) Nicht Neu Delhi und die indischen Politiker tragen nach Ansicht von Rafiq Zakaria die eigentliche Verantwortung für die missliche Lage der hiesigen Muslime, sondern jene, die Pakistan befürwortet hätten. In einer neuen, Ende 2001 erschienenen Biografie beschuldigt der Publizist Zakaria Pakistans Gründer Muhammed Ali Jinnah, die Spaltung der Muslime des Subkontinents verursacht zu haben, mit allem, was dies in der Folge an Problemen mit sich brachte. Statt ihnen die Möglichkeit zu geben, in einem geeinten Staat zu leben, hätte Jinnah bewirkt, dass sie zunächst auf zwei Länder verteilt wurden, und dann schließlich auf drei, da sich das einstige Ostpakistan 1971 als unabhängiger Staat Bangladesch etablierte. So problematisch Zakarias Jinnah-Biografie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist, so interessant ist sie in ihren emotionalen Kommentaren zum Schicksal der Muslime. Dieses sei - bei allen schwerwiegenden Problemen - in Indien immer noch besser als in Pakistan, erklärte der in Mumbai ansässige Muslim Ismail Khan in einem Leserbrief an die pakistanische Tageszeitung "Dawn". "Die Muslime in Indien habe viele Fortschritte gemacht, haben Staatspräsidenten gestellt und bedeutende Künstler hervorgebracht", betonte Khan. Anstatt sich im Mitgefühl für die indischen Muslime zu ergehen, sollten die Pakistanis ihre Emotionen lieber auf ihre eigene Misere konzentrieren, mahnte der Leserbriefschreiber und erinnerte daran, wie in Pakistan "Menschen in den Moscheen getötet werden und Shias und Sunnis einander in Karachi morden". Auch pakistanische Leserbriefschreiber wiesen darauf hin, dass, wie einer es formulierte, "es absolut keinen Grund für Pakistan gebe, nun selbstgerecht mit dem Finger auf Indien zu zeigen. Betrachten wir uns doch selbst und die Intoleranz in unserer Gesellschaft", mahnte der Mann. Eine Reihe von Kommentatoren betonten ebenfalls, wie "in unserer Islamischen Republik Muslime einander töten." Indien und Pakistan, erklärte der Chefredakteur der Wochenzeitung "The Friday Times" seien einander im negativen Sinn viel zu ähnlich geworden. Es sei höchste Zeit für beide, sich auf die ursprüngliche Staatsvision zu besinnen. "Wenn Indien und Pakistan stabil sein und gemeinsam florieren wollen, müssen sie einander in ihrer säkularen Ausrichtung ähnlicher werden", mahnte Sethi. Andere Analysten wiesen darauf hin, dass Staatgründer Jinnah, der allerdings bereits ein Jahr nach der Unabhängigkeit starb, ein progressives, modernes Pakistan gewollt habe und kein fundamentalistisches Land. In dem von ihm geschaffenen Staat für die Muslime aber würden regionale, ethnische und sektiererische Konflikte zu steter Gewalt führen. Viel zu lange schon hätte zudem die kleine, aber bestens organisierte Minderheit der Islamisten in Pakistan die Unterstützung des militärischen wie politischen Establishments genossen. Aus machtpolitischen und geostrategischen Motiven hätten aufeinanderfolgende diktatorische wie demokratische Regime die Fanatiker gefördert. In Indien sei mit der BJP erstmals eine Vertreterin der Sangh Parivar an der Macht, einer "Familie" hinduchauvinistischer Gruppierungen, der neben der BJP unter anderem die RSS (Rashtriya Sevak Sangh, Nationale Freiwilligenorganisation) sowie die VHP (Vishwa Hindu Parishad, Welthindurat) angehören. Letztere steht hinter der aktuellen Kampagne für den Tempelbau. Wenn viele Inder Vergleiche, in denen sie dem Nachbarn gleichgestellt werden, keineswegs schätzen, so geht doch auch hier die Debatte in gemäßigten, liberalen Kreisen in die Richtung von Sethi. "Wir möchten uns gerne als zivilisiertes Land sehen. Wir blicken gerne auf Pakistan hinab, weil es nicht an unser hohes Zivilisationsniveau herankommt. Doch unter der dünnen Deckschicht unserer Demokratie und Toleranz liegt eine dunkle, barbarische Seite", schrieb Tavleeen Singh im Wochenmagazin "India Today." Die "Times of India" sprach von "dem nicht in den Griff zu bekommenden Konflikt zwischen zwei Visionen von Indien", der einen, die sich Demokratie, Säkularismus, Pluralismus und Rechtsstaat verpflichtet fühle und in der Verfassung von 1950 festgeschrieben wurde, und jener anderen, die "den Glauben über Verfassung, Parlament und Gerichte stellt und Nationalismus und Kultur mit der Hindumehrheit gleichsetzt." So wie die große Mehrheit der Pakistanis sich erst Anfang dieses
Jahres in einer Umfrage als liberal oder gemäßigt bezeichnete,
so steht in Indien nur ein geringer Prozentsatz der Hindus hinter der
VHP und ihrer Tempelkampagne. Selbst der Aufstieg der BJP ist nicht
ausschließlich auf deren Hindutva (Hindutum-)Engagement zurückzuführen.
Noch 1984 hatte die Partei nur zwei Mandate im 545 Sitze umfassenden
Bundesparlament. Dass sie 1998 erstmals die Regierung bilden konnte,
Wie aber wird die indische Regierung nun weiter vorgehen, war im März die zentrale Frage. Um Koalitionspartner zu finden, musste die BJP seit 1998 auf wesentliche Punkte ihrer Hindu-Agenda verzichten. Premier Atal Bihari Vajpayee bezeichnete den Tempelbau im Jahr 2000 zwar erneut als vorrangiges nationales Anliegen. Doch im Regierungsprogramm hatte und hat das Projekt keinen Platz. Laut einem Entscheid des Obersten Gerichtshofs von 1994 ist Neu Delhi vielmehr dazu verpflichtet, den Status quo in Ayodhya zu wahren. Bis zur Klärung des Streits um das Land, auf dem einst die Moschee stand, ist jegliche Bautätigkeit untersagt. Angesichts dieser Regelungen hätte Vajpayee die seit Februar laufenden Vorbereitungen für den Tempelbau von Anfang an unterbinden und der VHP, der die Verfassung so wenig gilt wie ein Rechtsspruch, das Handwerk legen müssen. Warum, fragen nun Kritiker, musste Godhra passieren, damit der Premier die VHP aufforderte, den auf den 15. März festgelegten Baubeginn zumindest zu verschieben. So tragisch Godhra gewesen sei, ebenso tragisch, betonten Kritiker, sei die Tatsache, dass ein derartiger Zwischenfall angesichts der aggressiven Kampagne der VHP absolut vorhersehbar gewesen sei. Welche Ironie, betonten einige Kommentatoren. Neu Delhi verlange von
Islamabad, dass es seine Islamisten, Terroristen und diversen Jihadis
unter Kontrolle bringe, insbesondere jene, die Indien für den Terror
in seinem Teil von Kaschmir sowie für den Anschlag auf das Bundesparlament
am 13. Dezember verantwortlich macht. Dieses Attentat hatte die beiden
Staten erneut an den Rand eines Krieges geführt. Zugleich aber
sei Neu Delhi nicht in der Lage - oder nicht willens -, die Parishadis
(Mitglieder und Anhänger der VHP), Kar Sevaks und andere im Namen
des Hinduismus agierende Fanatiker zu bändigen. Solche Aussagen
stiessen in Pakistan auf großes Echo, wurden doch dort Stimmen
laut, die die ungleiche Behandlung Islamabads und Neu Delhis durch die
Staatengemeinschaft beklagten. Beide Länder hatten sich nach dem
11. September der internationalen Koalition gegen den Terrorismus angeschlossen.
Doch während sich Pakistan unter dem Druck der USA von den von
ihm lange geförderten Taliban habe abwenden und nun gegen die eigenen
Jihadis durchgreifen müssen, werde Indien weiter als größte
Demokratie der Welt geachtet. Diesen Anspruch habe Indien verspielt,
seit es sich des Staatsterrorismus schuldig gemacht habe, verwiesen
Analysten auf die verheerende Rolle, die Vajpayee und der der BJP zugehörige
Chefminister von Gujarat, Narendra Modi, gespielt hätten. Modi
hat in Interviews die Rachaeakte des Hindumobs für den Zugüberfall
bei Godhra praktisch entschuldigt und trotz Augenzeugen- und Bildberichten,
die die Untätigkeit der Sicherheitskräfte belegten, diesen
seine Anerkennung ausgesprochen. Auch Wochen nach den Unruhen aber gab
es keinerlei Anzeichen für seine Entlassung. Premier Vajpayee selbst
rang sich zwar zu scharfen Worten der Kritik durch, auch schien er zuletzt
besorgt, die VHP an die Leine zu nehmen und zur Achtung von Rechtssprüchen
anzuhalten. Doch niemand wagte vorherzusagen, wie schlimm der Konflikt
um Ayodhya noch werden könnte. |
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