Die
Gazette Nr. 9, Dezember 1998:
Texte, die wir nicht verstehen
Jeder von uns war schon einmal in der unangenehmen Lage, daß er nicht wußte, was "Entropie" ist. Also, bittesehr:
In den Kreis dieser Symbole des Niedergangs gehört nun vor allem
die Entropie, bekanntlich das Thema des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik.
Der erste Hauptsatz, das Prinzip der Erhaltung der Energie, formuliert
einfach das Wesen der Dynamik, um nicht zu sagen die Struktur des westeuropäischen
Geistes, dem allein die Natur mit Notwendigkeit in der Form einer kontrapunktisch-dynamischen
Kausalität im Gegensatz zur statisch-plastischen des Aristoteles erscheint.
Das Grundelement des faustischen Weltbildes ist nicht die Haltung, sondern
die Tat, mechanisch betrachtet de Prozeß, und dieser Satz fixiert
lediglich den mathematischen Charakter solcher Prozesse in Form von Variablen
und Konstanten. Der zweite Satz aber greift tiefer und stellt eine einseitige
Tendenz des Naturgeschehens fest, welche durch die begrifflichen Grundlagen
der Dynamik in keiner Weise von vornherein bedingt war.
Die Entropie wird mathematisch durch eine Größe dargestellt,
die durch den augenblicklichen Zustand eines in sich abgeschlossenen Systems
von Körpern bestimmt ist und die bei allen überhaupt möglichen
Änderungen physikalischer oder chemischer Art nur zunehmen, niemals
abnehmen kann. Im günstigsten Falle bleibt sie unverändert. Die
Entropie ist wie die Kraft oder der Wille etwas, das jedem, der überhaupt
in das Wesen dieser Formenwelt einzudringen vermag, innerlich vollkommen
klar und deutlich ist, das aber von jedem anders und offenbar unzulänglich
formuliert wird. Auch hier versagt der Geist vor dem Ausdrucksbedürfnis
des Weltgefühls.
Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, IV. Kapitel