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Exportprodukt Nulltoleranz
Interview mit dem französischen Soziologen Loïc Wacquant
Die zunehmende Gewalt in den Städten ist einzig
mittels Repression in den Griff zu bekommen: Mit diesem Rezept reagierten
die neokonservativen Denkfabriken in den USA auf die sozialen Folgen
der neoliberalen Wirtschaftspoilitik. Unter dem Schlagwort "Nulltoleranz"
wird die soziale Unordnung, die auf Arbeitslosigkeit, prekäre Löhne
und Sozialabbau zurückgeht, mit Polizei und Justiz bekämpft.
Die Opfer des deregulierten Marktes werden kriminalisiert und bestraft,
der Polizeistaat ersetzt den Wohlfahrtsstaat. Dieselben Köpfe,
die vor Jahren unter dem Schlachtruf "weniger Staat" den Rückzug
des Staates aus der Wirtschafts- und Sozialpolitik forderten und durchsetzten,
rufen nun nach mehr Staat, wenn es um die Eindämmung der Folgen
geht.
Mit dieser Kehrseite der neoliberalen Wirtschaftsordnung befasst sich
der französische Soziologe Loïc Wacquant in seinem Buch "Elend
hinter Gittern", dessen deutsche Übersetzung beim Universitätsverlag
Konstanz erschienen ist. Wacquant untersucht, wie die Ideologie der
Nulltoleranz in New York entwickelt und dann im Ausland propagiert wurde.
Er beschreibt, wie diese Ideologie nach London exportiert wurde, um
von dort nach Westeuropa auszustrahlen, und wie die westeuropäischen
Länder auf diese Ideologie reagieren: Noch stehe Westeuropa, im
Gegensatz zu den USA, vor der Alternative, den Polizeistaat definitiv
als Waffe gegen die Opfer der Marktdiktatur einzusetzen oder aber neue
Bürgerrechte zu schaffen, etwa ein arbeitsunabhängiges, existenzsicherndes
Einkommen, lebenslange Ausbildung und den allgemeinen Zugang zu Gesundheit
und Wohnung.
Der 39jährige Loïc Wacquant ist Professor an der Universität
Berkeley und Forscher am Centre de Sociologie Européenne des
Collège de France.
Was ist die Politik der Nulltoleranz?
Loïc Wacquant: Die Nulltoleranz ist ein Mythos aus den USA
die Idee, dass man einen Zauberstab gefunden hat, um das Verbrechen,
allein das Verbrechen, zu zerschlagen, ohne seine tiefen Ursachen zu
berühren. Konkret ist es ein Schlagwort für eine Politik,
die in New York umgesetzt wird und darin besteht, sehr hart und sehr
systematisch die Kleindelinquenz vor der Straße zu entfernen:
die Obdachlosen, die Prostituierten, die Bettler, die Ausgeschlossenen,
die als physische oder moralische Bedrohung empfunden werden. Diese
"Politik der Lebensqualität", wie sie in New York heißt,
ist nichts anderes als die Klassensäuberung der Straßen,
damit der öffentliche Raum für die Mittel- und Oberklassen
angenehmer und auch konsumierbarer wird
.
Beschränkt sich die Nulltoleranz auf die Straßenkriminalität?
Es handelt sich um eine selektive Intoleranz gegenüber den Armen
auf der Straße und gegen gewisse Verhaltensweisen der Armen, die
als unerwünscht oder gefährlich gelten, und sie äußert
sich in der sozialen Säuberung. Es ist keinesfalls eine Intoleranz
gegenüber aller Art von Kriminalität, niemand spricht von
Nulltoleranz in Zusammenhang mit Steuerhinterziehung oder politischer
Korruption, sondern immer nur in Zusammenhang mit der Straßenkriminalität.
Sie sprechen von einem Zauberstab, der nur das Verbrechen, nicht aber
dessen Ursachen berührt. Was meinen Sie damit konkret?
Ich gebe ihnen ein Beispiel. Am Tag, als ich mein Buch "Elend hinter
Gittern" in Buenos Aires vorstellte, segnete der argentinische
Kongress die Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes ab, das bereits sehr
flexibel war. Er schuf damit die Grundlage für noch mehr soziale
Unsicherheit, besonders in den armen Schichten. Parallel dazu hielten
die Stadtpolitiker im Wahlkampf einen hysterischen Diskurs über
die Nulltoleranz, es lief eine völlig verrückte Kampagne rund
um die Sicherheit, die natürlich strikt auf ihre kriminelle Dimension
reduziert wurde. Das scheint schizophren: Auf der einen Seite sagt man,
man wolle mehr Sicherheit, die man auf die Sicherheit vor Kriminalität
reduziert hat, man will also eine repressivere Polizei- und Strafpolitik.
Und auf der anderen Seite verabschiedet man Gesetze, welche die soziale
Unsicherheit vergrößern. Das scheint auf den ersten Blick
widersprüchlich.
Und auf den zweiten Blick?
In Tat und Wahrheit sind diese beiden Bewegungen, der soziale und wirtschaftliche
Rückzug des Staates einerseits und anderseits die Zunahme und Glorifizierung
der Sicherheits- und Repressionsaufgaben, nicht widersprüchlich,
sondern komplementär: Es handelt sich um eine Gesamtpolitik, die
mehr und mehr mit dem Polizei- und Strafapparat auf die Unordnung antwortet,
die ihrerseits auf die wirtschaftliche Deregulierung zurückgeht,
auf die Zunahme der prekären Löhne, der Arbeitslosigkeit,
des Elends, der Ungleichheiten, auf den Abbau des sozialen Schutzes.
Diese Politik bestraft die Armut, die sich mit dem neoliberalen Wirtschaftsmodell
ausgeweitet hat.
Das heißt, die Armen werden zum Sündenbock gemacht.
Ja. Noch vor 15 Jahren war die soziale Unsicherheit sozusagen das Monopol
der Armen und der Arbeiterschichten. Doch mit der objektiv steigenden
sozialen Unsicherheit, die heute auch Teile der Mittelklasse trifft
und noch weiter hinaufsteigt, nimmt die Angst vor dem sozialen Absturz
zu, die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, den Mittelklassestatus
nicht halten zu können - und ihn nicht an die Kinder weitergeben
zu können. Man schickt die Kinder an die Universität und ist
nicht sicher, ob sie mit einem Abschluss auch eine sichere und angebracht
bezahlte Arbeit finden werden. Diese generelle soziale Angst spitzen
Politiker und Medien auf den Kriminellen zu, der die Angst vor dem sozialen
Absturz symbolisiert, und deshalb kommt es zu diesem sehr heftigen Diskurs
und zu dieser Forderung, den Kriminellen, den Armen, den Immigranten
auf Distanz zu halten, also all die Menschen, die in den Ritzen der
Gesellschaft leben und für die Mittel- und Oberklasse den sozialen
Absturz symbolisieren.
Die Nulltoleranz-Politik soll also die negativen Folgen des neoliberalen
Modells eindämmen. Wie erfolgreich war sie denn in den USA?
Keine andere Stadt in den USA hat diese Politik so rigoros umgesetzt
wie New York, aber viele Städte entschieden sich für zum Teil
diametral entgegengesetzte Politiken. San Francisco etwa oder Boston
entwickelten zusammen mit Stadtteilgruppen und Kirchen eine aktive Präventionspolitik.
Die Polizei versucht, die Probleme der Nachbarschaft zu verstehen und
gemeinsam mit der Bevölkerung Diagnosen aufzustellen, um zu verhindern,
dass es überhaupt zu Verbrechen kommt, anstatt hinterher zu reagieren.
Chicago praktiziert eine ähnliche Präventionspolitik unter
dem Namen "Polizei der Nähe", in San Diego hieß
sie "Problemlösungspolizei". In all diesen Städten
ist die Kriminalität genauso stark zurückgegangen wie in New
York, wenn nicht noch stärker.
Der Rückgang der Kriminalität in New York geht also gar
nicht auf die Politik der Nulltoleranz zurück?
Diese Politik begann man in New York 1993 umzusetzen. Doch die Kriminalität
dort hatte bereits drei Jahre früher zu sinken begonnen - wie überall
in den USA, unabhängig von der Stadtgröße oder von der
eingeschlagenen Politik.
Wo liegen die Gründe für diesen Rückgang?
Grundsätzlich gibt es vier Faktoren, die seit 1990 zusammenspielen.
Der erste ist die bessere Wirtschaftslage und der damit verbundene deutliche
Rückgang der Arbeitslosigkeit unter der jungen Bevölkerung
in den Armenvierteln. Sobald es bezahlte Arbeit gibt, geben die Jungen
sofort die informelle und kriminelle Arbeit auf den Straßen auf.
Der zweite Faktor ist der demographische Rückgang der jungen Generationen.
Haupttäter der Straßenkriminalität sind die 15- bis
25jährigen; wenn dieses Alterssegment abnimmt, nimmt auch die Straßenkriminalität
automatisch ab. Drittens hat sich der Drogenmarkt stabilisiert - ich
rede von Stabilisierung, nicht von Rückgang, denn die milliardenteure
repressive Drogenpolitik in den USA ist ein totaler Fehlschlag, gesunken
ist nicht der Konsum, sondern nur das Preisniveau. Der Drogenmarkt hat
sich stabilisiert. In den 80er Jahren, als unter anderem Crack eingeführt
wurde, entstand ein neuer Markt. Das war ein hartes Konkurrenzgeschäft,
in dem sich kleine Banden heftig bekämpften, und in der illegalen
Wirtschaft wird der Markt brutal und mit Gewalt geregelt. Anfang der
90er Jahre hatten die wichtigsten Gangs die Drogenverteilung unter sich
aufgeteilt, man beobachtet eine Art Oligopol, das sich vom puren und
perfekten neoliberalen Modell entfernt. Mit dieser Aufteilung erübrigt
sich die Waffengewalt, um die Kontrolle auszuüben. Viertens haben
sich Teile der jüngsten Generation in den Schwarzen- und Latino-Vierteln
aus Erfahrung von der illegalen und Kriminellen Straßenwirtschaft
zurückgezogen. Sie erlebten die Gewalt der 80er Jahre hautnah -
ältere Brüder, Cousins, Freunde wurden umgebracht, verletzt,
invalid, ins Gefängnis gesteckt - und zogen ihre Schlüsse
daraus.
Weshalb gilt die Politik der Nulltoleranz in den USA und auch außerhalb
dennoch als erfolgreich?
Weil es zu Beginn der 90er Jahre ein wissenschaftliches Erklärungsvakuum
gab. Niemand hatte diesen Rückgang kommen sehen, also gab es auch
keine Erklärungen dafür. In dieses Vakuum stießen die
Ideologen der neokonservativen Thinktanks und Beratungsinstitute, welche
die Nulltoleranz propagierten. Für sie war dieses Vakuum die traumhafte
Gelegenheit, zu beweisen, dass ihre Politik die Straßenkriminalität
hatte zurückgehen lassen. Sie konnten in New York, in den USA und
in der westlichen Welt ihre Politik legitimieren: Die Zerstörung
des Sozialstaates, die Deregulierung der Wirtschaft und der Arbeit,
und die Glorifizierung des Straf- und Polizeistaates. Sie lancierten
eine umfassende Propagandakampagne.
Wie verlief diese Kampagne?
Diese Thinktanks sind eigentlich Propagandamaschinen. Wenn sie ein Schlagwort
produzieren wie die Nulltoleranz, geben sie Berichte ab, bombardieren
die Medien mit Kommuniqués, organisieren Pressekonferenzen mit
Pseudointellektueilen, die für die universitäre oder akademische
Legitimation sorgen sollen. Dieses systematische Vorgehen hat reale
Folgen: Das Schlagwort gelangt in die Alltagssprache, die Politiker
fühlen sich zu dieser Politik gezwungen, wer für fundiertere
Ursachenbekämpfung der Unsicherheit plädiert, steht als Medien-Zwerg
da.
Wer steckt konkret hinter der Kampagne?
Es tauchen immer dieselben bekannten Namen auf. Das Manhattan Institute
in New York zum Beispiel, das Charles Murray lancierte. Murray war der
US-Guru in Sachen Zerstörung des Sozialstaates. Derselbe Murray
warb nicht nur in den USA für die Nulltoleranz, sondern trat auch
in Großbritannien als Experte auf und machte Propaganda für
diese Politik - von dort aus strahlte diese Politik nach Europa aus.
Und es ist wieder Murray, der jetzt Pamphlete darüber schreibt,
wie gut die Gefängnisse funkionieren, dass sie die Kriminalität
zurückgeworfen haben. Oder William Bratton, der frühere Chef
der New Yorker Polizei, der eine private Sicherheitsfirma hat: Er brachte
sich in die Marketingkampagne des Manhattan Instituts ein, das seine
Ideologie den kulturellen und politischen Gegebenheiten jener Länder
anpasst, die diese Politik aufnehmen und verinnerlichen sollen.
Nulltoleranz-Politik als Exportprodukt?
Aber sicher. Weshalb, denken Sie, hat sich das Schlagwort "Nulltoleranz"
in westeuropäischen Ländern verbreitet? Großbritannien,
Deutschland, Frankreich, sogar Amsterdam macht mittlerweile Versuche
mit der Nulltoleranz. Das Schlagwort wurde nicht einfach so hergeweht.
Die New Yorker Behörden machten und machen diese Exportarbeit sehr
bewusst, methodisch, gut organisiert, in Absprache mit den neokonservativen
Thinktanks. Sie tun das, um die Politik in New York besser zu legitimieren
- wenn alle ihre Politik anwenden, dann doch nur, wei! ihre Politik
die Bestmögliche ist.
Und das Exportprodukt wird dem jeweiligen Importeur angepasst?
In den USA wurde die Sozialpolitik durch die Strafpolitik ersetzt -
Gefängnisse statt Sozialprogramme. In den 90er Jahren hat die Gefängnisbelegung
in den USA jährlich um acht Prozent zugenommen, derzeit sitzen
rund zwei Millionen Menschen hinter Gittern, dreimal mehr als vor 15
Jahren. Gleichzeitig wurden Sozialprogramme massiv zusammengestrichen.
In Westeuropa hat die Politik der Nulltoleranz zwar Fuß gefasst,
doch bisher hat man dort die Sozialpolitik nicht zugunsten der Strafpolitik
aufgegeben. Im Manhattan Institute arbeitet Bratton mit einem lateinamerikanischen
Forscher zusammen, um die Nulltoleranz der lateinamerikanischen Realität
anzupassen. Bratton reist in diese Länder, um die Nulltoleranz
zu propagieren, umgekehrt lassen sich lateinamerikanische Politiker
in New York informieren.
Lateinamerika scheint ein sehr fruchtbarer Boden für diese
Politik zu sein. Wo liegen die Gründe dafür?
Zum einen in der sozialen Unsicherheit, von der ich vorhin sprach. Sie
hat in diesen Ländern in den 90er Jahren sehr stark zugenommen.
Gleichzeitig sind das Länder mit einer autoritären politischen
Tradition. Das macht die Sache auch so gefährlich: Mit der Nulltoleranz
entfernt man sich von einer Sozialpolitik gegen die Armut, die eh schon
schwach war. Denn der Wohlfahrts- und Sozialstaat ist in diesen Ländern
nicht etabliert, weder hat er entwickelte Eingriffsmöglichkeiten,
noch ist seine Legitimierung in der Gesellschaft verankert. Über
große Eingriffsmöglichkeiten und eine lange Erfahrung verfügt
hingegen der Straf- und Polizeiapparat, den man einsetzen will, um die
Folgen der sozialen Unsicherheit einzudämmen. Wenn man aber den
Repressionsapparat einsetzt, um in den Unterschichten Ordnung zu halten,
legitimiert man die Rückkehr zu einer Praxis, die an die der Diktaturzeiten
erinnert - ohne Garantie, dass diese Praxis auf die Armenviertel beschränkt
bleibt.
Es ist aber just die Bevölkerung in den Armenvierteln, die am
lautesten nach der Politik der harten Hand ruft.
Das ist paradox. Zwar drückt dieser Ruf die Forderung nach einer
Senkung der Kriminalität aus, deren Hauptopfer die Armen sind -
die Kriminalität der Armen richtet sich vor allem gegen sie selber.
Anderseits werden sie die ersten Opfer der harten Hand sein, denn die
richtet sich gegen die gesamte Bevölkerung in den Armenvierteln,
nicht nur gegen die Kriminellen. Aber dieser Ruf aus den Armenvierteln
ist auch ein Ruf nach einer Lebensstabilität. Weil die Menschen
nicht in der Lage sind, stabile Arbeit zu fordern, fordern sie Stabilität
dort, wo sie können, wo es eine Chance gibt, gehört zu werden.
Das ist ein großes Dilemma, dem man sich mit Diskussionen und
Information stellen muss: Aufzeigen, dass der Zauberstab der Nulltoleranz
die Kriminalität verschwinden lässt, indem sie die Armenviertel
der Polizei ausliefern.
Hat die Politik der Nulltoleranz öffentliche Diskussionen ausgelöst?
In den USA nicht, da gibt es keinen öffentlichen Raum mehr für
solche Debatten, sie beschränken sich auf universitäre Kreise.
In Europa und Lateinamerika hingegen laufen lebendige Debatten, da ist
der Wille spürbar, zu diskutieren, sich Problemen zu stellen, zu
fragen, was die Folgen einer solchen Politik sein werden. Ich habe mich
deshalb von Anfang an auf das europäische und lateinamerikanische
Publikum konzentriert und das Buch auf französisch geschrieben.
Es wird in acht Sprachen übersetzt, und bezeichnenderweise ist
es einzig die englische Übersetzung, die nicht ganz gesichert ist
- wo doch die Politik der Nulltoleranz zuerst in den USA und in Großbritannien
umgesetzt wurde.
Die Fragen stellte Michèle Laubscher. Das Interview
erschien zuerst in den Lateinamerikanischen Nachrichten Nr. 317 (November
2000). Mit freundlicher Genehmigung der Interviewerin.
25. April 2001
Leserbrief
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