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Jürgen Eder
1968 und die deutsche Literatur: Reform und Regression
Sieht man sich die Literatur genauer an, die im Gefolge
der Epochen-Signatur "68" entstand, so findet der Beobachter
eine ambivalente Haltung zum Komplex einer literarischen Erbfolge: verschämte
Aneignung bis programmatische Abwehr, gewundene Bekenntnisse zu ihr
oder vordergründige Antihaltung. Im Folgenden wird es darum gehen,
das Verhältnis von bewußter Abgrenzung oder Reformulierung
an ausgewählten Beispielen aufzuzeigen, die Anspruch auf eine gewisse
Repräsentativität erheben dürfen.
Die literarische Kanonforschung von Heydebrand, Erhart oder Dainat hat
gezeigt, daß im didaktisch-akademischen Bereich die 60er Jahre
keine wirklich revolutionäre Zäsur bedeuteten. Auch zwischen
der Mitte der 50er und 60er Jahre hatten sich neben der etablierten
"Klassik", also vor allem Goethe und Schiller, der literarische
Expressionismus, Heine, Thomas Mann, Kafka und sogar Brecht einen festen
Platz - zumindest im universitären Bereich - verschafft. Die jüngeren
Vertreter der Germanistik diskutierten am Rande des Germanistentags
von 1966 provokativ nicht vergessene bzw. ausgegrenzte literarische
Traditionen, sondern die politische Fehlentwicklung des eigenen Fachs
und seiner Vertreter. Erst zwischen 1968 und 1973 setzte sich eine Neufassung
des Kanons allmählich durch, die u.a. die Epochen der Aufklärung,
des Jungen Deutschland, des Vormärz, der Exilliteratur stärker
beachtete, literarische Formen wie Flugschrift, Satire, Essay aufwertete.
Stilbildende Inszenierungen von Goethes "Tasso" in Bremen
und Schillers "Räubern" in Berlin vermittelten versuchsweise,
was eben bei aller kritischen Gebrochenheit keine Diagnose wie "Tod
literarischer Überlieferung" zuließ - im Gegenteil:
Peter Stein, Peter Zadek, Manfred Karge und Matthias Langhoff folgen
einem Verständnis, das Ivan Nagel 1968 ganz im Sinne Brechts formuliert
hat: "Die Frage, weshalb man Klassiker heute spielt, wandelt sich
in die dringlichere, wie man sie spielen soll. Die Antwort heißt:
aus jener größten Distanz zu ihrer Geschichtlichkeit, die
für den Durchbruch zu ihrer Substanz die größte Anstrengung
erfordert. Treue zum Klassiker heißt dann nicht mehr Treue zu
jedem gedruckten Wort, sondern die Verpflichtung, jedes gespielte Wort
mit kritischem Sinn zu durchdringen...". Nicht um die Austreibung
der literarischen Tradition konnte es gehen, sondern um deren adäquate
Rezeption und innovative Neudeutung. Was in der DDR im Gefolge der planen
"Erbe-Diskussion"offiziell dekretiert und erst viel später
fragwürdig gemacht wurde, mußten in Westdeutschland die Autoren
unter den Augen einer aufgeregten literarischen Öffentlichkeit
leisten: die Spannung zwischen der Forderung nach radikal Neuem und
Traditionsbewußtsein auszuhalten.
Zu den Autoren, die im Kontext von "68" eine Neubewertung
bzw. Neuentdeckung erfuhren, gehörten Friedrich Hölderlin
und Georg Büchner in besonderem Maße. In Hölderlins
Biographie und in Büchners "Lenz"-Gestalt ließen
sich offensichtlich eine politische und eine psychologische Dimension
im Sinne einer sozialpsychologischen Fallstudie literarisieren. ...
Georg Büchner und sein Werk vermochten für die enttäuschten
literarischen Chronisten zu einer Art Muster zu werden. Der Weg vom
"Hessischen Landboten" zu "Dantons Tod" oder "Woyzeck"
schien die eigene Fall-Höhe zu antizipieren, und insbesondere die
"Lenz"-Gestalt seiner Novelle wurde zum Spiegelbild, aber
auch Kontrapunkt der jeweiligen Suche nach dem Selbstverständnis
linker Intellektueller. Wiederum ist es die Krankengeschichte, die als
Symptom gesellschaftlicher Dysfunktionen, als Krankheit zum Tode auf
Grund politischer Mißverhältnisse aufgefaßt wird.
Die Büchner-Preis-Reden jener Jahre suchen die zeitlich konkreten
Bezüge zu ihrem Patron und werden fündig: Günter Grass
rekrutiert Büchner in seiner Rede von 1965 "Über das
Selbstverständliche" als inspirierenden Mitstreiter für
Willy Brandt, denn "beide [...] sind aus dem Sprachgebrauch und
Pathos der deutschen Aufklärung und ihrer Tradition zu verstehen".
Heinrich Böll spricht 1967 über "Georg Büchners
Gegenwärtigkeit" und zieht eindeutige Parallelen: "Es
fällt nicht schwer, Büchners politische und ästhetische
Gegenwärtigkeit zu sehen, die Kerker-Torturen des Studenten und
Büchnerfreunds Minnigerode mit jenen zwei, auf offener Straße
durch amtliche Personen begangenen Morden in Beziehung zu bringen: der
Erschießung des Berliner Studenten Ohnesorg und des Bundeswehrsoldaten
Carsten". Es war aber 1968 einer eher liberalkonservativen Stimme
wie Golo Mann vorbehalten, über solche vordergründige Traditionspflege
hinaus ein komplizierteres Bild zu gestalten, das dann für die
Büchner-Rezeption literarischer Adepten des Studentenprotestes
entscheidend wurde. Golo Mann verweist auf die Widersprüche in
Büchners Entwicklung, die eine politisch motivierte Nachfolge so
einfach nicht zulasse: "Ist sein Leben exemplarisch in dem Sinn,
daß man den jungen Leuten von heute empfehlen sollte, es nachzuahmen?
Kaum. Ich kann ja jungen Revolutionären nicht raten, sich aufs
Dichten zu verlegen; ich kann ihnen auch nicht raten, im politischen
Kampf so schnell zu resignieren wie er. Ihn zu lesen, würde ich
ihnen allerdings raten. [...] Man lernt, sich menschlicher Wirklichkeit
näher zu denken."
Peter Schneider, der als 28jähriger im Mittelpunkt der Berliner
Protestszene stand, hatte schon im "Kursbuch 16" eine differenziertere
Haltung zur bürgerlich-literarischen Tradition eingenommen als
die Kassandren des Vorgänger-Bandes: in seinem Aufsatz über
"Phantasie und Kulturrevolution" definierte er zwei Ziele
für die Kunst - das agitatorische und das propagandistische, wobei
letzterem die Funktion zukomme, "die alten, in den Kunstwerken
aufbewahrten Wünsche und Sehnsüchte der Menschheitsgeschichte
wieder hervorzuholen, um sie endlich der Verwirklichung zugänglich
zu machen." Auch gegen reine Form-Diskussionen über "experimentelle"
oder "realistische" Literatur wendet sich Schneider mit Blick
auf Handke, Brinkmann u.a. Nicht zuletzt diese Aversion bestimmt seinen
Blick auf Büchners "Lenz", der "nahezu kunstlos,
ohne Technik" geschrieben sei, eine einzige innere Bewegung in
Sprachbewegung übersetze. In einem Essay für die von Fritz
Raddatz herausgegebene "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher"
kritisiert Schneider eine ahistorische, bloß psychologische Identifikation
mit Büchners Figur - und spricht damit auch eine Warnung an seine
Leser aus: "Lenz´ Seelenzustand läßt sich nicht
prolongieren und zum Lebensgefühl stilisieren. Eine Verzweiflung
an der Welt, dies ist der Maßstab, den Büchners Text setzt,
die nicht die Suche nach einem Ausweg, nach einem neuen Entwurf provoziert,
ist keine gründliche". Von daher wird der Schluß von
Schneiders Novelle, die Antwort des Protagonisten auf die Frage, was
er denn nun in Berlin weiter machen wolle - ">Dableiben<,
erwiderte Lenz" - die programmatische Abwendung vom Schluß
des Büchner-Textes, wo es ja heißt: "es war aber eine
entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen,
sein Dasein war ihm eine notwendige Last. - So lebte er hin...".
"Lenz" ist für Büchner wie Schneider ein "Krisen-Text",
beide Autoren finden sich in einer Phase der Ziel- und Orientierungslosigkeit,
die sich räumlich - bei Büchner ist es die berühmte Eingangsszene
der Gebirgslandschaft, bei Schneider die Großstadt Berlin - und
mental artikuliert. Büchner entwirft eine Figur, die eine Theorie
- die des Idealismus- auf ihre Realitätstauglichkeit hin überprüfen
soll - bei Schneider ist es der Sozialismus, wie er im linken intellektuellen
Milieu dogmatisch vertreten wird. Schon der erste Abschnitt von Schneiders
Novelle, der einen Traum von Lenz wiedergibt, findet dafür ein
so raffiniertes wie provozierendes Bild - das verkehrt herum gehängte
Bild von Karl Marx: "Um den Verstand abtropfen zu lassen, hatte
er einem Freund erklärt. Er sah Marx in die Augen: >Was waren
deine Träume, alter Besserwisser, nachts meine ich? Warst du eigentlich
glücklich?<" Die Suche nach dem Glück - ein altes
Thema des 18.Jahrhunderts! - ist hier eine Gegenbewegung zu Büchners
Lenz, jedenfalls von ihrem Ergebnis her. Während bei Büchner
ein Kreislauf der Qualen sich schließt und wiederholt, ist der
Weg für Schneiders Lenz letztlich zielgerichtet. Die Kritik hat,
zumeist vorwurfsvoll, auf Anleihen beim deutschen Entwicklungs- und
Bildungsroman hingewiesen, dessen Struktur sich wiederfinden läßt.
Detailliert aufzeigen ließen sich die formalen Kontrafakturen
von Büchners und Schneiders Texten etwa in der Verwendung unbestimmter
Zeitangaben, Parallelen in der metaphorischen Ausgestaltung u.a.m. Es
geht mir aber mehr darum, wenigstens ansatzweise Schneiders Neufassung
der Büchner-Geschichte als Exempel literarischer Traditions-Adaption
im Kontext von "68" vorzustellen, an einigen wenigen Text-Beispielen.
Dazu gehört - natürlich - auch das Zitat einer "Italienischen
Reise": Peter Schneiders Lenz hält es in Deutschland nicht
mehr aus, fährt nach Rom, findet dort aber wiederum nur die Scheinhaftigkeit,
den zelebrierten Dogmatismus einer Kulturschickeria, von der er sich
mit Ekel abwendet und nach Trento geht. Dort kämpfen die italienischen
Arbeiter anarchisch und selbstbewußt für ihre Bedürfnisse,
in einer authentischen Koalition mit Intellektuellen und Studenten.
Interessanter im Büchner-Zitat-Kontext ist jenes Natur-Bild bei
der Schilderung der Umgebung Trentos, das so auffallend die Orts-Bilder
in Büchners Novelle konterkariert - ein locus amoenus revolutionierter
Heiterkeit fast schon, eine beruhigte Idylle: "Breite Bergflächen,
die sich aus großer Höhe in ein schmales, langgestrecktes
Tal zusammenzogen, ein Fluß wand sich hindurch, dahinter wieder
große Felsmassen, die sich nach unten ausbreiteten. Kein Geräusch,
keine Bewegung, in dem Licht stand alles ruhig und fest da, die Ruhe
machte Lenz keine Angst. Unten die Stadt, auf manchen Fenstern und Dächern
blitzte es gleißend hell auf, so daß man hinschauen mußte,
[...]. Wie er da oben stand und hinunterschaute, erschienen ihm die
Kämpfe, die er auf dem Schauplatz seiner Seele austrug, unwichtig
und lächerlich." Fast wie ein Eichendorffscher Taugenichts
sitzt er mit den Bewohnern der Stadt bei Gitarrenklang zusammen, "improvisierte,
halb ernst, halb spaßhaft, eine Beichte über die Untaten,
die er als gehorsamer Sohn seiner Eltern begangen hatte". Zwar
erfährt auch er seine - politisch bedingte - Vertreibung aus diesem
Paradies, aber die italienische Erfahrung darf als Immunisierung verstanden
werden. Am Ende steht Lenz wieder in Berlin, doch der Leser weiß,
daß hier etwas zusammengefunden hat, was zuvor ein unlösbares
Dilemma zu sein schien: Politik und Sinnlichkeit, Zivilisation und Eros,
Gesellschaft und Subjekt. Anders als bei Peter Weiss ist die Erfüllung
nicht nur transhistorisch angedeutet, sondern in einer realistisch situierten
Gegenwart vollzogen, ohne falsches Pathos, das bei Weiss gelegentlich
irritiert.
Kritiker wie Peter Laemmle verfehlen das Bedeutende der Schneiderschen
Novelle, wenn sie akribisch nachweisen, daß Schneiders Geschichte
mit Büchners "Lenz" nicht eben viel zu tun hat. Peter
Schneider, immerhin Germanist, war sich dessen durchaus bewußt.
Viel wichtiger ist doch, daß hier in einem eigenständigen
Diskurs mit einem klassischen Text (und Autor!) der Moderne die eigene
Geschichte verhandelt wird. Schneiders Novelle ist außerdem als
eine Art "trotzige Polemik gegen das Literaturtabu der antiautoritären
Bewegung" zu lesen. "Lenz" spiegelt damit in seinen Außenverhältnissen,
was in der Binnenstruktur des Textes konfliktauslösend ist. Schneider
verweigert sich einer affirmativen Ehrfurcht gegenüber Büchners
Psychogramm - etwa durch einen flotten und augenzwinkernden Stil, einige
ironische Glanzlichter - und behauptet gerade darin die Selbständigkeit
in der Fortschreibung literarischer Tradition. Hier gibt es weder eine
strikte Verneinung des Hergebrachten noch eine orientierungsbedürftige
Anlehnung. Schneider berücksichtigt damit ansatzweise, was Adorno
als Gesetz des Traditionsbegriffes für die Gegenwart von Kunst
aufstellt: "Dichtung errettet ihren Wahrheitsgehalt nur, wo sie
in engstem Kontakt mit der Tradition diese von sich abstößt."
Die literarische Aufarbeitung der Revolte antizipiert, was ihren politischen
Folgen inhärent sein sollte, bis in die Gegenwart: jene Doppelgesichtigkeit
von Reform und Regression. In Abgrenzung zu einer deutschen Nachkriegsliteratur,
die von Anfang an stark traditionslastig war, sollte eine Literatur
des politischen wie ästhetischen Neubeginns geschaffen werden.
Ein neuer "Kahlschlag", der aber so wenig real war wie der
nach 1945. Unter der teilweise grellen Oberfläche verlief ein Traditionsmuster
durch die Literatur um "68", das stärker und bestimmender
war, als sich dem ersten Blick offenbart. Dies gilt schon für die
unmittelbare Protestphase, auch wenn hier v.a. die kurze Zeit später
entstehenden schriftstellerischen Auseinandersetzungen im Vordergrund
standen. In einem reizvollen und oft alle Erwartungen provozierenden
Wechselspiel aus offener Negation und sublimer Nachfolge, demonstrativem
und kaum zu dechiffrierendem Zitat, formaler wie stofflicher Rezeption
von kultureller Tradition wird der eigene Aufbruch historisiert. Die
Literatur orientierte sich dabei, auch das ist auffallend, weniger an
kollektiven Modellen sondern an Einzelnen, an "Außenseitern"
im Sinne von Hans Mayers bedeutendem Buch. Geht man den meisten Texten
jener Jahre auf den Grund, so bleibt wenig von dem nahezu neurotischen
Komplex, der sich in Formeln wie "Färbt die blaue Blume rot"
oder "Keine Zeit für Goethe und Schiller" vordergründig
gegen ein aus damaliger Sicht problematisches Traditionsverständnis
aussprechen konnte. Der kurzfristige kategorische Imperativ, an die
Stelle Goethes, Schillers, Kleists oder Hölderlins Karl Marx und
Friedrich Engels zu setzen, wurde in der Literatur kaum befolgt. So
hatte es denn in der "Kriegserklärung" an die bürgerliche
Literaturgeschichte wie auch sonst zu einer Rebellion zwar gereicht,
aber von einer Revolution konnte nicht die Rede sein. Horkheimers Sorge
um die "Universalität des Vergessens" war so unberechtigt
wie der zufriedene Tenor einschlägig orientierter Literaturkritik:
"Nun dichten sie wieder".
Eine Figur, die in jenen Jahren wie Hölderlin und Lenz einen ganz
besonderen Reiz ausübte, war Goethes "Tasso". Der Schluß
des Dramas, in dem der hochfliegende Idealist Tasso an seinen pragmatischen
Gegenspieler Antonio appelliert, charakterisiert vielleicht am besten
das Verhältnis zur kulturellen Tradition für die unter heftigen
Beschuß geratene Literatur:
"Zerbrochen ist das Steuer und es kracht
Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt
Der Boden unter meinen Füßen auf!
Ich fasse dich mit beiden Armen an!
So klammert sich der Schiffer endlich noch
Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte."
25. April 2001
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