Tischgespäche
 
 
   
 
 
 
 

 

Wem sollen wir glauben?

(samt einer Richtigstellung des SPIEGEL)

Es ist schon eine Story, einen leibhaftigen Staatspräsidenten belauscht zu haben. Speziell den der Ukraine, Leonid Kutschma. Denn das, wobei sein früherer Leibwächter Melnitschko ihn belauscht hat, ist ziemlich deftige Kost: Der Präsident hat, so legen die Tonbänder nahe, die Beseitigung des Journalisten Georgij Gongadse höchstpersönlich veranlaßt - und das auch noch in hemmungslos unflätiger Sprache. Nixons Bänder sind daneben der reine Anstandsunterricht.

Der SPIEGEL hat in einer März-Nummer einige ins Deutsche übersetzte Auszüge aus den Gesprächen publiziert. Zuvor, wie er nicht ohne Stolz vermerkt, hat er sich zu den Aufzeichnungen vom Berliner Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft eine Echtheitsexpertise besorgt (dessen Fazit: "sehr ähnlich"). So weit, so authentisch.

Fast gleichzeitig aber hat in den USA Harper's Magazine ebenfalls Auszüge aus den Tonbändern veröffentlicht, natürlich in englischer Übersetzung. Und hält man diese nun, soweit es sich um die vermutlich gleichen Textstellen handelt, neben die SPIEGEL-Transkripte, dann ergeben sich auffallende Unterschiede.

Im folgenden Beispiel wird aus einer "unidentified voice" (Harper's) einmal plötzlich Kutscha selbst, ein andermal jedoch Litwin (SPIEGEL). Bei Harper's liegen zwischen "Gongadze?" und der letzten Kutschma-Anweisung vier weitere Gesprächszüge, die beim SPIEGEL unerklärlicherweise weggefallen sind. Und was bei Harper's ("Do I need a case?") noch sinnfällig Frage und Antwort war, hängt durch die Umformungen beim SPIEGEL verdächtig schief. Hier die beiden ersten Exzerpte:

UNIDENTIFIED VOICE: You give me this one at Ukrainska Pravda - We'll decide what to do with him. He's simply gone too far already.
VOLODYMYR LYTVYN: Do I need a case?
KUCHMA: No, we don't need a case - Ukrainska Pravda, well, this is already complete insolence. The Georgian bastard.

UNIDENTIFIED VOICE: Gongadze?
KUCHMA: Yes, Gongadze. Who could be financing him?
UNIDENTIFIED VOICE: Well, he works actively with Moroz, and with Hrani [Moroz's newspaper].
KUCHMA: To court, maybe. Let the lawyers take him to court. This goes to the prosecutor, right?
UNIDENTIFIED VOICE: No -
KUCHMA: It's just - there is some kind of limit, the son of a bitch. Deport him to Georgia and throw him the fuck out there. The Chechens need to steal him and throw him away.
  Kutschma: Guten Tag. Bring mir den von der "Ukrainska Prawda" und lass sehen, was wir mit dem machen. Der ist rotzfrech geworden.
Litwin: Gegen ihn wird schon ermittelt.
Kutschma: Nein, eine Ermittlung will ich nicht unbedingt. Diese "Ukrainska Prawda", diese blöden Arschlöcher. Verfluchter Mistkerl, dieser Georgier. Gongadse oder wie?
Litwin: Gongadse.










Kutschma
: Verdammt, alles hat doch seine Grenzen. Schweinehund, verfluchter. Nach Georgien sollte man ihn deportieren und da absetzen; verpissen soll er sich. Nach Georgien fortbringen und da liegen lassen, damit ihn die Tschetschenen einsacken.

Im nächsten Beispiel sind die Übereinstimmungen zwischen den beiden Textstellen zahlreicher. Es fällt allerdings auf, daß der SPIEGEL Details beisteuert, die bei Harper's fehlen. Umgekehrt hat der SPIEGELsche "Hurensohn" kein Äquivalent bei Harper's:

KUCHMA: I'm telling you, drive him out. Give him to the Chechens.


KRAVCHENKO: We'll think it through. We'll do it.

KUCHMA: I m telling you, drive him out, undress him, leave him without his pants, let him sit there. I'd keep it simple.
KRAVCHENKO: Today, they reported to me about the situation. We're working on it; we just need to learn a little more. I have a fighting team at my command - such eagles, they do everything that you want. That's the situation at present.
  Kutschma: Ich habe doch gesagt: Nach Georgien soll er gebracht, da abgesetzt und an die Tschetschenen weitergegeben werden.
Krawtschenko: Wir denken darüber nach. Wir arrangieren es so, dass ...

Kutschma: Fortgebracht soll er werden, dann ausziehen, den Hurensohn, Hose runter und sitzen lassen.
Krawtschenko: Ich bin heute unterrichtet worden, dass die Lage erforscht wird, wo und wie er sich bewegt. Wir müssen noch ein ganz kleines bisschen die Situation klären. Ich habe einen Kampftrupp, lauter Prachtkerle, die machen alles, was man von ihnen auch nur verlangt.

Die Abweichungen im dritten Fall sind geradezu befremdlich. Im SPIEGEL fehlen nicht nur die drei gesprächsnotwendigen Kutschma-Pausen im Telefonat (mit dem damaligen Geheimdienstchef Derkatsch), sondern am Beginn auch ganze Sätze, ein Personen-, ein Ortsname und ein Datum. Dafür erfindet man sich zwei Schimpfwörter ("Schlampe", "Hure"), unterschlägt wieder einen Personennamen ("Omelchenko") und setzt in Kutschmas Rede absurde Gänsefüßchen (was Derkatsch fragen soll, gibt Harper's unbezweifelbar sinnvoll wider):

KUCHMA: Listen, they just showed me these newspapers that are being published. Grygory Omelchenko is continuing to publish a paper in Kremenchuk.
[Pause]
Well, what, are you bullshitting me? I'm telling you, September 15 he published a newspaper. And Svoboda is still being published. Well, there are such insulting caricatures there.
[Pause]
So then you invite Yulia [Tymoshenko, deputy prime minister]. Fuck your mother, you invite Yulia and ask: "Dear one, what the fuck are you doing? Do you want us to destroy you completely?" And say: "Why are you financing Omelchenko?" Don't you know how to do your job? How it's done all over the world? They aren't one fucking bit afraid of you. Fuck your mother, what's with you?
[Pause]
I am the one who appointed you. So that's why. Get going.
  Kutschma: Weißt du, eben hat man mir diese Scheiß-Zeitungen gezeigt, in denen dieser ganze Dreck gedruckt wird, diese Scheiß-"Swoboda". Du solltest die Julija zu dir kommen lassen. Fick dich ins Knie - du bestellst die Julija und fragst sie: "Meine Liebe, verflixt noch mal, was tust du denn, du Schlampe, du Hure? " Und sag ihr: "Warum finanzierst du das, warum tust du dies und jenes? Kennst du unsere Arbeitsmethoden denn nicht?" Die haben ja nicht mal mehr Schiss vor dir. Fick dich ins Knie, was zögerst du? Was hast du zu befürchten? Ich hab dich doch ernannt. Also mach!

Wem soll man nun glauben, dem SPIEGEL oder Harper's? Das amerikanische Magazin gibt immerhin eine Quelle für die Übersetzung aus dem Ukrainischen an (eine Zeitung, die "Kiev Post"). Wer den deutschen Text geschrieben hat, war bis Redaktionsschluß nicht zu erfahren. Der zuständige SPIEGEL-Redakteur urlaubte vorösterlich, und außer ihm darf niemand ("nein, wirklich niemand") den Namen des geheimnisvollen Übersetzers preisgeben. So bleibt uns nur die skeptische Äquidistanz und die unerfreuliche Erkenntnis: Nicht jedes publizierte Staatspräsidenten-Telefonat ist zwangsläufig ein Dokument der Zeitgeschichte.

11. April 2001


Dazu schickte uns der zuständige Redakteur des SPIEGEL den folgenden Kommentar, der immerhin einige der gestellten Fragen beantwortet - und dazu einige, die sich gar nicht stellten:

Verblüfft hat mich, wie man eine amerikanische (!), also in diesem Fall sogar drittrangige Quelle zum alleinigen Wahrheitskriterium erheben kann. Und möglicherweise ist Ihnen auch entgangen, daß selbst die in russischen ("Nesawissimaja gaseta") und ukrainischen Zeitungen abgedruckten Auszüge voneinander in manchem Detail abweichen, ja daß es sogar zwischen den einzelnen ukrainischen Zeitungsausgaben Differenzen gibt. Das hat schlichtweg mit der Qualität der Kopien und der außerordentlich schwierigen Akustik zu
tun.
Eben deshalb habe ich die Bänder im Gegensatz zu den von Ihnen favorisierten amerikanischen Kollegen selbst abgehört und - obwohl ich Russisch und Ukrainisch beherrsche - noch einmal einem beeidigten Dolmetscher zum Übersetzen vorgelegt. Das also war die "Spiegel"-Quelle, nicht etwa Harper's oder "Kiev Post". Und auf diesen Bändern werden Sie an der betreffenden Stelle zum Beispiel deutlich auch die Wörter "Schlampe" und "Hure" hören, die erfunden zu haben Sie uns unterstellen (wobei man natürlich für diese Ausdrücke auch andere Begriffe finden kann). Daß wir für den Leser nicht so wichtige innenpolitische Passagen wie die zum Abgeordneten Omeltschenko gekürzt haben, versteht sich bei der Länge des Materials von selbst.