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Hans Pfitzinger

Politik – nur echt mit dem Füllfederhalter

Als ihn der Intendant der Münchner Kammerspiele im Zorn als "das bestangezogene Stück Seife" charakterisiert hat, da hat er vermutlich am Wortanfang von Seife zwei Konsonanten weggelassen und in der Mitte einen Buchstaben getauscht. Ist ja ein kultivierter Mensch, der Dieter Dorn. Vor ein paar Monaten hat Die Gazette – ein deutlicher Hinweis auf den ausgefuchsten Aufklärungsjournalismus, der bei dieser Online-Zeitschrift betrieben wird –, nach mühsamen Recherchen die Visitenkarte des neuen Kulturministers Julian Nida-Rümelin öffentlich gemacht. "Profilneurotiker" hieß es da kommentierend. War auch zu schön: Ein Name und drei Zeilen Titel.

Jetzt haben wir‘s bildlich, amtlich: Dies hier



ist das offizielle Amtsfoto eines Mannes mit Ministeramt und wird amtlich von Amts wegen gern an die Presse verschickt (die Anfrage eines Herstellers von Dart-Zielscheiben wurde vom Bundespresseamt abschlägig beschieden). Würden Sie einem Mann, der Sie so anblickt, eine gebrauchte Opernkarte abkaufen? Aber klar doch! Und Sie würden ihm auch nie zutrauen, dass er sein Amt nur übernommen hat, damit er später "endlich mal Geld verdienen kann", wie es der einzige Amtsvorgänger des Herrn Ministers so schnöde ausgedrückt hat. Vom Blick, vom dicken Schlipsknoten, dem edlen Hemd und dem edlen Maßanzug (nix Brioni von der Stange, wie der Kanzler) geht nur eine Botschaft aus, und die lautet: S-e-r-i-ö-s. Bestangezogen. Gelungen, Minister!

Ja, und dann hält er da noch ein Schreibgerät in der Hand, mit aufgesteckter Kapsel. Jeder weiß, dass dadurch das Schreiben erschwert wird. Na und? Keiner hat gesagt, Minister für Kulturelles sei ein leichter Job, und deshalb will er zwei Dinge mal ganz deutlich machen, meine Damen und Herren da draußen im Lande vor den Bildschirmen: (A) Ich kann schreiben (na ja – zumindest unterschreiben). Und: (B) Mein Sponsor heißt Montblanc. Das ist um Klassen besser als Madonna und Michael Jackson, die ja bekanntlich "nur" von Pepsi-Cola gesponsort werden. Kultur, Sie verstehen. Nix Laptop, Füllfederhalter: Goldfeder macht Edelfeder.

Die taz stellte das Foto an einem Montag per Montage in einen breiten Bilderrahmen, wie das bei Ahnenporträts in besseren Kreisen so üblich ist: Ein Klassiker zu Lebzeiten. Oder wie Walter Ulbricht – das Obrigkeitsfoto, gerahmt für die Amtsstuben. Oder Erich Honecker. Nur mit Füllfederhalter.

Und das macht Schule, was ja auch mit Kultur zu tun hat. Schon am nächsten Tag, Dienstag, – Bayern sind fix, auch wenn sie aus dem südlichen Mittelfranken stammen – zog Aribert Wolf in der Münchener Abendzeitung nach: Füllfederhalter in der Hand, mit wahlkämpferisch leerem Lächeln in die Kamera biedernd. Wer? Na ja, der glücklose Nicht-mal-beinahe-OB von München, CSU-belastet weit über dem Unbedenklichkeitsgrenzwert, und seit seiner missglückten Dackelwahlkampagne immer wieder gut für ein fröhliches Kichern in München. War wirklich zum Kringeln: Hatte er doch Plakate kleben lassen, auf denen er gemeinsam mit einem Rauhaardackel posierte. Damit wurden die Wähler aufgefordert, Aribert Wolf ihre Stimme zu geben. Es war dieses aber zu verwirrend für die Landeshauptstädter: Wer ist denn nun Aribert Wolf? Ein Furchendackel mit voller Raubehaarung? Oder etwa der Mann mit fortschreitender Vollglatze, der neben ihm von den Wahlkampfgestellen lächelte? Sehen so Wölfe aus? Niemals, sagte der Münchner, keiner von beiden! Und wählte, ob SPD- oder CSU-Anhänger, dann doch lieber den Schnauzer von Christian Ude. So leicht hat man‘s als SPD-Kandidat in München. Ja.
Und wo steckt jetzt der Bezug zur Politik? Moment, kommt ja schon. Die bildliche Botschaft lautet: Wer keinen Füllfederhalter in der Hand halten kann, ist als Politiker völlig ungeeignet. Versuchen Sie es erst gar nicht, Sie da draußen im Lande. Demnächst, wenn sich bis zum Nida-Minister und zum Wolf-Kandidaten herumgesprochen hat, dass man einen Laptop auch zum Schreiben benutzen kann, nicht nur für griffige Politsprüche mit Lederhosen, werden wir wohl neue Bilder zu sehen kriegen. Da sitzen sie dann andächtig vor einem kleinen Bildschirmgerät und tun mit weh-weh-weltweitem Blick so, als wären sie "drin". Selbstverständlich wird Ihnen Die Gazette auch diese Bilder nicht vorenthalten.
Doch auch dann bleiben Fragen: Können sie schreiben, die beiden? Wem nützt es? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was hat das alles zu bedeuten? Über welche Schweinereien wird nicht berichtet, während alle Sendezeit und Zeitungsspalten mit Tierseuchen gefüllt werden? Und als wichtigste Frage: Wird Herrn Nidas schreibende (!) Lebensgefährtin vom Sponsor begünstigt und den nächsten Montblanc-Literaturpreis bekommen?

Vermutlich ja. Bitte erinnern Sie sich dann an die Online-Zeit, die Sie mit Der Gazette verbracht haben: Sie haben es hier zuerst gelesen.

11. April 2001

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