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Szenisches
Schreiben
E-Mail-Interview mit Gottfried Fischborn
Die Gazette: Was ist eigentlich unter Ihrem Lehrgegenstand, dem
szenischen
Schreiben, zu verstehen?
Gottfried Fischborn: Primär geht es einfach um das Schreiben
für die Szene, also für das Theater. Folglich auch um theatergemäßes,
"bühnengerechtes", auf theatrales Spielen gerichtetes
Schreiben. Die Amerikaner sagen bekanntlich "playwriting".
Die Spielbarkeit ist das Wichtigste. Andererseits, denke ich, ist es
z. B. auch für Drehbuchautoren nützlich, sich darin zu üben,
ja selbst für Prosaschreiber. Denken Sie an die vielen "dramatischen"
Situationen, an die langen Dialogpassagen in der erzählenden Literatur.
Eine andere Dimension Ihrer Frage ist die Lehrbarkeit ...
Darauf, wie szenisches Schreiben lehrbar ist, möchte ich gleich
zu sprechen kommen. Aber zu welchem Zweck lehren Sie es überhaupt?
Zur gehobenen Selbstfindung, wie etwa Töpfern in der Toskana, oder
mit strenger künstlerischen Zielen?
Nichts gegen toskanisches Töpfern - aber es geht hier um das
letztere, also um künstlerische Ziele. Etwas wertfreier formuliert:
um literarisches, nicht um kreatives Schreiben. Die Begriffe sind im
Fließen. Mir scheint der Vorschlag des Deutschen Literaturinstituts
Leipzig einleuchtend - und ich hoffe, daß er sich durchsetzt!
-, unter "kreativem Schreiben" eher das therapeutisch oder
pädagogisch oder auch sozialarbeiterisch gerichtete Verfassen von
Texten zu verstehen, unter literarischem Schreiben hingegen das Bemühen
um die Produktion von künstlerischer Literatur. Mit Recht könnte
man einwenden, Selbstfindung oder gar Selbsttherapie sei oft genug essentiell
auch für bedeutende Literatur. Unter dem inflationierten Begriff
"kreatives Schreiben" wird aber neben guten, seriösen
Angeboten vielerlei vermarktet, das man nicht anders als dubios nennen
kann. Davon muß man sich abgrenzen: ein weiterer Grund, für
klare Begriffe zu plädieren.
Das wirft nun tatsächlich die Frage nach der Lehrbarkeit literarischen,
anspruchsvoller: künstlerischen Schreibens auf. Zugespitzt formuliert:
Ist die Produktion von Kunst erlernbar (etwa gar im Sinne von Beuys'
"Jeder ist ein Künstler")?
Selbstverständlich. An jeder Schauspiel-, Musik- oder Kunsthochschule
lehren die einen und und lernen die anderen, wie man schau- oder Klavier
spielt, wie man einen Akt zeichnet oder einen Pas de deux tanzt. Freilich,
wir leben in Deutschland - da hat man der Literatur ein Gleiches nur
sehr zögerlich eingeräumt. Der Geniebegriff des Sturm und
Drang, das romantische Verständnis von Werk und Künstlertum
wirken immer noch nach. Ein pragmatischer Begriff von literarischer
Arbeit setzt sich erst allmählich durch.
Heißt das: Für Sie sind bisherige ästhetische Grundbegriffe
wie "Werk" - und möglicherweise auch "Künstler"
- so Romantik-belastet, daß sie heute produktiv nicht mehr anwendbar
sind?
So weit würde ich nicht gehen. Übrigens war ja insbesondere
der "Werk"-Begriff längst durch die verschiedenen Kunst-Avantgarden
seit dem späten 19. Jahrhundert, von den Symbolisten bis etwa zu
dem von Ihnen genannten Beuys, in Frage gestellt worden. Und zwar nachhaltig.
Im Ergebnis dieser Diskurse sollte man heute "Werk" als eine
strukturierte Zwischenstufe innerhalb eines komplexen Arbeits- und Aneignungsprozesses
begreifen, an dem auch die Rezipienten (ihren) Teil haben. Und "Künstler"
einfach als eine Berufsgruppe. Diese Arbeiten, diese Berufe haben, wie
andere auch, ihre Besonderheiten. Sie benötigen, wie andere auch,
eine spezifische Veranlagung.
Wie kann nun, wenn schon nicht die spezifische Veranlagung, wenigstens
die "Arbeit" unterrichtet werden, ohne sich doch wieder an
romantisch oder anders überhöhte Großdramatiker anzulehnen?
Um dies vorwegzunehmen: Ich denke schon, daß bei einer Ausbildung
im Szenischen Schreiben eine Auseinandersetzung mit großen Stückeschreibern
passieren sollte. Aber eine praktische und tätige, bei der die
Studierenden nicht aufs Genie, sondern in die Werkstatt schauen! Bewußtes
Kopieren war dereinst ein Königsweg des künstlerischen Lernens,
nicht nur in den bildenden Künsten. Die Studenten können bestimmte
kleinere Texte, einzelne Szenen, adaptieren, d. h. den Vorgang, seine
Konfliktsubstanz und Struktur in ein anderers, zeitgenössisches
Milieu und in die eigene (Kunst-)Sprache "übersetzen".
Die produktivste und amüsanteste Form praktischer Aneignung allerdings
ist die Parodie. Wenn ich ein Vorbild parodiere, kann ich unmöglich
zum Epigonen werden und eigne mir trotzdem seine Mittel an.
Kopieren, adaptieren und parodieren ist aber nur eine Ebene des Geflechtes
von Übungen, die ich erbitte. Eine andere Ebene nenne ich "Einübungen"
oder "Gelenkstücke". Zu schreiben sind kleine Szenen
mit ganz unterschiedlicher Aufgabenstellung. Dabei geht es um praktische
schriftstellerische Fertigkeiten, die für ein szenisch gerichtetes
Schreiben besonders wichtig sein dürften. Für sie soll nach
dem Prinzip "lerning by doing" das Gespür geschärft
werden, die StudentInnen sollen sie "ins Handgelenk kriegen".
Es sind Etüden, die als solche keine andere Funtion haben als das
Etüdenspielen beim - sagen wir - Erlernen des Klavierspiels.
Die dritte methodische Ebene schließlich sind die "Freien
szenischen Phantasien", für die es (außer der Höchstlänge
von drei bis vier Seiten) eine einzige, aber sinnlich konkrete Vorgabe
gibt - zum Beispiel ein Bild von Magritte oder einen ganz bestimmten
Videoclip. Und dann ist alles erlaubt.
Die unterschiedlichen Arten von Übungen liegt auf der Hand, sollen
einander ergänzen, Abwechslung schaffen, normative Mißverständnisse
ausschließen. Der gemeinsame Nenner für diese erste Etappe
ist das PRINZIP TRAINING ...
Was ist mit diesem Training als "Prinzip" gemeint?
Dasselbe wie im Sport. Individuelle Anlagen können entwickelt werden
durch ihre systematische Beanspruchung in konkreten Tätigkeiten.
Was das praktisch heißt, fasse ich in vier Punkten zusammen. Erstens:
Das Training muß kontinuierlich erfolgen, das heißt, innerhalb
von 12 bis 15 Wochen sind mindestens ebenso viele kurze szenische Texte
zu schreiben, also jede Woche mindestens einer. Zweitens: Das Training
muß lustbetont sein, das heißt jede der Übungen muß
auf ihre, jede auf eine andere Art Spaß machen. Schon deshalb
ist die methodische Unterschiedlichkeit der "Ebenen" wichtig.
Drittens: Die Übungen sollen so beschaffen sein, daß sie
für die Einzelnen in freien, selbst gewählten Varianten wiederholbar
sind. Sie sollten ein Angebot darstellen, auf das auch später zurückgegriffen
kann, über viele Jahre hinweg. Und viertens: Der Trainer, also
der Dozent, sieht seine Haupverantwortung in der möglichst optimalen
Konzipierung, Auswahl, Abfolge und Auswertung der "Trainingseinheiten",
also der konkreten Übungen.
In einer zweiten Etappe der Arbeit, wenn es nicht mehr um die sogenannten
Mikrostrukturen, sondern um größere dramatische Texte geht,
muß das "Prinzip Training" dann schon wieder hinterfragt
und auch relativiert werden.
Heißt das, daß nun die Studenten gewissermaßen
"frei" schreiben dürfen - oder gibt es auch lehrbare
"Makrostrukturen"?
Ein glasklares Jein. Natürlich kann man z. B. genau erklären
- und dafür gibt es sogar wirklich gute Lehrbücher -, wie
ein sogenanntes well made play gebaut ist und die Studierenden anleiten,
sich an diesem (oder einem anderen) Modell zu orientieren. Oft gehen
die Erwartungen genau in diese Richtung. Wir wissen ja aber, daß
es seit etwa 1880 ein allgemein anerkanntes Strukturmodell "des"
Dramas nicht mehr gibt. Vom naturalistischen bis zum expressionistischen
Drama, von Pirandello bis Thornton Wilder, von Tschechow bis Witkiewicz,
vom frühen Brecht bis zum späten Heiner Müller - wohin
Sie schauen: nichts als "Abweichungen". Zugleich sahen wir,
wie sich das traditionelle Modell bei Dürrenmatt oder Hochwälder
oder Arthur Miller, ja selbst noch bei Sarah Kane immer mal wieder bewährte,
wenn es nur eigenständig angeeignet wurde.
Trotzdem - eine normative Dramaturgie kann es nicht geben. Käme
ich entsprechenden Erwartungen der Studenten, wir alle sind ja von einer
geheimen Sehnsucht nach Rezepten erfüllt, nur einen Zoll entgegen,
ich triebe sie dazu, sich selber einzuengen. So versuche ich, einen
anderen Weg zu gehen.
Können Sie angeben, wo dieser Weg verläuft zwischen der
Scylla einer rezeptartigen Vorbild-Imitation und der Charybdis eines
resignierten Hinweises auf unlehrbar "Geniales"?
Jede Studentin, jeder Student muß ein eigenes Angebot machen,
einen "Kristallisationskern". Daran können wir dann arbeiten.
Während der Arbeit zeichnet sich, wenn der Grundeinfall stimmt
- auf den wäre noch zurückzukommen! -, unbedingt ein größere
Struktur ab, die man sich gemeinsam vergegenwärtigt: Welche größere
Form, welche Gestalt, fragen wir uns, erwächst aus diesem Stoff
oder Sujet? In aller Regel kann man dann ein, zwei Lektüre-Hinweise
geben: Hier scheint sich eine Stationen-Dramaturgie anzudeuten - lesen
Sie, als Anregung, einmal Georg Kaisers "Von morgens bis mitternachts".
Oder: Hier geht`s um junge Leute, die sich in einer Wohngemeinschaft
zerfleischen, wie machen wir das spannend? Schauen Sie doch mal in Ferdinand
Bruckners "Krankheit der Jugend", der hat das auch versucht.
Undsoweiter.
Es geht hier nicht ums Kopieren, sondern um einen Findungsprozeß
des Eigenen. Der eigenen Struktur, wie sie (außer dem Stoff) der
eigenen Intention entspricht. Aber dabei kann und sollte über die
dramaturgisch-handwerklichen Erfahrungen VIELER Kompositionsweisen gesprochen
werden, wie sie die letzten 150 Jahre hervorgebracht haben.
Ist der von Ihnen erwähnte "Kristallisationspunkt"
mehr als eine schöne Metapher? Was, konkret, ist damit gemeint?
Das kann eine flüchtige Fabelskizze sein, ein übersichtlicher
Gesamtplan oder ein erstes, grobes Schema, ein ausgearbeitetes Szenarium
oder eine schon begonnene Niederschrift des Textes, etwa in Gestalt
der Exposition. Auf jeder dieser Arbeitsstufen, die anhand von Beispielen
auch erläutert werden, kann man in der schon angedeuteten Weise
am Text arbeiten. Aber keine von ihnen wird abverlangt, jede ist individuell
möglich, keine verbindlich. Bis auf eine: die knapp formulierte
Grundidee - in der ein theatraler GESAMTVORGANG und damit, wie in der
Nußschale, die Struktur des Ganzen bereits sicht- oder erahnbar
sein sollte. Dafür habe ich den Arbeitsbegriff "Struktur-Einfall".
Man formuliert den Einfall und sieht, daß es ein Theatereinfall
ist - oder eben nicht. Ist es einer, genügt schon das als Kristallisationspunkt.
Erlauben Sie zwei Beispiele. "Shen Te, die gute Frau von Sezuan,
muß sich immer öfter und länger in den bösen, ausbeuterischen
Vetter Shui Ta verwandeln, um wenigstens zu sich selbst und ihrem Kind
noch gut sein zu können." Oder: "Faust läßt
sich seinen Gang erst durch die kleine, dann durch die große Welt
ebnen von Mephisto, der zugleich sein alter ego ist. Die Wette gegen
ihn verliert er am Ende nur scheinbar; denn er hat sich, obgleich schuldig
geworden, Erlösung verdient. (Hat er?)"
So etwa könnte man die Struktur-Ideen des Faust oder des Guten
Menschen
von Sezuan rekonstruieren - wobei freilich in Rechnung zu stellen wäre,
daß sich ein Einfall während der Arbeit auch verändert.
So etwa könnte man die Struktur-Ideen des Faust oder des Guten
Menschen von Sezuan rekonstruieren - wobei freilich in Rechnung zu stellen
wäre, daß sich ein Einfall während der Arbeit auch verändert.
Das scheint mir ein völlig anderes Vorgehen zu sein, als das
amerikanische "creative writing" bietet.
Es hat sich völlig unabhängig davon, regelrecht ahnungslos
seit den siebziger Jahren, zunächst in der DDR, herausgebildet.
Ich will vorsichtig sein mit einer Meinungsäußerung. Denn
ich kenne die amerikanische Praxis nur aus Büchern und allerdings
durch meine gute Freundin Barbara Schneider, die das playwriting quer
durch die Staaten betreibt und auch mehrmals in Deutschland gelehrt
hat. Auch am einzigen universitären Studiengang Szenisches Schreiben
hierzulande, nämlich an der HdK in Berlin.
Man kann eine Menge von den Amerikanern lernen. Vor allem die pragmatische,
alle Mystifizierung meidende Grundhaltung, über die wir gesprochen
haben. Ein Unterschied könnte darin bestehen, daß im angloamerikanischen
Raum eine verbindliche Konvention vom "Wesen des Dramas" stärker
nachwirkt als bei uns. In Theorie und Praxis.
Woher kommen ihre Studenten? Oder auch anders gefragt: Wo werben
Sie für das Szenische Schreiben?
Unterrichtet habe ich bisher an der Leipziger Universität, zum
einen bei den Theaterwissenschaftlern, zum anderen und vor allem am
Deutschen Literaturinstitut, das der Universität angegliedert ist.
Wegen verschiedener Projekte mache ich da eine Pause. Ich biete aber
seit kurzem Kurse übers Internet an. Da Sie mich so freundlich
und direkt gefragt haben - die Adresse lautet: www.szenisches-schreiben.de
Was dort noch nicht steht: Zwischen Mai und September soll es zusätzlich
ein paar Wochenendkurse geben.
Gottfried Fischborn, Prof. Dr. habil., von Beruf Dramaturg,
Literatur- und Theaterwissenschaftler, Hochschullehrer; spezialisiert
auf Geschichte und Theorie des Dramas, praktische Dramaturgie, neuere
Theatergeschichte.; über 60 wissenschaftl. Publikationen, darunter
"Stückeschreiben", Berlin 1981 (erste Buchpubl. zu Heiner
Müller in der DDR); als Autor (neben Gedichten in Zeitschr. u.
Anthologien) u. a. 3 Bühnenstücke, 1 Fernsehfilm, 2 Hörspiele,
alle mehrfach aufgeführt bzw. gesendet; derzeit befaßt mit
Forschungsarbeit zum Thema Theatralität und Dramaturgie
Seit 1976 Lehrveranstaltungen zu praktisch-kreativer
Dramaturgie an der damaligen
Theaterhochschule "Hans Otto" Leipzig; seit 1995 Unterricht
im Szenischen Schreiben am Institut für Theaterwissenschaft der
Universität Leipzig - Entwicklung einer eigenen Methode.
Zwischen 1998 und 2000 Gastprofessor am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig, Schwerpunkt Szenisches Schreiben, außerdem
Seminare zur Theatertheorie und -praxis.
25. April 2001
Was
sagen Sie dazu?

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