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Roland Balzer
Sándor Márai und die Wege ins literarische Ungarn
Ein Bestseller, den auch die Literaturkritik begeistert bespricht,
ist ein seltenes Vorkommnis. Vor gut einem Jahr war Die Glut"
von Márai dem Literarischen Quartett eine Empfehlung wert. Nun,
da das zweite Buch Das Geheimnis der Eszter" erscheint, widmet
Klaus Harpprecht auch erstmals dem Autor einen langen Artikel.
Als "einen Meister" bezeichnet er ihn, den wir künftig
neben Josef Roth, neben Stefan Zweig, neben Robert Musil (...) nennen
werden", um sich anschließend zu wundern, dass der Autor,
dessen 100. Geburtstag am 19. April dieses Jahres ohne besondere Wahrnehmung
verstrich, trotz 22 zwischen 1931 und 1978 in deutsch erschienenen Büchern
so wenig bekannt ist. Daran änderte auch die Herausgabe eines seiner
Hauptwerke, der "Ansichten eines Bürgers" im Oberbaum
Verlag Berlin, nichts. Es brauchte," so fährt Harpprecht
fort, das Generalthema Ungarn auf der Buchmesse und einen aufmerksamen
Lektor beim Piper Verlag (...)".
Geholfen hat sicherlich auch eine hundertprozentige Förderung des
ungarischen Staates für Übersetzungen ins Deutsche anlässlich
der Buchmesse. Der seit einiger Zeit dem Bonnier-Verlagskonzern zugehörige
Klaus Piper Verlag hat aufgrund des Erfolges mittlerweile die deutschsprachigen
Rechte bzw. Optionen für alle Bücher Márais erworben,
die interessanterweise in Italien vergeben werden.
Wenn man Glück hat, kann man Márai auch anders kennnenlernen.
Aus der Geht-nachher-in-den-Container-Kiste eines Flohmarkthändlers
zog ich 1996 eine Nachkriegs-Notausgabe der "Schule der Armen",
die meines Wissens einzige deutsche Ausgabe dieses Anstandsbüchleins,
das den Armen in einfacher und praktischer Manier darüber belehrt,
wie er sich den oberen Gesellschaftsschichten gegenüber verhalten
soll, wie er lächeln, sich erheben, sich setzen, zum Tanz bitten,
Kartoffeln schälen, sich vorzustellen oder die Senkgrube zu putzen
hat, ohne besondere Formfehler zu begehen und ohne die Kritik der feineren
Welt herauszufordern."
(Toth Verlag, Hamburg, 1946, aus dem Vorwort von Márai).
Die systematische Ironie mit der Alexander (die in alten deutschen Ausgaben
meist verwendete deutsche Übertragung von Sándor) Márai
im folgenden vorging und seine Beobachtungen des Alltagslebens, sein
Versuch ... die übernatürlichen Kräfte und politikfreien
Zusammenhänge zu erkennen, deren Folgen der Reichtum und die Armut
sind", empfand ich als so treffend für die spät-kohleonische
Epoche, dass ich beschloss, dem Autor in Budapest nachzuspüren.
Im Haus des ungarischen Schriftstellerverbandes gibt es eine für
jedermann frei zugängliche Bibliothek. Dort, wo man in schweren
Sesseln unter den Porträts der ungarischen Schriftsteller sitzt,
zeigte mir der feinsinnig lächelnde Bibliothekar die ungarischen
Bücher Márais der Zwischenkriegszeit. Auch eine deutsche
Ausgabe seines Nachkriegstagebuches, das wenig Schmeichelhaftes über
die russischen Truppen enthält, war vorhanden. Sicher haben diese
Bücher zeitweise gut verborgen auf ihre publizistische Zukunft
gewartet. Eine ungarische Literaturgeschichte von 1972 widmet ihm immerhin
eine Seite und resumiert: Unter den charakteristisch bürgerlichen
Schriftstellern schuf Márai das bedeutendste Lebenswerk."
Allerdings werden kaum Werke erwähnt, die, nachdem Marai 1948 ins
Exil ging, im Nachkriegsungarn nicht gewollt waren, und nicht erschienen.
Es war bereits sein zweites Exil, ins erste Exil musste er, weil er
für revolutionäre Zeitungen der ungarischen Räterepublik
nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben hatte. Damals war er 19 und gerade
aus dem heute slowenischen Kosice nach Budapest gekommen. Nachdem die
Räterepublik nach wenigen Monaten von rumänischen Truppen,
die Budapest besetzten, gestürzt wurde und ein dreijähriger
Terror gegen ihre Anhänger begann, musste er Ungarn verlassen und
ging nach Deutschland. Sein Ziel war es, Journalist zu werden und zunächst
ein Diplom am Institut für Zeitungskunde zu machen. Finanzielle
Unterstützung bekam er von seinem Vater aus Kosice. Zunächst
lebte er in Dresden, wo er auch einige Artikel für die Zeitschrift
Der Drache" schrieb. Außerdem schrieb er für Zeitungen
in Ungarn, z.B. für die Kassi Náplo, die Újsag und
für die in Wien erscheinende ungarische Zeitung Panorama".
Literarisch interessierten ihn damals vor allem Thomas Mann und Franz
Kafka. Er entwickelte den Plan, Die Buddenbrooks" ins Ungarische
zu übersetzen. Kafka widmete er mehrere Artikel zu den Werken Die
Verwandlung" und übersetzte auch Werke von ihm. Im Nachkriegsdeutschland
des Ersten Weltkrieges interessierte ihn besonders der Expressionismus:
Er schrieb auch Lyrik, die ersten beiden von ihm erschienen Bücher
sind Gedichtbände. Von Kurt Pinthus, den er kennenlernte, übersetzte
er einige Gedichte aus Menschheitsdämmerung, die zusammen mit seinem
zweiten Gedichtband Emberi hang" erschienen.
Oswalt Spenglers Werk: Der Untergang des Abendlandes" beeinflusste
ihn sehr. In seinem ersten in Wien erschienenen Roman A Mezaros"
(Der Metzger) ist dieser Einfluss spürbar. Durch Vermittlung seines
Freundes, des Übersetzers I. Klein, kam er in Kontakt mit der Frankfurter
Zeitung, für deren Feuilleton er in den folgenden Jahren arbeitete.
1923 kam seine Jugendliebe aus Kosice nach Deutschland, um ihn zu heiraten
und über 60 Jahre bis zu ihrem Tod bei ihm zu bleiben.
Im Herbst 1923 ging er mit seiner Frau nach Paris. Darüber erfahren
wir in der Schule der Armen": So arm, wie in jener
Zeit in Frankreich, habe ich mich weder früher noch später
je gefühlt. Ich fühlte mich geradezu verlaust und verkrüppelt,
die Armut beeinflusste so sehr meinen Gemütszustand, dass ich reif
gewesen wäre für den Hof der Bettler im XV. Jahrhundert, reif
für die Gesellschaft eines Villon. Den Luxus, den ich später
nie entbehrte und dessen Mangel mich auch nie schmerzlich berührte,
begehrte ich in Paris, sozusagen wie einen mir abhanden gekommenen Körperteil;
ein Luxusauto, eine Luxusbuchusgabe, eine Luxusfrau, ein Luxuskinderwagen
im Bois de Bologne entlockten mir laute Klageworte, die ich zeitweise
auch zu Papier brachte, mit der unklaren Absicht, als Andenken an mein
Elend ein Grand- und ein Petit-Testament zurückzulassen. So jammerte
ich. Ich hatte allen Grund, mich als ausgestoßen aus der menschlichen
Gesellschaft zu fühlen, denn ich war jung, talentiert, damals sogar
auch ein Dichter, kurzum ich war in Paris - aber ohne Geld".
Nachdem er 1929 in das vom Generalissimus Horthy regierte Ungarn zurückkehren
konnte, begann sein Aufstieg als Romanschriftsteller mit den Ansichten
eines Bürgers". 1933 erschien Die Schule der Armen"
("A szégenyek ískola"). In der von Tíbor
Podmanitzky übersetzten deutschen Ausgabe findet sich die falsche
Angabe 1943 für die Originalausgabe, möglicherweise wollte
man das Buch aktueller erscheinen lassen, unnötigerweise, denn
es ist bis heute aktuell, da Márais Vorhaben, mein Werk
unabhängig von modernen Strömungen der Zeit und unserer Epoche
auf reale Grundlagen aufzubauen", mehr als gelungen ist. Man kann
nur wünschen, dass der Piper-Verlag es bald wieder zugänglich
macht.
Aufgetaucht aus meinen Recherchen zum frühen Márai, lernte
ich in der Bibliothek des Schriftstellerverbandes eine alte Dame kennen,
die eifrig vergilbte Artikel kopierte. Unser Gespräch wurde durch
ihre ausgezeichneten Deutschkenntnisse erleichtert, es war die Malerin
Marianne Gabor und die Artikel stammten von ihrem verstorbenen Mann.
Míhaly András Rónai hat - wenig jünger als
Sándor Márai - ebenfalls als Journalist und Schriftsteller
die Fährnisse Ungarns und Europas im 20. Jahrhundert von allen
Seiten kennengelernt. Aus einer bildungsbürgerlichen Familie stammend,
war er in den dreißiger Jahren Korrespondent in Paris und Rom,
erlebte in den vierziger Jahren den Antisemitismus des mit Deutschland
verbündeten Horthy-Regimes und überlebte die Morde der ungarischen
Faschisten, der Pfeilkreuzler in der letzten Phase des Krieges, denen
sein Bruder, Frau Gábors Vater, ebenfalls ein Schriftsteller,
Gelehrter und Leiter eines privaten Gymnasiums, und Frau Gábors
Mutter zum Opfer fielen.
Als linkssozialdemokratisch engagierter Journalist wurden er und seine
Frau, die sich weigerte, ihre Malerei in den Dienst der stalinistischen
Propaganda zu stellen, mit Veröffentlichungsverbot - und das hieß
damals: mit Hunger - bestraft und kaltgestellt.
Erst nach 1956 bekamen sie Möglichkeiten, ihre hochstehende Kunst
zu zeigen und konnten später sogar in Ausland reisen. Anders als
Márai wollte Mihaly András-Ronai Ungarn niemals verlassen,
sondern wirkte durch seine Artikel, seine Bücher und Übertragungen
italienischer Dichtungen an der allmählichen inneren Öffnung
Ungarns mit. Eines seiner Hauptwerke sind die Acht Jahrhunderte
italienischer Dichtung", eine kommentierte Übertragung der
großen italienischen Klassiker ins Ungarische. In Párisi
négi" beschreibt er den Vorabend des zweiten Weltkriegs
in Paris. Das Werk seiner Frau wurde 1980 in einer großen Ausstellung
in der Ungarischen Nationalgalerie gewürdigt und von der Stadt
Florenz durch die Goldmedaille für außergewöhnliche
künstlerische Leistungen und den Ankauf einiger ihrer Bilder für
die Uffizien. In dieser Frau fand ich etwas, das ich für längst
nur noch in den Geschichtsbüchern auffindbar hielt. Eine Verbindung
zur großen bürgerlichen Kultur der Jahrhundertwende, ein
uns unbekanntes Niveau europäischer Kultur und Zeitzeugenschaft
des Jahrhunderts, das sie als letzte ihrer Familie bis ins neukapitalistische
Ungarn herübergerettet hatte. Die Familien Rónai und Gabor
zählen eine ganze Reihe von Schriftstellern und Malern von denen
in Deutschland bislang lediglich der Maler Rippl-Rónai bekannt
ist. Sie ist nun bemüht, die zum größten Teil nicht
mehr verfügbaren Werke ungarisch herauszugeben. Diese Begegnung
zeigte mir, dass es in Ungarn mehr als einen Meister wiederzuentdecken
gibt. Ein großer Teil des geistigen Ungarn, das stets einen wachen
Blick auch über die Grenzen hinaus hatte, ist uns nach wie vor
unbekannt. Wir haben in diesen Autoren Beobachter, die uns manches über
unser mitteleuropäisches Werden mitteilen und uns ungewohnte Standpunkte
vermitteln können. Auch die jungen Talente machen sich durch eigene
Literaturzeitungen bemerkbar.
Allen Lektoren, die auf der Suche nach Perlen sind, kann ich nur empfehlen:
Fahren sie selbst in den Osten. Falls man Ihnen die Reisekosten verweigert,
knebeln sie notfalls die Sparkommissare und rauben sie die Portokasse
ihres Verlages aus. Es gibt viel zu entdecken - und sogar zu verdienen.
Mein Dank gilt Frau Lúca Haraszi vom Ungarischen Schriftstellerverband,
Herrn Iván Földéak vom Presseamt der Ungarischen
Regierung, Herrn Péter Kakusci von der Universität Szeged
und ganz besonders Frau Márianne Gábor in Budapest.
11. April 2001
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