Warten auf Blau

Von Matthias Falke

Die Bahnen kamen in regelmäßigen Abständen. Von der Fußgängerzone her, wo sich eine Stunde nach Ladenschluß die letzten Einkäufer zerstreuten, zockelten sie langsam, ohne erkennbare Eile zur Haltestelle, ergossen ihre Menschenfracht über den dunklen Platz, nahmen neue auf, verschnauften noch ein paar Sekunden und zogen dann unaufgeregt wieder los, in die Vorstädte hinaus. Sie hatten alle die gleiche melancholisch, zumindest nachdenklich stimmende Farbe. Oktoberblau, Zigarettenblau, Einsamkeitsblau. Er hatte ihren Rhythmus längst verinnerlicht, brauchte schon nicht mehr das Handgelenk zu konsultieren, um zu wissen: jetzt würde gleich die nächste vom Marktplatz her in die Einkaufsmeile einbiegen und sich gemächlich heranschieben, rauchblau und vergeblich.
Jenseits des Brunnens, jenseits des Kriegerdenkmals, jenseits der Straße, die vor der verkehrsberuhigten Zone abknickte, lehnte Tristan an einem Pfeiler der Arkaden und wartete. Einstweilen konnte er nichts anderes tun. Er zählte die Straßenbahnen, die rasselnd vorbeifuhren und die er als elektrische Taktgeber nahm, rauchte bei jeder zweiten eine blaue Zigarette und spähte über den Platz, den er von hier aus gut einsehen konnte. Es war eine seiner bedeutenderen Fähigkeiten; vielleicht hatte er in seinem Leben überhaupt noch nichts so gründlich und nachhaltig gelernt wie das Warten.
Die nächste Bahn kam, und das schwarzglänzende Coupé, aus dem der mahlende Baß übersteuerter Subwoofer herausdröhnte, bog auch schon zum dritten Mal um die Ecke, Diskobesucher, die keinen Parkplatz mehr fanden. Tristan sah konzentriert und gelassen über den abendlichen Platz, der unter provinziellem Gelblicht lag. Die Menschenmasse, das Gewühl von Plastiktüten und Stöckelschuhen, wurde allmählich schütterer. Auf der anderen Straßenseite wartete auch jemand. Direkt unterhalb des Kriegerdenkmals; er schien sich nicht sicher zu sein, ob der, auf den er wartete, mit der Bahn oder mit dem Auto kommen würde, und hatte seinen Standpunkt daher, strategisch nicht ungeschickt, am Schnittpunkt beider Verkehrsmittel gewählt. Ein älterer Mann, obwohl Tristan nicht hätte sagen können, wie alt er tatsächlich war. Fünfzig bestimmt; vielleicht war er aber auch schon siebzig. Er war hager und ausgemergelt, der Hals hing faltig unter dem zerfurchten Kinn. Seine Hände waren von knotigen Adern bedeckt. Er hielt einen schlanken Blumenstrauß vor der Brust. Sein Hemd, das er offen und schwungvoll trug, war zum dritten Mal aus der Mode, aber immer noch sehr bunt. Und er wartete auch schon mindestens seit zwei oder drei Bahnen. Allerdings, dachte Tristan, hatte er das Warten nicht gelernt. Er ging hin und her, sprang auf und ab, hüpfte auf der Stelle wie ein junger Hund. Tristan lehnte seit fünf öffentlichen Intervallen unbewegt an seiner Säule, sah über den Platz, zählte Passanten, die ihn nichts angingen, und beobachtete den alternden Charmeur, der ihn im Grunde nicht interessierte.
Der Alte fuhr in einem zu herum, wie ein nervöser Kreisel, als könne sich sein Rendezvous ausgerechnet von rückwärts anschleichen. Er federte und turnte und strich sich mit der freien Hand über das Kinn. Tristan konnte das After Shave aus der Zeit des Schwarzweiß-Fernsehens bis auf seine Straßenseite riechen. Jetzt riß er den Arm mit den schmalen Blumen hoch und begrüßte eine fremde Frau, die ihn aber nicht wahrnahm, sondern in flachen Schuhen vorbeiging, um ihre Taschen nach Hause zu tragen. Der Alte stand verunsichert, blickte listig um sich. Er sah wohl nicht mehr sehr gut. Aber bei der nächsten Bahn, die im treibenden Müll des Platzes hielt, bei dem nächsten Wagen, der um die Ecke bog, wippte er wieder auf den Fersen, machte seinen Schildkrötenhals noch länger, zupfte an seinem Sechzigerjahre-Kragen und musterte die Aussteigenden kurzsichtig und unverhohlen, als wolle er sie alle mit der faltigen Corona seiner feuchten Augen totstechen. Er konnte nicht warten. Wenn er es einmal gekonnt hatte, so hatte er es längst wieder verlernt.
In dem Alter, dachte Tristan müde, kommt es auch auf jede Viertelstunde an, gell. Er lehnte sich an seine Säule, deren kühler und künstlicher Marmor gut geeignet war, stoisch die Schultern dagegen zu stemmen, und zündete sich eine Zigarette an. Der blaue Rauch verbarg ihn vor den Blicken der Passanten. Er duckte sich in den Schatten einer Leuchtreklame und sah über den Platz. Er wollte sehen, nicht gesehen werden. Die Idee des Periskops oder des einseitigen Spiegels hatte ihn immer fasziniert. Der Gedanke, daß er sie verpassen könne, weil er sie übersah und sie ihn nicht bemerkte, in seinem toten Winkel, kam ihm gar nicht erst. Auch gestern war sie alles andere als pünktlich, und heute war sie gerade eine Bahn über der Zeit. Zehn kindische Minuten. Und auch sonst hatte sie es nicht sehr eilig. Du bist so ungeduldig, sagte sie. Nimm die Hand da weg. Du mußt mir jetzt einfach noch Zeit geben. Warum kannst du nicht warten? Ihr Kuß gestern zum Abschied war ganz flach. Raschelnd und unsichtbar. Verschwebend wie berührungsloser Hauch.
Das schwarze Coupé kam um die Ecke und hielt am Straßenrand. Das Dröhnen wuchs zu körperlicher Wucht, als sich die Türen öffneten und einen Schwall kreischender, plärrend bunter Mädchen über das zitternde Pflaster erbrachen. Gelächter und mobiles Geklingel hüllte die Gruppe in eine hysterische und unstoffliche Glocke. Der Fahrer setzte seine Suche fort. Die Mädchen machten sich auf schlingernden Absätzen auf den Weg zum Tanzpalast. Tristan war froh, als sie fort waren. Warum, dachte er, werden alle Leute lauter, wenn es ihnen gut geht, nur ich werde immer noch ruhiger?
Er kuschelte sich an den kalten Stein und wartete. Bei der nächsten Bahn, die rumpelnd vorfuhr, durchzuckte es ihn wie eine obszöne Assoziation. Den Fahrer kannte er. Er war an diesem Abend schon einmal vorbeigekommen. Anscheinend bog er in einen höheren Zyklus ein. Nicht mehr der Takt der einzelnen Bahnen, sondern der Stundenrhythmus von deren Wiederkehr bestimmte seine Zeit und ihre untätige Gliederung. Wie lange dauert eine volle Runde der Linie 6? Wie viele solcher Runden absolviert ein Fahrer während seiner Schicht?
Einem Kind ist ein Sommer, einem Jugendlichen ein Schuljahr noch unendlich, scheinbar unbegrenzt, während alte Leute in Jahrzehnten oder in Generationen rechnen. Sie verwechseln ihre Enkel mit ihren Urenkeln. Ein Kind wird geboren, treibt eine Weile Unfug, heiratet plötzlich, und dann sind schon wieder Kinder da. Die Familie sitzt zusammen. Man weiß nicht mehr genau, ist es Taufe oder Hochzeit, Konfirmation oder Beerdigung? Es ist auch nicht so wichtig. Die Gespräche sind meistens die selben. Nur das die Schulmädchen jetzt wieder Mütter sind. Die Neugeborenen erzählen von ihren Verabredungen, und alte Männer rüsten sich zum Rendezvous.
Der Alte stand immer noch da. Welchem Zyklus gehörte er an? So wie er aussah, mit diesem unzeitigen Hemd und der Ruine von Gesicht, könnte er seit fünfzig Jahren da stehen. Er hat schon viele kommen und gehen sehen. Seine Unruhe hatte etwas nachgelassen. Er schien seiner Nervosität müde zu werden. Die Hand mit den Blumen hing schlaff herab. Aber er stach noch immer mit fahrigen Blicken über den fast menschenleeren Platz.
Da ist sie! Tristan stieß sich von der Säule ab und ging ein paar Schritte in das gelbe Licht hinaus. Eine hochgewachsene junge Frau mit aufgestecktem kastanienbraunem Haar und wehendem schwarzen Mantel kam vom Brunnen her über die leere Fläche. Sie blieb stehen und sah sich unentschlossen um. Tristan verlangsamte seine Bewegung. Der braune Schlagschatten des Kriegerdenkmals fiel schwer auf ihn herab. Die Frau, das Mädchen eher, denn sie war kaum zwanzigjährig, ging mit hallenden Schritten in eine andere Richtung davon. Sie hatte ihn nicht wahrgenommen. Sie war es auch gar nicht. Obwohl, fiel es Tristan ein, während er an seinen Platz zurückkehrte, er auch diese junge Dame kannte. Allerdings als Rotznase, die noch mit Puppen spielte. Sie wohnte ganz in der Nähe, früher. Die Mädchen, dachte er, mit denen ich aufgewachsen bin, sind alle verheiratet, sie haben Kinder und Falten um die Augen. Die ich als Nachbarskinder mit Eimer und Schaufel kannte, wie Patricia eben, kommen hochbeinig, wie selbstbewußte Heuschrecken daher, albern und unerfahren. Der regelmäßige und blaue Takt der Zeit sorgt immer für Vorrat und Nachschub an Achtzehnjährigen.
Als er den bewußten Fahrer schon wieder erkannte, sah Tristan doch kurz nach der Uhr. Das war unmöglich. Es konnte auch nicht sein. Er kam nur von der Wendeschleife und fuhr jetzt in die Vorstädte hinaus. Es wurde kühl. Tristan löste sich aus dem Schatten, der von seinen Zigarettenstummeln gepustelt war. Der Alte auf der anderen Straßenseite war verschwunden! Sein Warten hatte sich gelohnt. Tristan hatte nicht bemerkt, daß er abgeholt worden war. Oder hatte er einfach aufgegeben? Tristan würde es nie erfahren. Wer da wohl gekommen war? Eine ältere Dame, gesetzt und gutsituiert, die sich über seinen wehenden Kragen amüsierte. Oder ein ganz junges Ding? Ein hochbeiniges Mädchen, das seine Tochter oder Enkelin sein könnte, im Alter Tristans. Er ärgerte sich jetzt, daß er mit sich selbst beschäftigt war und nicht achtgegeben hatte. Weil er nicht mehr stehen konnte, begann er auf und ab zu gehen. Die Bahnen kamen seltener. Sie hatten auf Nachtbetrieb umgestellt, der die Intervalle verdoppelt. Tristan, dem sich die Abstände in der Gewöhnung beschleunigt hatten, bemerkte diese Dehnung kaum. Ihm war der alte Rhythmus wieder hergestellt.
Ein Paar kam vorbei, in zerschlissenen Stiefeln und fransigen Jeans. Sie hatte einen kahlgeschorenen Schädel, er trug eine Mähne von speckigen Rasta-Locken. Die beiden waren fast gleich groß, das Mädchen schlank, der Junge untersetzt. Sie gingen dicht nebeneinander, ineinander verhakt. Jeder hatte die Hand beim anderen in der Gesäßtasche. Noch vor wenigen Jahren, dachte Tristan, hat mich das ganz krank gemacht, diese zur Schau gestellte Zweisamkeit. Ich litt dann doppelt darunter, daß ich allein durch die nächtlichen Passagen streifte. Manchmal traf man einen anderen einsamen Streuner und ging zusammen einen trinken. Aber das war natürlich nicht das gleiche. Und jetzt? Jetzt hatte er eine Verabredung. Zwar hatte er nicht ernsthaft damit gerechnet, daß sie heute käme. Aber er würde sie in den nächsten Tagen wieder sehen. Du mußt mir jetzt einfach Zeit geben, hatte sie gesagt. Kannst du nicht warten?
Sinnlos, ohne Passagiere, ratterte die nächste Bahn vorbei. Er dachte sich Composita aus, um den merkwürdigen verschwommenen Farbton auszudrücken. Horizontblau, Hochgebirgsblau, Eichendorffblau. Waldhornblau. Eigentlich hatte er nicht wirklich erwartet, daß sie kommen würde. Ob sie Angst hatte? Sie war so jung. Acht Jahre jünger. In ihren Gesprächen war öfter eine Mauer, eine hauchfeine Zwischenwand des Nichtverstehens. Sie redeten aneinander vorbei. Es war schwer, ein gemeinsames Thema zu finden, und er sagte sich dann, daß sie ja schon fast einer anderen Generation angehörte. Rauchblau, Taubenblau, Lackblau. So blau wie ihre Lippen, als sie aus dem Wasser kam. Faß mich nicht an, sagte sie, nicht so. Gib mir Zeit. Ich gebe ihr jetzt, dachte Tristan, noch eine nachtblaue Bahn. Da sie auch dann nicht kommen wird, gebe ich ihr noch eine Zigarettenlänge. Ich finde, dann habe ich genug gewartet. Für heute.

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