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Brigitte Voykowitsch
Im Schatten Chinas
Die amerikanische EP-3 steht heute, am 11. April
2001, immer noch, allerdings ausgeschlachtet, auf dem Flughafen Lingshui.
Die Angelegenheit betrifft nicht allein China und die USA - als dritter
Spieler sitzt Taiwan unsichtbar mit am Tisch: eine Insel, die einerseits
China als sein Territorium ansieht, die aber andererseits ein Verbündeter
der USA ist. Hier der aktuelle Lagebericht aus Taipeh:
Die Jubelfotos vom Vorjahr sind nicht vergessen. Nach mehr als einem
halben Jahrhundert ununterbrochener Herrschaft der Nationalistischen
Partei (Guomindang, KMT) war es in Taiwan zum ersten demokratischen
Machtwechsel gekommen. Mit Chen Shui-bian hatte der Kandidat der bis
dahin oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) das Rennen
um das Präsidentenamt für sich entschieden. Taiwan, das sich
stolz als erste Demokratie im chinesischen Kulturraum bezeichnet, hatte
einen weiteren wichtigen Schritt in seiner erst nach Aufhebung des Kriegsrechts
1987 eingeleiteten politischen Liberalisierung vollzogen.
Doch das Resultat war knapp. Chen hatte lediglich 39 Prozent der Stimmen
gewinnen können. Im Parlament hatte sich zudem nichts geändert,
dort hält die KMT weiter die Mehrheit der Sitze. Chen stünden
schwierige Jahre bevor, warnten Analysten sofort, aber ihre Worte gingen
in der Begeisterung der Chen-Anhänger zunächst unter. Mehr
als ein Jahr nach der Präsidentenwahl am 18. März 2000, knapp
ein Jahr nach Chens Amtsantritt am 20. Mai des Vorjahres ist nun freilich
die große Ernüchterung eingekehrt. Die unter der KMT endemische
Korruption läßt sich nicht so rasch beseitigen, wie erhofft.
Ökonomisch ist der Tiger Taiwan nicht so fit, wie es die Taiwanesen
sich erwünschen, was nicht zuletzt mit der Entwicklung der Welt-
und US-Wirtschaft zusammen hängt, von der die stark exportorientierte
Insel sehr abhängig ist. Als Wirtschaftswunder galt Taiwan lange,
das binnen weniger Jahrzehnte den Aufstieg von einem Agrar- zu einem
hochindustrialisierten Land vollzog. An zweistellige Wachstumsraten
gewöhnt, können sich die Taiwanesen mit Zahlen zwischen zehn
und fünf Prozent nur schwer abfinden. Wenn dann noch die Arbeitslosenrate
auf - für hiesige Verhältnisse enorme - 3,7 Prozent ansteigt,
läuten bei vielen die Alarmglocken.
Die Bewahrung und Ausweitung des Wohlstandes ist das eine große
Ziel der 23 Millionen Inselbewohner, die Beibehaltung des politischen
Status quo das andere. In beiden Bereichen war der Handlungsspielraum
Chen Shui-bians von Anfang an beschränkt. Ohne die Kooperation
der KMT lassen sich viele wirtschaftliche Maßnahmen nicht durchsetzen,
die KMT aber boykottiert die DPP, wo sie nur kann, was bei der unglücklichen
Mischung aus einem präsidentiellen und parlamentarischen System,
wie es Taiwan hat, noch leichter geht. Manche Analysten werfen der KMT,
der weltweit reichsten Partei, sogar die Manipulation der Börse
vor, um Chens Image anzukratzen.
Politisch aber stand vom Tage, da Chen sein Amt antrat, fest: Der neue
Präsident würde sich äußerst schwer tun, die Beziehungen
mit der Volksrepublik China reibungslos zu gestalten. In der Sicht Beijings
sind er und seine Partei "Abspalter", wie es in der KP-Diktion
so schön heißt, kurz: Verfechter der Unabhängigkeit
der Insel, die China als rebellische Provinz betrachtet und, wie 1997
Hongkong, wieder "mit dem Mutterland vereinen" will. Eine
Lösung ist nicht in Sicht für das Problem, dessen Entstehung
sechs Jahrzehnte zurückgeht. Als die Nationalisten unter Chiang
Kai-shek Ende der 40er Jahre den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten
verloren, zogen sie sich mit rund zwei Millionen Militärs und Anhängern
nach Taiwan zurück. Zum damaligen Beginn des Kalten Krieges hatten
sie die westliche Welt auf ihrer Seite. Taipeh, das weiter den Anspruch
aufrechterhielt, das Festland eines Tages von den Kommunisten zurückzuerobern,
nahm den Sitz Chinas in der UNO ein. Doch die Realpolitik sollte sich
bald zuungunsten des winzigen Taiwans auswirken. Die Volksrepublik war
zu groß und strategisch zu wichtig. 1971 verlor Taieph seinen
UN-Sitz, nach dem Besuch von US-Präsident Nixon in China brach
Washington Ende der 70er Jahre seine diplomatischen Beziehungen mit
Taipeh, das damals noch eine Militärdiktatur war, ab und nahm sie
mit Beijing auf. Die USA akzeptierten die These Beijings, daß
es nur ein China gebe und Taiwan Teil dieses einen China sei. Sie bestanden
aber darauf, daß eine Wiedervereinigung Taiwans mit dem Festland
friedlich vonstatten gehen müsse und verpflichteten sich im Taiwan
Relations Act von 1979, die Selbstverteidigungskraft der Insel gegen
einen möglichen Angriff vonseiten der Volksrepublik zu sichern.
Während Taipeh sein einstiges Ziel, die Kommunisten vom Festland
zu vertreiben, längst aufgegeben hat, bleibt Beijing bisheute dabei,
die Insel unter Umständen mit Gewalt unter seine Kontroll zu bringen.
Diese Drohung gilt zumal für den Fall, daß sich Taiwan offiziell
für unabhängig erklären sollte. De facto ist die Insel
unabhängig und erfüllt nach Ansicht von Völkerrechtsexperten
alle Voraussetzungen für eine solche Unabhängigkeit, für
deren de iure-Status lediglich die offizielle Erklärung Taipehs
fehlt. Chen verpflichtete sich bei seinem Amtsantritt, keine solche
Erklärung abzugeben. Auch die Sprecher seiner DPP, die nach ihrer
Gründung 1986 zunächst lautstark für eine Unabhängigkeitserklärung
eingetreten war, betonen heute, man sei realistischer geworden und wolle
die Sicherheit der Insel nicht gefährden. Umfragen aus den letzten
Jahren belegen stets aufs neue, daß die große Mehrheit der
BürgerInnen für den Status quo sind - also de facto unabhängig,
de iure nicht -, nur wenige Prozent sprechen sich für eine baldige
Wiedervereinigung aus, nur wenige für eine rasche Unabhängigkeitserklräung.
Doch Beijing, das sich nur schwer mit der Demokratisierung Taiwans und
inbesondere der Wahl des DPP-Kandidaten Chen Shui-bian abfinden kann,
hat bis dato keine Bereitschaft erkennen lassen, einen Dialog mit dem
neuen Präsidenten von Taiwan aufzunehmen. Als Voraussetzung für
Kontakte fordert es von Chen die Anerkennung des "Ein-China-Prinzips",
auf das sich die beiden Seiten während eines kurzzeitigen Tauwetters
Anfang der 90er Jahre geeinigt hätten.
Hätten, nicht hatten, denn was so einfach klingt - "ein China"
-, ist zu einem der komplexesten semantischen Spielfelder der Zeitgeschichte
geworden. Aus der Sicht Taiwans - oder, wie es offiziell heißt,
der Republik China auf Taiwan, - stellt sich die Lage, kurz zusammengefaßt,
folgendermaßen dar: Die 1912 gegründete Republik China wurde
durch den Bürgerkrieg in zwei politisch gleichwertige Teile gespalten
- vergleichbar den beiden Koreas oder, früher, den beiden deutschen
Staaten. Die KP übte keine einzige Sekunde lang Kontrolle über
Taiwan aus, das China, damals noch ein Kaiserreich, 1985 an Japan abtreten
hatte müssen. 1945 ging Taiwan an die Republik China unter dem
Regime der Nationalisten zurück, unter deren ausschließlicher
Jurisdiktion es seither gestanden ist. Beijing beharrt dagegen auf seiner
Interpretation, wonach das KP-Regime die einzig legitime Regierung in
ganz China und Taiwan nichts mehr als eine abtrünnige Provinz sei.
Was hatte man nun 1992 in dem sogenannten Konsens erreicht? Hatten wirklich
beide Seiten dem "Ein-China-Prinzip" zugestimmt, aber zugleich
auch anerkannt, daß jede Seite eine unterschiedliche Interpretation
habe? Im Rat für Festlandangelegenheiten (MAC), dem für die
Politik gegenüber Beijing zuständigen Organ in Taipeh, ist
man sich da nicht so sicher. Bei dem sogenannten Konsens ging es eher
um die damals ungewöhnlich versöhnliche Atmosphäre, sagen
MAC-Vertreter nun. Auch Spekulationen aus jüngster Zeit, wonach
Chinas Vizepremier Qian Qichen eine großzügigere Interpretation
der "ein China"- Formel zulassen wolle - derzufolge das Festland
wie auch die Insel Teil eines nicht näher definierten größeren
chinesischen Gebildes seien - wurden zunichte gemacht, als Staatspräsident
Jiang Zemin die alte Formel als einzig gültige unterstrich, kurz:
Taiwan bleibt für ihn die abtrünnige Provinz, deren Weigerung,
zum Mutterland zurückzukehren, man nicht ewig dulden werde. Taipeh
hat sich unter Chens Amtsvorgänger Lee Teng-hui in den sogenannten
"Richtlinien für die Wiedervereinigung" zu einer stufenweise
Integration mit dem Festland bekannt, eine Wiedervereinigung allerdings
könne nur mit einem demokratischen und ökonomisch florierenden
China stattfinden.
Während die Investitionen taiwanesischer Geschäftsleute auf
Festlandchina ständig steigen und bereits an die 40 Milliarden
US-Dollar ausmachen, hat Beijing zugleich das Gefühl, daß
die Insel politisch immer weiter wegdriftet. Chen hat eine Reihe versöhnlicher
Gesten gesetzt, und von einer langfristigen Integration mit dem Festland
gesprochen, doch das genügt Beijing nicht. Bei seinem jüngsten
Besuch in Washington warnte Vizepremier Qian die neue US-Regierung nachdrücklich
davor, bei den im April anstehenden Verhandlungen etwa neue Waffenlieferungen
an Taiwan zu beschließen. Ob Beijing dies zum Anlaß für
einen Angriff auf Taiwan nehmen würde, wollte sich Qian nicht festlegen,
er betonte aber mehrfach, daß eine solche Entscheidung eine gefährliche
Krise auslösen würde.
Noch ist China nach Ansicht von Militärexperten nicht zu einer
erfolgreichen Einnahme der Insel in der Lage. Angesichts der massiven
Aufrüstung der Volksrepublik aber könnte das militärische
Gleichgewicht ab 2005 zuungunsten Taiwans zu kippen beginnen, ab 2010
wäre Beijing dann zu einem Schlag gegen die Insel gerüstet.
Soll Taiwan seine Selbstverteidigungskraft wahren, dann benötigt
es jetzt neue Waffensystems - und zumal die bei den USA bestellten Aegis-Raketenabwehr
-, denn es dauert Jahre, bevor diese einsatzfähig sind. Unter den
Analysten in Taipeh aber besteht wenig Hoffnung auf eine Entscheidung
zugunsten Taiwans in diesem Jahr, nur wenige Monate nach dem Antritt
der neuen Regierung Bush, die ihre Asien- und Chinapolitik erst noch
klar definieren muß. Verbal hat sich einiges geändert, George
Bush redet, im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger Bill Clinton,
nicht einer strategischen Partnerschaft mit China das Wort, doch Außenminister
Colin Powell hat auch betont, daß man Beijing keinesfalls zum
Feind haben wolle. Washington muß also zwischen seiner im Taiwan
Relations Act eingegangenen Verpflichtung gegenüber Taiwan und
seinen Interessen im Umgang mit der Volksrepublik abwägen.
Taipeh muß indes mit der steten Gefahr vom Festland weiterleben.
Sollte, entgegen der Überzeugung von Experten, Beijing doch plötzlich
einen Angriff gegen die Insel starten, wird sie sich dann verteidigen
können? Werden die USA wirklich zu Hilfe kommen? "Es gibt
keine Antwort auf diese Fragen", sagt Andrew Yang, Leiter eines
unabhängigen Think Tanks in Taipeh. "Wir müssen mit dieser
Unsicherheit leben."
11. April 2001
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